Rr. m Zweites Blatt. Dienstag dm 24 Auguft
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T steil.
Gießen, den 21. August 1897.
B etr.: Die Einfriedigung von Steinbrüchen und sonstigen Gruben.
da- Großherzogliche Kreisamt Gietzen
6* Mt Grstzh. BatgtrmtHUwfc* »es «Es.
Zahlreiche Seitens der Großh. Gendarmerie eingelausene Anzeigen haben ergeben, daß in vielen Gemarkungen des -Kreises Steinbrüche, Gruben und dergleichen fich befinden, die nicht der Vorschrift des Art. 284 des Polizrtstrafgesetzbuchs entsprechend eingefriedigt sind, sei eS, daß die Einfriedigungen überhaupt fehlen, sei es, daß sie unvoaständtg und mangel, hast sind. Dadurch erwächst für daS Publikum tm All« gemeinen eine große Gesahr, insbesondere können aber jetzt bet den bevorstehenden Herbstmanövern, bei denen auch Eavallerte zur Verwendung kommt, hierdurch schwere Unglücks- fälle herbeigesührt werden.
Unter Bezugnahme auf unser Ausschreiben vom 19. De- cember 1885 (Gießener Anzeiger Nr. 301) und vom 15. Mai 1895 (Gießener Anzeiger Nr. 115) beauftragen wir deshalb diejenigen von Ihnen, in deren Gemarkungen sich Steinbrüche und Gruben gedachter Art befinden, alsbald tu ortsüblicher Weise bekannt zu machen, daß die betreffenden Besitzer sofort rme ordnungsmäßige Einfriedigung herzustellen haben. Wir machen darauf aufmerksam, daß nach Art. 284 deS Polizei« strafgesetzbuchS die Einfriedigung eine geschloffene sein muß, von mindestens einem Meter Höhe und daß dieselbe dem vollen Druck einer menschlichen Körpers Widerstand leisten nuß.
Wir haben der Großh. Gendarmerie des Kreises Weisung ertheilt, den Befolg gegenwärtiger Verfügung Seitens der einzelnen Besitzer der Brüche und Gruben zu überwachen und empfehlen Ihnen auch selbst durch den Feldschützen oder hi sonst geeigneter Weise die ersorderliche Lontrole zu üben.
I. B.: Dr. Wagner.
VerMlschtes
• Metz, 16. August. Schmückung der Kriegergräber. Der nun seit vielen Jahren hier eingebürgerten schönen Sitte, an den ErinnerungStagen an die bedeutungS- Dollen kriegerischen Ereignisse des Jahres 1870 die Gräber ter für das Vaterland gefallenen Krieger zu schmücken und ihrer in Ehre und Liebe zu gedenken, ist man auch in diesem
Jahre treu geblicben, und eS dürfte schwerlich aus den weiten I Gefilden, auf denen fich einst die blutigen Kämpfe abspielten, ein Grab, ein Kreuzlein zu finden sein, daS des liebreichen Schmuckes entbehrt. Die Schmückung vollzog fich in hergebrachter Weise, indem die einzelnen Abtheilungen, srüh Morgens von den ihnen angewiesenen Ausgangspunkten mit den mit Kränzen gefüllten Wagen aufbrechend, nach wohl durchdachter Anordnung die einzelnen Gräber und Denkmäler ouffuchten und mit dem ihnen zugedachten Schmuck versahen. An die stille, im Einzelnen sich vollziehende Giäberschmückung schloß sich Nachmittags die Gedenkfeier in der Scklucht, zu der schon lange vor Beginn derselben von allen Seiten der Schlachtfelder Schaaren von Thetlnehmern zu Fuß, zu Wagen, zu Rad, theilweise auch Eisenbabn, Dampfschiff oder Trambahn benutzend, zusammengeströmt waren. Dazu sühren noch die Nachmittags außer dem fahrplanmäßigen Zuge nach Chatel-St. Germain abgelaffenen, außerordentlich stark be. setzten Sonderzüge eine kaum übersehbare Menge von Theil- nehmern dem Sammelpunkt beim AuSsichtSthurm zu, von dessen Zinne zum Beginn der Feier die weihevolle Weise „Wie sie so faust ruhen" stimmungsvoll erklang, während auf der unteren Plattform sich die Fahnen der theilnehmenden Vereine von hier und Umgegend zu Ehren der Gefallenen senkten. Nach Abfingung des LtedeS „Ich hab' mich ergeben" begab fich die Theilnehmerschaar unter Vorantritt der Musik und der BereinSfahnen nach der Schlucht, wo noch zahlreichere VolkSmaffen den fettrltchen Zug erwarteten. In üblicher Weise leitete hier ein von der Mufikcapelle deS 4. bayerischen Infanterie Regiments gespielter Choral den Haupttheil der Feier ein, worauf Herr Divifionspfarrer Walther die ergreifende Gedächtnthrede hielt.
