Ausgabe 
18.12.1897 Drittes Blatt
 
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Nr. 297 Drittes Blatt. ^^Lamötag den 18. December

1807

Der

O^tte«er **jdgrr erschemr täglich, Mit Ausnahme bei Montag«.

Die Gießener Ka«itie»Stäl1er »erben dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.

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aes.J...........

Annah me von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» fügenden Lag erscheinende« Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.

] Hratisöeitage: Gießener Jiamikienökätter.

Alle Annoncen'vureaux de« An« und Auslände« nehm« Anzeige» für denSießener Anzeiger- entgegen.

ilmtlicbcr Tpeit.

Gießen, den 15. December 1897.

Betreffend: Die Ausführung des Gesetze- vom 10. Tep- tember 1878 über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinden des Kreises.

Unter Bezugnahme auf unsere Autschreiben vom 14. No­vember 1893 Amtsblatt Nr. 10 26. Februar 1896 Gießener Anzeiger Nr. 51 und 26. Februar 1897 Gießener Anzeiger Nr. 50 sehen wir der Einsendung der in rubr. Betreff erwachsenen UeberwachuugSbogen bezw. der Ihnen obliegenden Berichterstattung im Falle in Ihrer Gemeinde solche Kinder nicht verpflegt worden find, bis zum 10. Januar k. I. entgegen.

v. Gageru.

Locales und Provinzielles.

0 Aus Oberheffen, 16. December. Mit einer in« lereffautrn, aber weniger willkommenen Reisegesellschaft fuhren dieser Tage die Insassen eine- Eisenbahnwageu- 4. Klaffe von Gießen nach Frankfurt. Die eine lange Bank diese- Waggon- hatte eine Mutter mit ihren fünf Kindern eingenommen nebst einer Menge von Gepäckbündeln, die den anderen Reifenden da- Sitzen unmöglich machten. Die Familie tarn, ihrer Aussage gemäß, au- Galizien und wollte »och Frankfurt a. M., wo der Vater der Familie in Arbeit stände. Da- nomadenhafte Aussehen der Familie ließ recht wohl annehmen, daß dieselbe au- weiter Ferne kam. Dabei zeigten die Glieder der Familie eine Ungenirtheit in ihrem Benehmen, daß die Mitreisenden verwundert dreinschautrn. So entkleideten sich Mutter und eine erwachsene Tochter bi- anf den letzten Ruck, holten andere Kleider au- ihren Bündeln hervor und zogen sich, unbekümmert um die langen Gesichter der anderen Fahrgäste, anders an, jedenfalls um in Frank- furt bester herauszukommen. Dazu wurden auch die Kinder einer Waschung unterzogen durch in Flaschen mitgeführte- Waffer. Die Reisenden, die unterwegs ausstiegen, athmeten doch wie befreit auf, nachdem sie diese uvgenirte Familie rrerlaflev.s

Mainz, 16 December. Laut Mtttheilung hiesiger Blätre: hat die preußische Regierung der Süddeutschen Eisen- dahngesellschast in Darmstadt die Concession zum Bau einer electrtschen Bahn Mainz. Wiesbaden ertheilt. Wenn die erforderliche Loncesfion von der Hessischen Regierung nicht lange aus sich warten laste, soll al-bald mit dem Bau begonnen werden und hofft man in zwei Jahren den Betrieb eröffnen zu können. Die vor Kurzem hier gegründete Aeiien. Gesellschaft »Mainzer VerlagSauftalt und Druckerei-Actien«Gesellschaft vorm. I. GottS« leben und Fl. Kupferberg in Mainz", in deren Besitz sich der »Mainzer Anzeiger" befindet, hat laut Publi- cation des Amtsgerichts ihr Actiencapital von 250000 Mk. auf eine Million erhöht. Die Erhöhung geschah durch Aus­gabe von 750 neuen, auf den Inhaber lautenden Actien A 1000 Mk.

A Aus Rheinhessen, 16 December. Unterstützt von dem hessischen Bauernverein trifft man eben in verschiedenen Orten der diesseitigen Provinz Vorbereitungen zur Gründung von Winz er verein en. Die »Deutsche Weinzeitung" will solche Vereinigungen nur zum Zwecke gemeinschaftlicher Ankäufe von Weinbauutenstlien, Belehrung der Mitglieder über Bau und Bewirthschaftung u. dergl., nicht aber für die Wein- Derwerrhung gegründet wiffeu. Ja dem directen verkauf des Weine- mit Umgehung deS WeinhandelS erblickt da- genannte Blatt große Bedenken uud Gefahren für die Winzer, indem ein Verkauf durch die Wiuzervereiue nur geeignet fei, den bewährten Verkehr und prompten Absatz der jährlichen Erträge an den Weiohandel zu erschweren und deshalb Berschiebuugen zum Nochtheile der Winzer herbeiführen wüßten.___________

Vermischtes.

