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-rr. 245 Erstes Blatt Dienstag den 19. October >897
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Girtzener Anreiger erscheint täglich, wit Ausnahme bei Montag».
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Amtlicher Thell.
Bekanntmachung.
Die Strecke der Güdaulage -wischen Goethe- und Bletchstrahe wird wegen des Umbaus der Fahrbahn von heute ab auf etwa 8 bis 10 Tage für den Verkehr mir Fuhrwerken und Rettern sowie für Biehtreiben gesperrt.
Gießen, den 18. October 1897.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
Zur Kretafrage.
Sine des allgemeinen Interesses nicht entbehrende Mel- düng kommt aus Kaodta. Danach fühlen sich die Engländer derart als Herren, daß fie alle Telegramme politischen Inhalt- einer sehr strengen Censur unterwerfen, und wie sehr fie fich darauf einrtchten, möglichst lange auf Kreta zu ver- weilen, geht auS dem Umstande hervor, daß fie die vor der Bucht von Kandta liegende Insel Dia zur Kohlenstation auS- bauen. England hat ja von jeher, während des ganzen Verlaufs der orientalischen Frage eine zweifelhafte Rolle gespielt und viel dazu beigetrageu, daß die Angelegenheit immer wieder verschleppt wurde Wenn die Einigkeit des europäischen LoncertS in die Brüche ging, so war eS fast jedes Mal Eng. land, welches den gemeinsamen Beschlüssen der Großmächte fich nicht fügen wollte oder wenigsten- durch Gegenvorschläge neue Berathungen veranlaßte. Die Richtigkeit dieser Thai- fache können wir in allen Stadien der Orientfrage beobachten, und auch an der Entwickelung deS türkisch-griechischen Krieges ist England insofern stark betheiligt, als es fich den Bemühungen der Großmächte, Griechenland zur Vernunft zu bringen, nicht anschloß, sondern überdies noch die Hellenen in ihren Bestrebungen, die zum Ruin Griechenlands führen mußten, unterstützte.
Die Affaire zwischen Griechenland und der Türket ist auf dem besten Wege rndgilrtg beigelegt zu werden, und die Großmächte sehen jetzt die Zett gekommen, mit der Regelung der krerenfischen Angelegenheit von Neuem zu beginnen. Der Sultan hat den Mächten vorgeschlaqen, die Einwohner Kretas zu entwaffnen und durch türkische Truppen die Ordnung auf der Insel Herstellen zu laffen, wie er denn überhaupt in letzter Zett wieder von der Anficht auszugehen scheint,
daß die Regelung der Kretafrage ausschließliche seine eigene Sache sei. Schon die Entsendung Djevad Paschas stand nicht im Programm der Mächte und war ein Beweis für die wieder auftretenden SelbststävdigkeitSgelüste der Sultans. Es ist deshalb begreiflich, daß die Vorschläge desselben mit einigem Mißtrauen ausgenommen wurden- die Großmächte thun gut, darüber Rath zu pflegen, ob die Pactficirung der Insel nicht ohne Mitwirkung der Türkei bewerkstelligt werden kann. Dar vereinigte Europa, deffen Kriegsschiffe nun schon so lange in den krrtenfischen Gewäfferu liegen, würde fich unsterblich blamtren, wenn es den Türken überlasten wollte, nach eigenem Gutdünken auf der Insel zu schalten. Vor allen Dingen aber wüsten die Mächte von vornherein darüber fich klar machen, daß fie nicht wiederum durch verfehlte Experimente die Sache hinziehen und fich durch die Erfolglofigkeit ihres Vorgehens weiter compromittiren. Erfahrungen können fie im Laufe der Zeit genügend gemacht haben, so daß fie nicht wieder io ihre alten Fehler zu verfallen brauchen. Zunächst wird die Einsetzung eines Gouverneurs erforderlich sein- denn auf deffen Persönlichkeit kommt eS hauptsächlich an bei der Frage, ob die vom Sultan bewilligten Reformen nun auch wirklich zur Durchführung gelangen. Daß die Candidaten- frage auch wieder zu manchen Meinungsverschiedenheiten führen wird, liegt auf der Hand, insbesondere wird England diese Gelegenheit benutzen, um seine Sonderintereffen zur Geltung zu bringen. Denn das jetzt beliebte schnellere Tempo in der Regelung der Kretafrage ist der englischen Regierung vielleicht nicht allzu willkommen, und letztere wird die AuS- wähl eine- Gouverneurs möglichst dazu benutzen, die Angelegenheit noch etwas zu verschleppen.