* Wie stark ist eia ArmeecorpSk Diese Frage wird in letzter Zeit, wegen der bevorstehenden Kaisermauöver, oft aufgeworfen. Darauf wird nun die folgende Antwort ertheilt: DaS 11, ArmeecorpS, daS aus 12 Infanterie- Regimentern zu je 3 Bataillonen, 3 deSgl. zu 2 Bataillonen, 6 Caoallerie-Regimenrern, 3 Feld Artillerie-Regimentern, 1 Fuß-Artillerie-Regiment, je 1 Jäger- und Pionier-Bataillon, 2 Traiu-Abtheilungen und 1 Unteroffizierfchule besteht, zählt etwa 36,758 Mann. Die übrigen, am Katfermanöoer be- theiligten Corps, das 8., 15. und 16., werden je ungefähr etwa» über 24,000 Mann zählen, fodaß tm Ganzen etwa 120,000 Mann an den Manövern vom 6. bis 10. September bethetligt fein werden.
* Auf dem Kaferneuhof. Sergeant (zum Infanteristen): „Meier, Sie machen sich so brctt, als ob Sie der einzige
I „Meter" auf der Welt wären!"
• Kueipptau,. Nach dem Knetppkaffee, dem Kaeippletuen und den verschiedenen Kneippsuppen hat nun der verstorbene Pfarrer von WörtShoseu feinen Namen auch noch zu einem Tanze herleihen müffen. Ein italienischer Balletmeister hat einen „passo a dueu erfunden, den er „passo Kneipp“ nennt, weil er barfuß getanzt wird. ___________________
Unterhaltungen in Bad-Nauheim.
Dienstag den 24. August, Nachmittags von 4'/» bis 7 und von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasse: Concert der Capelle des 4. Grotzy. Jnf.-Rcgts Prinz Kail Nr. 118 aus Mainz. Abends 8 Uhr tm Saale: Concert der Coloratur-Alttstin Signora Tosti-Panzer mtd des Pianisten Herrn Rudolf Panzer autz Parts. Mittwoch dm 25. August, Nachmittags von 4 bis 7 und von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasse: Concert der Capelle des 1. Großh. Hess. Jnfanterte- (Leibgarde-)Regtments Nr. 115 aus Darmstadt. Abends 8 bis 11 Uhr tm Saale: Festball mit Cotillon zur Feier des Namenstages Sr. Könial. Hoheit des Großherzogs. Donnerstag den 26. August, Nachmittags von 5 bis 7 und von 8 bis 10 Uhr: Concert der «urcapelle auf der Terraffe. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Jugendliebe. Hierauf: Eine vollkommene Frau. Freitag dm 27. August, Nachmittags von 5 bts 7 und von 8‘/t bis 10 Uhr : Concert der Kurcapelle auf der Terrasse. Von 81/» bts 10 Uhr spielt die Capelle Tänze und kann aus dem nordwestlichen Theile der Terraste getanzt werden. Samstag den 28. August, Nachmittags von 5 bis 7 und von 8 bis 9 Uhr: Concert der Kurcapelle auf d» Terrasse. Abends 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung unter Mitwirkung der Kurcapelle. Einmaliges Gastspiel der SerpentintLnzertn Frl. Josephine Weitz vom Opernhaus in Frankfurt. Herzfehler. Hieraus: Serpentinentanz. Am Hochzeitstage. Vorläufige Anzeige: Sonntag den 29. August, Nachmittag« von 4 bis 7 und oon 8 bte 10 Uhr aus der Terraffe: Concert der Capelle des 1. Grotzh. Hess. Infanterie (Leibgardt-)Regiments Nr. 115 aus Darmstadt. Abend« 8 Uhr im Saale: Theatervorstellung. Der Herr Senator. Montag den 30. August und Mittw.-ch den 1. September: Gastspiel de« Frl. Sophie Kannte vom Deutschen Theater in Berlin. Madame Bonivard und Die berühmte Frau.
