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Nr. 92 Zweites Blatt
Mittwoch den 21. April
1897
Gießener Anzeig er
Kmerat-Mnzeiger.
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Deutsches Leich.
Darmstadt. 17. April. Wie der „Darmst. gtg.* aus Koburg unter« 15. d. M. berichtet wird, wurden Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Prinzessin Elisabeth um 2</8 Uhr bei der Ankunft an der Bahn von dem Erbprinzen und der Prinzessin Beatrice empfangen. Ihre Kaiserliche Hoheit die Herzogin empfing im PalaiS Edtuburg Seine Königliche Hoheit den Großherzog. Die Allerhöchsten Herrschaften unternahmen alsbald einen gemein* fernen Spaziergang nach der Rosenau. Siu Telegramm vom 16. dß. meldet, daß Getue Königliche Hoheit der Groß* Herzog Vormittags den Gottesdienst in der St. Moritz* ktrche besuchten. Nachmittags fand eine Ausfahrt nach der Rosenau statt.
Berlin, 17. April. Wie die „Nat.-Ztg." von zuverlässiger Sette erfährt, steht aus Anlaß des B e r e i n s g e s e tz e S ein Couflict nicht zu befürchten. WaS die Reform im Mtlttär-Strafproceß betrifft, so gibt das sgenannte Blatt der Hoffnung Ausdruck, daß die herzltchen'Beziehuugen, die neuerdings zwischen dem preußischen und bayrischen Hofe zur Anschauung gelangt sind, sich auch dem geplanten Reformwerk dienstlich erweisen werden.
Berlin, 17. April. Dem Staatsminister v. Delbrü.'ck find aus Anlaß seines 80. Geburtstages gestern zahlreiche Gratulationen zugegaugeu. Der BundeSrath überreichte dem Jubilar eine künstlerisch auSgestattete Gedenktafel- ferner gratulirteu die Haudwerkerkammer und andere Corporationeu, ebenso trafen zahlreiche Glückwünsche von hohen Beamten, Künstlern, Gelehrten auS allen Thetlcn des Vaterlandes ein.
Berlin, 17. April. Im Reichstage ist heute von den Abgg. Röficke und Genoffen ein eingehend ausgearbeiteter Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung des AlterS- uudJnvalidltätSversicherungs* Gesetzentwurfs, etugebracht worden. Derselbe geht von den auf der Conferenz, die im ReichSamt des Innern im Herbst 1895 abgehalten wurde, entwickelten Grundgedanken aus und versucht auch an Stelle de» bisherigen Markensystems eine anderweitige Lösung dieser Frage.
Berlin, 17. April. Am 27. April, Vormittags 91/, Uhr, findet vor der 9. Strafkammer des Landgerichts I der Proceß gegen Kurt Eisner aus Marburg und Dr. Richard Wrede aus Berlin wegen Majestätsbeleidigung statt, begangen durch den in Nr. 118 der Wochenschrift „Die Kritik" enthaltenen Proviuzialbrtef „Ein undiplomatischer Neujahrsempfang".
Berlin, 17. April. Die Vertheidiger der im Proceß Kochemann Verurtheilten Koschemann und Westphal haben Berufung gegen daS Urtheil eingelegt. Der verhaftete Anarchist Landauer ist wieder auf freien Fuß gesetzt worden.
Frankfurt a. M., 17. April. Verschiedene Blätter brachten die Meldung, die verschiedenen bürgerlichen Parteien hätten sich wegen eine- Eandtdaten für die nächste ReichStag-wahl auf einen gemeinschaftlichen Candidaten geeinigt. Demgegenüber können wir mittheilen, daß derartige Verhandlungen nicht fiattgefuuden haben, wie überhaupt niemals die Absicht Vorgelegen hat, den Wählern einen gemeinschaftlichen Eandtdaten zu präsentiren.
München, 17. April. Der frühere Director der bayrischen Hypotheken* und Wechselbank Joh. B. v. Gtroell ist heute Nacht von dem Fenster seine- Schlafzimmers in den Hof hinabgestürzt und blieb sofort tobt.
Karlsruhe, 18. April. Die Leiche des Großher* zogs vonMecklenburg*Schwerin pasfirte heute Mittag 2 Uhr die hiesige Station. Der Extrazug, in dem sich die Großherzogin Wittwe und der Erbprinz befanden, hatte den Weg über die Gotthardbahn und durch die Schweiz genommen. Prinz Max von Baden war bis Offenburg entgegengefahren. Auf dem hiesigen Bahnhof waren zur Begrüßung anwesend die Großherzogin (der Großherzog ist kränklich), die Erb- großherzogin und Prinzessin Wilhelm iu tiefer Trauer, der Erbgroßherzog, Prinz Karl, der commandtrende General, der ganze Generalstab in großer Uniform. Ein Bataillon des Leibgrenadier-RegimentS erwies die militärischen Ehren. Der Wagen, in welchem sich die Leiche befand, war dem Hofwageu vorgehäugt und ganz mit grünen Zweigen beschlagen. Nach Begrüßung der Fürstlichkeiten verweilten die letzteren längere Zeit im Hofwagen. Der Großherzog sowie die Prinzen Wilhelm und Karl von Baden ließen prachtvolle Kränze übergeben. Beim Ein* und Abfahren de- Zuges präsenttrte das Bataillon unter dumpfem Trommel- klang. Der Aufenthalt dauerte etwa eine Viertelstunde.
