Ausgabe 
21.12.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 299 Zweites Blatt. DievÄag dev 2t. December

1892

Der

Sicherer jkqei#«

rricheim täglich,

MW Lu-nahmr des Montags

Die Gieß««r WsWitien-ltiter werde» dem Luzeiger wöchewtlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Keneral-Mnzeiger.

BierteljShrigwc *6ouxrtxt«Uprde t 2 Mark 20 Pfg. eit Briagerloh«. Durch dir Post bezog« 2 Mark 50 PH.

Äeboctio», «P»editiL» und Druckerei:

Kch-tstratzeAr.^ Fernsprecher 61s.

2lints- und Anzeigeblutt für den Ureis Giefzen.

«»» tzM vo» Hegeigea z» der Nachmittag- für de» falgemde» Lag erscheinende« Nimm« bi- Bonn. 10 Uhr.

HratisSeikage: Gießener, Aamilienökätter.

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Alle Änxowrtx-Bertau? de- Iw- mb Lu-lande- nehme» Aozeig«a für de» ,Sieße»er Auzriged' mt-«.

Umtlicbvr Thall.

Edictalladung.

Nachdem wider den Rekruten Karl Kutscher aus dem Landwehrbeztrk Gießen, geboren am 4. November 1875 zu Lollar, Kreis Gießen, der förmliche DeserttonSprozeß er­öffnet worden ist, wird derselbe hiermit avfgefordert, sich so­fort bet seinem Truppenthetl zu gestelleu, spätestens aber in dem auf DouuerStag de» 14. April 1898, Vor­mittags 10 Uhr, anberaumteu Termin vor dem unterzeichneten Gericht zu erscheinen, widrigenfalls die wider ihn eingelritete Untersuchung geschloffen, er in contumaciam für fahnen­flüchtig erklärt und tu eine Geldstrafe von Etuhundertundfüufztg bis Dreitausend Mark verurtheilt werden wird.

Darmstadt, den 16. December 1897.

Gericht der

Großherzoglich Hessischen (25.) Division.

Local'Polizei-Reglement,

betrrffrnd die Verwendung schulpflichtiger Kinder zum

Kegelschubdteuste.

Zar Abwehr der mannigfachen Nachtheile, welchen schul­pflichtige Kinder, die beim Kegelschieben verwendet werden, ausgesetzt sind, wird hierdurch in Gemäßheit des Art. 56 der Städte-Ordnung, nach Anhörung der Gtadtverordueten-Ber- sammluug und mit Genehmigung deS Großherzogltcheu Mi­nisteriums deS Innern vom 3. December l. I. zu Nr. M. I. 20444, für den Bezirk der Gemarkung Gießen verordnet, wie folgt:

§ 1.

Inhabern von Kegelbahnen ist eS untersagt, schulpflichtige Kinder zum Segelschubdtenste zu verwenden.

§ 2.

Zuwiderhandlungen gegen § 1 werden mit einer Geld­strafe bi« zu 30 Mark bestraft.

Gießen, den 17. December 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Bekanntmachung.'

Die Inhaber von Kegelbahnen dahier machen wir auf vorstehendes Local-Polizet-Reglement mit dem Aafügeu besonders aufmerksam, daß das Reglement alsbald in Kraft tritt.

Gießen, den 17. December 1897. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Feuilleton.

S chw «r? - W eiß.

Von E. Reinhold

(Schluß.)

Am nächsten Morgen stauben die beiden Gatten zeitig auf, denn um acht Uhr sollte Achmed seine Strafe autreten. Kau« hatteu sie ihre Toilette beeudet, da trat Clara au ihren Mann heran.

»Achmed!* sagte sie leise.

WaS willst Du?" entgegnete der Schwarze unwirsch. .Heut trennen sich unsere Wege. Ich gehe ins GrfSogniß, !ud wenn ich herauskomme, findet sich für mich wohl weiter nichts als ein Strick und ein Nagel zum Aushängen. WaS Du wachst, ist Deine Sache, bei mir ist nichts mehr zu holen. Du weißt, der Haußwirth schließt uns heut die Bude zu. Geh, pack also Deine Sachen."

Aber Clara ging nicht.

Achmed," sagte sie, »Du sollst nicht iuS Gesäugniß."

Und sie hielt ihm die geöffnete Hand hin, in der zwei Goldstücke lagen. bcY Ucberraschung fuhr Achmed

zurück.

Weib, woher hast Du das?"

Schwer aihmer d stand ste da. Dann sagte fie leise nnb fiodenb- _ aüf _ gestern Abend, als

e, Nimm es, es ist Dein, fi- brauchen -«

nicht, und fi- riehweu Dir zehnmal-ehr. Nimm es, «ch--d, Ich beschwöre Dich, nimm es, daß Du nicht laß mich Dich

konnte nicht weitersprechen. Achmed aber stand da, die Augen verlangend auf daS Geld gerichtet. Da fiel sein

Deiche«

Berlin, 18. December. Der gestrige Besuch deS K a i s e r S bei« rassischen Botschafter hatte in erster Linie den Zweck, dem Botschafter zum Namenstage des Czaren zu gratulireu. Daß im Anschluß hieran Fragen der Politik berührt worden find, darf als sicher angenommen werden. Der Abschied deS Kaisers von dem Botschafter war ein äußerst herzlicher.