Frankfurt a. M , 13. December. Ein Riesen- Bauproject, dorr, wo jetzt der CircuS Schumann steht, ist von der Firma Georg Lönhold u. Sohu geplant. Da- zu bebauende Grundstück ist nach der »Deutschen Im- mobilien-Zeitung" 108,000 Quadratschuh groß. ES soll tu erster Linie an vier Straßenfronten (Kaiser-, Weser-, Taunur- und Elbestraßr) 14 bis 16 Geschäftshäuser mit circa 70 Läden und GrschästSlocaleu und circa 80 Wohnungen

ausnehmea. Zu diesen Geschäftshäusern gehören auch zwei im großen Stile projectirte Hotel-, von denen eines an die Kaiserstraße, das andere an die TannuSstraße zu liegen kommt. Sämmtliche Häuser erhalten eine einheitliche, reiche architectoaifche Ausführung der Außen- und Janenfayaden. Der Hofraum, der sich durch die Bebauung der Straßen ergibt, wird circa 60,000 Quadraifuß groß fein und soll mit einem großen Saalbau, Festsaal für Theater, CircuS, Eoncert, Restauration re. bebaut werden. Bei Zusammen­ziehung der Säle können 10,000 Personen Unterkunft finden, so daß sich die so geschaffenen Raume namentlich auch zur Abhaltung von Festen großen Stils, Jahrmärkten, städtischen Festveranstaltungen u. s. w. eignen werden. Ein großer Garten wird den Besuchern einen angenehmen Aufenthalt bieten. Ueber dem Festsaal ist die Anlage eines Panoramas geplant, welche durch zwei bequeme Trrppenanlagen und vier elektrische Aufzüge zugänglich gemacht wird. Von den Treppen uud Aufzügen gelangt man zunächst in da- Foyer des Pano­ramas mit Restauration, von da nach dem Panorama und Diorama. Hier ist die Anordnung getroffen, daß die großen Tuchblenden, die jetzt in Panoramen noch vielfach störend wirken, vermieden werden. Durch einen reich deeortrtev Pavillon wird die Srhlinie begrenzt. Ueber dem Pavillon wird eine Vorrichtung für ausgiebigste elektrische Beleuchtung des Bildes, resp. Saale- angebracht, welche gestattet, daß da- Panorama auch Abend- besichtigt werden kann. Bon dem Panorama gelangt mau bequem auf die große Plattform de- Au-fichtSthurweS, die 42 Meter hoch sein wird und circa 500 Personen faßt. Von hier aoS wird mau eine großartige Aussicht über die Stadt, sowie über die ganze Umgebung, Taunus, Odenwald, Speffart u. s. w. haben. Die geplanten Häuser allein werden, so haben die Unter­nehmer berechnet, die sämmtlichen Anlagekosten reichlich ver­zinsen. Bei dem Erwerb de- Bauterrain- mußte sich die Firma dem Fiscus gegenüber verpflichten, auf diese» Platze ein Vergnügung-Etablissement zu errichten. Den FiScuS leitete zur Stellung dieser Bedingung in erster Linie ein verkehr-intereffe.

