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25.4.1897 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Sonntag den 25 April

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Gießener Anzeiger

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Politische Wochenschau.

Griechenland und die Türkei. Die vielen Nach» richten und Depeschen, die der Telegraph täglich mit fast übergroßer Geschäftigkeit vom Kriegsschauplätze bringt, lasten erkennen, welchen Umschwung die Dinge im Orient seit ver« gangener Woche genommen haben. Nachdem definitiv fest- gestellt worden war, daß reguläre griechische Truppen an dem Grenzüberfall theilgenommen hatten, ist am Osterfeiertage von der Türkei aus die Kriegserklärung au Griechenland erfolgt. Umsonst scheint König Georg persönlich sein Mög- lichste« gethan zu haben, den AuSbruch von Feindseligkeiten hinauSzuztehen, vielleicht gar zu unterdrücken, eS half ihm nichts, die Erregtheit und Begeisterung deS griechischen Volkes kannte keine Grenzen mehr und so kommt eS, daß der König heute in ein waghalsiges Unternehmen verwickelt ist, von welchem ihn Europa mit allen Mitteln abzuhalten versuchte,- mit anderen Worten: Griechenland hat fich durch eignes Der- schulden tu eine höchst gefährliche Pofition begeben, auS welcher eS fich ohne moralische oder materielle Einbuße nicht mehr befreien kann.

Die bisherigen Kämpfe coucentrirten sich hauptsächlich auf folgende Punkte: Elaffona, Melouna, Arta, Prevesa, TurnavoS. Am Kampfe von Melouna nahmen 24000 Türken Theil, welcher, dank ihrer Ueberlegenheit an Zahl und präch­tiger Führung, zu ihren Gunsten endete wi- ebenfalls auch TurnavoS nach mehrstündigem Arttlleriekampf von den Türken genommen wurde. Was nun das Waffeuglück Griechenlands anbctrifft, so ist bis jetzt nur sein Vordringen im EptruS von eigentlicher Bedeutung gewesen, dank seiner weit bester organifirten Flotte hat eS den Türken wohl einige bedemungs' lose Bombardement- beigebracht, indeffen kann eine definitive Entscheidung nur da fallen, wo fich die Hauptmacht der beiden Landheere gegenübersteht. Die Meinungen der politischen Welt gehen daher auch dahiu überein, daß mit der Einnahme LarisiaS seitens der Türken, die man übrigens stündlich erwartet, das Schicksal Griechenlands als besiegelt betrachtet werden kann.

Lartffa, das Hauptquartier der griechischen Armee und Hauptstadt von Thrstalieu, ist ein Platz von bedeutender Wichtigkeit. Abgesehen von seiner von Natur auS begünstigten Lage an dem breiten Salambrta, auf besten rechter Seite eS gelegen ist, find in den letzten Tagen bedeutende Befestigungs­wälle von griechischer Seite errichtet worden, die mit schweren Kropp'schen Kanoneu versehen find. Dieselben können der fiegeSbewußteu Armee Edhem Paschas noch viel zu schaffen machen, besonders wenn man berücksichtigt, daß Griechenland einschl. seiner Reserve heute über eine Armee von 80000 Maun verfügen soll. Nichtsdestoweniger geht die allgemeine Meinung in den politischen Kreisen dahin Überein, daß die überzählige Macht und die größere KriegStüchtigkeit der Türken den Steg verbürgt. G» wäre nun im allgemeinen Interesse erwünscht, wenn Griechenland, ohne vollständig vernichtet zu werden, sich von der Ueberlegenheit seiner Gegner bald überzeugen würde, denn für das Blut, waS bis jetzt geflossen ist und noch in der thessalischen Ebene fließen wird, kann nur Griechen­land, specieller noch die griechische Regierung verantwortlich sein, jedenfalls sieht man in Deutschland der Entscheidung deS Kampfes mit um so größerem Interesse entgegen, als man weiß, daß die Reorganisation der türkischen Armee zum großen Theil ein Werk deutscher Offiziere ist.