Berlin, 18. December. DaS StaatSmiuisterium trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorsitz des Reichs­kanzlers Fürsten Hohenlohe zu etuer Sitzung zusammen.

Berlin, 18. December. Das CenrraleomitS sür die durch Unwetter Geschädigten hielt heute etue Sitzung ab. Oberbürgermeister Zelle theitte mit, daß im Ganzen an Spenden eingegangev find 3149 587 Mk., wovon verausgabt worden find 2244493 Mk. ES haben erhalten u. Ä. Württemberg 730521 Mk., Bayern 60252 Mk., Baden 90105 Mk., Elsaß.Lothringeu 10000 Mk. und die Hohen- zollernschen Lande 20000 Mk.

Berlin, 18. December. Gegen den Retchstagsabgeordneten Bebel ist infolge der von ihm heute im »Vorwärts" ver- öffeurltchteu Erklärung die Beleidigungsklage von Redacteur Ftok angestrengt worden.

Marburg, 18. December. Heute Vormittag erfolgte die Ueberreichuug der von der Königin von Italien dem 11. Jäger- Bataillon, zu deffen Chef fie kürzlich vom Kaiser ernannt wurde, gestifteten Fahuenbänder durch den italienischen Bevollmächtigten Prudeute. Nach der Feier fand bei dichtem Nebel Parade statt, wobei General Wittich eine An­sprache hielt.

Frankfurt, a. M., 18. December. Bei der heutigen UrtheilSv erkündtgung tu der BerufuugSklage Mohr- Altona gegen »Frankfurter Zeitung" wurden beide Berufungen verworfen. Der Angeklagte hat zwei Drittel der Kosten, LaudtagS-Abgeordneter Mohr-Altoua ein Drittel der Kosten zu tragen.

Wiesbaden, 18. December. Der General der Infanterie z. D. Ballet deSvarreS, & la suite des CadrttencorpS, welcher seit längerer Zeit hier im Ruhestand lebte, ist im 78. Lebensjahre gestorben.

Wiesbaden, 18. December. Wie der »Wiesbadener General-Anzeiger" aus sicherer Quelle erfährt, hat Regier- uvgSpräfideut von Tepper-Laski feine Versetzung von hier beantragt.

rttt-z-and.

Madrid, 18. December. Die öffentliche Sub- seriptiou zur Vermehrung der Flotte, welche durch den MarquiS Billamara angeregt worden ist, hat gute Erfolge

gehabt. Der Marquis ColtnaS hat 150,000 Franken ge­zeichnet. Mehrere Andere haben ebenfalls größere Beträge angekündigt.

Tanger, 18. December. Die Armee des Sultans von Marokko ist durch zahlreiche Desertirungen geschwächt. Man erwartet Verstärkungen.

ieftti, den 20. December.

Die Anstellung von Civilanwärtern im Semetudedieust. DaS Reichsgesetz betr. die Penfioniruug und Versorgung der Personen des Reichsheeres und der Marine ist bekanntlich dahin erweitert worden, daß io Zukunft die Subaltern- und Uoterbeamt:nstellen nicht wie seither allrtu bet den Reichs­und Staatsbehörden, sondern auch bet den Communalbehörden vorzugsweise mit Milttäran Wärtern zu besetzen find. Im Verfolg dieser Angelegenheit Haden die LandtagSabgeord- ceten Dr. Schmitt und Genoffen die Regierung betreffs ihrer Stellungnahme zn dem brtr. RrichSgesetz interpellirt und, da die Ausführungs-Bestimmungen vom BundeSrath zu er- laffen find, ersucht, den hessischen BundeSrathS-Bevollmäch- ttgten zu beauftragen, gegen dieselbe zu stimmen. Am letzten Sitzungstage der Zweiten Kammer (11. d. MtS.) hat nun der StaatSminister Herr Finger die Anfrage beantwortet und folgende Erklärung, welche heute tu ihrem Wortlaut vor- liegt, abgegeben: »Die Regierung ist nicht in der Lage, die Anstellung von Militäranwärtern tm Communaldtenst grund­sätzlich abzulehueo, fie wird sich aber nach Krästen bemühen, daß bei d^r Festsetzung der AuSführungS-Borschrtften durch den BuvdeSrath die Jntereffen und namentlich daS Selbst- verwaltung-recht der Gemeinden so viel wie möglich gewahrt werden." Nach Kuadgabe dieser ministeriellen Erklärung wurde von dem Antragsteller Vertagung der Besprechung beantragt.

