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Nr. 67
Zweites Blatt
Samstag den 20. März
1897
Gießener Anzeig er
Keneral-Wnzeiger.
Die Gießener AamikienötSller werden dem ?lnzeigcr wvchcinlich dreimal deigelcgt.
Der
Kießeuer Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Kkrrrlleton.
Eine Bierreise.
Humoreske von E. Krickeberg.
(3. Fortsetzung.)
"®&cr' "kia Herr, hier ist wohl eine Brauerei, aber doch kein Restaurant. Sie müssen stch ein paar Häuser weiter bemühen."
^Ach, machen Sie doch keine Flausen, guter Freund, urd lasten Sie unfl ein; wennö auch schon etwas spät ist, wir werden Ihnen keine Ungelegenheit mit der Polizei bereiten."
Der Koch musterte unfl mißtrauisch. Unsere bierfideleu Phhstognomieen schienen indessen seine Besorgniß zu zerstreuen, er fing an, die Sache amüsant zu finden.
»Die Herren find wohl von außerhalb?" fragte er.
„Theilweise," bestätigte Alexander ungeduldig, „öbtr nun lassen Sie unfl ein, Herr Küchenchef, oder rufen Sie unfl den Wirth. Potz Kuckuck, efl liegt doch in dessen In- tereffe, recht viele anständige Gäste zu haben."
-Wafl gibtfl denn da?" ertönte plötzlich eine weibliche Stimme vom Absatz der Treppe, die nach oben führte, und wir erblickten neben einer älteren, vornehm auflsehenden Dame ein blühend fchönefl, junges Mädchen.
»Ach, da sind zwei Herren, die durchaus hier an Ort und Stelle eine Weiße trinken wollen," meldete der Koch.
Die junge Dame lachte hell auf.
„Warum denn gerade hier?" fragte verwundert die ^k^Dame, „efl gibt doch so viele Weißbierrestaurantfl in
"Das will ich Ihnen sagen, liebe Frau," versetzte A! exander wohlwollend. „An dieses Restaurant kaüpsen fich die nachhaltigsten Erinnerungen auS meiner Studentenzeit, btun hier habe ich so manchen bösartigen Kater in den bäuerlichen Fluthen des Weißbieres ertränkt, und da möchte ich einmal erproben, ob da- Bier noch dieselbe segensreiche Wirkung auf meinen Organismus auflübt wie ehemals, denn
wissen Sie" — und er deutete mit einer sprechenden Bewegung auf seinen Kopf — „aber daS muß ein schöner Wirth sein, der seine Gäste vor seiner Thür verschmachten läßt!"
Der Koch lachte, daS junge Mädchen kicherte und die alte Dame konnte nur mit Mühe einen HeiterkettSauSbruch unterdrücken.
„Aber mein Herr, ich weiß ja gar nicht, mit wem ich es zu thun habe," sagte fie.
Alexander schüttelte verwundert den Kopf.
„Früher hat mich kein Wirth nach meinen Personalien gefragt; er war zufrieden, wenn ich baar bezahlte. Ich bin RittergutSbefltzer — aus Ostpreußen."
»Ich auch," schaltete ich schnell ein.
„Muß ich auch meinen Paß vorzeigen?"
Ich sah, wie daS junge Mädchen der alten Dame etwas offenbar Schalkhaftes zuflüsterte, sie fcheiubar zu irgend etwas zu überreden suchte. Mir wurde siedend heiß.
„Komm doch nur," flüsterte ich Alexander ärgerlich zu, „Du läßt Dich hier wie einen dummen Jungen behandeln, um für Dein gutes Geld eine Weiße zu bekommen," und ich versuchte, ihn mit mir sortzuziehen. Aber eher hätte ich den Kreuzberg von seiner Stelle gerückt, als diesen Riesen. Ich kannte seinen Eigensinn, er schien efl als eine Art Ehren- fache aufzufaffen, seinen Willen, in diesem Hause Weißbier zu trinken, durchznsetzen. Und er setzte ihn durch. War efl nun seiner vertrauenerweckenden Erscheinung oder der lieber» redungSkunst des jungen Mädchens zuzuschretben? Die alte Dame sagte auf einmal:
„Treten Sie ein, meine Herren," und fie gab dem Koch einen Wink, uns zu geleiten.
„Stehst Du!" triumphirte Alexander; er eilte voraus. „Ich kenne den Weg noch ganz genau: Diese halbe Treppe herauf und daun rechts herum die erste Thür."
