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Mittwoch de« 24. Februar
Zweites B!at,
Nr. 46
2l„rtr- und Anzeigeblatt für den ICreis Gießen
chratisöeitage: Gießener Aamilienötätter
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Gieße», den 23. Februar.
•• Oeffeutliche Versammlung bei nationalliberalen Berei»!. (Schluß.) Nun kamen diejenigen Hetlkünstler, die sagten, die Gegensätze zwischen den alten Parteien seien gar nicht »ehr vorhanden- zur Lösung der neuen Ausgaben seien ganz neue Parteien nöthig: Christltchsociale, Antisemiten, National- sociale, immer die Einen aus den Schultern der Anderen. Der christliche SocialiSmuS, der fich Anfang! der 80er Jahre entwickelte, war insofern ein verfehlte! Unternehmen, als er daS christliche Bekenntniß als Grundlage der Staatsbildung überhaupt charaetertfirte. ES ist die denkbar höchste Form, in der wir unsere Liebe gegen Gott und gegen unsere Mitmenschen auSüben. Die sociale Gliederung ist eine solche, daß wir ohne ein großes Maß praktischer Nächstenliebe diesen modernen Staat gar nicht aufrecht erhalten könnten, während wir ihn doch zum relativ vollkommenen entwickeln können, wenn wir unS der Nächstenliebe bewußt bleiben. Diese sociale
vierten Standes mit der Revolution de« dritten Standes ' vergleichen! Diese bedauerlich einseitige Auffassung, al» ob i unsere Arbeitgeber im Grunde doch alle hartherzig wären, i
so wie in Herrn Naumanns Augen sein Typus eines rück« 1
fichtSlosen Arbeitertyrannen Stumm ist, verführt Herrn : Naumann dazu, den Hamburger Strike freudig zu begrüßen. — Eines Tages stellen in Hamburg Taufende von Arbeitern, nachdem sie mit der Hälfte ihrer Forderungen abgewtefeu worden find, über Nacht, ohne Einhaltung der Kündigung-- fristen, die Arbeit ein, verlieren selbst Millionen und machen noch viel mehr verlieren. Sie setzen den schlimmsten Strike nach dem Waldenburger Strike in Scene. Naumann ge- winnt eine Reihe von kaihedersoctalisttschen Herren zur Samm- lung von Geldern für die Hamburger Arbeiter. — Der Hafenarbeiter verspürte ein WachSthum der Eovjunctur- die nordischen Häfen drohten zu vereisen, hunderte von Schiffen lagen im Hamburger Hasen. Im Augenbick, wo die Rheder das größte Jntereffe daran hatten, noch die Millionen sür die deutsche Nationalwirthschaft zu bergen, von denen doch auch tausende von Arbeitern ihren Bortheil hatten, wurde den Arbeitgebern die Pistole auf die Brust gesetzt. Die ge- forderten Löhne wurden über Nacht bewilligt, die angeblichen Mißstände im ArbeitSverhältniß sollten — und mußten — erst untersucht, und nach Befund abgestellt werden. Daß Uebelstäude in der Verdingung vorhanden find, ist nicht zu leugnen und wurde nicht geleugnet. Trotz der Bereitwilligkeit der Rheder, auch diese Berhältniffe zu untersuchen, wurde die Arbeit durch die Schauerlente niedergelegt, und die Anderen ließen fich mit fortreißen und wiffea jetzt noch nicht, wie sie dazu kamen. Wir sind kein Ehrengerichtshof über die Hamburger Rheder, aber Jeder schlage fich doch an seine eigene Brust, ob er sich nach solchen Vorgängen irgend einen anderen Ausweg hätte gefallen laffen wollen, als die Kraftprobe. So wurden in der Folge die Vermittlungsversuche von den Arbeitgebern abgelehnt. Nun kam der 1, Januar, die Rheder bewiesen ihr Entgegenkommen und beantragten beim Senat die Einsetzung eine- JnspectoratS für den Hafen. Mitte Januar wären nun die Arbeiter schon mit weniger zufrieden gewesen, wenn sie nur der socialdemokrati- schen Bewegung gegenüber den Schein eines Erfolges hätten aufweisen köuuen. Nun am 19. Januar erließ Herr Naumann den Aufruf, damit die Arbeiter nun bei den Verhandlungen nicht unter dem Druck ihrer wirthschaftlich schwächeren Stellung stehen, wollen wir sür sie sammeln, damit sie auf gleichem Fuße verhandeln