Ausgabe 
23.12.1897 Drittes Blatt
 
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Nr. 301

Drittes Blatt.

Domerrta« dm 23. December

1897

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Keßener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Der Stand und die Entwicklung des landwirth. schastlichen, bezw. ländlichen Genoffenschastsweserrs im Großherzogthum Hessen.

m, , Verbands - Direktor der hessischen landwtrthschastltchen Genoffenschasten, Geheimer Regte,ungsiath Haas-Offendach a. M., berichtete aus dem. Verbandstag am 20. Decemder dss. Js. ein- gehead über den Stand und die geschäftliche THSttgkett des V.rbandes und seiner Genoffenschasten.

Die M drnr verband»genostr«s»aft-« hat seit Anfang i«N» um 65 zugenommen; zur Zeit gehören ihm an:

332 Spar- und Dartehnökassen,

107 Bezugsvereine,

28 Molkereien,

12 sonstige Genossenschaften,

zusammen 479 Einzelgenoffenschasten,

mit 2 Centralanstalten, der Gentralgetoausgleichstelle und der Central- eiokaufsgenossenschaft.

329 und DarlehnSkaste« halten in 1896 einen Gesammtkassenumsatz von 68,9 Mrilronen Mk., also 10,5 MUl. wehr als im Vorjahre. DaS Gesammtdetriebscapital be­ziffert sich auf 39,2 Millionen Mk., davon waren 2,4 Millionen eigenes Capital (GeschästSguthaben 1,5, Reserve 0,9 Million). DaS fremde Capital, mit dem die Kassen arbeiteten, belief sich auf 36,8 Millionen Mk., wovon 35,1 Millionen im Vereinsbezirk aufgebracht wurden, 1,7 Million Mk. waren von der Centralgeld- auSgleichstelle, der Landwirthschaftlichen Genossenschaftsbank in Darm­stadt, eingeschossen. In laufender Rechnung hatten die Mit­glieder ein Guthaben von 8 Millionen, der Stand der Spar­einlagen war 26,8 Millionen.

Die Gesammtautzenstände betrugen 33,8 Millionen. ES standen auS:

in laufender Rechnung bei den Genoffen 11,7 Millionen,

auf Darlehnsschuldfchein 5,1

Hypotheken 6,9

w «aufschtllinge 10,1

und angelegt waren

in Werthpapieren und Wechsel 1,0 ,

bei der Genossenschaftsbank 2,5

3m laufenden Rechnungsverkehr mit Mitgliedern, sowie für Darlehen auf festes Ziel betrugen in 1896

die Auszahlungen 17,9 Millionen, die Einzahlungen 14,5

der Umsatz 32.4 Millionen.

Mehr auS- als eingezahlt wurden somit an die Mitglieder 3,4 Millionen.

AIS Spareinlagen wurden im Jahre 1896 insgesammt an­gelegt ........ 8,6 Millionen, und zurückerhoben ......6,2

Im Sparkassenverkehr hatte also ein Umsatz von 14,8 Millionen ftattgefunden.

Der Stand der Einlagen hat einen Zuwachs von 2,4 Millionen erfahren.

Die bekannte Sparkarten-Etnrichtung bat sich wettere Freunde erworben. Während in 1895 bei 109 Kassen gegen Spar­karien 644 000 Mk. erhoben wurden, sind in 1896 bei 157 Kassen 854000 Mk. Kartengelder «ingegangen.

Für mllde und gemeinnützige Zwecke wurden in 1896, soweit aus den Berichten der Genossenschaften hervorgeht, 11 718 Mk. auf« gewendet.

Die gesammten Verwaltungskosten der Spar- und DarlehnSkaff-n mit einer Mitgltederzahl von 30 969 berechnen sich auf 182 758 Mk. Das find nicht ganz 6 Mk. pro Mitglied und etwa f/< pCi. des Gesammtumsatzes.

Bei den vezirgSverei«-« ist auf den von 1892 bis 1895 beobachteten Rückgang des Bezüge« von 2,1 auf 1,6 Millionen eine erfreuliche Steigerung eingetreten. Gegen 1895 hat sich in 1896 die Zahl der Vereine vermehrt um 4, der Mitglieder um 220 und der Waarenbezug vm 0,4 Millionen Mk. Von den bei 107 Vereinen mit 7226 Mitgliedern für 2 Millionen Mk. gemeinsam bezogenen Maaren wurden für 0,7 Million durch die Centraletnkaufsstllle vermittelt.

