Ausgabe 
20.2.1897 Zweites Blatt
 
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Samstag den 20. Februar

Zweites Blatt.

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Anrts- und Anzeigeblutt für den Kreis Gietzen.

] Hratisöeikage; Gießener KamitienLtätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vor». 10 Uhr

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« j Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Vierteljähriger Aöonnementsprets: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

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Die Gießener A»amitieuötälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Hleßener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS

Montags.

Keßener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Amtliche» Theil.

Bekanntmachung,

betreffend: die Abhaltung von Btehmärkten.

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Keuntniß, daß durch Verfügung Großh. Ministeriums des Innern vom 13. Februar 1897 die Abhaltung deS zu Babenhausen II, Kreis Schotten, für den 23. l. MtS. vorgesehenen BiehmarkteS untersagt worden ist.

Gießen, den 18. Februar 1897.

GroßherzogltcheS Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Sitzung -er Stadtverordneten

am 18. Februar 1897.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi, Grüneberg und Wolff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, EmmeliuS, Faber, Flett, Habenicht, Haubach, Heichelheim, Helsrich, Heyligenstaedt, Homberger, Jughardt, Keller, Kirch, Löber, Petri, Orbig, Dr. Schäfer, Scheel, Schiele, Schmall, Bogt und WallenselS.

Bor Eintritt in die Tagesordnung theilte Herr Ober­bürgermeister Gnauth mit, daß Herr Stadtverordneter Dr. Gasfky bet der Bürgermeisterei angezeigt, daß er mit Führung einer Expedition nach Bombay zur Untersuchung der Pest betraut und vorausfichtlich mehrere Monate ver­hindert sei, an den Verhandlungen der Stadtverordneten» Versammlung theilzunehmen. Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkte hierzu, daß Herr Dr. Gaffky sonach als entschuldigt anzusehen sei- er glaube im Sinne der Ver­sammlung zu handeln, wenn er Herrn Dr. Gaffky besten Erfolg in wisjenschastlicher Beziehung, wie einen glücklichen AuSgang der Expedition wünsche.

Nach dem jeweiligen BebauungSzustand der Moltke- straße hat sich die Baudeputation dafür ausgesprochen, daß die Stadt nunmehr zum Ausbau der Straße verpflichtet sei. ES soll demnach die Reststrecke Über die Wiesen auf volle Straßenbreite aufgefüllt, sowie der Verwerthung der daran liegenden Bauplätze wie der Erbauung einer fahrbaren Brücke über die Wteseck nähergetrereu werden. Der Voranschlag über die vorweg in Angriff zu nehmenden Ausbauarbeiten beziffert sich auf 10500 Mk., wovon 4500 Mk. von den Anliegern als Stroßcnkoftenbeitrag zu erstatten find. Herr Löber bespricht den schlechten Zustand des Straßen- körperS im verlängerten Asterwcg jenseits der Stetvstraße.

Herr Oberbüigermeister Gnauth bemerkt dazu, daß die Sache fo lauge nicht auSzuführeu sei, als der Stadterweite» rungSplan nicht feststehe, eS handle sich dabei um die noch unentschiedene Frage, nach welcher Richtung das Gefälle für die Abwässer in gen. Straßrntheil angelegt werden können, im Uebrigen fei die Straße noch nicht in demjenigen Be- bauungSzustaude, der die Stadt zum Ausbau derselben ver­pflichte- auch fehle es am guten Willen Seitens der Stadt nicht, da der Ausbau der Straße bereits in den laufenden Voranschlag eingestellt gewesen sei. Herr Löber bemerkt, man möge den seit Jahren bestehenden Mißständen dann wenigstens einigermaßen abhelfen. Der Voranschlag betr. der Moltkestraße wird hierauf genehmigt.

Zur Herrichtung gebrauchter Wandsteine auf dem städtischen Lagerplatze, sowie zur Anschaffung eines Lagers kürzerer Stücke Trottoirrinnen wurden 300 Mk. bewilligt.

Für die succesfive Chaussirung der Feldwege im consolidirten Theile des Neustädter Feldes wurden im Jahre 1895/96 8000 Mk., im Jahre 1896/97 6000 Mk. aufgeweudet. Bezüglich des letzteren Etatspostevs werden nachträglich bewilligt die auf 6.50 Mk. pr. Cbm. fich be­messenden Kosten für das Eindecken mit Basaltkleinfchlag. Für 1897/98 soll in das Budget eingestellt werden die Chaussirung deS WtSmarerweges und der Reststrecke deS Mittelweges. Die VoranschlagSsumme beträgt 9000 Mk.

Die Kosten für einen Erweiterungsbau der Realschule find auf 87 500 Mk. veranschlagt. Der Bau soll in drei Stockwerken die erforderlichen Lehrsäle erhalten und so eingerichtet werden, daß bet einer vielleicht eintretendeu Trennung deS RealgymnafiumS von der Realschule eine Anstalt ganz in demselben untergebracht werden kann. Der Vor­anschlag wird genehmigt.

