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24/03/1897 Zweites Blatt
 
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Der " Hieße« er Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener AamikieuvkLller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlrgt,

Zweites Blatt.Mittwoch den 24. März_____________________

Gießener Anzeiger

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Locale» unö pvovinzielle»

Steßeu, den 23. März 1897.

Kenteuarfeier der Eiseubahubeamleu. Im festlich decorirten, bis auf den letzten Platz besetzten Saale deS Lahnstein" hielten am vorgestrigen Sonntag Abend die Be« amten und Arbeiter der Eisenbahnverwaltung in aller Stille eine Feier zur Wiederkehr des 100. Geburi stageS Sr. Maj. Kaiser Wilhelms I. ab, die io jeder Beziehung einen des Tages würdigen und schönen Verlauf nahm. Der Vorfitzende der Festversammlung, Herr Stationsvorsteher Frowein, eröffnete gegen 7 Uhr die Feier, indem er die Anwesenden begrüßte, und für ihr zahlreiches Erscheinen dankte, und er gleichzeitig sein Bedauern aussprach, daß der Beruf es be­dingte, daß kaum die Hälfte der Geladenen fich an der Feier bethetligen könnte, indem die andern dienstlich ver­hindert seien, da da- geflügelte Rad fich in seinem Laufe nicht aufhalten ließ. In zündenden Worten brachte der Redner ein dreimaliges Hoch auf Se. Maj. Kaiser Wilh elm II. und den Landesherrn Se. Kgl. Hoheit den Großherzog Ernst Ludwig aus, in welches die Anwesenden begeistert ein» stimmten und stehend die Nationalhymne sangen. Hierauf erhielt Herr Hoftraiteur und Stadtverordneter Kirch das Wort zur eigentlichen Festrede. Wir müssen es uns wegen Raummangel versagen, den »/, stündigen Vortrag hier wieder- zugebeo, in letchtverständlicher in Form und Inhalt vollen- derer Weise zeichnete der Redner ein Lebensbild deS hoch- seligen Kaisers vor Augen, mit seiner frühesten Jugend be­ginnend bi» zur letzten Stunde seines Heimganges. Lautlos folgten die Anwesenden dem Vortrage, welcher endete mit den Worten: Als Held, als Mensch, als Friedenskaiser

Sollst Du uns unvergeßlich sein!

Wenn wir aber zuletzt, so sühne der Festredner un­gefähr aus, uns zu einem Gelübde vereinigen wollen, wenn wir treue Söhne unseres Vaterlandes sein wollen, so müssen wir tu den Bahnen seines Geistes wandeln, uns selbst treu bleiben- denn Niemand hat so eindringlich wie er das deutsche Volk gemahnt, fich selbst treu zu bleiben. Sein Werk wollen wir schützen und halten mit der ganzen Kraft unseres Her­zens und Armes und wollen heute als Ehrenkranz das Ge­lübde ablegen, indem wir einstimmen in den Ruf: Unser großes schönes Vaterland eS lebe hoch! Da« Hoch auf das Vaterland fand jubelnden Widerhall und rauschender Beifall

lohnte den Redner. Nachdem das LiedDeutschland, Deutsch­land über Alles" verklungen war, nahm Herr StattonS- Asfistent Temmler das Wort, um dem Festredner Namens der Anwesenden zu danken und brachte ein dreimaliges Hoch auf denselben aus. Bor Schluß der offiziellen Feier erhielt Herr Stations-Assistent Köllner daS Wort, um das schöne Verhältniß von Vorgesetzten und Untergebenen zu erwähnen, darauf hinweisend, daß hier kein Unterschied des Standes und Ranges sei, heute seien alle Anwesende gleich in der Vereinigung zu huldigen in Treue und Verehrung zum Vater- lande und zu Kaiser und Reich. Auch fernerhin zur treuen Pflichterfüllung ermahnend, schloß der Redner seine Ansprache in schlichten, aber eindrucksvollen Worten mit einem Hoch auf die vorgesetzte Behörde und den Veranstalter deS Festes. Herr Frowein dankte am Schlüsse deS osficiellen ThetleS für fich und die anderen Redner- er sei stolz auf dieses Zu­sammenwirken und bitte die Versammlung, noch nicht aus­einander zu gehen, sondern noch in Fröhlichkeit zusammen zu bleiben. Dieser Einladung wurde natürlich Folge geleistet und so spann fich Fidelitas fort bis zur späten Stunde. Noch manche schwungvolle Ansprache wurde gehalten und erst nach Mitternacht trennten fich die Festtheilnehmer.

* Bei dem auS Anlaß der Centeuarfeier von dem Schützenveretn Gießen heute Vormittag veranstalteten P r e i s s ch ie ß e n auf die Ehrenscheibe hat Herr Hoflohnkutscher Carl Huhn den besten Schuß abgegeben und damit die Katserscheibe" errungen. Mit dem nächstbesten Schüsse errang Herr Carl Berger den von einem Freunde ge­stifteten Kaiserbecher. Ein gemüthlicher Frühschoppen, bet dem der erste Schützenmeister, Herr Carl Brück, der un­vergeßlichen Verdienste des verewigten Kaisers Wilhelm I. um unser Vaterland gedachte und ein mit Enthusiasmus aufgenommenes Hoch auf das geeinte und einige Deutsche Reich ausbrachte, beschloß die schön und würdig verlaufene Festlichkeit.