Spitlpla ta RttWn jrakhrta 3W|teta. vvernvarrs.
Dienstag den 24. August: Bajazzo. Hierauf: Phantasien im Bremer Rathskeller. Zum Schluß: Wetterhäuschen. Mittwoch den 25. August: Die Fledermaus. Donnerstag den 26. August: Die Hugenotten. Freitag den 27. August: Götterdämmerung. Samstag den 28 August: Czaar und Zimmermann. Sonntag den 29. August: Carmen. Montag den 30. August: Tannhäuser.
Echnnfpiakhnu«.
Dienstag den 24. August: Nachruhm. Mittwoch den 25. August: Ofsicielle Frau. Donnerstag den 26. August: Die versunkene Glocke. Freitag den 27. August: Minna von Barnhelm. Samstag den 28. August: Iphigenie auf Tauris. Sonntag den29.August: Die relegirten Studenten. Montag den 30. August: Die Grille.
Feuilleton.
Kitty und Lilly.
Eine Manövergeschichte von Hermann Birkenfeld.
(1. Fortsetzung.)
Die Frau that ihr Möglichstes und Erich v. Poll- Hammer wartete geduldig. Hatte ja auch nickt- zu versäumen, denn der fakermentsche Kammerunteroffizier hatte sich mit dem Gepäckwagen verfahren, und ehe der nicht La war--
Aber er kam, eben als Frau GraSmück den letzten glättenden Strich über da- mannshohe Bett in dem Alkoven gethan hatte, der fich an die „beste Stube" lehnte.
Als der Hauptmann eine halbe Stunde später au« dieser heraustrat, strahlten nicht nur er, sondern auch seine Wirthsleute in glanzender Sauberkeit. Denn btr Fuhrherr GraSmück war von einer Fahrt zurückgekommcn und hatte auf Ansuchen seiner bifferen Hälfte eingesehen, daß man den vornehmen Besuch auch durch ein angemeffene» Aeußere zu rhren habe. Er trug seine StaatSweste, rothsammet mit gelben Streifen, und den Livrärock Nr. 1, daS heißt, die Garnitur für Hochzeiten und Drautfahrten erster Klaffe. Dementsprechend prangte seine Familie.
„Die braven Leute!" dachte Pollhammer, sprach mit Johann GraSmück ein paar freundliche Worte und ging inS „Deutsche HauS". DaS war der „Gasthof ersten Ranges", wo daS OffiziercorpS fich zu gemeinsamem Mahle vereinigte. ES gab die Übliche „Fricaffee von Huhn" (Manöveradler genannt) nebst ebenso üblichem Hasenbraten, weßhalb die Lieutenants räsonnirten und die Glücklicheren beneideten, welche in ihrem Quartier eine Einladung zu 'Tisch angenommen hatten. Unter diesen mußten ja auch wohl PollhammerS Compagnie Offiziere sein, die er vergeblich snit den Augen suchte.
Er räsonnirte nicht, aß, trank seinen Schoppen und ging nach Haufe. Schlafen! Nur ein halbes Dutzend allemal irrationell lebender Lieutenants biteben an der Hoteltafel fitzen und ramschten um 'ne Flasche Sekt. Leichtfertiges Volk!
