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23/02/1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 45

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Htttzeuer Anjeiger erscheint täglich, eilt Ausnahme des Montags.

Die Gießener AamisieuVkäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

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weites Blatt. Dienstag de« 23. Februar

Gießener Anzeiger

Kenerat-Jtnzeiger.

Vierteljähriger Abonncmentspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerkohu. Durch die Post bez^ea 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblatt für denKreis Gießen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de« folgenden Lag erscheinenden Nummer bi« Bor«. 10 Uhr.

chratisöeitage; Hießener Aamiti-nötätter.

Alle A«nonce>.vureanx deS In- und Ausland«« nehmr» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgege«.

Tlmtlicbcr Theil.

Bekanntmachung.

DieuStag bett 23. I. Mts. bleibt unser Bureau zeschlossen.

Gießen, den 22. Februar 1897.

Großh. Gteuercommiffariat Gießen.

____________________Bähr. ____________

Bekanntmachung,

^ktreffeud: Revidirte Unfallverhütungsvorschriften der Hessen-Nassauischen BaugewerkS-BerufSgenofienschaft.

Die Hessen-Nassauische Baugewerks BerufSgenofleuschaft hat ihre UafallverhütungSvorschriften einer Revision unter­zogen,- die abgeänderten Unfallverhütungsvorschriften wurden am 3. October 1896 durch das ReichS-BerficherungSamt genehmigt.

Wir machen auch diesmal alle Interessenten auf diese »evibirte« Uufallverhütuugsvorfchrifteu, sowie auf dieAuleituug für -rfte Hülfeleiftuug bei Unfälle« «nr Ankunft des Arztes" aufmerksam und bringen zur allgemeinen Kenntniß, daß sowohl dierevtdirten Unfall- Verhütungsvorschriften", als auch dieAnleitung" zu Jeder- mauus Einsicht in den AmtSlocalen jeder Bürgermeisterei, in Gießen auf dem Polizeiamtsbureau, auShäoge«.

Wir fordern die Interessenten auf, diesen Vorschriften bet jeder Gelegenheit tu genügender Weise Rechnung zu tragen. Die Nichtbeachtuug dieser Vorschriften zieht straf­rechtliche Verfolgung nach sich.

Gießen, den 18. Februar 1897.

GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, den 18. Februar 1897. Betr.: Wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

*» die Großh. Bürgermeistereien ber 8anb- gemeinbeu bes «reifes.

Unter Hinweis auf vorstehende Bekanntmachung benach­richtigen wir Sie, daß Ihnen ein Exemplar derrevidirten Unfallverhütung-Vorschriften" mit einerAnleitung für erste Hülfeletstung bet Unfällen vor Ankunft deS Arztes" kurzer

Haud zugehen wird, welche- Sie in Ihrem AmtSlocal aue- häugen wollen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Februar. Entgegen den mehrfach in der Presse verbreiteten pessimistischen Berichten über die Reform deS MilttärstrafprocesseS wird derNat.-Zeitg." be­richtet, daß die Vorlage demnächst au das Plenum deS BuudesrathS gelangen soll, von Hindernissen, die darin bestehen sollen, daß nach wie vor ein krtegSherrltcheS Be- stätigungSrecht gegenüber den Urtheilen des höchsten Mili- tär-GerichtShofeS in Anspruch genommen würde, ist nichts bekannt. Die Handwerker-Vorlage soll bekanntlich nach einer Ankündigung deS StaatSsecretärS v. Boetticher im Monat März au den Reichstag gebracht werden, obgleich noch nach Abschluß der Arbeiten der Subcommisfion jetzt den Aus­schüssen zahlreiche ÄbänderungSanträge zugegangen find. Man hofft über diese Anträge in dem jetzigen Stadium der An­gelegenheit schnell hinweg zu kommen. Die von dem Staats- secretär erwähnten 62 Abänderungsanträge einer einzigen Regierung sollen badischen Ursprungs sein.

Berlin, 20. Februar. Die Nachricht, Lord Salts- bury habe den deutschen Blokade-Borschlag dahin be- antwortet, daß, bevor eine Action gegen Griechenland unter- nommeu würde, die zukünftige Verfassung Kretas unter den Mächten zu berathen und dabei eine Autonomie der Insel nach dem Borbtlde von SamoS ins Auge zu fassen sei, ist nach den Informationen derNordd. Allg. Ztg " zutreffend. Wie das officiöse Blatt hört, ist die deutsche Regierung getreu ihrer bisherigen Haltung bereit, mit den Mächten in Verhandlungen über die zukünftige Gestaltung Kretas unter zwei Voraussetzungen einzutreten: Einmal muß dabei eine Annexion Kretas durch Griechenland außer Betracht bleiben, welches keine Gewähr für die Herstellung geordneter Zu- stände auf der Insel biete, dagegen für die übrigen Balkan- Völker einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen würde, ferner aber ist vor Eintritt in jene Verhandlungen der välkerrechtS- wtdrigeu Action Griechenlands ein Ende zu machen.