WaS nun die Haltung der Mächte anbetrifft, so ist allenthalben die Ansicht vorhanden, daß der Krieg localisirt bleibt. Ein Einschreiten der Mächte wird aller Wahrscheinlich­keit nur dann erfolgen, wenn die Türken sich Larissa be­mächtigen sollten und so im Stande wären, durch weitere- Vordringen den europäischen Frieden zu gefährden. Bis jetzt kann man nur baß Urtheil fällen, daß Griechenland, welches fich im Handumdrehen Kretas zu bemächtigen glaubte, seinem Ziel weiter entfernt ist, als eS je gewesen ist.

Kaiser Wilhelm II. in Wien und französische Kundgebungen. Die gesammte Wiener Presse widmet dem deutschen Kaiser lange Begrüßungsartikel, in welchen sie den Herrscher in ehrfurchtsvoller Huldigung willkommen heißt und gleichzeitig darauf hinweist, daß dieser Besuch nicht nur daS innige FreundschaftSverhältniß, baß zwischen bcn beiden Repräsentanten ber beiden Centralmachte besteht, befestigt, fonbern auch zu gleicher Zeit bie unerschütterliche Festigkeit deS FriebenßbundeS gegen etwaige Frtebenßstörer aufs Reue bezeugt.

Sngefichtß der obenerwähnten Ereignisse im Orient ist es begreiflich, daß man dem diesmaligen Besuch deS deutschen Kaisers tn Wien eine weit größere politische Bedeutung bei­legt, als seiner letzten Reise nach Oesterreich, denn bal Zu­sammentreffen der beiden Monarchen ist nm so bedeutsamer, alß

eS nicht nur tn eine Zeit fällt, wo auf der Balkanhaitnnsel der Krieg wüthet, sondern auch fast im Augenblick vor sich geht, wo Kaiser Franz Joseph nach Petersburg abzureisen gedenkt, um den im letzten Jahre abgestatteten Besuch deS jungen rusfi- schen KaiserpaareS zu erwiedern. Da Kaiser Franz Joseph von seinem Minister begleitet sein wird, so wird ohne Zweifel eine Unterredung zwischen dem Grafen GoluchowSki und dem Grafen Murawiew stattfinden, tn welcher jedenfalls die Frage erörtert werden wird, wie weit fie dem in Thessalien siegenden Theil gestatten können, Borthetle auß seinem Erfolge zu ziehen. Denn wenn auch der Braud dort localisirt bleibt, so liegt doch immer und immer wieder die Gefahr vor, daß er einmal heftiger um fich greifen und so lange anhalten wird, bis den politischen und wtrthschafrlichen Bestrebungen der verschiedenen Bevölkerung deß türkischen Reiches Folge gegeben worden ist, und gerade hierin hat sich die europäische Diplomatie biß heute als unfähig erwiesen. Wie man in Frankreich über die aufeinander folgenden Zusammenkünfte der Monarchen denkt, beweisen die grhäifigen Artikel und die Berdächligungen, die derTempß" undFigaro" von fich geben. In denselben wird selbst angebeutet, als habe Deutschlanb den Sultan zum Krieg gegen Griechenland be­stimmt. daß ferner der Sultan sogar unter dem Einflüsse Deutschlands stünde, und daß jetzt, wo die Politik Deutsch­lands ihren Zweck erreicht habe, d. h. die Türket im Begriff stehe, den Griechen ihre große Ueberlegenheit zu beweisen, Deutschland auf eine Erhöhung seines Ansehens im Orient rechnen könne. Wenn daß Boulevardblatt nur so freundlich sein wollte, Frankreich wie den übrigen Staaten gleichzeitig Aufschluß zu geben, auß welchen Gründen baß an den Orient- wirren am wenigsten intereifirre Deutschlanb jo sehr darauf außgehen sollte, fich bie Pforte bienstbar zu machen, um Grtechenlanb ein so großeß Herzeleib anzuthun. Alle btese Jntriguen laufen indessen darauf htnauß, daß man in der dewnachsttgen Reise Kaiser Franz Josephß eine Gefahr für baß franzöfisch-rusfische Bünbniß erblickt, selbstrebenb barf man den Zaren, ber trotz allebem auch heute noch alß Frankreichs großer Freunb und Gönner betrachtet wird, nicht in der Weise behandeln, wie die französischen Journale wohl theil- weise thuu möchten, umsomehr läßt man fich daher am deut­schen Kaiser freie Hand. Sollten die Befürchtungen, die Frankreich in Bezug auf die Annäherung Rußlandß zu Deutschland legt, wirklich begründet fein, so könnten wir bieß nur mit Freube begrüßen unb mit noch größerer Zuverficht ben weiteren Ereignissen entgegensehen.

