Ausgabe 
21.3.1897 Zweites Blatt
 
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Er schlürfte mit ersichtlichem Genuß einen tiefen Zug von seinem Weißbier und dann fuhr er behaglich fort:

Die Kleine gefällt mir wirklich hätte nicht gedacht, daß ich heut noch solch famoseS Abenteuer erleben würde weißt Du, so habe ich mir immer mein zukünftiges Frauchen gedacht, so fein uud so zierlich wie ein Porzellanfigürchen"

Da würdet Ihr aber ein wunderliche- Paar abgeben," warf ich ein.

Warum denn?" rief er pikirt.Ich kann doch nicht so eine riesenhafte Persönlichkeit heirathen wie ich bin, daß wäre ja gemeingefährlich, schließlich würde fich unsere Tochter auch eines Tage- einige unserer Bauern in ihrer Schürze al- Rtesensptelzeug etnfangen. Nein, die Gegensätze ziehen sich an! Na, mit einem Wort, ich nehme einmal nur eine Frau, die so auSsieht wie wie die Kleine hier."

Der sonst so Ruhige und Pflegmattsche war ganz euthufiaSmirt.

Du haft doch nicht etwa die Abficht, Dich rechtschaffen in die Kellnerin zu verlieben," rief ich beunruhigt.

Warum denn nicht warum sollte man denn eine Kellnert« nicht heirathen, wenn fie ehrbar und von gutem Character ist?"

Er ist total bezecht," tröstete ich mich,morgen wird er ander- denken. Da- wäre ja eine schöne Bescheerung für seinen Alten, wenn er ihm anstatt eine- ReisegeschenkeS eine Bterhebe als Schwiegertochter in- Hau- brächte."

Sie kommt gutwillig nicht wieder," bedauerte Alexander, da muß ich schon noch eine Weiße bestellen."

Er holte einen Schlüssel au- der Tasche und klopfte laut und energisch an sein GlaS. Al-bald erschien da- Mädchen.

Nun bleiben Sie aber bet uns, lassen Sie doch Ihren Drachen räsonntren."

Nein, nein/ wehrte sie ab,ich habe noch so viele andere Dinge außer der Bedienung hier zu besorgen."

So, aber die Gäste gehen doch voran, und wenn die Ihre Gegenwart brauchen"

Aber Sie find ja doch mit allem versehen."

E- würde un- noch einmal so gut schmecken, wen« wir Ihnen dabet in die schönen Augen blicken könnten."

Er ist regulär verschossen tu die hübsche Kleine," dachte ich,Du mußt aufpassen, daß er keine Dummheiten macht."

Da, setzen Sie fich," verlangte Alexander,Ihre Tyrannin ist eine ganz miserable Wtrthtn, die nichts voa Gästebedienen versteht. Wie lange befinden Sie fich denn schon in ihren Klauen?"

Es huschte ein schalkhaftes Lächeln über ihr Gesicht.

Ach, schon lange," seufzte sie.

Ich will Ihnen einen Vorschlag machen: Lassen Sie die Alte schießen und kommen Sie mit nach Ostpreußen."

Sie zuckte zweifelnd die Schultern.

Wollen Sie denn durchaus Kellnerin bleiben?" fuhr er dringend fort.Da- ist überhaupt kein Beruf für ein junges Mädchen, da- sich feine Ehrbarkeit bewahren und einmal einen anständigen Mann heirathen will und das werden Sie doch auch wollen was?" Sie nickte lächelnd und erröthend.Nun, sehen Sie! Sie haben so etwas Unschuldige-, Thaufrische- in Ihrem Wesen, und da- möchte ich Ihnen gern erhalten ich meine eS ehrlich mit Ihnen und Sie können fich mir getrost anvertrauen. Kommen Sie nach Ostpreußen, ich werde meine Mutter für Sie in« terrsfiren, daß sie Ihnen eine paffende Stelle verschafft. Mein Mütterchen ist eine prächtige alte Frau, mit der Sie fich bald anfreunden werden "

DaS wäre etwas," meinte die Kleine.Ist Ihr, Frau Murrer auch eine Ostpreußtn?"

Nein, fie stammt au- Schlesien."

Dann kennt fie gewiß auch Bre-lau?" fragte sie rasch und geipannt.

Natürlich, sie war ja dort mehrere Jahre in einer Pension."

Also doch!" rief sie unwillkürlich, und dann meinte sie vergnügt:Ich werde mir Ihren Vorschlag überlegen" und hinan- war sie.

(Fortsetzung folgt.)

Deutscher Reich.

