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Nr. 96 Zweites Matt
Sonntag utn 25 April
1897
Gießener Anzeiger
Kmerat-Anzeiger.
Aints- mit* Anzeigeblatt für den Areis Gisszen
Hratisöeitage: Hießener Kamitienötätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für ben folgenden tag erscheinenden Nummer bis Bor». 10 Uhr.
Alle Annoncen-Dnreaux des In- und Auslandes nehmen ) Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Die Gießener Aamitlenvkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Str"* Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Vierteljähriger Aöonnemenlsprris: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
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Kchutstraße Zlr.7.
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Deutsches Reich.
Berlin, 22. April. Das deutsche Handwerk nach den Berufszählungen von 1882 uad 1895. Die Untersuchungen d" BeretuS für Sozialpolitik über die Lage des Handwerks in Deutschland liegen in neun Bänden abgeschlossen vor. Den Schluß deS neunten Bandes bildet eine statistische Arbeit von Paul Boigt. Einiges aus dem Zahlen- material und aus den anschließenden Untersuchungen sei im folgenden nach dem „RetchSboten" mitgetheilt. Dre Zahl der selbstständigen Handwerker ist seit 1882 von 1,551,163 auf 1,434,104 gesunken- sie hat sich absolut um 7,5 pCt. im B--»hältniß zur gestiegenen Bevölkerung um 19,2 pCt. ver- "Giften find, abgesehen von den Spinnern, die 67 pCt. ihrer Selbstständigen verloren haben, die Färber, D ucker, Bleicher rc. zurückgegangen (um 58 pCt. der Selbstständigen)- dann kommen die Weber (46 pCt.), die Nagelschmiede (40—50 PCt.), Mützenmacher (42 pCt.) und Nadler (35 PCt.). bei denen sich durchweg die Selbstständigen um mehr als ein Drittel der absoluten Zahl verringert haben. Mehr als ein Fünftel büßten ein: die Müller, Gerber, Böttcher, Seiler, Brauer, Lacktrer, Bergolder und Seifen- fieber. Mehr als ein Zehntel verloren die Büchsenmacher, Posamentiere, Kürschner, Grobschmiede, Glaser, Hutmacher, Drechsler und die Bildschnitzer. Im Ganzen umfaßten diele 20 Handwerker 1882 mehr als eine halbe Million Selbst ständiger, also den dritten Theil der Gesammtzahl- bis 1895 M sie auf etwa 330,000 zurückgegangen, während sie der Bevö.kerungSvermehruug entsprechend sich auf 600,000 Köpfe ha"en vermehren sollen. — Weniger als yle verloren die töpfer (einschließlich Ofensetzer), Kupferschmiede, Schlosse-, Zrug-, Sensen- und Messerschmiede, Feilenhauer, Scheeren- Schleifer re., Stellmacher, Tischler und Schuhmacher. Dte'e Gewerbe zusammen haben fich von 462,000 aus 445,000 verengert, anstatt fich aus 530,000 zu vermehren. — Bet einer dritten Gruppe haben sich die Selbstständigen absolut etwas vermehrt, doch bleibt bei einigen der Zuwachs relativ hinter d<r Bevölkerungsvermehrung zurück. Das letztere ist der Fall dei den Steinmetzen, Goldschmieden, Buchbindern, Sattlern, Korbmachern, Schneidern und bei der Brrsertigung von Metalllegierungen. Bei den Maurern, Zimmerern, Instrumentenmachern und Klempnern hält die Zunahme der Selbst- ständigen mit dem Anwachsen der Bevölkerung annähernd gleichen Schritt oder eilt ihr sogar voran. Im Ganzen umfassen diese Gewerbe zusammen etwa 360,000 Selbstständige. Nur in der vierten und letzten Gruppe, die von den Uhr machern, Tapezieren, Bäckern, Fleischern, Barbieren und den kleineren Bouzewerben (besonders den Malern, Dachdeckern und Schornsteinfegern) gebildet wird und im Ganzen 280,000 Selbstständige auswacht, hat fich der handwerksmäßige Kleinbetrieb nicht nur in der Hauptsache gehalten, sondern sich auch kräftig weiter entwickelt.
Jan-wirthschastüche Winke und KathschlSge.
△ Ans vberhesstir, Mitte April.
Allerhand «ühttche» au» der Praxi».