Ja einem Conditorladen kaufte unser Hauptmann eine Bonbon-Düte. Er war eigentlich zu unverheirathet, um ein großer Kinderfreund zu sein, außer daß er fich als Lieutenant ab und zu für kleine Mädchen — von über fünfzehn Jahren — interesfirt hatte. Aber GraSmückS sollten doch werken, daß er für die ihnen verursachte Last erkenntlich wäre. Seine süße Spende hatte zur Folge, daß Jan-Bernd und Fritze, die beiden ältesten Grasmücken, gleich vertraut nach seinem Säbelgriff faßten und den mitsammt den drei untersten Knöpfen des Waffenrods — und die Knöpfe wieder nebst ihrer tuchenen Umgebung — gelinde einfetteten. Aber das machte nichts. Fernand Schrattenholz mochte die Flecken entfernen, während er — Hauptmann von Pollhammer — schlief.
Ja, wenn daS so leicht gewesen wäre! Aber da war erst 'mal ein abscheulich modriger Geruch in dem halbdunklen Verließ, daS sein Lager barg. Und dazu der Duft der scharfen Seife aus seinem Bettzeug. Und die immense Höhe, Tiefe, Dicke, Schwere und — waö weiß ich ^eseS Bettes. Und dann eine Brummfl'ege! Wie das Vieh fich nun gerade auf den düsteren Alkoven capriziren konnte! Wenns doch hell gewesen wäre!
Erich Pollhammer zündete die Kerze auf dem wackligen Tischchen an, das man ihm vor das Bett gesetzt hatte - vielleicht, daß die Bestie fich da die Flügel versenge. — Jawohl! WaL ein richtiger Brummer tst, der summt fich nicht in eine so plumpe Falle hinein. Und zudem bei der Kerze konnte man erst recht nicht schlafen. So blteS er das Ding wieder aus . . . und der Brummer summte. Pollhammer beschloß, ihm Trotz zu bieten, nach der
Melodie: „Wir wollen seh'n, wer früher müd' — ich oder Du"--doch nein, das packte ganz und gar nicht- den»
müde war der Hauptmann von vornherein, der Brummer aber längst noch nicht. Das raste und schwirrte in der Geschwindigkeit von 1,6 Meter in der Secande in dem DtvgS von Stube herum, haft Du nicht geseh'n!
DaS mit den 1,6 hatte der Hauptmann kurz vorher irgendwo gelesen. Er schloß die Augen, athmete gemessen und berechnete dabei, daß baß Unthier seine schlasmördertsche Thätigkeit nun seit mindestens einer halben Stunde ausübe, was präter propter einem Marsche von 30 mal 60 mal 1,6 gleichkäme. — „Hin — 30 mal 60 sind 1800, mal 1,6 find — — 288,000 Meter oder 288 Kilometer — — Donnerwetter, daS wäre so etwa von Berlin bis Hamburg in einer halben Stunde! Unstnn!" — Er fing von Neuem an zu rechnen: „30 mal 6 find 180--eine Null dazu
macht 1800. Dies mal 1,6 find — — 1080 plus 1800, gleich 2880 Meter, also — fast 3 Kilometer--nein,
das wäre wieder zu wenig. Also noch einmal!"
Aber er rechnete fich weder in ein richtige- Resultat, noch in einen gesunden Schlaf hinein. Dazu kam, baß im Nebenzimmer Fernanb Schrattenholz an seinen Kleidung-- unb Gepäckstücken heruwklapperte. Machte der Mensch ein Gepolter! Unb eben, ba er baß Zimmer verließ, bohrte bte Fliegenmufik boppeltfrech in beß Hauptmann- müdem Schädel herum ...
Nun hatte alleß ein Ende und PollhammerS Geduldsfaden war an dem seinen angelangt. Auß dem Schlafen wurde doch nichts mehr, baß sah er ein. 3öobetSQ f.Vc Neuem Licht an unb staub auf. Wenn er daß MorbSvtey von Fliege doch bet lebendigem Leibe rösten könnte! Er war gewiß kein Unmensch, aber wir wissen ja alle, Wader Frömmste nicht kann, wenn eß dem bösen Nachbar nicht gefallt.
(Fortsetzung folgt.)


