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Nr. 298
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Glehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.
Dir Gießener A>«mitienvtälter »oerdrn dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt. Sonntag den 19. December___________________
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Zu Deutschlands Ruhm und Ehr!
Nun durchschneiden bereit- unsere Kriegsschiffe, welche Hestimmt sind, daS deutsche Geschwader in Quasten zu verstärken, die MeereSwogen, aber noch immer wird unseren braven Seeleuten das Lebewewohl nachklingen, welche- ihnen Kaiser und Volk zugerufen Haden. Em Prinz vom Hohen» zollernstamme ist unterwegs, um an einer hohen Aufgabe mttzuwirken, die sich anscheinend unsere Regierung gestellt hat, und ihrem Gelingen die Weihe zu gebeo. „Wir wollen bort drüben in Asien auch in der Sonne stehen, ohne daß wir aber daran denken, Jemanden zv verdrängen und in den Schatten zu stellen", so characterisirte der StaatSsecreiär Jo. Bülow die Aufgabe, zu deren Durchführung Deutschland -so außerordentliche Anstrengungen gemacht hat, an deren Fortgang die Nation einen um so regeren Antheil nimmt, alS daS wirkliche Endziel der Expeditiorl heute noch nicht vor unser Aller Augen liegt, als noch ein geheimntßvolles Dunkel die Angelegenheit umgiebt, welche nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt wird.
Wir haben schon mehrfach Gelegenheit genommen, darauf h'vzuweisen, daß die Regierung angesichts der Aufbietung solcher Kräfte mehr erreichen will al« die Erlangung einer Sühne für die ermordeten deutschen Missionare. Denn wenn die bezopften Herrschaften in Peking sich auch etwas gesträubt hätten, so würden sie doch schließlich die sämmtlichen deutschen Forderungen bewilligt haben und eine Anzahl Chinesen hätte dielleichr das Vergnügen gehabt, zwischen Himmel und Erde da- Dasein abzuschließen. Aber wir glauben nicht, daß die Befriedigung diese- RachebedürfniffeS allein in Deutschland- Wünschen liegt, wir glauben vielmehr die Maßnahmen der Regierung dahin zu verstehen, daß sie dem Neuerwachen de-
nationalen Geistes Rechnnng tragen will. Parteihader und i kleinlicher PartikulariSmu« sollen zurücktreten vor einem । großen Ziele, zu deffen Erreichung Deutschland seine ganze Kraft einzusetzv« hat. Und eS scheint unS fast so, al- ob allenthalben Anzeichen zu Tage träten, welche deutlich darauf Hinweisen, daß mau deS HaderS und de- Streit- müde ist, daß man gerne au einem gemeinsamen Werke arbeiten möchte und der in letzter Zeit immer mehr Ueberhand nehmenden Zerklüftung ein Ende zu machen bereit wäre. Und da wird gerne ein Moment ergriffen, der sich in unserer auswärtigen Politik darbietet und geeignet ist, da- Werk der Wiedervereinigung zu fördern. Mau war eine ganze Zeit lang gleichgtltig gewesen gegen unsere auswärtige Politik- zwei Jahrzehnte waren verstrichen, seitdem Deutschland auf diesem Gebiete irgend einen maßgebenden Einfluß ausgeübt hatte, nnb Diejenigen befanden sich nicht so ganz im Unrecht, welche meinten, die Zeit sei nicht mehr fern, wo unsere Stellung im Rath; der Völker, so weit e- sich wenigsten- um die internationale Politik handle, unter da- uns zusteheode Niveau herabgedrücki werden würde. Da kam der chinesisch-japanische Krieg mit seinem Frieden von Shtmonoseki und die erstaunte Welt erfahr mit einem Male, daß Deutschland in die Speichen der internationalen Politik wieder etngegriffen habe und im Verein mit Rußland und Frankreich den Chinesen zu billigeren Friedensbedingungen verhelfen wolle. Wir sehen noch insbesondere die verblüfften Gesichter in Deutschland selbst, wo die Sympathien mehr auf Seiten der Japaner sich befanden und man nicht begreifen konnte, daß unsere Regierung sich die Gunst der Japaner verscherzte. H'Ute verstehen wir beffer das Leitmotiv jener Handlungsweise, die freilich nicht den erwarteten Erfolg gehabt hat. Den letzteren sollen uns unsere Blaujacken erringen helfen, unsere Flotte soll den Chinesen, wenn
sie e- noch nicht wtsiea, klar machen, daß Demschland anderen Staaten ebenbürtig und daß öS gut ist, mit ihm auf den besten Fuß sich zu stellen.