können. Bon einer Verhandlung war natürlich gar keine Rede. Der Erfolg dieser politischen Action war gleich Null, aber sehr charakteristisch für die Art und Weise, wie Herr Naumann mit seiner Partei in Lohnkämpfen einzugretfen .gedenkt. — Damit es am komischen Gegenspiel nicht fehle, erließ der national-sociale Verein in Leipzig einen gehar- nischten Protest gegen den Strike der Leipziger Zimmerleute. — In Hamburg sind über 50 Millionen verloren wordeu. Herr Naumann hat dazu ermuntert, daß der Strike noch 14 Tage länger dauerte. Demnach will Herr Naumann die nationalsociale Partei als Untersuchungsausschuß con- stituireo, um immer zu untersuchen, wer Recht hat- dann braucht er keine staatliche Intervention, dann genügt seine eigene Thätigkeit mit seinem Wohlfahrtsausschuß. — Ende Januar sehen wir Naumann mit A. Wagner, Hitze, Kulemann in Bochum. Seit dem großen Strike von 1889 hat unter den Arbeitern eine Bewegung eingesetzt, die den nationalen Boden gegenüber der socialdemokratischen Ueberfluthung ver- theidigen wollte. Dort gelang es dem verständigen Wirken von Geistlichen beider Confessiouev, eine gemeinsame christ- ltche Organisation zu errichten, wodurch deren Widerstandskraft erhöht wurde. Diese Organisation unterstützt in Bochum den katholischen, in Dortmund den uatioualliberalen Candi- baten. Auf dem Eongreß tritt nun Raumann den Bergleuten gegenüber: Wie könnt ihr die Unterwerfung der Arbeitgeber erreichen, wenn ihr euch nicht dem alten social- demokratischen ürbeiterverband anschließt? Daß die Social- demokraten dort die Führer find, darf euch nicht vom Kampf zurückhalten. — Praktisch läuft die Thätigkeit des Herrn Naumann darauf hinaus, die Arbeiter im Unglück zu erhalten, wie dies nach dem Aufruf vom 19. Februar der Fall war, oder fie dtrect zur Socialdemokratie herüber zu führen wie in Bochum. Und diese einseitige Auffaffung socialer Aufgaben der Gegenwart soll nun den Boden für eine neue Partei bilden! — Das Ende des Hamburger StrikeS, die Erklärung KulemannS gegen den Aufruf, der Rücktritt Baumgarts, der Rückzug SohmS, die Ableugnung WagnerS find doch Bekräftigungen dafür, daß diese Bewegung auch schon wieder im Rückfluthen begriffen ist. Zurück bleibt nur ein neues Stück Verärgerung in unseren gebildeten Kreisen, soweit fie dabei gewesen find. — Doch die jetzige
Aufgabe müsien wir erfüllen als Staatsbürger, aber es ist nicht die einzige Aufgabe, fie ist auch nicht die Grundlage der Parteibildung. Diese Stöcker'sche christlich-sociale Spielart war nur der Ausgangspunkt. Practtscher faßten die Antisemiten die Aufgabe an. Oben steht hier als Bezeichnung der Firma : Christenthum, thotsächlich ist fie aber nur die Verkörperung materieller Jntereffen und Begehrlichkeit. Diese hatten für ein Jahrzehnt das Recept gesunden: Die Soctaldemokratie hatte von ihrem Standpunkte ans eine ganz einseitige Vertretung von Klaffenintereffen eingesührt. Die Antisemiten ahmten eS nach, indem fie nicht den Arbeiter allein znm Ziel ihrer Agitation nahmen, sondern Jeden, dem es gerade schlecht ging. Jedem wurde der Begriff bei- gebracht, als ob der Staat in der Lage sei, Mittel auS der Luft zu zaubern und zu verschenken : DaS Judenthnm, die Liberalen haben eS durch die Gewerbefreiheit verschuldet- der Staat muß Dlr einen sicheren Kundenkreis .schaffen. Zuletzt kam dann die Landwirthschaft auf den Gedanken, fich durch den Staat die Produktionskosten garantiren zu laffen. Dazu ist aber der Staat nicht in der Lage, auch wenn fich die Agitation der Antisemiten noch verhundertsacht. Mag die antisemitische Bewegung auch noch wahlpolttische Ersolge erzielen, so ist fie doch auf dem absteigenden Ast angelaugt: charactertstifch ist die scharfe Absage der Eouservattven, die doch gewiß nicht unschuldig an der