Ausgabe 
22.10.1897 Zweites Blatt
 
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-ietzcaer A«,eig«r erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».

Die Gießener A-mitie-ßtälter werden dem Anzeiger wächenklich dreimal beigelegt.

Meßmer Anzeiger

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Vierteljährig er Avonnemcntsprei», 2 Mark 20 Pfg. «U Bringerlohn.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm«» Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgehn.

amtlicher LHeL

Bekanntmachung.

Wir bringen hierdurch zur Kenntnlß der Betheiligten, daß der Auftrieb zu den Biehmärkteu am 26. und 27. l. MtS. erst von 8 Uhr Vormittags ab stattfinden kann, bis zu dieser Zett ist das Aufstellen des Viehes auf den Zufuhrstrahrn zum Marktplatz verboten.

Gießen, den 20. October 1897.

Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.__

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K. Büdingen, 18. October. Heute fand im RathhauS- laale dahier, unter dem Vorsitze des Herrn Geheimen Re- gieruugSrath Klietfch und in Anwesenheit ssmmtltcher Mit­glieder der KrelSschulcommtssion, deS Herrn KretSschnlinspector Buß, Herrn Pfarrer Dillmann, Herrn LandtagSabgeordneteu Erk und des Herrn Reitz, die KretSconferenz der Mehrer de» Kreises Büdingen statt. Der Schul- lasprctor des Kreises gab zunächst eine statistische Ueberficht über das Schulwesen dek Kreise». Schulen befinden fich im Kreise 71, wovon 70 gemeinsam und eine katholisch, sämmtliche find gemischt, mit Ausnahme der vier obersten Klaffen zu Büdingen, in welcher die Geschlechter getrennt unterrichtet werden. Bon den Lehrern deS Kreises find 84 definitiv, *21 Schulverwalter und 2 Schulgehilfen. Schulklassen mit über 100 Schülern find noch 5 vorhanden. Schulgeld wird noch au 17 erhoben, an 54 nicht. Wetter befindet fich Im Kreise die erweiterte Schule zu Nidda. An Privatunterrichts- austalten befinden fich im Kreise die höhere Töchterschule zu Büdingen, in welcher 45 Mädchen von 2 Lehrerinnen unter­richtet werden, sowie das Institut auf dem Bingenhetmer Forsthaus, in welchem 17 Schüler von drei Lehrern und einer Lehrerin Unterricht erhalten. Fortbildungsschulen bestehen im Kreise 71. Vorträge wurden zwei gehalten: 1. Vortrag be» Herrn Lehrer Bramm aus Unter-WidderSheim über ^Pädagogische Behandlung des Ehrgefühls"- 2. Vortrag des Herrn Lehrer Diener aus Mittelgründau überStufengaug der Aufsatzübungen".

»atnj, 20. October. Ueber die hessische Steuer- reform hielt gestern Abend der Reichs- und Landtags- Abgeordnete Dr. Schmitt hier einen längeren Vortrag, in welchem er die von der Regierung zur Beseitigung und Herabsetzung der Grundsteuer, Gewerbstruer und Capital- rentensteuer gemachten Abänderungsvorschläge erörterte. Bei den RegterungSvorschlägen sei der Gedanke an eine directe Besteuerung deS wirklichen Einkommens festgebalten worden und zwar mit Selbstdeclaration und Progression. Gemäß dem Regierungsvorschlag sei der durch den Wegfall der Grund-, Capitalrenten. und Gewerbesteuer entstehende Aus­fall von Mk. 4,400,000 durch eine Zuschlagssteuer auf fundtrteS Einkommen aufzubringen, weshalb die Einbringung einer Vermögenssteuer das Wahrscheinlichste sei. Setze man eine Steuer von 80 Pfg. für 1000 Mk. Vermögen fest, so ließen fich, wie der Redner ausführte, die Mk. 4,400,000 bis auf Mk. 700,000 aufbringen, welch fehlender Betrag leicht durch Einführung einer Hessischen Staatslotterie zu decken wäre. Wolle die Regierung ihrer Beamtengesetz. Vorlage Annahme sichern, so müffe sie für eine entsprechende Emnahme sorgen, welche sich durch Einführung einer hessi­schen StaatSlotterie leicht beschaffen ließe. Redner glaubt, daß auf dieser Grundlage die Steuerreform erfolgen werde, vorausgesetzt, daß die Regierung ihren Widerstand gegen die Einführung einer hessischen Staatslotterie aufgebe.