Die BezugSoereine arbeiteten mit einem gesammten Be­tete bscapttal von 1 M llton Mk., davon waren 0,2 Millionen eigenes Vermögen. Die Höhe der Außenstände bei dm Mitgliedern für bezogene Maaren wird gerügt, da sie 0,8 Millionen betragen, alfo 37,4 pCt deS Waarenbezugs ausmachen.

Die fgemetnfame Mtlchverwerthung durch gmossen- fchaftliche Organisation' hat in den letzten fünf Jahren wesentliche Fortschritte gemacht. Die Zahl der Molkereigenossenschaften stieg von 15 auf 26, der Mitglieder von 410 auf 2328, die ver- werthete Milchmenge von 7,6 Millionen Kllo auf 20,9 Millionen.

Da« gefammte BetriebScapital war 1,2 Millionen. Da­von entfielen auf da« eigene Capital im Gefchäftsguthaben und Stcherungsetnlagen der Mitglieder 0,3 Millionen, auf die Reserven 0,1 Millionen. Das fremde Capital betrug 0,8 Millionen.

Das Anlagecapital, der Besitz der Molkereien in Jmmobilim, Maschinen, Geräthen und Utensilien ;roar bewerthet mit rund 1 Million.

Lohnende Nebenbetriebe Gaben einige Molkereim, als Schrot­mühle, Kundenmüllerei, Holzschneiderei, Bezug landwirthschaftlicher Bedarfsartikel. Eine Molkerei betreibt ein ElectricitätSwerk und liefert dm Strom für das electrifche Licht in den Straßm der Gemeinde, den Wohn- und WirthfchaftSräumm, sogar den Knhställm der Ortseinwohner.

Von dm sonstigen zwölf landwirthschaftlichen Ge- nossenschaften wird berichtet, daß sie mit einem Gefammt- betriebScapital von 2Millionen arbeiten, ein eigenes Capital von 0,4 Millionen besitzen und das feststehende in Immobilien, Maschinen, Geräthen und Utmfilim angelegte Capital 1,6 Millionen beträgt.

In der Zuckerfabrik Groß-Umstadt, dem ersten derartigen genoffmfchaftltchen Unternehmen in Deutschland, wurden in der Cam­pagne 1896/97 764310 Centner Rübm verarbeitet und daraus 97 728 Centner Zucker gewonnm. Bezahlt wurden für die Rübm rund 745 000 Mk., die Betriebskosten machten rund 306 000 Mk. Die Zahl der Mitglieder betrug 1001.

Die Landwirthschaftttche Ge«ostenschaft»ba«t, das

Centralgeldinstitut des heffischm VerbandeS und seiner Genossen- schaftm, hatte in 1896 bei einem eigenen Capital von 541 000 Mk. und einem gesammten BetriebScapital von 4,1 Millionen Mk. einen Umsatz

mit den Verbänden und Gmoffenschasten von 18,4 Millionm, Banken.......... 15,8

in eigener Kasse......... 21,1

Alles zusammengenommen..... 61,6

Die Guthaben der Verbände und Genoffenfchaftm (2,5 Millionen) überstiegen Ende 1896 die Schulden dieser (1,8 Millionen Mk.) um OJ Millionen Mk., welche gleich wie daS eigene Capital (0,5 Mill. Mk ) und das Überschteßmde fremde Capital (1,1 Millionen Mk.) in Wechseln, Werthpapteren und bei Banken angelegt warm.

Die «tnte»igttti>ff<«f*aft de» hessische« landwirth- schasttiche« «onsumverei«» hat in 1896 v-rmMelt:

73878 Centner Düngemittel für 242 000 Mk.

88156 Futtermittel 392000

1245 Sämereien 21000 ,

sonstige Waaren 174 000

zufammm für 829 000 Mk.

gegm 662600 Mk. im Vorjahre, was eine Zunahme des Bezugs durch Vermittelung der Cmtralstelle um ein Viertel bedeutet.

Das gefammte vetri-bSeapUal stimmlicher Etnzelgmoflen- schaften deS Verbandes berechnet stch auf 43,5 Millionen Mk., vaS der beiden Centralanstaltm auf 4,3 Millionen Mk., gibt zufammm 47,8 Millionen Mk.

