Der Polizeipräsident der Stadt hatte zwar noch nie einen bemerkenSwerthen Fang gemacht, — ganz einfach, weil er vorher Offizier gewesen war und keine Ahnung von seinem jetzigen Beruf hatte. Aber dumm war er auch nicht.
Nun wurde unter Prouction des HofeS in jenem Winter ein großes Wohltyäligkettsfeft in Scene gesetzt, zu dem viele hundert Einladungen ergangen waren
Obwohl man sich denken konnte, daß bei einer solchen Menge von Menschen auch eine Anzahl Uneingeladener sich mit einschmusgeln würde, — was schon deßhalb leicht möglich war, weil sich unter den unzähligen Lohndienern aller« Hand Gesindel befinden konnte — obwohl in solchem Falle die Anwesenheit von Geheimpolizisten eine Nothwendigkeit gewesen wäre, wurde doch keiner hinbeftellr.
Wir lächelten darüber.
An jenem Abend nun begab ich selbst mich, und zwar als Etngeladener, zu dem Feste.
Ich war nicht in meiner amtlichen Eigenschaft, sondern als Privatperson eingeladen worden, weil ich befreundet mit dem Secretär war, der die Einladungen zu schreiben hatte.
Dennoch konnte ich mein Blue nicht verleugnen: ich hatte meine Augen überall und sah Mancherlei, — was die anderen nicht sahen.
Eine der schönsten Erscheinungen auf dem Balle, die im Gefolge des HofeS erschien, war eine Gräfin DeSberg, eine geborene Baronin van Zoyden aus Amsterdam, eine Schönheit in der Thar. Besonders hotte fie herrlich kleine Hände. — Sie trug ein rosenrothes Seidenkleid, da- ganz mit Spitzen überdeckt war, und prachtvolle Ohrgehänge aus Brillanten und Rubinen, die zu einem gleichen Halsschmuck paßten.
Mehrfach bemerkte ich im Laufe des Abends, daß ein junger Herr mit blondem, fp tzen Bollbart, der einen Klemmer trug und fich ganz fremd in der Gesellschaft zu fühlen schien, fast ununterbrochen in der Nähe der schönen Gräfin war.
„Wahrscheinlich ein fremder Gesandtschafts-Attach«, der fich in die reizende Holländerin verliebt hat," dachte ich.
Gegen Schluß oeS Festes, als ein großes Gedränge in den Garderoben und Gängen fich fühlbar machte, entstand um die Gräfin DreSberg herum eine Aufregung.
Einer ihrer prachtvollen Ohrringe war ihr abhanden gekommen.
„Welch ein unwiederbringlicher Verlust!" hörte ich eine Dame sagen. „Die Ohrgehänge find unbezahlbar, — solche Rubinen gibt es gar nicht weiier in der Welt. Und dann waren eS alte Erbstücke. — Aber er geschieht ihr ganz recht, warum trägt fie die kostbaren Dinger bei solchem Völkerfeft."
Ich schüttelte den Kopf über die schadenfrohe Sprecherin und dachte in meinem Sinn, daß es allerdings schwierig sein müßte, den Ohrring, falls er wirklich gestohlen war, wiederzubekommeu.
Die Gräfin DeSberg, untröstlich über ihren Verlust, fuhr am nächsten Vormittag direct zu dem Polizeipräfidenten und theilte ihm ihr Mißgeschick mit.
Zugleich legte fie bei ihm den einen ihr gebliebenen Ohrring nieder.
„Dies ist der zweite," sagte fie. „Wenn mir Ihre Polizei das gestohlene Kleinod wiederfchafft, so gebe ich eine hohe Belohnung, — Tie können selbst bestimmen, wie viel."
Der Polizeipräfident meinte, wenn der Ohrring gestohlen sei, könne er ihn vielleicht wiederschaffen; allein er halte es für viel wahrscheinlicher, daß er verloren sei, — daß er vielleicht gar noch sich bei der Gräfin selbst wiederfinden werde — — jedenfalls werde er alle ihm zu Gebote stehenden Kräfte in Bewegung setzen u. s. w. u. s. w.
(Fortsetzung folgt.)