2lu»laiib.

Wie«, 20. Februar. OfficiöS wird die Verschiebung der Reise Kaiser Franz Josefs nach Cap St. Martin bestätigt.

Wie», 20, Februar. Der Londoner Correspondent der N. fr. Pr." hatte eine Unterredung mit dem früheren Minister Bryan und Sir Charles Dilke. Beide drückten die Ueberzeuguog aus, daß trotz der Ablehnung der von Deutsch­land befürworteten Blocade die Oriemkrtse friedlich verlaufen werde. Kreta werde die Autonomie erhalten und Griechen­land zur Verwaltung übergeben werden. Lord Salisbury werde zweifellos mit Oesterreich-Ungarn, Italien und Ruß­land eine geeignete Form zur Lösung dieser Frage finden.

Nom, 20. Februar. Auf der Eonsulta wird versichert, daß Italien den Blocade-Antrag definitiv ab gelehnt habe.

Paris, 20. Februar. Eine Depesche auS Eouftantinopel meldet, daß die befohlene Mobtltstruug von zwei türki­schen Geschwadern eine gewiffe Zeit beanspruchen wird, da noch nichts vorbereitet ist.

Paris, 20. Februar. Der Polizeipräfect hat für nächsten Montag umfaffende Maßregeln getroffen, damit die Ab­geordneten beim Ein- und AuSgang vom Kammergebäude durch den Pöbel nicht belästigt werden. Der Zutritt zum Palais Bourbon wird in einer bestimmten Entfernung abgesperrt.

Paris, 20. Februar. Heute Nachmittag wird in der Kammer die Interpellation GueSde über die Ausweisung deutscher Soctalisteu zur Besprechung kommen. Der Minister deS Innern wird erklären, daß die beiden aus­ländischen Revolutionäre zur Sicherheit über die Grenze ge­bracht wordeu seien.

Londo«, 20. Februar. DaS gestern Abend veranstaltete Meeting zu Gunsten der Bereinigung Kretas mit Griechenland war von vielen parlamentarischen Mit- gliedern, dem Personal der griechischen Delegattoueu, dem griechischen KleruS u. f. w. besucht. Gladstone hatte auS Cannes ein ZustimmungS-Telegramm gesandt. ES wurde eine Resolution angenommen, in welcher die Vereinigung Griechenlands mit Kreta gefordert wird.

Athen, 20. Februar. Der Minister deS Auswärtigen hat die Aufhebung der griechischen Consulate auf Kreta mit Rücksicht auf die erfolgte Proclamirung der Ein­verleibung der Insel in Griechenland vorgeschlagen. Die optimistischen griechischen Blätter glauben, daß Griechenland mit feinen Absichten durchdringen wird. Durch königliche Verordnung find zwei weitere Klaffen vou Reservisten ein» berufen. Eine zweite Flotttlle von Torpedobooten ist nach einem unbekannten Bestimmungsort, indeffeu nicht nach Kreta abgegangen.

Feuilleton.

-er groß« Mailing.

Humoreske von Martha Renate Fischer.

(Schluß.)

Aber als Luch fich mit strahlendem Geficht herumweodet und mit den frohen Augen eiueu Lorbeer heischt, applaudirt er mit Mund und Händen, uenot fie eine Künstlerin, steht auf, reckt fich, pfeift leise die ersten schmelzenden Tacte deS WerbetauzeS und schwebt seine PaS und Figuren zu ihr, der Almeh.

Und Lucy ruft zwischen Weinen unb Lachen:Molling! Molliug! Sie find noch heute ein großer Künstler!" Sie drückt feine Hände, wickelt ihn in die seidene Decke, bedeckt ihre Augen mit den Händen und denkt: Armes, altes Kraut! Ach, ich muß ja weinen! Lahmer, dürrer, alter Schächer! Und da- ist der Molling!--

Molling trank fast jeden Nachmittag feinen Kaffee bei Luch. Daun klopfte auch fie bei ihm an, wurde aber beinahe heftig abgewiefeu.

Sie war beleidigt, gekränkt bis er ihr zerknirscht mit widerstrebender Lippe erzählte, wie er es mit der Hofe hielt.

Nun meldete fie fich an, wenn fie den alten Freund besuchen wollte.

