Ausgabe 
20.11.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 273 Zweites Blatt.'

; Samstag de« 20. November

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folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Sonn. 10 Uhr. | v* | Anzeige« für de»Gießener Luzriger- entgeh«.

Sitzung -er Stadtverordneten

am 18. November 1897.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herren Bei« geordneten Georgi und Wolff, von Seiten der Stadtverord­neten die Herren Brück, Faber, Flett, Dr. Gutfletsch, Habeuicht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Hehligenstaedt, Homberger, Iughardt, Keller, Kirch, Löber, Petri, Dr. Ploch, Dr. Schäfer, Scheel, Schiele, Schwall, Dr. Thaer und Wallenfels.

Die Firma Wilh. Reiber hatte s. Z. eine Telephrn» anlage -wischen ihrer Fabrik in der Bahnhofstraße und dem BerkaufSgeschäft am SelterSweg Herstellen lassen, ohne die Erlaubntß der Stadt hierzu zu besitzen. Die Versammlung findet, nachdem die Anlage seit ca. 12 Jahren Veranlassung -u Beanstandungen nicht gegeben, gegen die oachträgliche Ge­nehmigung nicht- zu erinnern.

Da-Gesuch de- Frl. Johanna Rothenberger um Trlaubniß zur Anlage eines Rohrkanals von ihrem Hause am Ltodenplatz nach dem Stadtgraben wird mit Rückfichr auf da- erst vor Kurzem fertiggestellte Cemeuttrottoir vor ihrem Hause, und darauf, daß gen. Hau- seines geringen Flächen- gehalteS wegen ganz gut durch die vorhandene Trottoirrinne entwässert werden kann, abschläglich beschteden.

Bet der Arbeit-Vergebung zum Ausbau der Goethe- strahe ist bei der Chausfirarbeit ein gegen den Voranschlag um ca. 60 Mk. höheres Aufgebot erfolgt. Die Versammlung beschloß Bewilligung der Mehrforderung.

Die Pflasterung der BerbindungSftraße zwischen Westanlage und Hammstraße (an der Unterführung bet Getlfu-) soll für 315 Mk. dem Pflasterermeister Eber­hardt Hahn 5. in Annerod übertragen werden.

Dem Vorschlag der Ga-werk-deputation zur Versetzung einiger Laternen und Aufstellung neuer in der oberen Hamm­straße und Westanlage nächst der Pumpstation wurde zugestimmt.

Der Kaufvertrag zwischen Herrn Maurermeister Wtnn und der Stadt über ein in die Wetzlarer Straße (Holler­gasse) fallende- Geländestück wurde gutgeheißen.

Betr. de- Ausbaues der Lonhstraße hat die Bau­deputatton empfohlen, von einer gänzlichen Fertigstellung der Strecke zwischen Garten- und Bi-maickstraße vorläufig abzu­sehen - die Versammlung erklärte fich damit einverstanden, daß zunächst bi- zum Eingang des Israelitischen Gemeindehauses ein erhöhte- Trottoir angelegt wird.

Der städtische Platz au der Gabelung der Berg- und Gartenftraße soll gärtnerisch angelegt und mit niedrigem Eisengeländer umgeben werden.

FcnMeton.

Dir Geheimpolizei des Unkte Asm.

Schilderungm aus dem Detectivdienst bei der nordamerikantschen Bundesregierung.

von Emil Berdau.

(Nachdruck verboten.)

KO. Bei Gelegenheit des Zarenbesuches in Breslau bemerkte ein Capitän der St. Louiser Polizei mir gegenüber selbstgefällig:

Welche gottbegnadete RegterungSform hat doch unsere große freie Republik! Eine Regierung vom Volke, für da- Bolk und durch da- Volk ist die sicherste, die eS auf Erden gibt, mein Herr!"

To?" erwiderte ich.Was sagen Sie zu der Geheim­polizei in Washington am Sitze der Regierung."

Nun ja, Ordnung mutz sein überall!" retirirte der Herr Polizeicapitän.Sie ist nur der Ordnung wegen da."

