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19.8.1897 Erstes Blatt
 
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Donnerstag den 19 August

Gießener Anzeig er

Zlints- und Zlnzeigeblntt für den ALrers Giefzen

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Der

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Aus hohen Regionen.

Der Sommer geht zur Rüste, und nach und nach kommen auch diejenigen Männer wieder, welchen MinisterportefeuilleS anvertraut sind oder doch wenigstenszur Regierung" zählen. Tin Kleeblatt, bestehend aus den Ministern der Landwirth- ichast, Herrn v. Hammerstetn, deS Innern, Frhrn. v. d. Recke -und der öffentlichen Arbeiten, dem jungen Bräutigam Herrn Thielen, war in das schlesische Ueberschwemmungsgebiet ge» fahren, um zu ergründen, ob denn wirklich der Schaden so groß sei, daß StaatShülfe sich als nothwendig erweise. Die Herren find zurückgekehrt und haben wirklich erkannt, daß die Meldungen über die Verheerungen, welche dar Hochwaffer angertchtel hat, wahrlich nicht übertrieben waren, daß staat- ltche Hülfe dringend erforderlich ist, daß die Privatwohl- thätigkeit, auch wenn sie mit so großen Mitteln arbeitet, wie in diesem Jahre, zur vollständigen Linderung der Noth nicht auSreicht. Freilich will man von einer allgemeinen Noth nichts gemerkt haben. ES ist eben wunderbar, wie schlecht die Regierungsmänner zuweilen sihen können, wenn rS sich um Culturaufgaben handelt. Im Uebrigen will mau fich diesmal nicht damit begnügen, der augenblicklichen Nothlage abzuhelfen, eS sollen vielmehr seitens der StaatS- regierung Vorkehrungen getroffen werden, um die systematische ^Lösung der Frage der Verhütung der Hochwafferschäden in -Schlesien herbeizuführen. Das hätte schon längst geschehen 7önnen, denn solche Katastrophen, wie die in den letzten Wochen hereingebrochenen, find nicht neu, wenn sie auch nicht immer mit gleicher Gewalt gewüthet haben. Viel Unglück hätte schon verhütet, viel Nationaleigenthum gespart und viele Menschenleben erhalten bleiben können, wenn die Regierung schon eher die Initiative ergriffen hätte. Und darf man panz sicher sein, daß nun auch wirklich gründliche Abhülfe erfolgt? Die drei oben genannten Minister mögen den besten Willen haben, aber sie haben einenHöheren" über «sich, der daS Portemonnaie führt und zudem seit einiger Zeit Vicepräfident deS StaatSministeriums ist. Wir meinen na­türlich Herrn v. Miquel, der mit einem gewiffen Wohl­behagen den Staatssäckel öffnet, wenn eS fich um Kasernen­bauten, Vermehrung des ArtillerieparkS, Einführung eines menen Gewehrsystems u. s. w. handelt, aber ein bitterböses Geficht macht, falls einer seiner Collegen schüchtern anklopst, um von ihm einige Millionen für Culturzwecke herauSzu- schlagen. Also wir wollten damit nur sagen, daß eS noch sehr fraglich ist, ob denn nun auch wirklich der Ueberschwem- rnungSgefahr wirksam d. h. so weit eS irgend möglich ist, entgegengetreten wird.

Auch dieneuen Männer" treten nach und nach ihre Amtsgeschäste an. Herr v. Bülow hat unmittelbar nach der Rückkehr von Petersburg daS Auswärtige Amt übernommen und er begiebt fich in diesen Tagen nach WilhelmShöhe, um dem Kaiser Jmediatvortrag zu halten. Verschiedene Blätter knüpfen hieran Betrachtungen und erinnern an die Vorgänge im letzten Jahre, als Kaiser Wilhelm ebenfalls in Wilhelms- Höhe weilte und die Demission des KriegsmintsterS Bronsart v. Schellendorf genehmigte. Damals war Reichskanzler Fürst Hohenlohe zum Kaiser gefahren, heute weilt Herr v. Bülow daselbst, in welchem Viele den künftigen Kanzler sehen wollen, und auch Herr v. Miquel will auf der Rück­reise von Wiesbaden nach Berlin in Caffel Aufenthalt nehmen. Ob auch jetzt wieder wichtige Beschlüsse in WilhelmShöhe gefaßt werden? Immer mehr drängt fich die Ueberzeugung auf, daß die Tag-. deS Fürsten Hohenlohe als Reichskanzler gezählt sind,- unserer Ansicht nach darf auf die mehr oder weniger offiziösen Dementis in dieser Beziehung kein großes Gewicht gelegt werden. Er weilt noch immer in Rußland, und von dort kommen neuerdings Meldungen, daß er ver« schtedenen Personen gegenüber auS seiner AmtSmüdtgkeit gar kein Hehl gemacht hat.