Wenn im Interesse einer schleunigen Herbeiführung geordneter Zustände auf Kreta die Ernennung eine- provt- f ort sch en Gouverneurs angeregt wird, so können wir unS dafür nicht erwärmen, weil eine solche Ernennung nur dazu führen würde, die drfiattive Regelung der Dinge hinauszu- schieben. ES liegt übrigens auch gar kein Grund mehr vor, noch lange Vorverhandlungen zu Pflegen über die künftige Gestaltung der Dinge, da man nur die vom Sultan bereits bewilligten Reformen durchzuführeu braucht und au der Hand derselben die Organisation vornimmt. Freilich geht jetzt auf der Insel Alles drunter und drüber, aber unserer Anficht nach werden die Insurgenten fich zufrieden geben, wenn fie sehen, daß Europa Ernst macht, ihre berechtigten Wünsche zu realifiren. Zur Herstellung der Ruhe würde fich die Schaffung
eines ausreichenden, unter dem Commando eines europäischen höheren Offizier- stehenden Gendarmeriecorps empfehlen, welches aus tüchtigen Elemerten der civilifirteu Staaten zusammengesetzt sein müßte. Eines müssen die Großmächte vor allen Dingen im Auge haben: fie dürfen sich nicht wieder bezüglich der Durchführung der Reformen auf Kreta vo« Sultan nasführen laffen, sondern fie müssen mit aller Energie daraus dringen, daß die Versprechungen genau nach dem Wortlaute derselben erfüllt werden. (XX)
Deutsche» Reich»
Berlin, 16. October. Der Kaiser hörte heute früh im Neuen Palais den Vortrag des Chefs des Militär- CabtuetS, General v. Hahuke. Um 91/* Uhr begab fich daS Katferpaar mittelst Sonderzuge- nach Berlin, wo um 10 Uhr in der Ruhme-halle des Zeughäuser die Nagelung der neuen Fahnen stattfand. Hierauf nahm der Kaiser militärische Meldungen entgegen und besichtigte demnächst mit der Kaiserin die Modelle zum BtSmarck-Denkmal im Akademie- Gebäude. Nachmittags fuhr das Kaiserpaar nach Potsdam zurück.
Berlin, 16. October. DaS Staatsministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorsitz des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe im Dienfigebäude zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 16. October. Dem bisherigen Unterstaats, secretär im Reichspostamt vr. Fischer ist, wie die „Nat.- Ztg." meldet, sicherem Vernehmen nach der nachgesuchte Abschied bewilligt worden.
Berlin, 16. October. Das Mitglied deS Herrenhauses Alexander von Drehler, Rittergutsbesitzer auf Will- ktschken, ist heute hier gestorben.
Berlin, 16. October. Der „Reichsanzeiger" meldet die Ernennung des DirectorS und Vorsitzenden der Ablheiluog für Invalidität-- und Altersversicherung im ReichSversiche- rung-amt, Geh. Ober-Regierungsrath Gaebel zum Präfi- deuten des ReichSverficherungSamteS und diejenige des Geh. RegteruugSratheS und ständigen Mitgliedes des RetchS-Ber* ficherungSamteS vr. Sarrazin unter Verleihung deS RangeS als Rath dritter Klasse zum Director und Vorsitzenden der Abtheilung für Invalidität-- und Altersversicherung im Reichs- verficherungsamt.
Berlin, 16. October. Der Vorstand der deutschen Colonialgesellschaft wird Ende November oder Anfang
Lin Gessmmlkatalog der deutschen Bibliotheken.
Von Hosbibliothekar vr. Adolf Schmidt.
Zum erstenmale tagte in diesem Jahre im Anschluß an die vom 29. September bis 2. October zu Dresden stattgefundene 44. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner eine Section für Bibliothekswesen. Mit Freuden waren die wissenschaftlichen Bibliothekare aus allen Theilen des deutschen Reiches wie aus Deutsch. Oesterreich, von Königsberg bis Graz, der von den Vorständen der Bibliotheken zu Dresden und Leipzig ausgegangenen Einladung gefolgt, da sich in ihren Kreisen immer mehr die Ueberzeugung Bahn bricht, daß die großen Aufgaben, die heutzutage den Bibliotheken gestellt werden, nur durch ein planmäßiges Zusammenarbeiten zu lösen sind, das durch persönlichen Meinungsaustausch am Raschesten erreicht würde. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand ein Gegenstand, der nicht nur für die Bibliotheken selbst, sondern auch für jeden einzelnen Benutzer von so hervorragender Bedeutung ist, daß ein kurzer Bericht darüber wohl auf allseitiges Jntereffe rechnen darf.
Es bandelt sich um die modernen Bestrebungen einer Generalkatalogisirung, über die der Director der Kgl. Universitätsbibliothek zu Göttingen, Geh. Regierungsrath Prof. vr. Dziatzko, in einem längeren Vortrag etwa Folgendes berichtete:
Fast gleichzeitig faßte man zu Ende der 30er Jahre zu Paris und zu London den Plan, die Kataloge der Biblio- th£que Nationale und der Bibliothek des British Museum, die in ihren Beständen den größten Theil der gesammten Literatur aller Völker vereinigen, zu drucken, doch erschien in London 1841 nur der erste, den Buchstaben A umfassende Band des alphabetischen Katalogs, in Paris von 1847 an in 11 Bänden ein systematischer Katalog über die Geschichte Frankreichs und 3 Bände eines Katalogs der medicinischen Werke, dann gerieth in beiden Ländern die Veröffentlichung
ins Stocken, um erst neuerdings wieder ausgenommen zu werden. In London war der handschriftliche Katalog, der in 1400 Foliobänden im Lesesaal zur Benutzung steht, all- mählig so angeschwollen, daß man sich im Jahre 1881 zur Drucklegung entschließen mußte. Dieser neue gedruckte Katalog umfaßt in alphabetischer Anordnung der Titel den Be- stand bis 1879; zur Ergänzung dient seit 1880 ein alpha- betisches Verzeichniß der neuen Erwerbungen in zwei Klaffen für englische und ausländische Werke. Ein Subject-Index öder Schlagwort-Katalog, von dem bis jetzt drei Bände für die Jahre 1880—85, 1886—90, 1891—95 erschienen find, geht neben den alphabetischen Zugangsverzeichniffen her.