A Mainz, 20. October. Auf Anregung deS DirectorS der hiesigen Entbindungsanstalt wurde hier eine Alters­versicherung S kaff e für Hebammen gegründet. AIS ersten Fonds für diese Kaffe hat Director Medtcinalrath Krug ein ansehnliches Geldgeschenk gemacht.

«in Duell zu «ab. Daß erste thatsächlich stattgefundene Duell auf dem Zweirabe ging in Nordamerika folgender- maßen in Scene: Zwei junge Leute in St. Louis, die pasfionirte Radfahrer waren, liebten doffelbe Mädchen. Wie immer in solchen Fällen gab eS bald Streit und es wurde befchlofien, die Affaire durch ein Duell auszutragen. Die Bedingungen des Duells waren folgende: Die beiden Duellanten hatten fich auf 150 Meter Entfernung mit ihren Rädern aufzustellen und sodann mit voller Wucht aufeinander loSzu-

fahre». Der stärker Verletzte sollte als abgeführt gelten. Man begab fich also hinaus auf die Landstraße, die Secun- tonten maßen die Distanz, die Duellanten bestiegen die Räder, der Schiedsrichter gab bas Signal und die beiden Gegner setzten fich mit voller Schnelligkeit gegeneinander in Bewegung. ES gab einen furchtbaren Krach, die Maschinentheile flogen in der Lust herum, und als fich die Staubwolke .verzogen hatte, sah man beide Gegner bewußtlos und schwer verletzt auf dem Boden liegen. Vergebens suchte der Schiedsrichter den Sieger festzustellen, beide Gegner waren total abgeführt. ES blieb ihm also nichts übrig, als der in Frage stehenden Jungen Dame die Entscheidung zu Überlaffen.

Bewegliche Rontgenbllder hat der englische Arzt Dr. Macintyre von einem Frosch ausgenommen, indem er die verschiedenen Phasen deS kriechenden und hüpfenden ThiereS in vielen für den Kmematographen geeigneten Mo- mentbildern aufnahm. Die der Londoner königlichen Gefell- schäft vorgelegten Aufnahmen sollen wohlgelungen sein.

80,000 Mk.

ist allein der Werth der 400 Haupttreffer, welche bei der .Münchener Sanft-Ausstellung»-Lotterie- zur Verloosung kommen. Bei dieser überaus chancenreichen Lotterie entscheidet nicht allein der blinde Zufall, sondern eS entfällt auf Grund deS Gewinnplanes auf je 10 fortlaufende &>o»tmmmtrn t*t*' deffeuS 1 Treffer (garantirt) ES kommen nämlich zur Verloosung bet! 200,000 Loosen 80,000 Gewinne. Durch die Ziehung wird bestimmt, welche Nummer durch alle Zehner gewinnt. Wer also 10 Loose mit fortlaufenden Nummern besitzt, ist mm« deften» eine» Treffer» sicher. Das unterzeichnete Bureau ver­sendet a) gegen Einsendung von 10 Mark 10 forttauf tute Loosnummer« mit mindesten» 1 Treffer (garantirt), b) gegen Einsendung von 20 Mark = 21 fortlaufende Loo»«ummer« (1 Freiloos) mit miudeste«» 2 Treffer« (garantirt), c) einzelne Sooft gegen Einsendung von a 1 Mark.

ar Ziehung am 15. November 1897.