Auch der neue Staatssekretär des ReichSmarineamtS, Tontreadmiral Ttrpitz, trifft demnächst in Berlin ein, um sein Reffort zu übernehmen. Große Erwartungen knüpfen sich bekanntlich an die bevorstehende Thätigkeit dieses Herrn, welcher einmal der Moltke und der Roon unserer Marine in einer Person werden soll. Man wird fich noch erinnern, daß dieNordd. Allg. Zig." vor einiger Zett einen Marine- Artikel brachte, welcher großes Aufsehen erregte, da man ihn maßgebenden Personen zuschrteb. In demselben wurde die Bewilligung eines SeptennatS für die Marine gefordert, ähn­lich wie es für die Armee besteht, und man glaubte vielfach, daß Herr Ttrpitz einen Theil seines Programmes in jenem Artikel niedergelegt habe. Dem wird jetzt freilich entgegen­getreten und behauptet, daß über den Umfang der nächst­jährigen Martneforderungen und über die Form, in welcher He vor den Reichstag gebracht werden sollen, noch nicht ein­

mal Vorbesprechungen stattgefunden haben. Jmmermehr darf man aber annehmen, daß Admiral Ttrpitz fich schon jetzt klar darüber ist, was er zu thun gedenkt, um den in ihn gesetzten Hoffnungen gerecht zu werden.

Die Pause, welche im politischen Leben gemacht werden kann, ist nur kurz, und nur noch wenige Wochen wird eS dauern, bis wieder die Politik daS Regiment hat. Daun werden wir auch über dieneuen Männer" ein Urtheil fällen können. (xx)

Deutsche» Reich

Berlin, 17. August. Aussehen erregt, wie eine Local- correspondenz meldet, unter den Unteroffizieren deS Gardecorps die Mittheilung von einem Vorfall beim Garde-Grenadter Regiment Nr. 6. Gestern (Montag) nach Beendigung des VormittagSdiensteS rief der Chef der 5. Compagnie diese» Regiment», Hauptmann v. Lepel, seinen Vicefeldwebel und alle fünf Sergeanten zu fich heran und eröffnete ihnen, daß er jetzt daS letzte Jahr mit ihnen capi- tultre. Sie müßten fich also sofort nach anderen Stellungen bei der Schutzmannschaft, der GenSdarmerie oder ander»wo umsehen. Er selbst werde sich auch bemühen, ihnen Stellungen zu verschaffen. Zur Begründung dieser auffallenden Er­öffnung führte Hauptmann v. Lepel an, er habe viele junge Leute, die auch einmal Unteroffizier werden möchten, er müsse sein UnterofsiziercorpS verjüngen. DerVtcefeldwebel dient im 11. Jahre, die Sergeanten dienen 10, 8 und 6 Jahre, zum Theil ohne jeden Tadel. Alle sind mit der Absicht eingetreteu, sich den Civilversorgungsschein zu ver­dienen, wollten die UnterosfizierSprämte von 1000 Mk. mit­nehmen, die beim Abgänge nach zwölfjähriger Dienstzeit ausbezahlt wird, damit den Regimentern ein Stamm von alten Unteroffizieren erhalten werde, und fich dann um beffere Beamtenstellungen bewerben. Die Leute sind bei der Bildung des neuen Regiments von anderen Regimentern als Stamm de- Unteroffiziercorps herübergenommen worden und sehen fich nun in ihrer Zukunft bedroht. Nach derPost" hat der betreffende Compagniechef bei der Kündigung nicht so­wohl eine Verjüngung al» vielmehr eine Verbefferung seines UnttrosfiziercorpS im Auge gehabt. Die betreffenden Unter­offiziere haben nach der Ueberzeugung deS CompagntechefS ihre Schuldigkeit nicht gethan, und dieser hat fich dadurch genöthigt gesehen, auf eine fernere Capitulation mit den Unterosfizieren zu verz'chten.