Die unglückselige Vereinsmeierei, das Signum de- scheidenden Jahrhunderts, hat eine früher glückliche und schuld­lose Familie in Berlin in grenzenloses Elend gestürzt, da- Leben jener Familie auf lange Zeit vernichtet uud zweien ihrer Mitglieder den Stempel entehrender Strafe aufgedrückt. In glücklicher Ehe lebte da- Kutscher Gleich'sche Ehepaar, welches einen hoffnungsvollen Sohn fein eigen nannte. Der Ehemann, welcher bei Butzke in Stellung ist, verdiente recht gut, und deshalb ging das einzige Sinnen der Leute darauf, ihren einzigen Sohu Carl einst etwasBeffereS" werden zu laffen. Ais Carl in die Jahre gekommen war, wandte er sich dem Kaufmannsfache zu und trat schließlich als Hand- lungSgehtlse in da- Geschäft von Wischer & Kwilrtzki ein. Er genoß da- größte Vertrauen feiner Prinzipale in fo hohe« Maße, daß er die Bestellungen und Einkäufe selbst­ständig zu bewirken hatte- diese Bestellungen erfolgten mittels Bestellscheins, welchen Carl Gleich mit der Firma unter­schreiben und mit dem Firmenstempel versehen durfte. Der Junge hielt sich auch Anfangs recht brav, biS er da- Radeln lernte, wozu ihm fein Vater ein Rad auf Abzahlung an* schaffte und dem RadsahrvereiuBerolina" beitrat. DaS wurde sein verderb. Er machte Ausgaben, die seinem Einkommen von monatlich 90 Mk. nicht entsprachen, und zu diesen Ausgaben wurde er, wie er unter Thränen behauptete, durch da- VereinSleben gedrängt. So mußte er z. B. im »Hotel Royal" Soupers mitmachen, welche ihm mehr al- 25 Mk. kosteten - in zwei Jahren mußte er, abgesehen von den regelmäßigen Touren deS Radfahrervereins, nicht weniger als 30 Vergnügungen mitmachen. DaS kostete natürlich um so mehr Geld, als ja auch den Sportdamen paßende Geschenke gemacht werden mußten, wie das bei der Jugend so üblich ist. Als der Verein einst seidener Schärpen be­durfte, erbot sich Gleich sofort, solche dem Vereint zu stiften" natürlich nicht auf eigeue, sondern auf Kosten seiner Prinzipale. Kurzum, Carl Gleich gerieth infolge deS leichtsinnigen Lebens auf den Pfad des verbrechens. Er entnahm mit Hilfe von Bestellzettelo, die er selbst aus- fertigte, von den Lieferanten Maaren, die von seinen Chefs nicht bestellt waren, und verbrauchte sie entweder für sich selbst oder schenkte sie seiner Mutter, angeblich unter der Vorspiegelung, daß er die Sachen gekauft habe. Die Mutter war in ihrer blinden Kindesliebe verblendet genug, die Sachen anzunehmen, ihren Sohu dadurch in seinem verbrecherischen Willen zu bestärken und selbst zur Verbrecherin zu werden. Ebenso wurde ein intimer Freund des Carl Gleich, der bei denselben Privcipalen in Stellung befindliche Handluvg-gehilse Richter, in da- verderben gezogen. Richter will dem bösen

Einfluß von Mutter und Sohn erlegen sein, uud lieh sich ebenfalls Veruntreuungen gegen seine Ches- zu Schulden kommen. Den Schaden, den er erlitten hat, berechnet Kwiletzkt aus ca. 1500 biS 2000 Mk. Al- .die Sache zu« Klappen kam, räumte Gle'ch ca. 70 solcher Betrügereien ein; jetzt will er nur noch in 21 Fällen sich von den Lieferanten Sachen aller Art erschwindelt haben. Al- man bei Gleick-- Hau-suchung abhielt, wurde ein sörmlicheS Lager der mannig­fachsten Gegenstände vorgefunden: Radsahranzüge, Blousen, seidene Stoffe, Sammet-Cape- usw. Die Folge war, daß sich vor der ersten Strafkammer Königlichen Landgericht- I Karl Gleich wegen Betrüge» in 21 Fällen, Richter wegen Diebstahls, Betruges und Hehlerei in zusammen sechs Fällen und Frau Gleich wegen gewerbs- und gewohnheitsmäßiger Hehlerei zu verantworten hatten. Während die Bertheidiger, Rechtsanwälte Morri- und Lipwann-Wulf, für Freisprechung bezw. milde Beurtheilung ihrer Clienten plaidirten, erkannte der Gericht-Hof, indem er fich hinsichtlich der rechtlichen Gesichtspunkte den Ausführungen de- Staatsanwalts vr.Hertzsch anschloß, gegen Karl Gleich auf ein Jahr Gefängniß (vier Monate durch die Untersuchungshaft verbüßt), gegen Richter auf drei Monate Gefängniß und gegen Frau Gleich auf ein Jahr drei Monate Zuchthaus, zwei Jahre Ehrverlust uud sofortige Verhaftung.

150000 Mark Miethe wird für ein neue- Lass tu Berlin verlangt, welche- im Hause de- Victoriahotel» an der Ecke der Linden- und Friedrichstraße eingerichtet wird. Die Summe ist fast um ein Drittel höher al- die, welche da- Lass Bauer zahlen muß. Die Pleite wird danach wohl noch weniger lange auf fich warten laffen, al- eS sonst bei derartigen Unternehmungen an der Tagesordnung ist!