Für Francozusendung (bis zu 10 Loosen in Deutschland 10 Pfennig Ausland 20 Pfennig) Porto erbeten. Wird die Loos-Sendung .Eingeschrieben" gewünscht, so Pnb fctnerc 20 Pfennig für francirte Zusendung der Ziehungsliste sofort nach der Ziehung weitere 20 Pfennig beizufügen.

Da» Lotteriebureau der VII. Intern. Kunstausstellung München, im «Sntgl. «la»patast. 9316

Feuilleton.

Heimath.

Novelle von H. Ren 6.

(1. Fortsetzung.)

®r lachte kurz auf. Je früher den deutschen Staub von den Füßen geschüttelt, Je besser.

Vielleicht ließen sich aber durch Zerstreuung die un­gebetenen Gaste, die fatalen Gedanken, verscheuchen.

Also einen Bterbummel, wie der deutsche Student zu sagen pflegt. Dazu gehörte Stimmung, fröhliche Genoffen, und er kannte hier Niemand.

Dann (Streu», Schauspiel, Oper! Um keinen Preis. Alle diese Genüffe hatte er damals in Pari», in der ersten Zeit seiner kurzen, unbefriedigten Ehe dis auf die Hefe aus­gekostet. Papa Cailleron und Cecile hatten fich mit wahrem Heißhunger tu da» lang entbehrte, heimische Vergnügen ge­stürzt. Au» dem Circus ging eS in eine Feerie, au» der »eerie in ei» Ballhaus, gleichviel welchen Ranges, von dort in die ersten Restaurant», wo die Kellner, tn Anbetracht de» reichlichen Trinkgeldes, em spöttisches Lächeln unterdrückten über die vulgären Gäste, bis endlich der Tag oder vielmehr die Nacht tn irgend einem Cafs beschlossen wurde. So ging r» wocheu-, monatelang, bi» die kleine, zarte Frau, die be­ständig hustete und fieberte, zusammenbrach und selbst heim- verlangte in daS mhrthenumblühte Landhaus am Meer, da» ihr der Cater zur Ausstattung geschenkt. Auf hoher See war sie dann gestorben, und der alte Pirat, dessen einziger -Lebensinhalt eben diese Tochter gewesen, folgte ihr bald, Robert Heider, dem pfenniglosen Abenteurer, alle feine er­beuteten ReichthÜmer zurücklassend.

Dort oben im Goldland waren sie Nachbarn gewesen, rr und der alte, pergamentfarbene Franzose, dessen Matrosen« «schänke nur ein Deckmantel war für den ungesetzlichen Wucher, den er trieb.

Man pflegt nicht sehr wählerisch zu sein in Californien, zumal wenn mau ein solch armer, glückverlassener Bursche ßst, de« Niemand mehr etwas borgen will. Eine warme Fürsprache hatte er freilich in der Tochter de» Alten,

dem dunkeläugigenStern vom Sacramento", gefunden. | Mademoiselle Cecile Cailleron begann mit ihm zu kokettiren, und er, obgleich er für da» kleine, leichtfertige Ding mit den hochroth geschminkten Wangen und heiserer Stimme auch nicht das Geringste fühlte, ging darauf ein au» Lange- weile. Man neckte ibn mit seiner Eroberung, neidete ihm auch wohl den Goldfisch, der wirkliche Brillanten und hohe Stöckelschuhe trug, und ehe er sich'» versah, war er mit Vater und Tochter unter toeg» nach Europa. »Cecile vertrug daS calisornische Klima nicht und Papa Cailleron wollte dem Schwiegersöhne seinen Elfenbeinhandel tn Konstantinopel flber­geben, um bann in der Welt weiter herumzugaunern- Cecile sollte doch nun einmal das Leben einer Fürstin führen.