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171 Zweites Blatt. Samstag de» 24 Juli
1S97
Der i*tie*tr Aazeiger erscheint täglich, Ml Ausnahme deS Montags.
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Gießener Anzeiger
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Amtliche- Theil.
Bekanntmachung,
betreffend die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Herbst 1897.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1897 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulaffung bei Meidung des Ausschlusses von dieser Prüfung
spätestens bis znm 1. August 1897
bei der unterzeichneten Commission einzureichen.
Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- deilen das Folgende bemerkt:
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichueten Prüfuugs - Com- miffion nur dann auzubriugen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem
17. Lebensjahr erfolgen.
3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adreffe angegeben wird.
4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a. Geburtszeugniß;
b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein;
c. ein Unbescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist;
d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.
5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sein will.
6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulaffung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugniß beizulegeu.
lieber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur
Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 — Regierungs-Blatt Nr. 27 von 1894) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfungstermins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt eventuell weitere Bekanntmachung; auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.
Darmstadt, den 6. Juli 1896.
Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende: Dr. Kayser.
CocwtU» ttsid
Gieße», de« 23. Juli.
•e Zur Bahnsteigsperre. Das Aus- und Eingehen auf den gesperrten Bahnsteigen ist nach dem Bescheid einer König!. Eisenbahndircction den Reisenden gestattet. Der Bescheid lautet: „Reisenden, welche mit gültigen Fahrt- auSweisungen versehen find, ist daS Verlaffen deS betretenen Bahnsteiges und der Wiederzugang zu demselben unter jedesmaliger Vorzeigung der Fahrkarte gestattet. Auf Bahnsteig- karten findet diese Anordnung keine Anwendung."
W. Aus der Wetterau, 19. Juli. Wer fich davon überzeugen will, welchen enormen Schaden die Spatzen anrichten, der kann eS, wenn er unsere Weizen« und Gerstenfelder besucht. Wir haben gestern auf dem Gange durch die herrlichen Getreidefelder wiederholt Zählproben angestellt. Schwärme von drei- bis vierhundert Spatzen fallen in die Fruchtfelder ein, oder fitzen auf den Getreidehaufen, um fich die Kröpfe bis an die Schnäbel voll zu stopfen. Es rauscht wie Sturmwind, wenn fich die Frechlinge in die Lüfte erheben. Jetzt sollte man die Spatzen schießen aus einem doppelten Grunde, einmal, weil fie von jetzt an keinen Nutzen mehr bringen, bann, weil fie jetzt feift find und sehr wohl verwerthet werben können. Sechs bis acht Spatzen liefern eine ebenso treffliche Suppe wie ein Huhn. Auch kann man fie braten, wie bie Krameisvögel. Wer eine Probe macht, und fich richtig dabei anstellt, wirb sie nicht zu bereuen haben. Gegenwärtig werben Spätkirschen, baß Pfund zu 12 Pfg. angeboten. Die Frühkartoffeln find auf 6 biß 7 Mk. bas Malter herabgegangen. Die abgelaufeue trockene, warme Woche hat bie Güte sehr gefördert, die Erntearbeiten schreiten rüstig voran. Das Gemüse läßt zu wünschen übrig, eß zeigt fich vielfach herzkrank.
□ Bon der Ohm. 22. Juli. Eine eigentümliche Erscheinung in diesem Sommer ist das gänzliche Fehlen derLinbenblüthe. Linbenbäume, welche einigen Blüthen- ansatz zeigten, haben denselben noch vor der Blüthezeit ver
loren. Sicher haben die Luiden, wie unsere Obstbäume, durch die Maifröste Schaden erlitten. Der Ausfall der Lindenblüihe bedeutet für den Imker eine schlechte Sommertracht, die um so empfindlicher für ihn ist, als auch die Frühjahrstracht eine schlechte genannt werden muß. Zudem hat eß wenigen weißen Klee gegeben und der wenige hat schlecht geblüht und gehonigt. So ist denn das diesjährige Honigergebniß ein recht schlechtes. Daß hätte kein Imker nach der vorjährigen gleichfalls sehr schlechten Honigernte erwartet. Die Erfahrung bestätigt fich hierdurch wieder einmal, wonach gute Jahre für den Landwirth schlechte für den Imker find.