„Alles hat seine Z<ii! und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde", sagt Salomo der Weise im dritten Eapilet seines Predigers. Dem Schreiber dieser Zeilen fiel jener Bibelvers ein, als er vor etlichen Wochen im „Gießener Anzeiger" die warmen empfehlenden Worte la», die der Ziegenzucht gewidmet wurden. Alles bat seine Zeit und — die Zeck bringt Rosen, man muß es nur abwarten können, dachte ich weiter und erinnerte mich, daß ich schon zu Anfang der neunziger Jahre eine Lanze — wollte s,gen: etliche Stahlfedern — für die Hebung und Verb.sserung der Zjegeu- t«chi, aus der die Kühe der kleinen und geringen Leute hervor- | gehen, gebrochen, oder richtiger stumpf geschrieben bade.
Die Sache kommt jetzt mehr und mehr in Fluß, aber immer »och sehr langsam. Warum denn so langsam? Weil alles Wahre, ®ute und Schöne erkämpft und errungen werden muß. Seit einer Reihe von Jahren wirkt Herr Pfarrer Serina in Nieder-MooS m überaus segensreicher und rastloser Weise für den hoch- vichtigen Gegenstand. Er wird mit mir darin überetnstimmen: -S geht langfan. Schon in den achtziger Jahren lernte ich die Züchtereien des Herrn Eommerztenrathtz Ulrich in Pfungstadt kennen, geht langsam vorwärts, spiach er oft. Ich schaffte mir zwei Ziegen an und züchtete selbst. Sie brachten prächtige Lämmer. Ich nachte bekannt, daß eine Ziege mit den Jungen zu mäßigem Preise rbgegeben würde. Kein Mensch regte sich. Da kam ein Mann aus >er Umgegend und holte die Ziege mit den Jungen zu cioilem Preise ab. Nun gab es Rumor. Bis zum Abend trafen acht Mel» dringen ein: man hätte die Ziege auch gerne genommen. Ich lachte dazu und antwortete: Wenn das Kind gehoben ist, gibts Gevatter- lkut' in Menge; warum habt Ihre Eure M.....nicht eher auf-
« ichan. Viele Leute sind nach wie vor nicht bloS eigenfinnig, sondern «uch träge und bequem, sie liegen nach wie vor auf der Ofenbank »tb denken „goar naut". Aber es geht doch vorwärts in der Ziegen- iucbt, nur mit der Wartung, Pflege und richtiger» vehanA- Inn» »e» Thtere hapert es noch bedenklich. Darum wollen wir in dieser Beziehung wieder einmal ein „kräftig Wörtlein" mit- rtaenber reden.
Unsere guien L-utchen sprechen und denken: man schafft fich eine Ziege an, thut sie in den Stall, gibt ihr zu fressen und merkt fiel Hopsa I Damit ist die Sach' gemacht. Profit die Mahlzeit — aber noch lange nicht. Wie war es denn früher mit der Wartung der Pferde, Schweine und des Rindviehes? Wie mit derjenigen deS Federviehes? Wie schaute es mit dem Baue der Aecker, der Pflege der Obstdäume, der Wiesen aus? Ganz anders, nicht wahr? Schlecht und gerecht haben die Leute gewirthschastet und waren zufrieden damit. So wollen eS die alten Drehpeter und Schlaf- mützen heute noch haben, wenn die Ertrage auch nicht besser werden. Wie sollen Sie eS beim? Ein Sprichwort sagt: wie es in den Wald schallt, so echots zurück und ein anderes: wie die Saat, so die Ernte. Von jeher ist es unser Bestreben gewesen, den kleinen Leuten mit gutem Rathe unter die Arme zu greifen — darum wählten wir unS dieses Mal das Thema, etwas über Pflege und Wartung der Ziege zu schreiben. Zuvor mußten wir aber ein Bischen auf den arten Schlendrian klopfen--und nun zur Sache!
Die Ziege verlangt einen reim«, trocknen «nd warmen «tall. Man kann darauf wetten, daß unter zehn Fällen neun Mal gegen diese drei Haupterfordernisse gesündigt worden ist und noch gesündigt wird, obgleich es auch darin schon etwas besser ausschaut. Man soll und darf den Menschen nicht mit dem Thiere vergleichen, aber ein Bibelspruch sagt: der Gercchte erbarmt fich auch des Viehes. Und fo ist der Satz: Gut gewohnt ist halb gelebt, auch mit einem Körnlein Salz dahin zu variiren: ein richtiger, gesunder Stall ist das halbe Leben für alle Hausthiere. — Willst du es in Abrede stelltn, freundlicher Leser?