agrardemagogischen Agitation sind, an die Antisemiten. Nunmehr tritt Herr Naumann auf. Er sagt nicht mehr, der Staat soll Dir etwas schenken, was er gar nicht hat, sondern erst einem Andern nehmen mußte, er sagt, eS sei Aufgabe deS Staates, eine andere Vertheilung des Arbeitsertrags herbeizuführen, sodaß in die Tasche deS Arbeiter- ein größerer Betrag fließt wie bisher. Ein schönes Ziel, aber: der Staat soll die Ver- theilnng des UnternehmergewinnsteS zum ersten Male versuchen- wie er da« machen soll, kann man auS den Kund- gedungen des Herrn Naumann leider nicht entnehmen. Wir haben bisher geglaubt, diese schwierigste aller wirthschaftlichen Fragen in eine gedeihliche Entwicklung zu bringen, wenn auch nicht zu lösen, dadurch, daß wir dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer daS Vereinigung-recht zu Lohnkämpfen in jeder Weise garantirten, gewerbegesetzlich festlegten, daß wir den Arbeit-Vertrag zwischen den erwachsenen männlichen Arbeiter und Arbeitgeber als vollständig frei behandelten und nun fich Beide selbst überließen, ob fie durch Vereinigung von Loujunctur zu Eonjunctur mit einander darüber streiten und fich einigen können, welchen Antheil der Arbeiter am Pro- dnetionSgewinn in Gestalt des Lohns haben soll. Jede andere Lösung, die der Staat versuchen würde, würde ihn zur Der- staatlichung der Betriebe nöthigen. Der Arbeitgeber würde sagen: Ich mache meine Bude zu, ziehe soviel wie möglich au» meinem Betrieb heraus und gehe dahin, wo mir von Staatswegen nicht vorgeschrieben wird, was meine geistige Arbeit, mein kapitalistische» Risiko au meinem Uoteroehmln wttth ist. Alle-Ander- I« Programm d-r N-umanntaner ist agitatorische- Beiwerk. Seine Reden sind sehr arbeitersreundlich, ohne historische B-rtiesung, ohne Be- rückfichtiguvg der Entwicklung, ohne Berücksichtigung deffen, daß wir erst zur Einheit gekommen find, wo die anderen Staaten schon einen großen Vorsprung in der Entwicklung zum Jnduftriestaate hatten. Wir gingen aber trotzdem als- bald daran, Schutz für den wirthschaftlich Schwächeren zu gewähren. E» ist dort nur davon die Rede, daß die Arbeiter eine gedrückte Kaste seien, al» ob der Arbeiterstand um seine Gleichberechtigung zu kämpfen hätte, °ls ob er nicht in jeder Beziehung mit den anderen Ständen gleichberechtigt wäre, nicht nur privatrechtlich, sondern auch vor der Verfassung, im Wahlrecht- wie laffen fich also diese Strebungen des
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Depression dauert noch nicht lange, also Muth! Noch daS Jahr 1887 zeigte einen starken Aufschwung de» deutschen BürgerthumS. Damals konnte der Reichstag seinen Verpflichtungen nachkommen, wenn er auch seine Pflichterfüllung mit Mandaten bezahlen mußte. Die Berufenen dürfen fich nicht vom öffentlichen Leben zurückziehen, sonst überlaffeu fie den Kampfplatz den Demagogen und Schwadroneuren. Unserem Volke wird eS auch wieder beschieden sein, etwa» klüger zu werden. Geschaffen ist daS deutsche Reich auf Grund von Vaterlandsliebe und monarchischem Bewußtsein, von Staats- und Bürgersinn und gesunder, christlicher Nächstenliebe, es wird auch durch dieselben Mittel erhalten werden. In der DiScussion, die dem mit lang anhaltendem Beifall aufgenommenen Vortrag folgte, hob Herr Geh. Hofrath Pros, vr. Oncken hervor, daS Austreten deS Pfarrer» Naumann in Bochum scheine ihm ein Wendepunkt in seiner politischen Thätigkeit zu bedeuten, daS Auftreten zeige jene Kopflosigkeit, die ein Zeugviß der politischen Unfähigkeit de» sonst hochbegabten ManneS sei. Pfarrer Naumann sei dort in empfind- licher Weise von denen zurückgewiesen worden, denen er eine neue Wahrheit habe offenbaren wollen. Naumann sei ein Agitationsredner ersten Range». — Nationale Socialpolitik wollten wir alle treiben, dafür bedürfen wir