Steuer

Wolff» telegrewhische» Correspondmz-Burean.

WilhelmShöhe, 17. August. Prinz Adolf von Schaumburg-Lippe und Gemahlin, Prtnzesfin Victoria, Königliche Hoheit, find heute Nachmittag auf WilhelmShöhe eingetroffen. Dieselben wurden von Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin von der Station abgeholt.

Rom, 17. August. DaS Gerücht, der Papst habe OhnmachtSonfälle gehabt, ist durchaus falsch. Der Leibarzt desselben, Dr. Lapponi, hat einen Berichterstatter ausdrücklich zu der Erklärung ermächtigt, daß der Papst fich fortgesetzt einer ausgezeichneten Gesundheit erfreue. Dr. Lapponi stattete dem Papst am 15. d. M. den gewöhnlichen Besuch ab, an welchem Tage der Papst mehrere Ausländer em­pfing. Er wird den Papst erst am 19. d. M. Wiedersehen und an diesem Tage wie gewöhnlich der Messe de» Papstes beiwohnen. Gestern sowohl wie heute hat der Papst ver­schiedene geistliche Würdenträger, u. A. den Cardinal Ram- polla, sowie verschiedene Abordnungen rc. empfangen. Nächsten Sonntag, als an seinem Namenstage, wird der Papst in seiner Privatbibliothek Cercle abhalten und dort auch die Huldigungen deS CardinalcollegiumS und der Prälaten ent* gegennehmen.

Paris, 17. August. Die Minister hielten heute Nach­mittag unter dem Vorsitz des Präsidenten Faure eine Sitzung ab, worin verschiedene, die Reise Fanres nach Ruß­land betreffende Fragen berathen wurden. Der Präsident reist morgen Vormittag nach Dünkirchen ab und schifft sich um 1 Uhr Nachmittags nach Rußland ein. In seiner Be­gleitung blfinden fich der Minister deS Auswärtigen, Hanotavx, Admiral Gervais und Mitglieder des Civil- und Militär­staates des Präsidenten. Meline wird während der Ab­wesenheit Hanotaux' die Geschäfte deS Ministeriums deS Aeußeren leiten.

London, 17. August. DieTimes" führt in einem Artikel über die deutsche Marine au»: Die Zahl der Kreuzer, deren eine Großmacht bedarf, wird durch die all­gemeine Marine-Politik dieser Macht bestimmt, nicht durch die Nothwendigkeit, ihren Handel gegen die Angriffe einer

zur See stärkeren Macht zu schützen. Der eigene Handel kann durch keine Flotte, mag sie noch so groß sein, geschützt werden, wenn sie nicht derjenigen deS Angreifers überlegen ist. Eine solche Flotte kann und wird aber, selbst wenn fie schwächer ist, solange fie fich auf See halten kann, Verwen­dung finden, um den Handel deS Gegners zu gefährden. Deutschland hat mit fich allein abzumachen, wie weit feine Marine für diesen und andere Zwecke geeignet ist, welche unter die Politik einer Macht fallen, die gleich Deutschland zugestandenermaßen nicht die Vorherrschaft auf See sucht.

Hammerfest, 17. August. Die vom Capitän deSAlken" geschaffene Brieftaube brachte von Andräe ein ver­siegeltes Telegramm anAftonbladet" und einen Brief an den Finder, in welchem dieser aufgefordert wird, da» Tele­gramm anAftonbladet" zu expediren und außerdem die gesandte Mittheilung zu veröffentlichen. Der Dampfer Expreß" suchte vergeben» den DampferAlken" auf. Letzterer wird Ende dieses Monats in Hammerfest erwartet und wird von dort wahrscheinlich daS Telegramm weiter- befördern.