Berlin, im März. Die türkische Regierung hat neuerdings die für da- ottomanische Reich geltenden Paßvorschriften wieder in Erinnerung gebracht. Im Interesse der nach der Türket reisenden Deutschen werden deshalb die bereits im Jahre 1895 bekannt gegebenen wesentlichen Bestimmungen de- türkischen Paßreglements nachfolgend nochmals abgedruckt:

Ein Paßzwang besteht in der Türkei nach wie vor, und die Paffe müssen auch jetzt noch von der türkischen diploma- tischen Vertretung oder von einem türkischen Cousulat in dem Lande, von wo die Reise angetreten wird, mit einem im Allgemeinen nur für eine Reise gültigen Visa versehen sein, wofür die bisherige Gebühr von 20 Piastern oder 4 Mark beibehalten ist. Kommt indessen der Reisende aus einem Lande, wo sich keine türkische Vertretung befindet, und berührt er nur auf der Reise ein Land, wo ein türkischer Vertreter wohnt, so braucht er jetzt nicht mehr, wie früher, die Vtsirung seines Paffes dort nachholen zu lassen, sondern e- genügt ein ordnungsgemäß von der Heimaihsbehörde aus­gestellter Paß.

Fehlt diesen Vorschriften zuwider da- Visa auf dem Paß des Fremden, so muß er die doppelte Vtsagebühr von 40 Piastern zahlen. Ist er überhaupt ohne Paß, so muß er sich binnen 48 Stunden, während deren er polizeilich überwacht wird, einen von dem Consulat seines Heimath- landes ausgestellten Paß oder eine gleichwerthtge amtliche Bescheinigung verschaffen, widrigenfalls ihm das Betreten deS türkischen Gebiets untersagt wird- außerdem muß dann die doppelte Vtsagebühr gezahlt werden.

Der Paß muß bei der Ankunft der zuständigen Behörde vorgelegt werden.

Wt. 68

Der Hteheuer Anzeiger erscheint täglich, Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Al«mitt«nvkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Zweites Blatt. Sonntag den 21. März

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Da«Journal für Gasbeleuchtung uud Wassermrsorg- »g", fowte daSGewerbeblatt für das Großherzogthum Hessen" bringen in ihren jüngsten Nummern ersteres eine Lebensskizze, letzteres einen Nachruf, gewidmet unserem am 24. v. M. entschlafenen Mitbürger und früheren Stadtverord­neten August Heß. Bet den anerkannten Verdiensten, welche fich der Verewigte auf dem Gebiete öffentlicher Wirksam- kett erworben, dürfte die Wiedergabe des imGewerbe- blatt" erschienenen Artikels unseren Lesern von Jntereffe sein.

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August Heß,

Vorsitzender des OrtSgewerdevereins Stehen f.

Am 24. Februar wurde Herr August Heß, langjähriges Vorstandsmitglied, bezw. erster Vorsitzender unseres OrtSgewerdevereins, im Alter von 64 Jahren und durch den Tod entrissen. Diese- um die Entwicklung und Neubelebung unseres Verein- und um die Neuorganisation *nferer erweiterten Handwerkerschule hochverdienten ManneS auch in dem Organ des LandeSgewerbeoereinS dankbar zu gedenken, ist uns eine Ehrenpflicht. Ucber ein Jahrzehnt hat der Verewigte in einsichtsvoller, treuer und unermüd­licher Mitarbeit an der Leitung unsere- Vereinslebens her­vorragenden Autheil genommen und dasselbe sichtbar ge« fördert, hat fich doch die Mitgliederzahl unter seiner Leitung nahezu verdoppelt. Nach Ferdinand Gai l's im Jahre 1885 erfolgtem Ableben zum zweiten und nach der im Jahre 1888 wegen Krankheit erfolgten Amtsniederlegung des ersten Vor- sitzenden, H. v. Ritgen (gest. 1889), zu dessen Nachfolger ernannt, bekleidete er dieses Amt nebst dem im Jahre 1893 hinzugekommenen Amt deS Vorsitzenden des AufsichtSraths der erweiterten Handwerkerschule ununterbrochen bis Früh­jahr 1896, wo er, genöthigt durch feine angegriffene Ge­sundheit, zum aufrichtigsten Bedauern des Vereins und seines Vorstände- seine erfolgreiche Vereinsthätigkeit beschließen mußte. Ausgerüstet mit umfaffendem Wissen, auf tech­nischem Gebiet vielseitig ausgebildet, durch den Besuch tech­nischer Hochschulen und seine practische Thätigkett in renom- mlrten Lehrwerkstätten und Maschinenfabriken Deutschlands, sowie Englands weiter vervollkommnet, durch Reisen in Frankreich, Spanien und Rußland angeregt, gelangte August Heß in den Besitz einer seltenen vorzüglichen Ausbildung für Beruf und Leben. Hierzu gesellte sich sein Sinn für treueste Pflichterfüllung, eine edle Einfachheit und Gediegenheit des Tharacter-, bewährter Brudersinn gegen seine Mitmenschen, eine besondere Vorliebe für edle Künste und die Schönheiten der Natur und eine warme Vaterlandsliebe. Da- Gießener

Eine Bierreise.

Humoreske von E. Krickeberg.

(4. Fortsetzung.)

Na, warten Sie, ich helfe Ihnen, schicken Sie nachher einmal den alten Drachen herein, arme Kleine, da, kredenzen Sie unß daS Bier." Er schob ihr sein GlaS zu.

Ich danke, ich trinke kein Weißbier," wehrte sie ab.

Dann holen Sie fich ein GlaS Bayerisch oder Wein.- DaS gibt- hier nicht."

DaS ist aber merkwürdig da bekommen wir wohl auch nicht einmal einen Gilka?"