VerMtsehte»

* Stillleben auf Raufeu'8 Schiff. Nordahl, der heute als Koch fungirt, muhte etwas Pökelfleisch, das, in einen Sack gerollt, zwei Tage in die See versenkt worden war, heraufholen. Sobald er es anfoßte, schrie er entsetzt, es sei von krabbelnden Thieren bedeckt, ließ den Sack fallen und sprang davon, während die Thiere fich rundherum nach allen Richtungen zerstreuten. Sie erwiesen fich alsSandhüpfer" (Flohkrebse), die fich einen Weg ins Fleisch hinetngefrrsseu hatten. Es waren ihrer eine Unmenge, sowohl innerhalb, als auch außerhalb des Sackes. Eine angenehme Entdeckung - wir brauchen also nicht zu verhungern, solange solche Nahr­ung zu bekommen ist, wenn man einen Sock ins Wasser hängt. Bcntsen ist der Spaßvogel der Expedition- er

führt stets einen lustigen Streich aus. Soeben kommt einer der Leute herangeftürzt und steht vor mir in respektvoller Erwartung, daß ich mit ihm sprechen würde. Benisen halte ihm gesagt, daß ich nach ihm verlangt hätte. ES wird nicht lange dauern, bis er fich wieder einen neuen Stretch außge- fonnen hat. Donnerstag, 28. September. Schneefall und Wind. Heute ist für die Hunde der Tag der Erlösung ge­kommen- bis jetzt haben sie wirklich ein melancholisches Lede« an Bord geführt, da fie, seitdem wir Chabarowa verlasse« haben, angebunden gewesen find. Die stürmischen Woge« haben fich über fie ergossen, sie sind vom Wasser auf Deck hin und her gerollt worden, haben fich in den Koppeln fast ftrangulirt, find jedesmal, wenn daS Deck gewaschen wurde, mit dem Schlauch besprengt worden, find seekrank gewese« und haben in schlechtem wie in gutem Wetter an der Stelle liegen müssen, wo das harte Schicksal fie angekettet hatte, ohue wettere Bewegung als das Hin- und Herlaufen, soweit die Kette dies gestattete. So werdet ihr behandelt, ihr prächtigen Thiere, die ihr in der Stunde der Noth unsere Stütze sein sollt! Wenn diese Zeit kommt, werdet ihr, we­nigstens eine Weile, den Ehrenplatz erhalten. Als fie jetzt loSgelassen wurden, brach ein wahrer Jubelfturm aus. Sie wälzten fich im Schnee herum, reinigten und rieben fich und stürzten in wilder Freude unter lautem Gebell auf dem Eise umher. Unsere Scholle, die noch vor Kurzem so einsam und verlassen gewesen war, bot mit ihrer plötzlichen starken Be­völkerung einen ganz munteren Anblick- daS Schweigen vo« Jahrhunderten war gebrochen. (Aus der soeben erschienene« 6. Lieferung von Nansen'- OriginalwerkIn Nacht und EiS" (Leipzig, F. A. Brocküaus) entnehmen wir mit Er- laubuiß des Verlegers den vorstehenden Absch.-i't . Auch diese neue, reich mit Bildern ausgestattete Lieferung beweist, wie meisterhaft Nansen eS versteht, nicht nur die nordische Natur unserm Verftäuduiß nahezubringen, sondern auch daS Lebe« mit Humor aufzufafleu und zu schildern).

Literatur uttfc Aunft.

Die Verlagshandlung von in Berlin-Steglitz

übersendet uns Heft 1 bis 5 einer Hauswtrthschaftltchen Bibliothek die uns alS äußerst beachtenswerth erscheint. Erfahrene Pädagog« und bewährtePractische Aerzte" haben fich zusammengethan, em sowohl den heranreifenden Mädchen, wie den Hausfrauen practische Winke über Haus-Hygiene und andere Angelegenheiten, welche daS Haus betreffen, zu ertheilen und zwar in einer Form, die, ohne trivial zu sein, dem allereinfachsten Verständnttz angepaßt ist. Zur besseren Ausbildung namenUich der Dienstmädchen und der Fra« auS dem Volke bllden die Auerbach'schen Hefte eine äußerst bequeme und practische Handhabe, zumal da jedes Heft nur 10 Pfg. kostet. Die Idee ist zeitgemäß und praciisch, und da die behandelte» Themata tief ins wirthschaftliche Leben hinetnleuchten, sollte diese Hauswirthschastltche VolkSbibltothek in keinem Hausstände fehlen.

Feuilleton.

Ker große Mailing.

Humoreske von Martha Renate Fischer.

(Nachdruck verboten.)

Ans seiner Visitenkarte stand:

Friedrich Molling königlicher Tänzer o. D.

Die Karte war mit zwei Reißzwecken an seine Stuben- thür geheftet und ein einziger Mensch auf der Welt betrachtete sie mit der verständnißvollen Ehrfurcht, die ihr zukam «nd daS war Friedrich Molling selber.