DaS ganze Pensionat wußte jetzt aber, daß es zwei Größen beherbergte, den berühmten Molling und die Luch! Einer pflanzte für den andern begeistert und gut- müthig dea Lorbeerbaum.

Und die PeofionSwirthin gab ihren ästhetischen Monats- thee mit Bratkartoffeln und Würstchen unb bat die beiden edlen Gäste, ihren Elite-Abend durch ihre Kunst zu würzen.

Und beide sagten zu einer zum heimlichen Jammer deS andern.

Aber Luch dachte: Ich sags ihm ich kann- nicht mit ansehen, daß man über den großen Molling lacht und lud ihn auf Nachmittag ein zur Generalprobe.

Als Molling ins Zimmer kam, fand er eiueu Vespertisch bereit Caviar, Lachs, Portwein, uud Luch langte Bouillon und Pastetcheu aus der Ofenröhre.

Sie trug ein schönes dunkles Seidenkleid mit Spitzen, v°r der Brust einen Fliederzweig. Molling war im schwarzen Rock mit Tuberose.

Und es ist doch noch der Molling, dachte Lucy, noch etwas vou ihm und sagte weich:Die Ehre! Wie hätte ich mir das vermuthet, als ich noch ein junges Ding war." Trank ihm zu und ließ fich zutriuken bis sie beide ein klein wenig warm wurden.j

Dann sprang fie auf, setzte fich an den Flügel und sang AeuncheuS Lied aus demFreischütz":

Wie nahte mir der Schlummer, Bevor ich ihn geseh'n.

Molling legte die Stirn auf die Faust und dachte: Ich leid S nicht, daß fie fingt. Ganz zerquetscht, gar kein Schmelz, uud nun auch noch falsch. DaS halt ich nicht auS, wenn die Hohlköpfe über fie lachen über das prachtvolle Gemüth. . . ünb "tagte: Meiner Bogel! Kleine weihe Flaum- feder!" und küßte ihre Hand, blieb rein mit den Lippen auf der Hand - reckte fich plötzlich, und während fie seine Melodie spielte, wuchs er auf, hob sich - schritt - schnellte wirbelte

Und sie hörte mitten im Spielen auf, ließ die Hände finken und weinte. Wußte: er darf nicht tanzen er ist ja nur noch ein Zrrrbild und doch dabei der große Molling ja, man findet ihn.

Und sie stürzt auf ihn zu und ruft:Molling! Molling! Sie dürfen nicht tanzen."

Weßhalb nicht?"

Mir zuliebe nicht."

Tanzte ich nicht gut, Lucy?" fragt er bitter.

O, Molling, ein Künstler wie Sie! Aber, Molling, aber ich bin eifersüchtig," sagt fie gepreßt.Sehen Sie das ist noch ein Stück von der alten Bor---liebe!*

»Loch, ich danke Ihnen für Ihre--Freundschaft,

Lucy, nicht wahr?" sagt er schalkhaft.

»Ja, Freundschaft, Molling," athmet fie auf.Und ich mach's für uns zwei ab: ich geb noch eine Arie zu. Etwa:

Ha! welche Lust, den Speer zu schwingen

Mit leichter Hand.

AuS derUndine", Molling?"

Er preßt fie beim Arme und ruft:Das gebe ich nicht zu. Das thon Sie mir nicht an, Luch. Sie dürfen nicht fingen."

Weßhalb nicht?"

Ei, meine kleine Flaumfeder, ich bin auch eifersüchtig."

Aber, Molling, wie soll ich das verstehen?" fragt fie verstört.

Wie Sie wollen und wünschen."

Ja, Sie müssen deutlicher sprechen."

Wenn ich noch der große Molling wäre, Luch- sagte er verlegen.

Sie bittet ihn mit den Augen- aber er läßt sein Ge- ficht in die beiden laugen, melancholischen Falten finken «ud bleibt still.

Da wird fie auch still, fragt nur:Und wa- sollen wir dem Publikum sonst vorsetzeu?"

Ja, waS sollen wir ihm vorsetzen . . . sagt er beklommen.

Ihre Augen glänzten, fie faßt seine Hand und spricht seise:Ich weiß, Molling--wir setzen ihm ein Braut­

paar vor"

Uns beide, Luch?" fragt er mit stockender Zunge.

UnS beide!"

Er nimmt fie in seine Arme und fie weinen beide und wissen unerschütterlich klar, jeder aus dem Sträuben deS andern, daß fie beide in ihrer Kunst arme Krüppel find. Und fie freuen fich dessen. Denn wie hätten fie fich sonst wohl gefunden!