Er öffnete diese ohne Weiteres und wir traten ein: Großes, prächtig auSgestattetefl Zimmer, an den Wänden dunkles Holzpaneel mit kostbaren Prunkgefäßen, reichgeschnitztes Büffet, eichene Stühle, ein weicher Teppich auf dem Parquet,
broucene Kronleuchter mit G:ühlicht. — Und daS sollte e ne Weißbierftube fein?!
Alexander ließ fich nicht beirren.
„Hier hat es fich gewaltig verändert," meinte er, „aber ich erkenne den Raum doch sofort wieder: Dort stand früher das Buffet und eS war alles viel bescheidener. Diese Ausstattung ist überhaupt viel zu opulent für eine Weißbier- fiube: Blankgescheuerte Tische, hellpolirte Stühle, einfache, weiße Gardinen, einige verräucherte Kupferstiche und Oel- druckbilder an den Wänden und womöglich knirschender Sand auf den gescheuerten Dielen — baß bildet die klassische Physiognomie der Weißbierstuben. Doch gemüthlich ist eß bet alledem hier — so recht anheimelnd" . . und er machte eS fich ohne Federlesens bequem an dem Tische.
Eine Thür that fich ans und dafl junge Mädchen von vorhin in blüthenweißer Schürze, ein schalkhaftes Lächeln in dem reizenden Gesicht, trat herein. Sie brachte unfl zwei Pokale voll schäumenden Weißbieres. Alexander hielt sein Glaß prüfend gegen daß Licht und mit zufriedener Miene beobachtete er die zahlreichen kleinen Perlen, die vom Grunde deß mattgoldig schimmernden Naffefl heraufstiegen.
„Famoß!" meinte er befriedigt. „Also Sie find die Stannin P"
„Augenblicklich ja," erwiderte fie belustigt.
„So, und da konnten Sie fich grausam darüber freuen, daß wir draußen standen und fast verdursteten? — Schlechte Seele!"
Sie zuckte die Schultern.
„Wafl konnte ich dazu thun? Dafl Local war bereits geschloffen," sagte sie schon im Gehen.
Gr hielt fie auf mit der Frage: „Ist die alte Fra» die Wtrthin?"
„Jawohl."
„Aber warum eilen Sie denn so? — W r thun Ihnen nichts. Die Alte gibt fich ja mächtig vornehm, bei der haben Sie eß wohl auch nicht sonderlich gut?"
„Ach, entsetzlich schlecht," seufzte fie.
(Fortsetzung folgt.)
Feier des 100. Geburtstages Kaiser Wilhelms I.
Unter Bezugnahme auf den Ausruf vom 16. l. Mts. wird hierdurch nochmals darauf hingewiesen, daß die Ausgabe der auf Anmeldung ausgestellten Karten zur Festversammlung und der Programme nebst Liedertext Freitag und Samstag dieser Woche Vormittags von 10 bis 12 Uhr und Nachmittags von 2 bis 5 Uhr auf Zimmer Nr. 15 der Bürgermeisterei erfolgt.
Die Liste der Anmeldungen mußte bereits Mittwoch Abend geschlossen werden; auch war man genöthigt, die Anmeldungen ganzer Familien theilweise einzuschränken.
Gießen, den 18. März 1897.
Der Oberbürgermeister: I. V.: Wolff. 2742
BekanutMschung.
Wir bringen hierdurch zur allgemeinen Kenntniß, daß der Betrieb des Schlachthauses am Moutag, 22. d. Mts., den ganzen Tag geschlossen ist, dagegen ist angeordnet worden, daß Schlachtungen am Samstag, 20. d. Mts., von Abends 6 Uhr ab bis 91/* Uhr vor genommen werden können.
Gießen, den 18. März 1897.
Großh. Bürgermeisterei Gießen.
I. V.: Wolff. 2744
Städtischer Arbeitsnachweis Gießen.
Gartenstraße 2.
««gebot der Arbeitnehmer.
1 Bäcker,
1 Spengler,
1 Lacktrer,
1 Maschinenschlosser
1 Schneider.
1 Bauschreiner,
4 Lauffrauen,
6 Taglöhner.
6 Pferdeknechte,
1 Kutscher,
5 Hausburschen,
1 Gärtner,
2 Wasch- und Putzfrauen,
1 Ausläufer oder Packer,
13 Dienstmädchen,
Nachfrage der Arbeitgeber.
1 Drechsler, 3 Buchbinder.
1 Gelbgießer und Installateur.
1 Installateur oder Spengler,
4 tücht. Glaser (Rahmenmacher),
1 Küfer. 1 Tapezier.
3 Bauschlosser, 1 Maschinenschlosser nach Auswärts.
2 Bauschlosser nach Gießen.
1 Wagner, 1 Schmiede,
nach Auswärts,
2 Schneider, 3 Schuhmacher, nach Gießen.
1 Taglöhner. 3 Lauffrauen,
1 Laufmädchen,
20 Mädchen für Küche und | Hausarbeit.
1 Restaurat-Köchin,
1 tücht. Fahrburfche,
1 Mafchmenftrickerin nach Auswärts.
Bekanntmachung.