W. Daubriugeu, 22. März. Gestern Abend feierte der hiesige Kriegerveretn in würdiger Weise den hundertjährigen Geburtstag Kaiser Wilhelms I. Nachdem der Verein mit Familienangehörigen versammelt war, spielte die Capelle den Düppeler Schauzenmarsch, worauf der Präfident, Herr Heinrich Walter, die Versammlung begrüßte. Kamerad Heinrich Weimer II. verbreitete sich in längerer Rede

über die Lebenszeit des verstorbenen Kaisers, gedachte seiner Thaten und brachte ein Hoch auf Kaiser Wilhelm II. auS. Kamerad Ludwig Groh ließ das deutsche Vaterland hoch­leben. Der Verein blieb noch fast bis zum Tagesanbruch bei Borträgen und Gesang patriotischer Lieder beisammen.

H. Altenburg bet AlSfeld, 18. März. Bei einem Streite der Gestellungspflichtigen spielte leider das Messer eine schlimme Rolle, einem Burschen wurde der Leib auf­geschlitzt und führte so dessen frühzeitigen Tod herbei. In dem Erstochenen wird ein fleißiger, braver Mensch be­trauert. Der Thäter befindet sich in Haft.

-n- Stade», 21. März. Die Feier des hundertjährigen Geburtstages des verewigten Kaisers Wilhelm I. wurde auch hier abgehalten. Zum Morgengottesdienst fand Kirchen­parade des Kriegervereins statt. Der Ort-geistliche, Herr Pfarrer Bernbeck, wies tu eindringlicher Predigt auf die Bedeutung des Tages und der Person deS verewigten Kaisers hin, dessen große Regenten- und Christeutugeuden hervor­hebend. Abends versammelte sich dann der Krieger- und der Gesangverein, sowie die gesammte Schuljugend vor dem Schulhause, von wo aus sie, zu einem festlichen Zug geordnet, fich nach dem Festsaal des GastwirthS Curth begaben. Dort fand eine patriotische Feier statt.

A Aus dem Riddathal, 20. März. Bereits zwei schwere Gewitter mit furchtbarem Blitzen und Donnern zogen über unser Thal- am Donnerstag Abend gegen 6 Uhr und heute gegen 8 Uhr. Der Blitz hat bei Ober-Mockstadt eine Tele­graphenstange zerschmettert und in Bleichenbach in eine Scheuer eingeschlagen. Der mit den Gewittern verbundene orkanartige Sturm verursachte an Gebäuden und tu den Wäldern großen Schaben, so ist ein der Gemeinde Kohden gehöriger Fichtenwald total niedergeweht.

n. Ober-Mockstadt, 21. März. Unser Vorschuß- und Creditveretn, der zu den bedeutendsten Kaffenveretuen der ganzen Gegend zählt, errichtet fich dieses Jahr ein eigenes Kassengebäude.

n. Alteustadt, 21. März. Im nahen Rodenbach kam im Stalle des LandwirthS König mittelst operativen Ein­griffs des Thierarztes Dr. Ortenberg von hier ein Kalb zur Welt, welches daS respectable, gewiß äußerst selten vor- kommende Gewicht von 180 Pfund hatte. DaS Kalb kam todt zur Welt, und auch die Kuh verendete noch an dem­selben Tage.

Muilleton.

Sine Bierreise.

Humoreske von E. Krickeberg.

(Schluß.)

O, Du nichtsnutzige« Berlin," stöhnte er,zu Hause lebt man so regelmäßig daß ein Gläschen zu viel" eS waren ihrer mehrere", dachte ich bei mir,einen aber gleich zu den gräßlichsten Albernheiten anstiftet! Wir müssen morgen unbedingt zu den Herrschaften gehen und um Ver­zeihung bitten."

Werde mich schön hüten," erklärte ich,ich tauche schleunigst in daS Großstadtleben unter, und wenn mich die Leute wirklich einmal wieder sehen sollten, so erkennen sie mich nicht mehr."

Dn bist mir schön," zürnte Alexander,wenn man eine Dummheit gemacht hat, so muß man auch den Muth haben, fie einzugestehen."

So thue eS doch, ich hindere Dich nicht daran," er­klärte ich gereizt. Und so begaben wir unS verstimmt zu Bett. Dieurfidele" Bierreife hatte ein ziemlich trübseliges Ende gefunden.

Am anderen Morgen begann Alexander von Neuem: Wir müssen doch eigentlich nach der Stralauerstraße gehen, um pater peccavi zu sagen."

Gehe nur, wenn Du Lust dazu haft- mich bringen zehn Pferde nicht hin!"

Hatte Alexander gestern seinen Kopf aufgesetzt, so that ich eS heute.

DaS junge Mädchen war doch allerliebst," meinte er so nebenher.

DaS ist Dir in Deinem Rausche nur so vorgekommen."

Willst Du etwa bestreiten, daß fie ungewöhnlich hübsch und anmuthig war?"

