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Nf. 223 Erstes Glatt Donnerstag den 23. September
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Abonnements Einladung.
Zum Bezug des „Gietzener Anzeiger" für das 4. Vierteljahr 1897 laden wir hiermit ergebenst i ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Lausenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Ober Hessen ansässig e Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeittg wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berück- stchtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in H a u s - wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Ar- tikün ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten llnterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gießener Familienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzuttetende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. October den Anzeiger kostenfrei zu- gestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch ,u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).
Kaiser Wilhelm in Budapest.
Der Einzug des deutschen Kaisers in die Hauptstadt !>es ungarischen Reiches bildete den Glanzpunkt der Reise des deutschen Monarchen nach dem Donaulaade. Die heißblütigen Magyaren haben unfern Kaiser mit einer enthufiastischen Freude begrüßt, welche ihres Gleichen futfct, und diese ist im so höher anzuschlagen, als sie unverkennbar herzlich gemeint war und als ein Ausdruck der wahren Gesinnung der Ungarn angesehen werden kann. Mit unendlicher Sympathie schlagen ihre Herzen unserem Kaiser entgegen, beffen ehrlicher Friedenspolitik sie vertrauen, desien Ritterlichkeit ihre Zu- relgung im Fluge erworben hat. Die heutige Büudniß- Politik der Mächte hat die Monarchenzusawmenkünste gezeitigt, veßhalb ein solches Ereigniß nur noch in seltenen Fällen die besondere Aufmerksamkeit der Oeffeutlichkeit verdient und von itr letzteren in höherem Maße gewürdigt zu werden braucht. Die letzten zwei Jahre stehen unter dem Zeichen solcher Zu surimenkünfte, deren Bedeutung man vielfach überschätzt, da P heutzutage die Polidk nicht von den Fürsten allein ge- viLcht wird. Die EntrevueS in Peterhof verdienten dieses Z.i lereffe, das einmal in der Betonung der Friedensliebe des Szvren und andererseits in der Verkündigung der russisch- französischen Allianz feine Berechtigung fand.
Auf den Besuch deS deutschen Kaisers in Budapest fällt Iv>lge der begleitenden Umstände ei« Schimmer neuen Glanzes
und besonderer Bedeutung. (56 ist kein Paraü.juv l ren, welches die Uigarn angesttmmt haben, es ist der Ausdruck vollster Befriedigung über die Anerkennung der Selbstständigkeit Ungarns feiten- des deutschen Kaisers. Bisher waren alle fremdländischen Monarchen bei ihren Besuchen beim Kaiser Franz Josef in Wien abgestiegen, ohne die ungarische Hauptstadt zu berühren,- Kaiser Wilhelm ist der erste ausländische Herrscher, dem die Magyaren in Budapest ihre Huldigungen darbringen dürfen. Diese Anerkennung ihres StaatSwesenS bildet den Hauptgrund für ihren Enthusiasmus. Daß daneben die Persönlichkeit unseres Kaisers den Magyaren ungemein sympathisch ist, haben wir schon oben erwähnt- schon oft hatten sie den Wunsch geäußert, ihn in ihrer Hauptstadt begrüßen zu können, und sie waren bitter enttäuscht, als die MtlleniumS Ausstellung im vorigen Jahre vorüberging, ohne daß sie ihren Wunsch erfüllt sahen.
Daß ein Theil der ungarischen Magnaten sich ostentativ von den Empfangsfeierlichkeiten fern hält, braucht nicht allzu tragisch genommen zu werden. Biele der vorgebrachteu Entschuldigungen muß man übrigens auch als vollgiltig ansehen, da sie sich auf hohes Alter, Gebrechlichkeit und Abwesenheit beziehen,- und die übrigen ziehen sich nur deßhalb zurück, um bei dieser Gelegenheit gegen die Kirchenpolitik des Eabinet« Banffy zu demonstriren. ES find denn auch ausschließlich der ultramontanen Richtung angehörige Mitglieder der Aristokratie, welche sich von den Hoffestltchkeiten ausschlteßen. Wenn diese Demonstranten glaubten, daß ihre Haltung ein ganz besonderes Aufsehen machen würde, so haben fie sich gründlich getäuscht- jedenfalls thut sie der Herzlichkeit, mit welcher Kaiser Wilhelm in Budapest ausgenommen wild, nicht den geringsten Eintrag.