Diese englischen Kataloge wurden Vorbild für den ge- druckten Katalog der Pariser Nationalbibliothek, der in drei Abtheilungen erscheinen soll, einem alphabetischen Autorenkatalog, einem zweiten Katalog der Schriften ohne Autornamen nach dem Hauptstichwort und einem dritten mit willkürlich gemachtem Stichwort. Der erste Band des alphabeti- schen Autorenkatalogs ist vor Kurzem ausgegeben worden.
Für Deutschland wurde erst im Jahre 1884 von Heinrich v. Treitschke auf das Bedürfniß eines Gesammt- katalogs hingewiesen, aber sein Vorschlag, in der Berliner Kgl. Bibliothek Abschriften der Kataloge der übrigen deutschen Bibliotheken nebeneinander aufzustellen, war zu unpractisch und fand daher keinen Beifall.
Im Jahre 1895 nahm das preußische Cultus- Ministerium die Sache in die Hand, indem es in dem Etat die Summe von 300 000 Mark zur Anfertigung eines Gesammtverzeichnisses der in der König!. Bibliothek und den anderen größeren preußischen Bibliotheken vorhandenen Werke einstellte. Die Summe wurde von dem Abgeordnetenhause bewilligt. Das Ziel will man auf folgendem Wege erreichen. Von jedem in der Kgl. Bibliothek befindlichen Werke werden nach dem einer vorherigen Durchsicht unterworfenen alphabetischen Katalog zwei Titelcopien auf Zetteln genommen, auf denen neben dem Titel die sämmt- lichen Bibliotheken durch Zahlen bezeichnet find. Diese Zettel werden in kleineren Päcken der Reihe nach an alle Bibliothe- 1 ken geschickt, die fie mit ihren alphabetischen Katalogen ver
gleichen und durch einen rothen Strich unter,ihrer Ziffer an geben müffen, ob das Werk vorhanden ist. Besitzt eine Bibliothek Werke, die der Kgl. Bibliothek fehlen, so muß sie deren Titel in gleicher Weise auf Zetteln copiren, die dann mit den Berliner Zetteln an die übrigen Bibliotheken gehen und dort ebenso wie die Zettel der Kgl. Bibliothek behandelt werden. Zuletzt kommt die ganze Maffe der Zettel wieder in der Kgl. Bibliothek zu Berlin zusammen. Mit dem einen Exemplare wird ein alphabetischer Autorenkatalog hergestellt. Die Verwendung des zweiten ist noch nicht fest bestimmt, da noch keine Einigung erzielt werden konnte, ob man es zu einem systematischen oder zu einem Schlagwort-Katalog vereinigen solle. Der Vortragende tritt entschieden für einen systematischen Katalog ein, andere halten den Schlagwort- Katalog, der die Namen der Verfaffer und sachliche Stichworte in einem Alphabete enthält, für den Katalog der Zukunft. Wer jemals das glänzendste Beispiel eines solchen Katalogs, Billings' medicinischen Index - Catalogue of the Library of the Surgeon-General’s Office, United States Army, Washington 1880 ff., der eine Zierde der Hand- bibliothek des Lesesaals unserer Hofbibliothek bildet, eingehend benutzt hat, kann meiner Meinung nach nicht im Zweifel sein, daß diese Form für einen dem Publikum in die Hand zu gebenden Katalog die einzig richtige ist. Ein systematischer Katalog, mag er noch so einfach angelegt sein, erfordert zu seiner Benutzung stets eine genaue Kenntniß des Systems, der alphabetische Schlagwort-Katalog dagegen kann wie ein Konversations-Lexikon von Jedermann ohne Weiteres nachgeschlagen werden. Jedes System veraltet ferner mit dem Fortschreiten und der Umgestaltung der Wissenschaften, em Schlagwort-Katalog kann nie veralten.
Im Laufe der Jahre wird also in Berlin ein 90110= schriftliches Gesammtverzeichniß ^mmtltcher preußischen Bibliotheken entstehen, dessen Werth für wissenschaftliche wie für practische Zwecke auf der Hand liegt. Man denke z. B. nur daran, wie man letzt das Material für eine Arbeit durch Umfragen bet allen ^^chen Btblto- theken zusammensuchen muß. In Zukunft genügt eme nach Berlin gerichtete Anfrage. Wünscht man die Bücher selbst