Unsere junge Marine ist noch nicht oft in der Lage gewesen, vor einer so hohen Aufgabe zu stehen, bei der r» darauf ankommt, der deutschen CuUnr Achtung zu verschaffe« und vielleicht Beispiele von deutscher Opferfreudigkeit, Manneszucht und Tapferkeit abzulegen. Deshalb finden wir eS begreiflich, wenn der Kaiser, der seiner Marine so rege Sym- pathie entgegen bringt, selbst an unser Gestade eilte und der Mannschaft ihre Pflichten persönlich in eindringlichster Wciie an Herz legte, die in der Aufforderung gipfeln, allezeit dem deutschen Namen Ehre zu machen. Wir kennen alle die impulfive Natur deS Kaisers, von der wir schon so manche Beispiele aufführen konnten und wiffeu r« ihm Dank, daß er so eifrig auf der Wacht steht und anfeuert zu Deutschlands Ruhm und Ehre. (xx)
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• DaS älteste eigentliche Kriegerdenkmal in Deutschland ist nach der B. Z." nach den Freiheitskriegen 1819 am 18. Juni in Celle enthüllt worden. Es befindet sich in der Stadtkirche dortselbst und besteht auS einer gesoffenen Etsentafel von 6 Fuß Höhe und 9 Fuß Breite. Eingefaßt in eine Seiienverzierung von lorbeerbekränzten Schwertern, befinden sich darauf die Namen der 27 Gebliebenen von Celle und nächster Umgebung, in alphabetischer Ordnung, darun er auch der eines Adjutanten Grafen P. T. von Hardenberg, der im selben Gefecht fiel, in dem Theodor Körner den Tod fand. Die Ueberschrift lautet: „Im glorreichen Kampfe für deS teuern Vaterlandes Be- f-.etuug fandet auch ihr, hochherzige Krieger, den Tod der
Feuilleton.
Don Insns Pech. '
Humoreske von Dr. Max Hirschfeld.
(Nachdruck verboten.)
KO. Den Promenadenweg eine- Badeortes entlang gingen zwei elegante Dandys.
„Weiß der Deibel", sagte Kurt von Werdenberg mit schnarrender Stimme, „eß ist doch kein paffable- Frauenzimmer hier am Ort, dem man die Kur schneiden könnte. Findest Du nicht auch, Don Juan?"
Der also Angeredete, mit seinem wahren Namen Bruno von Stolzenfels, zuckte die Achseln. Er hatte sich Übrigenden Beinamen „Don Juan" hinter den Couliffen der Haupt
stadt erworben.
„W:e man'« nimmt," sagte er, „ich habe hier eine famose Blondine entdeckt, der ich schon seit einigen Tagen folge. Vorläufig thut sie noch etwas spröde, aber mit der Zeit pflückt man Rosen." t ,
Sie waren jetzt bet einer Blumenverkäuferin angelaugt, die am Wege ihre Maaren feilbot. Bruno kaufte ein Sltäußchen.
„Willst Du das ihr überreichen?" fragte Kurt. „Bist Du denn schon so weit mit ihr?"
„Bi- dato habe ich sie noch nicht angeredet", erwiderte Bruno siegesbewußt, „aber heute —, dem Kühnen gehört die Welt. — Nun, was zerrst Du mich denn so am Arm?
Siehst Du den dicken, rothen Menschen, der dort angekeucht kommt. Da- ist der ehemalige Bankier Strom- 6Crfl «ha, verstehe, kleiner Pump mit Wucherzinsen!"
„Keine Idee! Ec ist schon lange nicht mehr Bankier, sondern lebt nur noch von seinen Zinsen. H er will er sich entfetten laffen. DaS Unangenehme an ihm ist, daß er sich die Langeweile dadurch zu vertreiben sucht, daß er lyrische Gedichte macht. Und nicht nur macht, sondern auch drucken läßt und vor allen Dingen sie Jedem vorliest, der auf irgend eine Weise sei« Opfer wird, — aber Donnerwetter, der bitte Kerl kommt gerade auf unS zu, - entschuldige, wenn ich Dich-jetzt in Stich lasse."
Kaum war Kurt verschwunden, alS daS hübsche Mädchen ouftauchte, für welche« der „Don Juan" gerade schwärmte. Bruno folgte ihr in einiger Entfernung, überlegend, unter welchem Vorwande er ihr daS Sträußchen überreichen önne. Plötzlich beschleunigte fie ihre Schritte. Der Fächer, mit dem sie sich von Zeit zu Zeit Kühlung zufächelte, enthielt einen tteincn Spiegel und in diesem beme-kte sie, daß ihr Bruno vachfolgte, der ihr schon seit einigen Tagen durch diese stumme Verehrung lästig gefallen war. Sie ging sehr schnell dem
Hotel zu, in welchem fie mit ihrer kranken Mutter wohnte, der Verfolger ihr in gleicher Eile nach. Sie eilte die Hotel- treppe hinauf, indem sie immer eine Stufe übersprang, und al« fie hinter einer der Z'mmerthüren verschwand, betrat der Verfolger gerade den Eingang zum Corridor, den er schnell entlang ging.
„Nr. 361" rief er an«, vor einer Thür stehen bleibend. „Ich habe mich nicht getäuscht. Sie wovot auf Nr. 36."
Er hatte sich aber doch getäuscht. Die hübsche Blondine wohnte auf Nr. 37.