Daß die Kaisertage in Budapest nicht vorüberziehen würden, ohne der Welt neue FrtedenSversicherungen und neue Friedensbürgschaften zu geben, lag auf der Handbilder doch diese Entrevue gleichsam den Abschluß der auf die Verkündigung der russisch-franiöfischen Allianz erfolgten neuen Kräftigung deS Dreibundes. Und gerade diese Zusammenkunft in Budapest kann als ein Ereigniß von ge- wifier Tragweite betrachtet werden, da die Ungarn das Bündniß mit Deutschland als den Eckstein der internationalen Politik Oesterreich Ungarn» betrachten, in welcher Anschauung zwischen den Stimmen der regierungsfreundlichen und oppositionellen Preffe volle Urbereinftimmung herrscht. Daß die Ungarn anläßlich des Kaiserblsucbs betonen und zu beweisen suchen, wie die Hauptstütze deS Dreibundes in Ungarn liege, darf nicht Wunder nehmen, da man dieser Annahme eine gewtffe Berechtigung nicht absprechen darf angesichts der kritischen Zustände in der ciSleithanischen ReichShälfte.
Friedenskundgebungen in Verbindung mit der Versicherung unverbrüchlicher BundeStreue bilden das Resultat deS Besuchs unseres Kaisers in Budapest. Damit können nicht nur wir, sondern ganz Europa zufrieden sein, da un» damit eine Bürgschaft gegeben ist, daß die friedliche Arbeit des Bürgers für absehbare Zeit sich ungehindert entwickeln kann.
(xx)
WolffS telegraphische» Lorrespondenz-Bureau.
Grimberg, 21. September. Der Prinz von Wales ist heute Nachmittag 6 Uhr 39 Min. zu einem dreitägigen Besuche bet der Kaiserin Friedrich hier eingetroffen.
Hagen, 21. September. Amtlich wird bekannt gemacht: Am 21. d. M., 1 Uhr 54 Min. früh, fuhr Schnellzug 89 im Güterbahnhof Hagen in den im Zurücksetzen begriffenen Güterzug 1557. Der Unfall wurde dadurch herbeigeführt, daß der Locomotivführer des Schnellzuges das für ihn auf „Halt" stehende Signal nicht beachtet hat. Verletzt wurde der Locomotivführer des Schnellzuges schwer, der Heizer anscheinend leicht. Zwei Postbeamte erlitten leichte Contufionen. Betrieb durch Umleiten der Züge aufrecht erhalten. Reisende find nicht verletzt. Der Locomotivführer ist Abends 8 Uhr nach vorheriger 48stündiger Ruhe in Dienst getreten.
Hamburg, 21. September. Die neunte Conferevz der deutschen Sittlichkeitsvereine wurde gestern Abend mit einer öffentlichen Evangelisütionsversammlung im Dereinssaale eröffnet. Generallieutenant Biebahn, Pastor Mätzold Dresden, Pastor Philipp Berlin hielten Ansprachen.
Bern, 21. September. Der Große Rath von Bern genehmigte die Ausnahme einer Anleihe im Betrage von 50 Millionen für die Hypothekarkaffe.
Budapest, 21. September. Nachmittags besuchte Kaiser Wilhelm, begleitet von Kaiser Franz Josef, das neue Parlamentsgebäude. Die Monarchen begaben fich sodann zu Fuß in den Justizpalast, besichtigten diesen und fuhren in die Hofburg, wo um 5 Uhr Galadiner stattfand.
PariS, 21. September. Der Kriegsminister hob verschiedene einschränkende Bestimmungen betreffs Urlaubs- reifen von Offizieren nach Deutschland auf, um den letzteren die Vervollkommnung in der deutschen Sprache und die Kenntniß Deutschlands zu erleichtern.
Petersburg, 21. September. Die Ernte in Rußland stellt sich im Allgemeinen als ziemlich befriedigend heraus. Die Gouvernements, in denen eine Mißernte zu befürchten ist, sollen von den Gouvernement» mit reicher Ernte zeitig versorgt werden.