Wirklich, mein Herr?" rief ich gereizt.Also Prä­sident Eleveland, der thatsächlich, wo er ging nnd stand, von Geheimpolizisten umringt war, hatte dieselben nur der Ordnung wegen in seiner Nähe? Wie? Hatte er nicht auch während seiner Sommerfrische in Gray Gables Tag und Nacht geheime Wächter um seine Billa versteckt, die Niemanden zuließeo, der fich nicht auf hundert unnütze Fragen lcgittmiren konnte. Hat Cleveland nicht, so ost er in Washington au-fuhr, stet- einen Einspänner in einiger Ent­fernung hinter sich gehabt, und war diese- Geführt nicht stet- mit zwei, unter ihren Kleidern bi- an die Zähne be­waffneten, handfesten Mannern besetzt? Wurde nicht bei seinem letzten Aufenthalt in Newhork die gesamwte Detectiv« Maschinerie in Bewegung gesetzt? Mein Herr, Sie find Polizist und wiffen da- nicht?"

ES mag so sein, wie Sie sagen, aber davon hat der Präsident selbst nie etwas gewußt," erwiderte der Capitän.

Die alljährlich im Herbste an die städtischen Arbeiter bewilligten Gratifieationen für gute Leistung und Führung erfordern in diesem Jahre einen Betrag von Mk. 1994.10, welche bewilligt werden. Es entfallen auf jeden der 63 tu Betracht kommenden Arbeiter sonach durchschnittlich Mk. 31,65. Die Gratifikation von 10 bis 20 Psg. pro Tag wird be­kanntlich nach der Anzahl der Tage, an welchen die betr. Arbeiter während der Sommermonate in städtischen Diensten thätig waren, bemeffen. Herr Oberbürgermeister Gnauth theilte hierbei mit, daß fich die städtischen Arbeiter vor einiger Zeit organifirt hätten und bemerkte bezüglich einer ZeitungS- notiz, in welcher die Art und Weise der Bertheilung der Gratificatiouen abfällig besprochen wurde, daß daS darin Be­hauptete auf falscher Voraussetzung beruhe.

Auf Anschreiben der historischen Commission für Hessen und Waldeck, welche fich die Erforschung der hessischen Geschichte und Herausgabe von Werken in ent­sprechender Form zur Aufgabe gestellt, beschloß die Ver­sammlung, daß die Stadt Gießen fich als Patron mit einem Jahresbeitrag von 50 Mk. betheiligt.

Auf Gesuch des Deutschen SamariterbundeS um Gewährung eine- Beitrags wird beschlossen, dem Bunde jähr­lich 10 Mk. zu bewilligen.

Infolge berichteter Umständlichkeiten und Unzuträglich­keiten bei der Controle über ausgeführte- Fleisch und Fleischwaaren au- der Stadt erklärt fich die Versamm­lung mit dem Vorschlag der Finanz-Eommiffion einverstanden, der dahin geht, daß die Controle den Octroierhebern über­tragen wird.

Da- Gesuch des Schafhändlers Heinrich Kreiling von Mainzlar um Srlaubuiß zum Behüten der städtischen Wiesen wird auf Antrag der lanbwirthschaftlichen Commission abgelehnt.

Zur Uebertragung einer Anzahl solcher Credite au- dem Rechnungsjahr 1896/97 in daS Rechnungsjahr 1897/98, welche entweder gar nicht oder nur theilweise ver­wendet werden konnten, wurde Genehmigung ertheilt.

Die Rechnung der Plock'schen Stiftung für 1896/97, nach welcher fich da- Capitalvermögen auf 114295 Mk. be läuft, und der Voranschlag für 1898/99 wurden den dazu gestellten Anträgen gemäß gutgeheißen.