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Cannes, 17. April. Die Leiche des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin wurde gestern Nachmittag in feierlicher Weise von der Billa nach dem Bahnhof überführt. Dem Zuge folgten sämmtltche Mitglieder der Familie und Großfürst Michael Nicolajewitsch. General Gebhardt sprach der Großherzogin NamenS des Präsidenten Faure fein Beileid aus. Eine ungeheure Menschenmenge bildete Spalier. Französische Soldaten leisteten die militärischen Ehrenbezeugungen. Abends 6 Uhr ging der Zug mit der Leiche nach Schwerin ab.
Paris, 17. April. An den bevorstehenden großen Manövern im Nord-Departement nehmen das erste und -wette Armee-Corps Theil. Die Hauptidee ist das Zurück, drängen eines feindlichen ArmeecorpS, welches aus Belgien
kommend iu Frankreich eindrtngen will. Die Schlußparade wird im Beisein des Präsidenten Faure an der belgischen Grenze stattfiuden.
Athen, 18. April. Die Nachrichten von der Grenze und von Art« haben eine außerordentliche Erregung hervorgerufen. Eine dichtgedrängte Menschenmenge bewegt sich in den Hauptstraßen. Gruppen bilden sich, welche die letzten Nachrichten besprechen. ES ist die Rede davon, daß Edhem Pascha mit 12,000 Mann auf Tournavos mar- schire, wo die Wege nach Larissa ihren Ausgangspunkt haben.
Athen, 18. April. Meldung der „Agence HadaS". In dem Augenblicke, als der Dampfer der panhelleuifchen Gesellschaft „Macedouien" heute früh den Busen von Ambrakta verließ, feuerten die Türken von Prevesa auS auf denselben und bohrten das Schiff in den Grund. Die Mannschaft wurde gerettet, der Capitän schwer verwundet. Die Regierung erthetlte der griechischen Flottille im Golfe von Ambrakia den Befehl, Prevesa zu bowbardiren. DaS Bombardement währt seit mehreren Stunden.
Konstantinopel, 18. April. An der hiesigen griechischen Gesandtschaft find heute früh die staatlichen Hoheitszeichen Griechenlands entfernt worden. Im Zusammenhänge damit wird bekannt, daß der griechische Gesandte gestern spät Abends von der Pforte die Mittheilung über den Abbruch der Beziehungen mit Griechenland erhalten habe. Auch die hiesigen griechischen Kaufleute bereiten sich vor, daS türkische Gebiet zu verlaffen, wozu ihnen eine Frist von 14 Tagen gesetzt sein soll.
Koustautiuopel. 17. April. ^7, Gestern überschritten reguläre griechische Truppen an verschiedenen Stellen die Grenze und marschirteu nach Elaffona. Mehrere Zusammenstöße mit Borposten haben stattgefunden.
Koustautiuopel, 17. April. Der Minister des Aeußeren theilte den Botschaftern mit, daß reguläre griechische Truppen gestern 7 Uhr Abends die türkischen Positionen bei Beiraktar, Kodrno, Perdika, Solosrneue und Uelecko angriffen, nach Zstüudigern Kampfe jedoch zurückgeschlagen wurden. Nur die türkischen Bergkuppeu Potika und Analapsi seien in griechischen Händen gelassen worden, da die Türken beweisen wollen, daß der Angriff Seitens regulärer Truppen erfolgte. Der Minister des Aeußern meinte, daß von türkischer Seite der Vormarsch erfolgen werde und daß man hoffe, in wenigen Tagen Lariffa zu besetzen.
Kanea, 17. April. In der Nacht wurde das Fort Jzzedin von Insurgenten angegriffen. Ein italienische- Kriegsschiff bombardirte die Angreifer.
Karilleton.
Der Hundrrttausendste.
Von Hans Krieg.
(Nachdruck verboten.)