Wenn nun der Stall so eingerichtet ist, wie ich vorhin bemerkte: rein, trocken, warm, so bat man nur noch darauf ju aLten, daß der Stand et» wenig geneigt ist, damit der Urin gut abläuft. Er ist nämiich sehr scharf und greift die Klauen an. Das kann unangenehm und nach- theittg werden. Der Züchter versäume daher nimals, jeden Morgen und jeden Abend eive Havdvo» «nperphoSphatgyp» in den ötanb der Ziege zu streuen. DaS ist derselbe GypS, von dem ich in Nr. 74, zweites Blatt, des „Gießener Anzeigers" daS Nähere beschrieb, der die Eigenschaft besitzt, den Stickstoff deS Düngers festzuhalten und die Ställe rdn und gesund von schädlichen Stoffen zu machen. Dieser Gyps ist einer der größten Freunde des Bauers unb auch bes Ziegenhalters.
Nachdem über den Stall das Erforderliche gesagt wurde, sollen für diesmal noch einige wenige Bemerkungen über den Eharakter der Siege folgen. Dieser Eharakter ist lebhaft und ungemein launisch. Das wechselt nur so hin und her, so daß die Ziege in kürzester Zeit oft das Gegentheil von dem zu sein scheint, was sie kurz vorder war. So gibt eS auch Menschen. Diese nennt man bann capriciös. DaS Wort stammt von Capra, d. h. Sleae ftaprkiöö heißt so viel wie eigensinnig, launisch, grillenhaft, starrköpfig. Der Ausdruck capricio hat sich auch in der Musik anbringen lassen, womit aber nicht gesagt sein soll, daß die Ziege besonders musikalisch veranlagt ober ftimmbegabt ist, benn ihre meckernbe Stimme besitzt nichts weniger als Wohlklang. Hiermit schließen wir für bieses Mal.
(Fortsetzung folgt)
* Bonbon, 17. April. Wie daS „British Medical Journal" mitthe-.lk, haben die Damen Londons eine Quelle ausfindig gemacht, wo fie ihrem Hang, Spirituosen zu sich zu nehmen, genügen können. Wie bekannt, waren eS zuletzt dir Condttoreten, welche die Londoner Damenwelt mit Bor- l-ebe aufsuchte, nicht um Süßigkeiten zu genießen, sondern um während der beliebten Gänge in die Läden, dem söge nannten „shopping“, fich an feinen Liqneuren oder an Cognac zu erlaben. Seitoem dies aber infolge einer Petition der MäßigkeitSvereine um ein Verbot gegen die Verabreichung von Spirituosen in Conditoreien unbequem geworden ist, ergießt fich der Strom der durstigen Londonrrinneu in die Apotheken, in weichen fie unter den harmlosen Namen „Pfeffermünz-Exiract" ober „Leben-stärker" und dergleichen d .S gewünschte Labsal erhalten. Verschiedene Apotheker haben dte Situation erfaßt und besondere Hinterstübchen eingerichtet mit zierlichen Tsschen und Sesseln, damit fich die Damen von der mühevollen Arbeit de- „shopping“, d. h. deS Laden' b-suchs ohne zu kaufen, erholen können. Aber auch de durstigen Angehörigen des männlichen Geschlechts haben fich den Apotheken zugewendet. So weiß daS „Medical Journ." von einem Manne zu berichten, an welchem das delirium tremens festgestellt wurde, der nur in Apotheken fein» Neigung befriedigt hatte.
Cfterotur rrrrd Arrrrst.
Dr- Philippson, her bekannte Historiker, veröffentlicht in der neuesten Nummer des ^Magazin tot Litte (»erlag von August Deubner, Berlin W. 8, Preis pro Nummer 40 Pf.; pro Quartal 4 Mk.) einen interessanten Artikel ium wnbietttfbrtflen Geburtstage Adolf Thiers. Ein Artikel Prof. Di- Ludwig Büchners „Vom Urnebel zum Menschen" sei ferner /kichhaltigen Inhalt dieser Nummer des „Magazin für Litteratm" heroorgehoben.