Bruno blieb also vor Nr. 36 stehen und seufzte: „O Seraphinc!" Sie hieß allerdings nicht Seraphine, aber er hatte fie einstweilen so getauft, bi- er ihren wahren Namen erführe. Auf Nr. 36 wohnte derselbe Herr, den Bruno- Freund ol« den Rentier und Dichterling Stromberg bezeichnet halte. ES muß hier hinzugefügt werden, daß er eine Sammlung seiner Gedichte unter dem Titel „Erika" hatte drucken laffen. Dieses Buch war ihm derart an« Herz gewachsen, daß er e- nur „meine Erika" oder „meme geliebte Erika" nannte.
Bruno stand also vor Strombergs Zimmerthür, auf welche er so verzückt starrte, als ob von seinen Augen Röntgen- strahlen au-gingen.
„Ich höre da- Rauschen eines Kleide-," flüsterte er vor sich hin, „da- Rascheln ihrer kleinen Füßchen, — jetzt ist ihr Fächer zu Boden gefallen."
Stromberg zog fich nämlich die Stiefeln au« und schleuderte fie fort. Dann brummte er die Melodie eine» Gaffenhauer- vor fich hin.
„Ha, welche entzückende Stimme! Wie da« Murmeln des Bache» und da- Zwitschern der Vögel!--Ob ich
es wage? — Ob ich eß wage einzutreten? — Ich gestehe ihr, daß ich fie liebe, — wenn ihre Mutter zugegen ist, spreche ich von reellen Absichten, — ha, jetzt spielt fie auf einer Guitarre." ,
Stromberg hatte sich nämlich auf da- Sopha geworfen, welche- infolge deffen stark knarrte.
Indem Bruno durch da-Schlüffelloch zu blicken versuchte, fiel er polternd gegen die Thür, welche aufiprang.
„Oho, was ist denn da loö?" gröhlte Stromberg mit seiner Baßstimme.
Bruno war im höchsten Grade verblüfft.
„Wahrscheinlich ihr Vater!" dachte er. „Sie ist wohl in der Nebenthür verschwunden."
„Ich wollte — ich wollte —" stotterte er, in seiner Verlegenheit da« Sträußchen hin- und herschwenkend.
„Bringen Sie mir vielleicht diese Blumen?"
Eine Idee stieg in dem sonst ziemlich leeren Kopfe Don Juan- auf. m
„Jawohl, Ihnen, — al- Ausdruck meiner Verehrung für Ihre Gedichte!"
„Ah, meine „Erika" hat Ihnen gefallen?"
Der blonde Engel heißt also Erika und dieser Stromberg ist ihr Vater. Wie er nur gemerkt hat, daß ich ihr nachstelle.
„Gefallen? und wie! verehrter Herr, ich wollte Ihnen gestehen, daß ich sie liebe--" Er wollte etwa- von
reellen Abfichten hinzufügen, aber Stromberg unterbrach ihn.
„Sie lieben mich also Erika- wegen?" fragte er mit verklärtem Gesichte.
„Meine Liebe und Achtung wird meinem Schwiegervater stets gehören."
„Nun natürlich, Ihrem Schwiegervater — dagegen habe ich gar nicht-, — aber meine Erika —"
„Ich bete fie an," schrie Bruno.
„Wa- gefällt Ihnen denn daran so gut?"
„Daran? Ste meinen doch an Ertka? Vor alle« Dingen die Augen, die herrlichen Augen."
„Erlauben Sie", sagte Stromberg, „Sie meinen wahrscheinlich „die Hühneraugen."
So lautete nämlich die Ueberschrift eine- Stromberg'- schen Gedichte».
„Die habe ich garnicht gesehen," lispelte Bruno ein wenig verschämt.
„Nicht? Dann muß ich eS Ihnen vorleseu, Setzen Sie sich."
Und ehe Bruno wußte, wie ihm geschah, soß er Stromberg gegenüber, der ihm mit seiner glucksenden Stimme da» Gedicht „die Hühneraugen" vorlas. ES war ein so blühender Blödsinn, daß Bruno fich innerlich alle reellen Absichten abschwor, um nicht einen Verrückten zum Schwiegervater zu kriegen. Andrerseits wenn die Mitgift groß genug wäre. —
„Verzeihen Sie", sagte Bruno, al» Stromberg seinen Vortrag beendet hatte, „ich frage niemals nach materiellen Dingen--"
Er wollte daran avknüpfend fich nach der Mitgift erkundigen, aber Stromberg schnitt ihm da» Wort ab.
„Sie haben Recht, „die Hühneraugen" find etwa» materiell, aber ich will Ihnen jetzt eine» meiner gedruckten Gedichte vorlesen, betitelt: „Bade, Seele, dich im Aether," da ist nicht» materielles dran."
Und ehe der junge Mann eß verhindern konnte, decla- wirte Stromberg da- sehr lange Gedicht, welche» Steine nicht nur erweichen, sondern auch rasend hätte machen können. Um eß kurz zu sagen, drei Stunden später verließ Bruno daß Zimmer, an Leib und Seele zerrüttet, wie er später sagte. Weder an Seraphine, noch an Erika dachte er mehr, er packte seine Sachen und verließ den Badeort, um ihn nie wieder zu betreten.