Der erste Kuh.Ella, wie kannst du dich nur von dem Vetter Egon küffen laffen?"Ach, Tantchen, ich will auch einmal Braut werden und da möchte ich mich doch beim ersten Kuß nicht gar so ungeschickt anstellen."

Ctteratar rrird

Kunterbunt". Humoresken auS dem ©tubentmleben von Fritz Löwe. Verlag von M. Babenzien in Rathenow. Vor unS liegt eine Sammlung Humoresken aus der Feder deS durch seine Dichtungen berühmt gewordenen Fritz Löwe, des Versaffer» oonRenatuS. ein märkisches Reiterlted",Frau Jutta" usw. ©eta neuestes WerkKunterbunt" ist ein Versuch aus rovellisttsch- humoristtschem Gebiet, der in jeder Beziehung Vortreffliches erzielte. ES find fröhlich-frische, lebenswahre Studentengeschichten, wie wir deren nur wenige besitzen. Wer gemüthoolles Empfinden, frischen Humor und gesunde LebenSauffaffung zu schätzen weiß, für den wird Kunterbunt" eine willkommene, schöne und billige WeihnachtSgabe sein, einerlei, ob erkraßer Fuchs" ist oderalter Herr", der im Philistertum noch nicht sein Gaudeamus igitur verlernt hat; Alle werden daS Büchlein lieb gewinnen. -g-

Ein reizendes Festgeschenk für reifere funge Mädchen ,st die fesselnd und spannend geschriebene Erzählung von T.v. Heinz: »I« wiUdschloß". Das wirklich elegant gebundene Buch ist tm Verlag von Gustav Weise in Stuttgart erschienen und kostet Mk. 4.50. Wir lernen in der Heldin der Erzählung, der Tochter deS Obersten v. Helmbach, ein etwas flatterhaftes, junges Dämchen kennen- Leider ist ihr ganzer jugendlicher Umgang nicht dazu an* gethan, ihre Gedanken und Handlungen zu vertiestn, und der Herr Oberst trägt sich ernstlich mit dem Gedanken, Else in andere Um­gebung zu bringen. Die Gelbverhältntße erlauben eB aber nicht, das Töchterchen in Pension zu thun. Da kommt alS Retter in der Roth ein Brief vom Herrn Pathen. der tm Waldschloß zur Pflege und Gesellschaft seines menschenfetndltchen BruderS haust. Diesen zu erheitern, soll ElfeS Aufgabe sein. Durch die ganze Erzählung weht ein gehetmnißoolles Etwas, das unS zwingt, das Buch nicht eher auS der Hand zu legen, bis wir mit allen Vorgängen genügend bekannt sind und am Schluffe tief aufathmend sagen:DaS war aber wttkltch bis zum letzten Ende spannend und schön!" Der Band ist 284 Seiten stark und mit 28 ganz reizenden Illustrationen von A. Groh geschmückt.

Universität-. Nachrichten.

Aus russischen Universitäten. In Warschau studiren gegenwärtig 1097 Studenten, die sich auf folgende Fächer vertheilen: Philologie 26, Mathematik 149, Jura 499, Medictn 423; es komme» dazu noch freiwillige Hörer 11 und Pharmaceuten 106. Nach der Religion sind 201 Orthodoxe, 656 Katholiken, 1 Altgläubiger, 42 Protestanten, 1 Gregorianer und 196 Juden. Dorpat zählt 1098 Studenten, nämlich 36 der Philologie, 80 der Mathematik, 230 Juristen, 170 Theologen und 582 Medictner; darunter sind 286 Orthodoxe, 483 Protestanten, 220 Juden, 101 Katholiken und 8 Gregorianer. In Dorpat vollzieht sich allmählich ein Umschwung der Zahl zu Gunsten der Studirenden auS den inneren Provinzen Rußlands. Zum ersten Mal ist nun die Zahl dieser Studirenden größer, als die Zahl der Studirenden aus den Ostieeprovinzm. Im Jahre 1890 studirten in Dorpat noch rund 1000 Balten neben rund 600 auS dem Innern Stammenden. Heute beträgt di« Zahl letzterer 644; da an Ausländern nur 4 in Dorpat studiren, so bleibt für die Balten die Zahl von 450 (300 auS Livland, 50 auS Estland, 100 auS Kurland). Die Pharmaceuten find in obigen Ziffern nicht enthalten. Auffallend ist die Vertheiluna der Pharmaceuten auf die Religionen: Juden 162, Protestanten 102, Katholiken 67, Orthodoxe 12. Unter dm heutigen Studentm befindm sich gegen 190 frühere Seminaristen orthodoxer Religion.