Sämmtliche 474 Einzelgmossenfchaften hatten ein eietttti (Kapital von 3,3 Millionm Mk., die beiden Cmtralanstaltm 0,6 Millionm Mk., gibt zusammen 3,9 Mill. Mk. gegm 3,4 Mill. Mk. Ende des Vorjahres.

Das eigene Capital hat also im letztm Jahre einm Zuwachs um eine halbe Million Mk. ersahrm.

Der Sesa«Mt«Msatz wird angegeben:

bei 329 Spar- und Darlehnskaffm mit 68,9 Mill. Mk.

107 BezugSveretnen 2,0 ,

26 Molkereien 2,1 ,

12 sonstigen Genossenschaften 1,2 ,

474 Einzelgenoffenschaften 74,2

der Genossenschaftsbank 61,6

v Cmtraletnkaufsgenossmschaft, 0,8

insgesammt mit 136,6

gegen 115,5 Millionen Mk. tm Vorjahre. Von der Gesammtzunahme des Umsatzes um 20,1 Millionm Mk. entfallen allein auf die Spar- und Darlehnskaffen 10,5 Millionen Mk.

CocaU» «nd prooht$teO*$

Gießen. 22. December 1897.

** Kriegerkameradschaft Hasfia. Nach Erfüllung der fatzungSmäßtgen Pflichten ist der Marineverein Gießen mit 31 Mitgliedern, sowie weiter nach Beilegung der vor« gelegenen Differenzen der Kriegerverein Großen«

B

Feuilleton.

Gesundheitliche Regelung der Wintervergnügungen.

Von Dr. Robert Schultze.

(Nachdruck oerbotm.)

Die Gesundheitslehre der Gegenwart, die Göttin Hygira i« modernen Gewände, ist nicht mehr so streng und pedantisch wie in früheren Zeiten. Jetzt braucht man sich nicht mehr bei zunehmendem Monde schröpfen oder bei abnehmendem Blutegel setzen zu taffen; man braucht nicht im Frühjahr mit Latwergen und Mixturen eine SästereinigungSkur oder im Herbst eine Hungerkur durchzumachen.

Auch die Vergnügungen mißgönnt die heutige Gesund« heitSPflrge dem Menschen keineswegs, nur wünscht sie dieselben in der Art zu regeln, daß fie eine angenehme Erholung, aber keine Anstrengung bilden- daß fie Geist und Körper in wohl- rhuender Weise erfrischen, aber nicht erschlaffen und schädigen. Denn wahre, frohe Lebenslust steigert Arbeitskraft und LeistungSgröße, undLachen ist gesund". Bei fröhlichem Herzen findet fich thatkräftiges Wollen und Handeln, die geistige Frische verjüngt und macht körperlich elastisch. Also find Freude und Fröhlichkeit, Vergnügungen und Festlichkeiten in hygienischer Beziehung au und für fich durchaus zu em­pfehlen, wenn eben dabei nicht gegen die Hauptregeln der Gesundheitspflege gesündigt wird.

Jedoch nur zu oft geschieht dies leider und zwar nament­lich im Winter, wo fast alle Vergnügungen in geschloffenen, staubigen Sälen abgehalten werden, wo die weifte ErholungS- »eit in dumpfen, rauchigen Localen zugebracht wird. Hier athmet ein Philister in der stickigen Gaststube stundenlang am Stammtisch verpestete Luft ein- dort schmort eine Matrone mit sechs Anderen den ganzen Nachmittag im heißen Zimmer beim Kaffeeklatsch; hier schmachtet ein junger Mann in einer niedrigen Kneipe rauchend, trinkend, effend, fcatspielend - dort arbeitet .fich ein Fräulein beim Tanzen ab in der heißen, staubigen Last deS BallsaaleS, ohne dazwischen einmal draußen stische Lust zu schöpfen, nur auf die spärliche Kühlung ihres

Fächer» angewiesen; und allen Vieren gereichte daS Vergnügen nicht zur Erholung, dean fie fühlten fich nachher matt und schlaff, statt erfrischt und ermuntert. Außerdem pasfirte eS ihnen wohl gar noch, daß fie fich auf dem Heimweg erkälteten. Natürlich i Jener Bierphilister hockt, bei seiner gewohnheits­mäßigen Abneigung gegen jede körperliche Bewegung, stunden­lang in der heißen Kneipe und wacht wie ein Cerberus wider dasES zieht!" Mit jedem wetteren Seidel bringt er Herz und PulSadershstem dem Zustande von Ueberspannuug näher, waS fich ja auch in ^der anhaltenden Wangenröthung ausspricht, und so kann eine» Tages der kräftigste Körperim besten ManneSalter" gleich einer über ihre Spannkraft geheizten und darum platzenden Maschine vom Schlagflnffe heimgesucht werden.