In Marseille wurden sie getraut. Er gedachte seiner Mutter und ließ die kleine, fieberheiße Hand, bte der Priester eben in die seine gelegt, unwillkürlich sollen. Dann kam der tolle Winter in Pari», CecileS Tod, seine Metamorphose zum Millionär, und weiter? Ja, weiter kam dann wohl nicht» mehr.---------

Länger als ein Jahrzehnt hatte er dieser Dinge nicht mehr gedacht. Warum erschien ihm jetzt plötzlich die Ver­gangenheit in solch einem grellen Lichte. War er, trotz aller Irrfahrten, doch ein Deutscher geblieben, ei» schwerfälliger Deutscher? Qualvolle Aussicht, diese endlosen Stunden auf heißem Lager ruhelos sich hin- und herzuwerfen. Und bann die ungebetenen Gebanken, biefe wilbe Jagd!

Das Beste wäre wohl eine Nachtfahrt in» Blaue hinein. Vielleicht trug der Wind frischen Heuduft von den Feldern in da» enge Conpö, und man könnte beobachten, wie die Sternennacht langsam dem Morgengrauen wich. Sehr lange hatte er keinen Sonnenaufgang mehr gesehen. Da» letzte Mal wohl, als er Goldgräber am Sacramento gewesen. Aber was hatte die Sonne beleuchtet? Einen Hausen wüster, würfelnder Gesellen, und mitten darunter feine» Vater» Sohn, seines stolzen, ehrensesten Vater» Sohn!

Er biß die Zähne zusammen, um nicht aufzustöhnen. Weg mit den Gedanken, für ihn gab es kein Erinnern, kein Heimweh mehr! Und im Grunde, was ging e» ihn an, ob bte Morgensonne Über Californien ober Schlesien» Bergen staub! «r klingelte, befahl Licht, die neuesten TageSblätter.

Doch bald war bie Zeitung bei Seite geschoben und er blätterte in dem keinen CourSbuche. Immer wieder kehne sein Blick zurück nach dem kleinen Orte, der inzwischen Bahn- station geworden war. Damals, al» er auf und davon­gegangen, wand fich zur Winterszeit die Post noch mühsam durch verschneite Hohlwege. ES war ihm, als höre er Plötz- lich ihr schwersälligeS Stoßen und Rumpeln auf dem Pflaster vor den Fenstern.

Er sprang auf, weit flog der Stuhl in» Zimmer und die Zeitung flatterte vom Tisch.

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Der türkische Diener sei ja mit Erlaubniß de» gnä- digen Herrn In den (Streu» gegangen," erinnerte der er- staunte Kellner.

Richtig!" Er besann fich.Dann mag Ali mit dem Gepäck meine Rückkehr hier erwarten. Flink eine Droschke nach dem schlefischeu Bahnhof, in einer Stunde geht der Schnellzug."

Al» Eo», die rosenfiagerige, strahlend, eine siegreiche Göttin, am dunklen Nachthimmel erschien, richtete der türkische Großhändler, den deutsche» Heimweh, alberne Sentimentalttat im Grunde gar nicht» anging, fich au» seiner finsteren Ecke auf. Bisher waren bie Stationen fremd, fast ungehört an seinem Ohr verklungen, aber dort in der blauen Ferne jene mächtige, vom Morgenuebel leicht umwogte Gebirgskette kannte er ganz genau. Gerade so, mit den trotzig tn die Wolken ragenden FelSzacken und den dunkel bewaldeten Klüften hatte fie oft ihm vor der Seele gestanden.

Sein Herz pochte, baß bumme Herz, über welche» der Kopf so wenig Macht besaß.

Die Sonne stieg höher, der Zug eilte weiter, die Berge kamen näher. Run kannte er fie alle, die Namen, die der Schaffner rief. Da» war fie, die große Stadt, au» der einstmals sein WeihnachtSspielzeug gekommen, und die dann später der Schauplatz seiner wilden, schlechten Schfllerstreiche '"°°s!°«,»dt. dem S-»st-r dr» Rückt»; rr mochte fie »'cht tn der Morgensonne funkeln sehen, jene Thürme.

(Fortsetzung folgt.)