Der Verkauf vo» AnfichtSpostkarten ist den Bahnhofs- wirthschaften durch etue Verfügung des EiseubahomtuisteriumS untersagt worden. Das Verbot ist mit Rücksicht auf die ver­tragsmäßigen Rechte der Bahnhofsbuchhäudler erlassen, denen meist die ausschließliche Befugniß zum Vertrieb von Büchern, Zeitschriften, Photographien, Plänen, Karten und Zeichnungen, zu welch letzteren auch die Ansichtskarten gerechnet werden, zusteht. Ausnahmen von diesem Verbot find nur dann zu- läsfig, fall- die BahuhofSbuchhändler der betreffenden (Stationen sich au-drückltÄ damit einverstanden erklären.

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bei 11327

Blick auf sein bleiches, zitterndes Wetb, und mit einem Ruck, als wollte er alle Versuchung mit einem Male abschütteln, richtete er sich empor.

»Reto, nein," stieß er rauh und heiser hervor, »nicht, ich will nicht, ich habe nie gestohlen."

Clara zuckte hefttg zusammen.

»Und Du auch nicht," fuhr A»med fort, »Du hast e- gefunden. Geh, ttage es hin,, wem es gehört. Geh, hörst Du?"

Ohne eine Antwort abzuwarten, ohne sich noch einmal umzusehen, stürzte er fort. Clara aber brach erschöpft zu­sammen. Nun hatte fie ja erreicht, WaS fie zehn Jahre laug gewünscht, fie war ihren Schwarzen Io8, auf immer. Auf immer? Nein, da- durfte nicht sein! So lange er lebte, gehörte fie zu ihm, fie war ja sein Weib.

Sie raffte fich gewaltsam empor und überlegte, wa- zu thun sei. Lange Zeit dazu hatte fie übrigens nicht, denn der Hausherr kam und mahnte -um Aufbruch, denn der feine Bterkeller sollte ja heute geschloffen werden.

Ihr erster Gang war zu dem Herrn, dem die dreißig Mark gehörten. Sie hatte wohl tm Stillen gehofft, er würde sagen: Ach, behalten Ste nm<- aber thre Hoffnung trog fie. Der Herr sagte einfach danke schür, strich da- Geld ein und complimeuttrre Frau Clara wieder hinan-.

Was nun? Sie wollte für Achmed und fich ein Unter- kommen suchen. Ihr Mann hatte ihr zwar in deutlichster Weise erklärt, von heute au trennten fich thre Wege, aber fie wollte nicht daran glauben. Ste hatte da- Gefühl, als könnten fie nur zusammen fortbestehen und wüßten einzeln uutergrhen. Ste machte fich also auf die Jagd nach einer Stellung, aber wo fie auch avklopfte, nirgends fand fie Gehör.

Schließlich wies fie Jemand zu eine« Theaterdireetor, der einen Portier brauche. Glücklicherweise traf fie den Herrn zu Hause und brachte ihr Anliegen vor. Der Dtrrctor

hatte kaum gehört, daß eS fich um einen Schwarzen handle, al- er au-rief:

»Ein Nigg-r? Ein Vollbut-Nigger? Und da, ist Ihr Mann? Spasfige Sache! Natürlich nehme ich den. Bringen Ste mir den schwarzen Kerl nur gleich her."

Da war nun guter Rath theuer, denn Achmed war nur für dreißig Mark Herbetzuschaffen. So erzählte denn Clara ihre ganze Leidensgeschichte. Da lachte der Director noch mehr, al- er schon vorher gelacht hatte, händigte der Frau gleich etueu hübschen Vorschuß ein und trug ihr auf, ihren Schwarzen möglichst bald herbeizuschaffm.

Achmed war nicht werig erstaunt, al- er fich plötzlich in Freiheit und seiner Frau gegenüber fand. Er wollte erst ariffahren, denn er dachte, seine Frau hätte die »gefundenen" dreißig Mark zu seiner Befreiung verwendet, beruhigte fich aber, als er den wahren Sachverhalt erfuhr. Er sprach kein Wort de- Danke- zu seiner Frau, aber al- fie ihn schüchtern fragte: »Bleiben wir zusammen, Achmed?" da drückte er ihr verstohlen die Hano.

Ein Jahr ist seitdem verflossen. Achmed und Clara find zusawmeugeblteben, und eS scheint, fie haben e- nicht zu bereuen. Wenigstens hört mun von allen Seite?, daß fie jetzt ein recht friedliche- Eheleben führen, fie selbst be­haupten sogar, fie find glücklich miteinander. Mag sein, die kürzlich erfolgte Geburt eine- kleinen Achmed spricht wenigstens nicht dagegen. Er ist ein schlauer Patron, der Kleine- er ist erst auf die Welt gekommen, nachdem seine schwarz-weißen Eltern die Kämpfe, die zum Frieden führten, auSgefochten hatten. Bis dahin hielt er fich in der Ferne, irgendwo im unbegrenzten Weltenrau«. Der kleine Bursche ist übrigens aus der Art geschlagen und ähnelt seinen Eltern nicht im Geringsten- er ist weder schwarz noch weiß, noch schwarz- weiß wie ein preußischer Greuzpfahl, sondern er fleht auS wie ein Soolet.