DaS Stubenmädchen, daS ihn bediente, und die PenfionSgenoffen, zumeist Ausländer, waren oberflächliche Gemüther und dachten höchstens, daß der alte Tanzmeister fich den eitlen Zusatz unter seinem Namen besser sparen würde. Denn keiner hatte je etwas von Friedrich Molling gehört.

Aber er selber, wenn er von der Mittagstafel kam oder vom abendlichen Thee aus dem Gewirr der fünf oder sechs Sprachen seiner PenfionStheilnehmer oder von seinem stillen Spaziergang und sah daS Kärtchen an seiner Thür er wußte, wer Friedrich Molling gewesen war: ein großer Künstler, eine Sturmnacht im Tanz.

Und dann sah er den Friedrich Molling auch einen schlanken, sehnenstraffen Menschen, mit braunem Geficht, schwarzem, lockigem Haar, Schnurrbärtchen und Blitzaugen: nah« den Hut ab, ehe er in seine Stube eiutrat, zog ihn sozusagen.

Drin im Zimmer war er dann freilich sofort der alte, practische Tanzmeister, mit dem Zwang der Sparsam- feit: Der Hut wanderte io daS Spiegelspind, Ueberzieher

und Rock in den Kleiderschrank- hinter der Eckgardine holte er den Schlafrock hervor, und daun--ein Blick, ob

die Thür auch verriegelt sei, dann zog Friedrich Molling die Hose aus.

Was hatte er doch gelitten, ehe er fich an die bloße Unterhose gewöhnte, sowohl physisch wie auch psychisch - denn vorerst fror ihn und er mußte aus feiner Beweglichkeit ein gewisses Phlegma züchten. Aber in der Sophincke, zwischen den Kiffen und mit der Reisedecke, war sein Indien- spazierte er jedoch und ließ selbstvergessen den Schlafrock wehen, so schienen die Lüfte deS Nordpols zu ziehen.

Und dann psychisch: Er schämte fich ja, daß Friedrich Molling so ein armer Stümper war studirte er auch seine Beine und fand, daß fie allgemach dünn und auß« druckloS wurden. Und das schmerzte ihn. Dünne Beine! Armer, alter Stecken!

Er stellte fich vor den Spiegel und sah fich an: ein langer, hagerer Kerl, ein gelbes Geficht mit je einer große« LängSfalte statt der Wangen, die Augen ein wenig müde, melancholisch und schwärmerisch, der Schnurrbart flatternd und wild und daS Haar auch. Noch die alte schöne Gewitter» mahne ein wenig weiß durchzogen zwar.

Wie lange ist her fünfunddreißig Jahre etwa da hat er mit der kleinen Lolo den Alrnehntanz getanzt.

Aber fie tanzten ja gar nicht: fie schwebten, flogen, dichteten, malten ja fie malten) einen herrlichen Tanz i» hundert glühenden, schmelzenden Farbentönen. Und sie lebte« den Tanz er, der Padischah sie, die Almeh.

Bei der Aufführung stürzte er, brach daS Vein, wurde schlecht geheilt.

Rach Jahren machte ihm ein früherer Gönner ein kleine- Ctgarreugeschäft auf, daß er nicht zu leiten verstand - wieder nach Jahren wurde er Tanzmeister, hier und da in der Provinz.

Heute saß er in einem Pensionat in der Potsdamer» straße von Berlin und hielt mit seinen Einkünften HauS. Eine kleine Pension, ein paar Mark Zinsen, noch ein paar Mark Leibrente auS einem Legat.

Die Steifheit und Schwäche war im kranken Bein all­gemach gewichen, dafür fand fich jene andere Steifheit und Schwäche ein, die feine sechzig Jahre verschuldeten. Alter Molling! Alter Stock!

Ja, ja, ja, aber der Molling war mal jung als er noch mit der Lolo tanzte.

Rach jenem Unfall, der seine Zukunft abschnitt, lebte fie den Tanz nicht mehr mit ihm: fie wurde eine Berühmt­heit, angelte nach einem Prinzen und einem Großwürdenträger und wurde die Frau eines Bankiers.

Molling erhob fich aus seiner Sophaecke, zog unter dem Bette ein Holzkofferchen hervor und öffnete eS.

Verblaßte Herrlichkeiten! Der goldgestickte Anzug deS Padischah! Da auch die Schuhe, die TricotS, der Türkan mit dem Reiher und dem strahlenden Schmuck seiner unächtert Diamanten.

DeS alten MollingS Hände zittern. Ruhig Blut! Und nun pfeift er leise die schmachtende, wilde Melodie jenes Tanzes der Tänze, breitet die Flitter und zerdrückten Fetzen auS und wiegt fich traumhaft wiegt fich im Schlafrock, der Unterhose und den Schlapppantoffeln.

Und dann mit einem Rack den Kram seiner Armuth herunter und mit vorsichtigen Händen daß seidene Tricot- gewebe, zart, als haniire er mit Spinnweben, auf die hageren Glieder die Schuhe, daß goldgestickte Jäckchen, und nun Raum! Raum!

iFortsetzung folgt.)