WslffS telegraphische- Lorrespondery-Dm

Berlin, 23. April. DemReichsanzeiger" zufolge war der Saatenstanb im Deutschen Reiche Mitte April wie folgt: Winterweizen 2,4, Wlnterspelz 2,3, Winterroggen 2,4, Klee 2,2, Wiesen 2,2, wobei 1 sehr gut, 2 gut, 3 mittel bcbeutet.

Dresden. 23. April. Der Kaiser ist heute Abend nach Kaltenbronn abgereist.

Zeng, 23. April. Der hier tagende 12. deutsche Geographentag wählte in der heutigen Rachmittagß- fitzung alß Ort der nächsten Tagung Breslau. Darauf wurden bie Berhanblungen geschlossen.

Budapest. 23. April. Die Meldung mehrerer Blätter, betreffend daS Verbot der Pferdeausfuhr für Ungarn, wird vom ungarischen Eorrespondenzburean tn bestimmtester Form für unbegründet erklärt.

Rom, 23. April. Heute Vormittag wurde hier ein «rbeitsgeuosse Acciaritos, Pietro Eollabona auS Velletri, und die Geliebte Acciaritos, daß Dienstmädchen Pasqua Veneraba auß Poggio Catino, verhaftet. Acciarito bleibt bei feiner Erklärung, daß er keine Mitschuldigen habe. Biß jetzt ist jeder Verdacht, daß fich um einen gemeinschaftlich geplanten Anschlag handle, außgeschloffen. Daß Gerücht, Acciarito sei Unteroffizier in der Armee gewesen, ist un­begründet. Der König, die Königin und die Mit­glieder der königlichen Familie wohnten heute Vormittag einem Tebeurn in ber Kirche bei Sudario bet. Beim Ver­lassen ber Kirche unb auf bem ganzen Rückwege bis zum Qnirinal würben bie Majestäten von der in den Straßen angefammelten Volksmenge stürmisch begrüßt.

Paris, 23. April. Unter dem Commando des Gene­rals Jeannerob beginnen am 27. b. M. Manöver au ber elsäsfifchen Grenze, an welchen bie Garnisonen von Belfort, Montbeliarb und Hericourt theilnehmen.

Loudon, 23. April. Nach einer Meldung deS Reuter- scheu BureauS auß TOeInna vom 21., Abends, fetzt fich auf den nächsten Höhen bet ThrnavoS ein hinhaltender

Kampf fort. Nelchat-Paicha lehnt ab, den Befehl zur Erstürmung der griechischen Stellung zu geben, in der Meinung, daß ein schrittweises Vorrücken der türkischen Truppen genügen werde, um die Stellung der Griechen un­haltbar zu machen. Unter diesen Umständen erachtet er eS für feine Pflicht, seine Truppen nicht den Verlusten auS- zusetzen, die ein Sturmangriff unausbleiblich mit fich bringen würde.

Konstantinopel, 23. April. Reutermelduug. Wie ver­lautet, wäre Ghazi Osman Pascha nach dem Kriegs­schauplätze entsandt, um die Leitung der Operationen gegen die Griechen zu übernehmen.

Konstantinopel, 23. April. bestätigt sich, daß der bisherige Günstling beß Sultauß, Izzet Beh, in Ungnabe gefallen ist. Izzet Beh soll 30,000 Pfunb angenommen haben, um ben Beschluß, betreffend die Kriegserklärung, zn verhindern. Auch soll er, ehe die K-tegßerklärung erfolgte, drei Depeschen Edhem Paschaß unterschlagen haben.