keiner neuen Partei. Nicht nach dem, was in den Reden gesagt wird, und nach dem, wa» die Schlagwörter allenfalls bedeuten könnten, sondern nach solchen Thaten mußten wir Naumann beurteilen. — Herr Professor vr. Schwartz macht auf die darin liegende Gefahr aufmerksam, daß überall von den Antisemiten bis zu den Socialdemokraten der ParticulariSmu» eine sehr gesährliche Unterströmuvg sei oder wenigstens als Waffe im Wahlkampf benutzt werde. Die scharfe Opposition, die von mancher Seite gegen die Arbeiterorganisation gemacht werde, liege weder im Jntereffe deS Vaterlandes, noch der nationalliberalen Partei. — Herr Patzig wies in seinem Schlußwort auf die erfreuliche Thatsache hin, daß die Arbeiter, namentlich der Textilbranche in Süddeutschland, in den nationalliberalen Vereinen mitthaten und mitrathen. Wenn auch in Bochum Erfolge erreicht wordeu seien, so habe er doch seine Bedenken gegen eine separate Organisation der Arbeiter auf nationalem Boden. Diese Versuche seien fast immer an den Verfolgungen durch die Soctaldemokratie gescheitert. Wichtig sei es, immer den deutschen Arbeitern vorzurechnen: was kostet Euch die Socialdemokratie? Die radikale Gesellschaft in den Großstädten ist ungeduldig, end- lich den Tritt der Arbeiterbatatllone zu hören, während die große Maffe der Mitläufer nur Verbesserung ihrer Lage will.
»*P. Der 65. Santurntag bei Sanel Hessen sand am Sonntag Vormittag unter Vorsitz des Gauvertreters Helm- Gießen in „Stein'S Saalbau" statt. Vertreten waren die Vereine Alsfeld, Amöneburg, Anspach, Bad-Nauheim, Biedenkopf, Büdingen, Butzbach, Frankenb-rg, Friedberg, Gedern, Gemünden, Gießen (2 Vereine, T.-V. und M.-T.-B.), Großen- Linden, Grünberg, Heuchelheim, Hungen, Kirchhain, Klein- Linden, Krofdorf, Laubach, Launspach, Lauterbach, Leihgestern, Lich, Lollar, Marburg (3 Vereine, T.-G., T.-V. und A. T.-V.), Nidda, Niederwöllstadt, Ortenberg, Rauschenberg, Rodheim a. d. B., Schlitz, Schotten, Usingen, Watzenborn, Wetzlar, Wieseck, Wölfersheim, im Ganzen 38 Orte mit 41 Vereinen, welche 59 legitimirte Vertreter entsendet hatten. Herr Helm- Gießen erstattete nach Begrüßung der Erschienenen den Jahresbericht, u. A. bemerkend, daß die Vorarbeiten sür das im Jahre 1898 in Hamburg zu begehende deutsche Turnfest im Gange seien. Im Mittelrheiukrets fand am 26. April v. I. in Frankfurt a. M. der 57. Turntag statt, wobei der Gau Hessen durch 8 Vereine vertreten war. Auf dem 57. Turntag wurde zur Kenntniß gebracht, daß der deutsche Bund für Sport, Spiel und Turnen die Turnvereine zur Mitglied- schäft auffordert, wovor aber zu warnen sei, da der Bund vorwiegend sportliche Jntereffen versolge und damit der deutschen Turnsache Schaden zusüge. Nach dem Zählbericht des Kreisvertreters zählt der MtttelrheinkreiS 566 Vereine (21 mehr al» im Vorjahr), 17 Gaue, 942 Vereinsorte, 53985 Mitglieder (2584 mehr al» im Vorjahr), 22618 Turner (123 mehr als im Vorjahr), 8060 Zöglinge (25 mehr als im Vorjahr), 44255 Steuerzahler (2659 mehr als im Vorjahr) und 2311 Vorturner (44 mehr als im Vorjahr). Von Kreisvereinen hielten im vergangenen Jahre Jubelfeiern ab: die Turngemeinde Darmstadt, die Turnvereine Biebrich, Bingen, Eltville und Aschaffenburg. Am 11., 12. und 13. Juli • ist das diesjährige Kreisturnfest in Homburg vorgesehen. —
Zum Gau Heffen übergehend, bemerkt der Gauvertreter, daß zum Gau gehören 46 Vereine an 42 Orten, welche zusammen i 5497 Mitglieder zählen (1895: 5768), unter diesen nehmen , au den Uebungen Theil 1919 Turner (1895: 2029), wovon . 790 Zöglinge sind (1895. 761 Zöglinge), Damen-Tnrnm
Der Hietzener Anzeiger erfcheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener Aamikiendlätler werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
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