UugraziöS war fie und verblüht wenigst«- dreißig, jährig."

Nun weiß ich wirklich nicht," grübelte Alexander ärger­lich,wer von uns beiden am meisten angekneipt war."

Mir scheint, er liegt Dir besonder- au der Verzeihung de- jungen Mädchen-."

Ach, Unfiun! Aber stelle Dir nur vor, was die Damen von uns denken müssen."

»Darum eben gehe ich ihnen freiwillig nicht mehr unter die Augen."

Alexander besann fich plötzlich, daß er ein dringende- Geschäft mit seinem Bankier zu erledigen habe.

Muß mau dabei nothwendig in Schwarz erscheinen?" fragte ich verwundert, al- ich sah, wie er seinen Gesellschaft-- anzug hervorsuchte.

Ach, e» ist wegen deS Diners," wich er aus.

Du vergißt ja Deinen Stock," erinnerte ich ihn, als er ohne ihn weggehen wollte.

Hm, weißt Du, die Leute machen immer so verwunderte Augen, wenn fie das Ungethüm sehen," wehrte er ab.

Wir tcafen uns wieder bei Tisch.

Denke Dir nur," rief er mir ^schou entgegen,ihre Mutter ist ja eine Jugendfreundin der meinen, die beiden find zusammen in einer Pension gewesen."

Wen meinst Du denn?" fragte ich verwundert.

Nun, die na, die Damen aus der Stralauerstraße - eS find retzeud-liebenSwürdige Leute, fie haben uns für heut Abend zum Thee geladen."

Wen? Uns? Du weißt ja, daß ich nicht mttgehe."

Du bist ein Dickkopf," schalt er,fie tragen uns unseren Ueberfall nicht nach, das siehst Du ja."

Wahrscheinlich hast Du einen Fußfall gethan?"

Keineswegs, ich habe ihnen ehrlich erklärt, wie alles kam. Potz Kuckuck, eS war eben eiu dummer Streich, aber kein schlechter, und so haben ihn auch die Damen aufgefaßt."

ES wundert mich doch, daß fie so viel Zutrauen zu einer auf diese Weise geschloffenen neuen Bekanntschaft haben."

Er warf fich in die Brust:

Sehe ich etwa auS wie ein Jndustrieritter?"

Ich sah ihn an und mußte lachen.

Rein, wahrhaftig nicht!"

Nun, siehst Du, die alte Dame meinte, meine Aehu- lichkeit mit Mutter sei so groß, daß ich fie sofort an ihre Jugendfreundin erinnert hätte. Und nun kommst Du mit, nicht wahr?"

Nein!"

So geh ich allein."

Freund Alexander giug jetzt öfter allein. Er hatte plötzlich alle möglichen dringenden Besorgungen: Heut kaufte er eine Dreschmaschine, morgen ein neues Pferdegeschirr, übermorgen mußte er mit dem Ingenieur wegen der neu anzulegenden Drainage verhandeln und Tags darauf an dem Esten de- Agrarierclubs theilnehmen. Bei all diesen Dingen erwies fich meine Begleitung als unoöthig, denn:ES lang­weilt Dich ja nur," meinte mein vielbeschäftigter Freund in anerkeunen-werther Selbstlofigkeit.

Und das Hohen-ollernmnseum? Und da- Zeughaus?" fragte ich vorwurfsvoll.

Später, Freuud, später," wehrte er ab,ich werde ja doch noch öfter nach Berlin kommen, denn na, eS ist nun einmal eiu ganz famoses Nest."

Er schien sowohl das vergiftete Esten al- auch den schäd- lichen Einfluß deS electrischen Lichtes vergeffen zu haben. Nach vierzehn Tagen wollte er wieder abreisev.

Kommst Du auch heute nicht mit nach der Stralauer­straße,?" fragte er mich am letzten Tage feine- Berliner Aufenthalt-.

Spukt die Stralauerstraße noch immer tu Deinem Kopfe?" rief ich verwundert.

Er überhörte e-.

Du wirst e- auf die Dauer doch nicht umgehen können, die Bekanntschaft der Damen zu machen," meinte er so recht schadenfroh, wie mir schien.

Sooo!" rief ich in aufdämmerudem Berständuiß.Ra, wenn Du meinst! Aber ich bitte mir aus, daß von dem verhängnißvollen Abend keine Silbe gesprochen wird."

Da- ist nicht geschehen- dafür ist mir bet Gelegenheit unseres Besuche- zweierlei klar geworden: Ersten-, daß Freuud Alexander einen ganz vorzüglichen Geschmack besitzt, und dann, daß e- manchmal recht Vortheilhaft ist, weun man eigensinnig auf seinem Willen besteht.

Diesmal dauert eS nicht wieder zehn Jahre, bi- ich nach Berlin zurückkehre," versicherte mir vergnügt mein Freuud, al- er abreiste."

Ach, liebster alter Alexander, ich gönne Dir von ganzem Herzen Dein Glück- da- einzige Fatale dabei ist, daß Deine Zukünftige keine Schwester besitzt und daß ich mir einen neuen Frack anschaffen muß."