Konstantinopel, 23. April. Die Botschafter ver­sammelten sich heute Mittag zur Beraihnng über Milde­rung der AußwetsungSmaßregeln gegen die griechi­schen Staatsangehörigen.

Depeschen des Bureau .Herold.*

Berlin, 23. April. Die Kaiserin empfing gestern Nachmittag eine Abordnung deß hier tagenden 26. EongreffeS der deutschen Gesellschaft für Chirurgie unter Führung beß Vorsitzenden Geheimraths Professor v. Brunß-Tübingen.

Berlin, 23. April. Nach einer Breßlauer Meldung wird die Nachricht, daß Staatßsecretär Nieberding fich amtß- müde fühle unb nach Breßlau übersiedeln werde, von dessen dort lebenden Bruder, bem Director beß MatthtaS- Gymnafiums, für gänzlich unbegrünbet erklärt.

Berlin, 23. April. Die Nachricht von bem Attentat auf König Humbert führte heute Morgen zahlreiche Herren zur italienifchen Botschaft. Im Auftrage ber Kaiserin sprach Oberhofmeister Freiherr v. Mirbach beim Grafen Lanza vor. Weiter erschienen: Staatßsecretär Marschall, StaatS- secreiär Bötticher, bie TOitglieber ber italienischen Kolonie, Diplomaten unb viele anbcre Herren.

Berlin, 23. April. DerNordd. Allg. Ztg." wird auß Wien telegraphtrt: Die Mächte senden Kriegßschiffe nach Salo nickt zum Schutze der dortigen Unterthauen, weil es für möglich gehalten wird, daß Griechenland sein Eßcadre, welches geheime Ordre erhalten hat, zum Bombarde­ment dorthin dirigirt. Die französischen Schiffe find unter­wegs. Oesterreich entsendet das Thurmschiff Stephanie. Die Truppen-Derstärkungen an der rumänischen Grenze werden in Bulgarien mit Mißtrauen betrachtet.

Barmen, 23. April. Der Bauunternehmer Franz EveringhauS, welcher feit 14 Tagen wegen Wechsel­fälschungen in Höhe von einer halben Million Mark flüchtig ist, wurde in Newhork verhaftet.

Frankfurt a. M, 23. April. Dor dem Schöffengericht fand heute Verhandlung statt gegen 30 Drogisten nnb 5 Apotheker wegen Feilhaltens vonObol*. Daß Gericht erkannte auf Freisprechung, weil Obol kein Geheim- mittel, fonbern ein kosmetisches Mittel zur Erhaltung ber Zähne sei. Die Sachverständigen erkannten einstimmig die gute antiseptische Wirkung beß Odols an.

München, 23. April. Trotz ber Dementiß einer hiesigen Hof-Corresponbenz bestätigt fich, wie ber »Tegernseer Seegeist" melbet, baß bie deutsche Kaiserin in ber ersten Juli-Woche in Tegernsee mit Hofstaat, Gefolge unb Diener­schaft, im Ganzen etwa 60 Personen, eintreffen unb biß Mitte August dort verweilen wird. Die Kaiserin nimmt Wohnung im Senger-Schloß, während der Kronprinz unb die übrigen Königlichen Prinzen in einer Privat-Billa Quartier nehmen.

Wien, 23. April. Kaiser Franz Joseph stattete heute Vormittag dem italienischen Botschafter anläßlich beß gestrigen Attentats auf König Humbert einen Besuch ab.

Berlin, 24. April. In Friebrichßruh finb gestern Graf Henckel von DonnerSmark unb Professor Schwenniuger -um Besuch beß Fürsten Bißmarck eingetroffen. Daß Befinben beß Fürsten ist gut, allein er hat fich tn Anbetracht beß regnerischen Wetterß in ben letzten Tagen Schonung aufeUegt unb ist nicht außgefahren.

Berlin, 24. April. Die italienischen Stubenteo haben an ben Berliner Magistrat ein Schreiben gerichtet, tu welchem fie ihren herzlichen Dank für bie ihnen in Berlin gewährte Aufnahme außbrücken.

Hamburg, 24. April. Unter Führung eineß Professors trafen fieben dänische Aerzte hier ein, welche nach de«