Denn unser KöiprrhauShalt stellt einen lebendigen Ofen dar, der fich nur dann im Zustande des Wohlseins befindet, wenn das Heizmaterial (Speise und Trank) in flotter Ver­brennung gehalten wird durch genügende Zufuhr von sauer­stoffreicher AthmungSlust, durch Ausstrahlung der Wärme in eine kühlere Umgebung und durch körperliche Verarbeitung der aufgehäusteu Spannkräfte. Also gehe man nicht vom Studierzimmer, Bureau oder Laden gleich direkt in die Stammkneipe, sondern marschire erst längere Zeit draußen herum.

Wohl Denen, welche mit der Eultur fortschreiten und zum Stammlokal einen lustigen, stets ventilirten Raum wählen und nicht eine jener engen, dumpfen Spießbürgerknetpen. In einer solchen Restauration kann man fich nie wahrhaft restauriren, d. h. erholen und erfrischen. Die griesgrämigen und bärbeißigen Lustfeinde aber sollten überhaupt aus jeder Wirthschaft wegbleiben und fich in ihren heimischen vier Wänden hermetisch einschließeu. Denn eS ist eine Rückfichtslofigkeit sondergleichen, wenn solch ein grillenhafter Mensch mit seinem tmigenES zieht!" alle Anderen thrannifiren will und dadurch au ihrer Gesundheit schädigt. Infolge dieser Ueberhitzuvg drinnen muß natürlich oft beim HerauStreten in die kalte Winterluft eine Erkältung fich einstellen. Mit Freuden ist daaeaen die wachsende Vorliebe für Billard und Kegelbahn zu begrüßen, weil beide Spiele in wohlthätiger Weise die vom

Sitzen und Trinken kommenden GesundheitSwidrigkeiten auf» gleichen. Die Soun« und Festtage aber feiere man nicht dadurch, daß man um so länger in feiner Stammkneipe fitzt, sondern daß man, wenn nur. einmal restaurirt werden muß in eine stundenweit entfernte Wirthschaft geht.

Wie steht eS denn aber mit den winterlichen Ver­gnügungen und Erholungen der holden Weiblichkeit? Woher stammen wohl die gerade in der zweiten Hälfte des Winter» fich häufenden Anfälle von Migräne und Kopfschmerz, von Mattigkeit und Ohnmacht? Nach stundenlangem Sitzen zu Hause bei einer Handarbeit oder Lektüre setz: man fich gleich wiederzum Vergnügen" bei einer lieben Freundin an den Kaffeetisch. Wann soll fich da der fortwährend zusammen- gedrückte Brustkorb endlich einmal auSdehnen können? Wo­her sollen in dem geschloffenen Raume die Lungen genügend reine, sauerstoffreiche Luft nehmen, welche daS Blut Verbeffert und dadurch die Nerven nährt und stärkt? Daher fei der kurze Winternachmittag stets dem Spazierengehen, oder noch bester dem Eislauf gewidmet, und erst der Abend werde in häuslicher Geselligkeit verbracht. Begiebt man sich aber Abends ins Theater oder Concert, wo drückende Hitze herrscht und die Luft wie ein Gewicht auf der beengenden Brust lastet, dann benutze man die Pausen recht fleißig zum Proweniren in den kühleren Gängen, zum Einathmen der frischen Luft. In noch weit höherem Maße ist die- auf Bällen nothwendig, wo der Körper noch mehr erhitzt und der Saal mit Staub­wolken erfüllt ist. Hier muß man auch die Verdunstung immer wieder durch kühlende Getränke, wie Limonaden, er­setzen, sonst entsteht im Blut FlüsftgkeitSmangel und infolge besten sehr leicht eine hitzschlagartige Ohnmacht.

Frische Luft und körperliche Bewegung find die beiden höchst wichtigen GesundhettSfaetoren, welche wir gerade tm Winter bei dem vielen Aufenthalte in geschloffenen Räumen so sehr nöthig haben. Ohne diese können die Vergnügungen nie geistige und körperlichr Erholung bringen, sondern nur Abspannung, Entkräftung, Krankheit. Die gesundesten winter­lichen Vergnügungen aber find Schlittschuhlaufen und Schlitten­fahren!