Die Rechnung der A r m e n k a s s e für 1896/97 weist nach an Einnahmen 101,187 Mk. 13 Pfg., an Ausgaben 101,037 Mk. 58 Pfg. Das Erträgniß au- Capitalzinsen berechnet sich auf 10,148 Mk. 16 Pfg., der Zuschuß aus anderen Kaffen auf 43,758 Mk. 22 Pfg.; an Ersatz von Pflegcgeldern wurden gezahlt 19,117 Mk. 46 Pfg., der

To? Also Cleveland hätte nie für sein Leben ge­fürchtet? Zwei Präfidenteu wurden schon meuchlings er- schoflen und er hätte sich in der aufgeregten Zctr der Tarif- doctorei für sicher gehalten? Hat er nicht oft Drohbriefe erhalten? Wie? Standen nicht bet jedem öffentlichen Em­pfange dicht hinter ihm stet- zwei riesenstarke Männer be­reit, fich auf den ersten besten Menschen loSzustürzen, der eine verdächtige Bewegung nach der Hüftentasche wachte? Wo bleibt da die Sicherheit?"

Haben Sie schon gehört, daß Präfideut Mc. Kinley alle etwaigen Geheimpolizisten und Sicherheitswächter einfach nach Hause geschickt hat? WaS sagen Sie dazu, mein Herr?" fragte der Herr Capitän, triumphirend seinen Knebelbart streichelnd.

Dazu sage ich dieses: Hätte Mr. Kinley nicht- da­von gewußt, daß auch er von Wächtern umgeben werden sollte, so hätte er fte auch nicht bet seinem Amt-antritt nach Hause schicken können. Demzufolge, schließe ich rück­wärts, hat auch Cleveland stets gewußt, daß er bewacht wurde, und weil er eS geduldet hat, so hat er es auch ge­wollt, daß man ihn beschützte! Wenn aber ein Präfideut Polizei zu seinem Schutze süc nöthig hält, ist daS ein Zeichen, daß er fich nicht ficher fühlt. Wo bleibt da nun die Sicherheit der Regierung? Ist das Haupt in Gefahr, so find er auch die Glieder, und so bin ich der Ueber- zeugung, daß der Gehetmpolizetdienst de- Unkle Sam ein recht sehr ausgedehnter sein muß. Bin ich im Unrecht, mein Herr?"

Ich muß sagen, nein!" antwortete der Beamte.Sie haben Recht, der Detectivdienst ist sehr groß nnd eomplictrt zu nennen."

Und Sie prahlten vorher mit der sichersten Regierung der Welt! Mein Herr, ich bin achtundzwanzig Jahre in Deutschland und dreizehn Jahre in der Union gewesen, habe demnach sowohl monarchische, als auch republikanische Regie-

Erlös aus verkauften Gütern und Häusern betrug 10,031 Mk. 11 Pfg. Unter den Ausgaben stehen verzeichnet als haupt­sächlichste Posten: Gehalte und Pensionen 3435 Mk. 20 Pfg., Unterhaltung der Gebäude und Grundstücke 1622 Mk. 06 Pfg., Geldunterstützungen und sonstige Gaben 31,583 Mk. 49 Pfg., Aerztliche Behandlung und Arznei 13,943 Mk. 65 Pfg., Kosten deS städtischen Hospitals 9258 Mk. 82 Pfg., Kosten für Verpflegung von Epileptischen und Idioten 2779 Mk. 39 Pfg., aus Stiftungen 2023 Mk. 22 Pfg., Unterbringung armer Kinder in Familien 6778 Mk. 11 Pfg., Fürsorge für verwahrloste, blinde und taubstumme Kinder 2412 Mk. 30 Pf., Ankauf von Grundstücken und Gebäuoen 4864 Mk.90 Pf.

Der Voranschlag der Armenkasse für 1898/99 sieht vor einen Ausgleich in den Einnahmen und Ausgaben mit 78,000 Mk.