Aus Anlaß der Centenarfeier sind die Geschäftszimmer der Bürgermeisterei am Montag, den 22. März l. Js. geschlossen.
Gießen, den 18. März 1897.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
__________________ I. V.: Wolff.______________ 2743
Bekanntmachung.
„ . . den 27. März 1897, Bormittags 9 Uhr,
nnbet ju Wieseck, auf der Straße nach Gießen, eine Bormnsternng des Pferdebestandes statt. Nach § 4 des Reglements vom 16. No- pember 1886, die Beschaffung der Mobilmachungspferde betreffend, ist jeder Pferdebesitzer bei Meldung einer Geldstrafe bis zu 150 Mk. verpachtet, zu diesem Termin seine sämmtlichen Pferde zu gestellen mit Ausnahme: a) der Fohlen unter 4 Jahren,
b) der Hengste,
c) der Stuten, die entweder hochtragend sind, oder noch nicht länger als 14 Tage abgefohlt haben,
ä) dec Pferd?, welche auf beiden Augen blind sind,
e) der Pferde, welche in Bergwerken dauernd unter Tag arbeiten.
Von der Verpflichtung zur Vorführung ihrer Pferde sind ausgenommen: a) Beamte im Reichs- oder Staatsdienst, hinsichtlich der zum Dienstgebrauch, sowie Aerzte und Thierärzte hinsichtlich der zur Ausübung ihres Berufes nochwendigen Pferde,
b) die Posthalter hinsichtlich derjenigen Pferdezahl, welche von ihnen zur Beförderung der Posten contractmäßig gehalten werden muß,
o) Offiziere und Militärbeamte hinsichtlich ihrer überetatsmäßigen Pferde.
Unter besonderen Umständen, namentlich in bringenben Fällen, kann Großh. Kreisamt Gießen Befreiung von ber Vorführung eintreten lassen.
Wir fordern hiernach sämmtliche Pferdebesitzer hiesiger Stadt unter Hinweis auf die obige Strafoorschrift auf, ihre Pferde in dem angegebenen Termin vorzuführen bezw. vorführen zu lassen und zu diesem Zweck eine halbe Stunde vor Beginn der Mnfternng zur Stelle zu fein.
Die vom 1. März ab bis zum Musterungstermin durch Zu- oder Abgang eingetretenen bezw. eintretenden Veränderungen im Pferdebestand sind von den Pfeldebesttzrrn sofort auf dem Bürgermeisterei-Büreau — Zimmer Nr. 15 — anzuzeigen.
Gießen, den 15. März 1897.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. 2645
Gnauth.
|BehördlicheAn«igenj Forderungen § an den Nachlaß der Bauauffeh-r Strand Wittwe sind innerhalb acht Tagen bei dem Unterzeichneten einzureichen, da solche später keine Berücksichtigung mehr finden können.
Gießen, den 15. März 1897. F» Hoffmann, Seltersweg 33.
Oberhesßslhe Wubahum. Vergebung von Bauarbciten. Die bei Erweiterung der Haltestelle Ruppertsburg bezw. der zu errichtenden Empfangsgebäude, Güterschuppen und Abort vorkommenden Bauarb üen und Lieferungen sollen im Wege schriftlichen Angebots vergeben werden.
Bedingungen und Zeichnungen sowie Verdingungsanschlag sind auf demBüreau des Unterzeichneten, Frankfurterstraße 24, In den Geschäftsstunden zur Einstcht offen gelegt.
Die Angebote sind portofrei, verschlossen und mit entsprechender Aufschrift oerseyen bis zum Eröffnungstermin Dienstag bitt 28. MLr, z. I., Vormittags 11 Uhr, hierher einzureichen.
Gießen, den 12. März 1897. Der Eisenbahnbauinspecror: _________Roth, Baurath. 2571
Versteigerung
Donnerstag den 25. März, Vormittags 10 Uhr, in der Hof« raithe von Phil. Weigel XVII. in Klein-Linden, Kirchstraße 8:
2 Kühe, 3 Rinder, 1 Ochsen - kalb, 2 Wagen, 1 Kartoffelpflug, 1 Fegmühle, 1 Häckselmaschine, 25 bis 30 Wagen voll Mist, Dünger, Heu, Stroh, D-ckwurz u. s. w. 2759