. ~ »Dtotschtte Soldatenhort", illustrirte Zeitschrift für da»
beutfdje Heer unb Volk. Herausgeber: General-Lieutenant z. D. H. o. Below. Preis pro Quartal 1.80 Mk. Verlag von Karl SiegtSmunb. Berlin^., Mauerstraße 68. VIII. Jahrgang. HeftW e,S? »CbÄe?rUnb cnt6a«t: Ostergruß. - Das Haibekind Eine einfache E-züblung von A. o Detlev. (Forts.) — Vollblld: Enthüllung des Kaiser WUhelm-Denkmals am 22. März 1897. — Die
militärische Feier am 22. März 1897 in Berlin. — Erzählungen auS dem Kriege. Von General der Infanterie z. D. v. Kretschman. — Vollbild: Vor dem Baldachin Er. Majestät des Kaisers: DieRenr'sche Gruppe aus dem Festzuge zur Zentenarfeier am 23. März 1897. — Ostern in Norbthüringen. Von Pastor R. Reichhardt. — Die Jubelfeier beS Deuftchen Reichs. (Mit Abb ) — Ballonwanderungen über ble Mark Branbenburg. Vortrag in dem Verein „»ranben» burgia" von Major Nieder, Cornmanbeur ber LuftschiffenÄbtheilung. (Schluß.) — Griechenland und die Türkei Von Wolf v. Metzsch« Schilbach. — Die sächsische Felbpost in ben Jahren 1864 unb 1866. — Sprüche. — Vaterländische Gedenktage. — Vermischte«. — Splitter unb Funken. — Briefkasten. — Inserate.
— AIS fünfter Band deS sechsten Jahrgangs der Veröffentlichungen bes „Vereins ber Bücherfreunde, Berlin", erschien soeben: »tta» bewegte« Zeiten* Novellen unb Skizzen von A. v. Boguslawski, 19 Bogen. Preis: geheftet Mk. 4.—, gebunben Mk. 6.—. Weitere Auskunft über ben „Verein ber Bücherfreunde" ertheilt jede Buchhanblung sowie bie G-schäftsleitung, Verlags buchhandlmra Schall u. Grund, Berlin W. 62, Kurfürstenstraße 128.
— »Mvstkalische J«»e«-post", Stuttgart, 1. Quartal 1867 (zwölfter Jahrgang). Diese zum Abonnement für die musikalische Jugend sehr empsehlenswerthe Zeitschrift, die fich zur Aufgabe go- macht hat, den Musikunterricht zu unterstützen, ist bestrebt, Sinn und Berstänbntß für die Tonkunst ber Jugenb zu erschließen, und durch Darstellung lichtvoller Bilder aus dem Leben der großen Tonmeister bie Verehrung für diese zu wecken unb zu nähren. Sie dringt ferner belehrende Aufsätze, Erzählungen, Märchen, Gedichts Spiele und Räthsel. Die zahlreichen werthvollen Musikbeilagen ent- hatten leichte, melodwse Klavierstücke für zwei und vier Hände, Vlolinstücke mit Begleitung deS Pianoforte, sowie mehrere hübsche Lieder. Alle Nummern sind geschmackvoll illustrirt. (Preis 1.60 »t. vierteljährlich). Die Verlagsbuchhandlung Carl Grüninger tu Stuttgart sendet an jede ihr mitgetheilte Adresse gratis und frawu Probenummern. Möge davon ein recht umfassender Gebrauch gemacht werden.
Nachrichten über den Saatenstand im Großherzogthum Heffen
um die Mitte des Monats April 1897. Zusammengestellt bei ber Großherzoglichen Oberen landwirthschaft- lichen Behörbe.
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Öemerfungen. Die Wintersaaten find im Allgemeinen gut ,®inter gekommen W^gen Auswinterung war in den mttsten Srhebungsbezirken nichts, in einigen Bezirken nur wenia umjupflügen; nur aus dem Erhebungsdezirke Mainz wird berichtet daß Winterweizen biS zu 60pEt. ausgewintert ist. Die Frühjahrs-' saat ist noch nicht beendet. Frühe ©aalen stehen gut. Der Klee bat vereinzelt durch MSusifraß gelitten. Das Holz der Sieben ist aut durch den Sinter Gekommen. 1