Die nachstehenden Gesuche um Erlaubniß zum Aus­schank von Branntwein und verkauf über die Straße werden den Anträgen der Commission entsprechend durch Be­jahung der Bedürsutßfrage besürwortet: 1. Christian S chön- halS beabsichtigt in seinem Hause, Ederstraße 4, Branntwein über die Straße zu verkaufen; 2. Christian Rebe, Rod- heimerstraße 6, will an Markttagen neben feiner Logirwirth- schaft Schankwirthschaft betreiben; 3. Louis Elend hat die Wirthschaft imDarmstädter Haus", Franz d e r diejenige imRusfischen Hof-, Robert Meuser diejenige im Hell- molt'scheu Hause in der Steinstraße, Carl Lenz die Steh­bierhalle Neustadt Nr. 1 übernommen.

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Eine Prtroleuwguelle in Oberhessen! Eine Petroleum­quelle ist, wie verschiedene Blätter melden, im Weichbilde de« Städtchen- Böhl (Kreis Frankenberg) ausgefuudeu worden. Die Untersuchungen haben ein sehr befriedigende- Refultat ergeben, so daß nunmehr der bereits früher fest­gestellte Pacht- und Nutzungsvertrag mit einer Bohrgesell­schaft tu Hannover und der städtischen Verwaltung perfect geworden ist. Darnach soll von jedem Faffe gewonnenen Petroleums eine Abgabe von einer Mark in die Gemeinde- kaffe fließen. Außerdem werden die Grundstücksbesitzer, auf deren Eigeuthum die Bohrungen stattfinden, entsprechend ent­schädigt werden. Die Arbeiten der Hannoverschen Bohr­gesellschaft müffen laut Vertrag allerspätestens bis zum 1. Juli 1898 ihren Anfang genommen haben, iudeffeu ist es schon jetzt ziemlich außer Zweifel, daß mit den Bohrungen bereits in der allernächsten Zeit begonnen wird, insofern es die Witterung zuläßt. Wenn die Geschichte nur wahr ist!

rungsform zur Uebergenüge studireu können, und darf be­haupten, gegen dar verbrechen und den Umsturz ist heut­zutage keine einzige StaatSeinrichtung mehr absolut ficher und würde Ihnen, als eingeborenem Amerikaner, nicht ein solch beschränkter Patriotismus von schwindsüchtigen Schul- mamsellS eingepaukt, würden Sie nicht von der absoluten Vollkommenheit Ihrer Regierung-form bei jeder Morgen­suppe zu hören kriegen, würden Sie etwas mehr von der Welt gesehen haben, als Ihre Beamtenstube, so würden Sie mir ohne Weiteres beipfltchteu. Nichts für ungut, übrigen-, mein Herr!"

Durchaus nicht," beschwichtigte der Capitän meine Er­regung.Im Gegentheil, ich freue mich, daß Sie mich be­lehren. Hier ist daS Land der freien Rede, wo jeder seine Meinung ungestraft verfechten kann."

Brav von Ihnen!" pflichtete ich bei.Aber nun, lieber Herr Capitän, laffen Sie uns bei einer guten Cigarre ein wenig sprechen über den Geheimpolizeidieust bei der Re­gierung. Mc. Kinley hat seine Leibwache anerkanntermaßen nach Hause geschickt, weil er es einmal ohne dieselbe pro- biren will. Gat, da- ist seine Sache! Aber bitte, sagen Sie mir denn hierüber bin ich nicht unterrichtet wie steht- mit dem Detectivdienst im Uebrigen? Sie find wohl sehr gut iuformirt darüber, weil, wie ich denke, auch oft Ihre Kräfte hier in Anspruch genommen werden, nicht wahr?"

Der Polizeicapitän setzte fich in Positur, blie- ein paar dicke Rauchwolken durch die Nase und begann:

Der Geheimpolizeidienst der Bundesregierung wurde im Jahre 1861 eingerichtet, al- Lafahette C. Baker vo« Secretair Seward zumAgenten der geheimen Information" in der südlichen Conföderation bestimmt wurde. Bon Zeit zu Zett werden die DetrctivS dieser Organisation, deren eigentliches Geschäft heute der Fang von Falschmünzern ist, auch zu anderer Beschäftigung verwendet."

(Fortsetzung folgt.)