Den können Sie haben, der gehört zum Weißbier," und fie war augenscheinlich froh, bei dieser Gelegenheit hinauS- schlüpsen zu können.

Netter Käfer!" rief Alexander begeistert.Wollen ihr eia anständiges Trinkgeld geben."

Haben die Herren noch weitere Befehle?" fragte der nette Käfer", nachdem er Kümmelflasche und Gläser vor uns hingestellt hatte.

Nein, nur den Wunsch, daß Sie fich zu unß hinsetzen möchten."

O nein, daß geht nicht, daß leidet die Wirthiu nicht."

Gräßlicheß alteß Weib!" schimpfte Alexander, während sie sich kichernd zurückzog.

Mein Freund war in der besten Laune von der Welt. .Daß war doch ein capitaler Gedanke von mir, hierher zu gehen," meinte er,dieses Local werde ich noch öfter be­suchen . . . Fesche- Mädel, waS? Verteufelt hübsches Lärvchen, könnte mir gefallen. Ja, stehst Du, so etwas gibt rS bei mir auf dem Lande nicht, so etwa- Zierliches, Nied­liche- . . Alle Wetter, ich muß dem Mädel einen Kuß geben" und er strich fich unternehmend den martialischen Bart.

Sie fieht mir gar nicht so auß, als ob sie fich daß -ohne Weitereß gefallen taffen würde."

Ach waß, ein Kuß in Ehren und so weiter"

Gaswerk war 24 Jahre lang, bis zu der «m Jahre 18b6 erfolgten Uebernahme durch die Siadi, im Besitz des Herrn Heß und erfreute fich unter feiner Leitung immer größerer Ausdehnung feinen Beamten und Arbeitern war er ein liebenswürdiger, humaner Vorgesetzter und sein Sinn für Ordnung, gewissenhafte Prüfung aller Vorkommniffe von Bedeutung und sorgfältige Ausführung aller Arbeiten gaben ihm in den Augen feiner Mitarbeiter die Erscheinung eines gediegenen Vorbildes.

Daß ein Mann von solchen Eigenschaften der geachtetsten und beliebtesten Mitbürger einer war, beweist die ihm sozu­sagen zeitlebens zu Theil gewordene Uebertragung zahlreicher Ehrenämter. Stadt und Staat, Schule und Kirche erfreuten sich seiner thatkräftigen Mitwirkung. Nahezu 30 Jahre lang hat der Verstorbene als Mitglied des GemeinderathS und der Stadtverordneten-Versammlung, dabei 11 Jahre als Beigeordneter, sein reiches Wiffen in den Dienst der Stadt gestellt, wie Herr Oberbürgermeister Gnauth in einem warm empfundenen Nachruf am Grab ihm dankbar bezeugte, 9 Jahre lang war Heß als LandtagSabgeordneter bemüht, für die Interessen der Stadt Gießen, wie für diejenigen des ganzen Landes ihätig zu sein, Jahrzehnte lang war er Mit­glied des KirchenvorstandeS, zeitweilig auch der Decanatß* synode, und volle 20 Jahre lang, von 1875 bis 1895, Mit­glied des Kreis - Ausschusses und deS Kreistages; vieler anderer Ehrenämter gar nicht zu gedenken. Aus Ver­anlassung der 50jährigen Gedenkfeier des Bestehens unseres Ortsgewerbevereins ward dem wohlverdienten Vorsitzenden auch die lande-väterliche Anerkennung durch Verleihung des Ritterorden- 1. Claffe Philipps des Großmüthigen zu Theil. 25 Jahre lang ein regelmäßiger Besucher der Jahres­versammlungen deS Vereins deutscher Gas- und Wasser« fachmänner war A. Heß seine- gewinnenden Wesen- wegen ein immer gern gesehener College und trat er insbesondere mit den Altmeistern deS Fachs, wie Simon Schiele in Frankfurt a. M. u. A., in freundschaftlichen, anregen­den Verkehr.

So erschien der Verewigte in seinem gesammten Wirken als ein Mann von seltener Ausbildung und gewinnenden Charaktereigenschaften. Der Landesgewerbeverein, dessen engerem Ausschüsse A. Heß ebenfalls angehörte, insbesondere aber unser OrtSgewerbeverein hat alle Veranlassung, neben dem als äußeres Zeichen feiner Hockfchätzung und dankbaren Anerkennung an feinem Grabe niedergelegten Kranze, ihm i durch einen Nachruf auch in den Annalen des Vereins ein 1 dauerndes Denkmal zu widmen.

Fassen wir dieses ManneS, insbesondere den Mitgliedern und Freunden des Gewerbevereins hmterlaffene- geistiges Vermächtniß in ein kurzes Wort zusammen, so möge daS Wort fein, das ihn beseelte bet seiner feierlichen Ansprache, mit welcher er am 1. November 1891 die ihm so lieb ge­wordene neuorganifirte erweiterte Handwerkerschule eröffnete, da- Wort, welches zugleich fein eigene- thaten- reiches Leben wiederlpiegelt:

Arbeit ist des Bürgers Zierde!"

B.