Herr Berthold Kircher hatte seinen „guten Tag". Einen solchen gönnte er sich etwa alle vier Wochen, meisten- gegen Schluß de- Monats, und zwar hatte es damit folgende Bewandntß. Im Allgemeinen war e- ihm ein Gräuel, irgendwelche überflüssigen Au-gaben zu wachen, und e- verstieß gegen seine Grundsätze, den durch kluge kaufmänotsche Thätigkeit erworbenen Mammon hiuwegzuamüfiren- er war im Gegeutheil bestrebt, nach Bestreitung der nun einmal leider unumgänglichen Kosten für Effen, Trinken, Wohnen u. s. w. ein Häufchen Gold neben das andere zu legen und sich au dem gleißenden Glanze dieser schöngeprägteu Münzen zu erfreuen, bis so viel zusammen war, um ein rentable- Papier zu kaufen, dem keine Gefahr der Convertiruvg drohte. Zwar war er bester wie gut gestellt und hatte nicht für Weib und Kind zu sorgen, und einem etwaigen leichtfiunigev Reffen kündigte er sofort die Verwandtschaft auf, aber eS war doch so schön, zu sehen, wie die Zahl der Coupon- sich von Vierteljahr zu Bierteljahr mehrte, und für diesen erhabenen Zweck konnte man sich schon Enthaltsamkeit auserlegen. Wenn aber der Monat sich seinem Ende näherte und ein genauer Ueberschlag wieder einen tüchtigen Ansatz zu einer neuen Tausend ergab, dann gönnte er sich einen guten Tag, b. h. er bestimmte eine erkleckliche Summe für ein feine- Abendeffen nebst Zubehör, als da find bessere Marken Wein- und erlesene Cigarren. Und da machte eS ihm jede-mal eine satanische Freude, weit hinter dem reich* । lich bemessenen Etat zurückzubleibeu. Hatte er zum Beispiel ।
in seinen vier Wänden seine Phantasie damit erlabt, sich im Restaurant eine Moeturtlesuppe und ein Berfsteack k la Chateaubriand mit obligatem Hochheimer bestellen zu können, so schlug er nachher, wo er wirklich im Restaurant saß, seine Begierde siegreich auS dem Felde, indem er sich gar keine Suppe geben ließ und zu dem einfachen deutschen Beefsteak fimbleu Zeltinger schlürfte. So wußte er selbst au- seinen Luxusausgaben Ersparnisse herauszuschlagen.
Heute genoß er Rührei mit Schinken und erlabte sich am dunklen Naß des Nürnberger Bieres. Darauf zündete er sich eine Cigarre an, die, sage und schreibe, zwölf Pfennige gekostet hatte, und vertiefte sich in die Zeitungen.
Inzwischen hatten einige Herren in dem kleinen Seiten* gemach, in dem er hauste, Platz genommen- nachdem sie dies und jene- Gleichgilttge ziemlich laut verhandelt hatten, dämpften sie ihre Stimme und führten ihr Gespräch im Flüstertöne fort.
Da war irgend etwas GeheimoißvolleS, und dafür hatte Herr Kircher ein feines Verständniß. Wie Biele-, was nicht für feine Ohren bestimmt war, hatte nicht schon Herr Kircher erlistet und erkundet, nicht zum Schaden seine- Geldbeutels. Er hatte dabei eine Methode angewandt, in der er durch die vielfache Uebung zum Meister geworden, — er wurde nämlich allmählich von einer unüberwindlichen Schläfrigkeit hetmgesucht und schnarchte schließlich diScret, bis plötzlich fein Ellenbogen vom Tisch herunter* stel, worauf er höchst erstaunt aufwachte, einige Worte der Entschuldigung stammelte und sich verlegen und linkisch entfernte. DaS Gelächter der Zurückbleibeuden klang ihm wie EugelSrnusik, denn er hatte in Erfahrung gebracht, was er wollte.
Wieder hatte der goldene Schlaf unseren Ehrenmann in seinem Zauberbaun und die Herren äußerten sich etwas
| rückhaltloser. Den geschärften Sinnen des alten Fuchses eutgiog wenig, und was ihm fehlte, konnte er sich folgerichtig zusammenreimeu. Die drei Herren da gehörten zur Commission der Kunst- und Gewerbeausstellung, die schon seit einigen Monaten in der großen Proviozialhauptstadt den Hauptanziehungspunkt bildete.
Der eine Herr berichtete, eß seien bereits über 99,000 Eintrittskarten verkauft, ja, er hätte eben nach Kaffenschluß festgestellt, daß nur noch 8 Karten fehlten, biß das erste Hunderttausend voll sei. Und diese Zahl war, wie daß weitere Gespräch ergab, von hervorragender Bedeutung. Denn dem Manne, der das hunderttauseudste Billet löste, standen große Dinge bevor: er wurde von einem Comits begrüßt, erhielt ein kostbares Andenken — was, verstand Herr Kircher nicht — und wurde mit einem solennen Frühstück regalirt in Gemeinschaft.mit dem Zehnerausschuß, alle- auf Verwaltungskosten.
Herr Kircher schlief noch etwas weiter und als da- Gespräch der Anderen in einem harmloseren Gewässer herum* plätscherte, raffelte er plötzlich vom Stuhle und trollte sich beschämt von dannen. An die hinter 6hm dreinschallende Lache war er schon gewöhnt.
Herr Kircher war GemüthSmensch, und man kann sich denken, daß sein aufgeregtes Gemüth ihn diese Nacht kaum schlafen ließ. Er war, wie wir schon ersehen, culinarischen Genüssen nicht abgeneigt- hier winkte ihm ein großartiges Frühstück — umsonst, ein kostbares Geschenk — selbstverständlich auch umsonst, denn sonst hieße eS nicht Geschenk! Und daS alles — und was noch mehr — konnte er haben, wenn er morgen der Hunderttauseudste war.
(Fortsetzung folgt.)