□ Darmstadt, 22. Juli. Die Arbeiten an der elee- trischen Straßenbahn schreiten, trotzdem jetzt in der von Fuhrwerkoerkehr viel frequentirten Rheinstraße die GletS- legung erfolgt, verhältnißmäßtg sehr rasch fort. Die in der Kirchstraße niederzulegenden Häuser werden in etwa 14 Tagen völlig verschwunden fein; damit wirb ein schon früher viel- seits gehegter Wunsch der Freilegung der Stadtkirche nach Süden erfüllt. — Gegen Ende August ist die Inbetriebsetzung der Nebenbahn Darmstadt — Roßdorf — Groß- zimmern, die vom Bahnhof Rosenhöhe der Obenwaldbah« abzweigt, zu erwarten. Sie wird wohl namentlich von de« Arbeitern der letztgenannten Orte, im Sommer auch von Wald-AuSflüglern lebhaft benutzt werden; ob dies aber für eine paffende Rentabilität hinreicht, muß abgewartet werden. Die Bahnlinie führt durch einige der schönsten Waldpartieen unserer waldreichen Umgebung. — Das 3. Bataillon der 116 er ist seit vorgestern hier in Privatquartieren untergebracht. Der RegirnentScommanbeur wohnt im Merk'schen Hause in der Rheinstraße. Die Frage der Errichtung einer gemeinheitlichen EinquartierungShauseS wird für unsere Stadt immer dringlicher und wird in diesen Tagen wieder viel erörtert.
△ Mainz, 22. Juli. Ein aus dem Gesängniß in Frankfurt entwichener gefährlicher Einbrecher, NamenS SptiesterSbach, der vor Kurzem in Wiesbaden einen verwegenen Einbruch verübt, ist vorgestern Abend durch auswärtige Kriminalbeamten hier verhaftet worden. In dem Augenblick der Verhaftung befand fich der Verbrecher in Gesellschaft eines hiefigen ^Schutzmannes, der sich mit dem nobeln Fremden angefreundet und mit demselben in einem Gasthof gezecht hat. Dem leichtfinnigen Schutzmann gegenüber gab sich der Verbrecher als Bankier auß.
Feuilleton.
Der gestohlene Dhrring.
Von E. Fahrow.
(Nachdruck derboten.)
„Ja, ja, meine Herren,- sagte der berühmte Detective Breitner, indem er sich behaglich eine Cigarre anzündete, „ich habe schon manche komische Sache erlebt trotz meines ernsten Berufes. Aber io herzhaft rote bei der Geschichte von dem gestohlenen Brillant-Ohrring ist noch nie gelacht worden — noch dazu zweimal."
„Zweimal?" riefen seine Zuhörer. „Ach, erzählen Sie doch, maß war da- für eine Geschichte?"
Er sah fich -m Kreise um.
„DaS glaube ich," sagte er. „So was gefaßt Euch! Spannende C-imwalgesch cht.:n gratis hören, womöglich so, daß Ihr die Pcrfonrn erraten könnt, baß paßt Euch! Aber Ich werde Euch den Gefallen nicht thun
//Oh oh! Bitte, bitte, bester Herr Breitner!"
• . . . „bie Namen zu nennen," fuhr er fort. „Die Geschichte selbst will ich Euch meinetwegen erzählen.
Zu der Zeit, als sie spielte, war ich ein Angestellter beß berühmten Detectiv Instituts von Müllering u. Cowp. in — nun, eß ist ja gleichgiltig, wo.
Die Stabt war recht groß und beherbergte eine große Anzahl von reichen Aristokraten, reichen Fabrikanten unb sel-bstverstandlich von Gaunern.
Unter ben Letzteren befaß ich meine ganz genauen Be- faimten. Ich wußte, welche befonberen Eigenschaften em jeder hatte unb eß machte mir ganz speciellen Spaß, so oft »i c möglich der städtischen unb staatlichen Polizei zu zeigen, Wi sie gegen unß eine höchst stümperhafte Berbrecherkenntniß deffaß und ohne unß in irgend schwierigen Fällen fast niemals tttoaß ausrichten konnte.