Depeschen de» Bure«» .Herold/
Berlin, 21. September. Der Kaiser trifft am 5. Octoder von Rominten in Danzig ein, um dem Stapel- lauf des LiohddampserS „Kaiser Friedrich" auf der Schichauer Werft beizuwohnen. Ob der Kaiser den Tausact persönlich vollzieht, ist noch unbestimmt. Nachdem der Kaiser auf der Werft noch verschiedene Reparaturarbeiten besichtigt, begibt er sich nach Berlin. Am 18. October erfolgt die Reise nach Wiesbaden zur Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmal». Da das Zarenpaar den ganzen Ocrober in Darmstadt verweilen wird, ist eS nicht auSgescklosien, daß am 18. October oder einem der nächsten Tage eine Zusawmenkuvst dcS Kaiser» mit dem Zaren stattfindet. Bon Darmstadt fahrt daS rusfische Kaiserpaar nach Livadia.
Berlin, 21. September. Zu der Anfangs October im Reichspostamt stattfindenden Conferenz höherer Postbeamten find fämmtliche Oberpostdirectoren geladen. Unter Anderem wird die Frage erwogen werden, den gelammten Schalterdienst, also den Geschäftsverkehr mit dem Publikum, möglichst durch Post-Unterbeawte wahrnehmen zu Uff en, wo- durch Ersparnisse herbeigeführt und in größerem Umfange als bisher Militäranwärter Verwendung finden können. Die feit einiger Zeit täglich im ReichSpostamt stattfindenden Son- ferenzen find lediglich Besprechungen, die wesentlich den Zweck haben, die oben gemeldete Hauptconferenz vorzubereiten.
Berlin, 21. September. Die Landwirthschaft»« kawmer der Provinz Brandenburg ist heute Mittag hier zusammengetreten. Die Berathungen sollen dem Zwecke dienen, Klarheit über den Staub der Börsenfrage herbei» zuführen und die Richtung für die künftige Stellung zur Ausführung des BörfengefetzeS anzugeben. Die Kammer beschloß nach halbstündiger Bcrathung, für die heutige Sitzung die Oeffeutlichkeit auszuschließen, we«l die zur Berathung stehenden Angelegenheiten fich zur öffentlichen Verhandlung nicht eignen. Oderprästdent v. Achenbach nahm an der Sitzung Theil.
Berlin, 21. September. Auf da» Begrüßung», telegramm des Bürgermeisters von Pest an den hiesigen Oberbürgermeister Zelle haben in Vertretung des beurlaubten Oberbürgermeister» der Bürgermeister Kirschner und der Stadtverordnetenvorsteher LaugerhauS folgendes Antworttelegramm nach Pest gesandt: „Magistrat und Stadtverordnete Berlins danken der Stadtverwaltung und Stadtvertretung der Haupt- und Residenzstadt Pest für die anläßlich des Empfanges des deutschen Kaisers in Pest gesandten freundlichen Grüße, erwidern dieselben herzlich und senden aufrichtige Glückwünsche für Ihre schöne Stadt und daS gesummte, dem Deutschen Reiche innig befreundete Ungarn."
Berlin, 21. September. Wie neuerdings berichtet wird, wird der nächste conservative Parteitag am 29. und 30. Januar 1898 in Dresden stattfinden. Die localen Vorbereitungen des Parteitages liegen in den Händen des Hof- rathcS Dr. Mehuert, der in der obersten Organisation der Partei, dem sogenannten Elser-AuSschuß, daS Königreich Sachsen vertritt. Den Vorsitz auf dem Parteitag wird der Vorsitzende der Elfer-AnSschuffeS und Bicepräfident des preußischen Herrenhauses, Landesdirector Frhr. v. Manteuffel, führen.
Betlin, 21. September. In Bestätigung einer anderweitigen Meldung erfährt auch die „Post", daß in unterrichteten Kreisen Frhr. v. Marschall als der zukünftige Vertreter des Deutschen Reiches bei der Hohen Pforte be- trachtet werde. In denselben Kreisen sei man der Auffassung nicht abgeneigt, daß der Nachfolger deS Frhrn. v. Thielmanu auf dem Washingtoner Botschafterposten der jetzige Unter* staatSsecretar deS Auswärtigen Amts Frhr. v. Roten Han sein werde. Eine definittve Entscheidung über die Beränder. ungen im diplomatischen Dienst dürfte indkffen erst nach der Rückkunft deS Kaisers zu erwarten fein, bi» zu welcher auch der Reichskanzler Fürst Hohenlohe in Berlin wieder ctn- getroffen fein werde.
Hirschberg, 21. September. Die Kaiserin traf Bor- mittags mittelst SonderzngeS hier ein und fuhr nach kurze«