Petersburg, 17. August. Der Kaiser empfing heute im großen Peterhofer Palais die sich nach Moskau zum Medicinal Congreß begebenden ausländischen Aerzte, darunter die Deutschen Geheimrath Profeffor Dr. Virchow, Geheim- rath Dr. von Lehden, General - Stabsarzt der Armee Dr. v. Soler und Professor Dr. Lassar, sowie den Schweizer Professor Dr. Kocher.

Petersburg, 17. August. Bei Anwesenheit des Prä- sidenten der französischen Republik, Faure, werden folgende Ehrenwachen gestellt: Am 23. dS. bei der Landungs­brücke in Peterhof von der Garde-Flolten-Equipage, am 24. dS. bei der Landung in Petersburg an der Nikolaibrücke vom 145. Infanterie - Regiment Nowo-TscherkaskKaiser Alexander III." Während deS Aufenthalts des Präsidenten in Petersburg werden vor der französischen Botschaft Ehren- Doppelpoften stehen.

Kanea, 17. August. (AgenceHavaS.) Die Admirale verweigerten die Schaffung provisorischer Gerichtshöfe und beschlossen, eine auS Offizieren der internationalen Truppen bestehende Commission einzusetzen, welche über Störungen der öffentlichen Ordnung zu Gericht fitzen soll. Der Gouverneur dagegen erklärte, eine solche Commission gleiche einem Kriegs­gerichte und schlug vor, durch einen europäischen Offizier und einen ottomanischen Staatsanwalt Vergehenssachen untersuchen zu laffen. Bei Verbrechen sollten andererseits die Admirale und der Gouverneur beurtheilen, ob dieselben einem anderen Gerichtshof des ottomanischen Reiches zu überweisen seien. Der Gouverneur beanspruchte ferner, daß zwei Muselmanen, welche wegen Beleidigung und Widerstandes gegen die inter­nationale Gendarmerte auf derSizilia" festgehalten werden, in das Ortsgefängniß gebracht werden.

Depeschen de» Bure»»Herold."

Berlin, 17. August. Wie derLocal-Anzeiger" von angeblich gut unterrichteter Seite erfährt, wird der deutsche Botschafter in Petersburg gegen Ende d. I. diesen Posten verlassen, um als Botschafter nach London zu gehen. An feine Stelle wird der jetzige Gesandte in Kopenhagen, Herr v. Kiderlen-Wächter, treten. Der derzeitige Botschafter in London, Graf Hatzfeld, ist bekanntlich schon seit längerer Zeit leidend und wird auS diesem Grunde demnächst in den Ruhestand treten.

Berlin, 17. August. DieNordd. Allg. Ztg." bestätigt, daß der Reichskanzler, welcher sich von Petersburg nach seiner Besitzung Werki in Rußland begeben hat, daselbst längere Zeit zu verweilen gedenkt.

Berlin, 17. August. Bei der C en t r al-S am mei­ste Ile für die Ueberschwemmten find bis heute Mittag 300 000 Mk. eingegangen, darunter befinden fich 30000 Mk. vom Geheimrath Krupp in Essen.

Berlin, 17. August. DerNordd. Allg. Ztg." zufolge wird an der Galatafel, welche zur Feier des Geburts­tages Kaiser Franz Josefs morgen auf Schloß WilhelmShöhe stattstndet, auch der Botschafter v. Bülow thetlnehmen.

Berlin, 17. August. Wie derStaatSb.-Ztg." zufolge verlautet, ist die Reise deS Kaisers zur Senne angeblich wegen dort ausgebrochener DiphtheritiS abgesagt.

Berlin, 17. August. Als Führer der Cavallerie-Divifion, welche während der diesjährigen Kaiser-Manöver bei dem 11. ArmeecorpS aufgestellt wird, ist vom Kaiser der General­major Freiherr v. Bis sing, Commandeur der 4. Garde- Cavallerie-Brigade, ernannt worden.

Berlin, 17. August. Der frühere Colonialdirector und jetzige Senatspräsideut beim Reichsgericht, Dr. Kayser, ist.