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Kr. 166 Erstes Blatt Sonntag den 18. JuU
Der fieftetttr Anzeiger erschnrit täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
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Alle Annoncen-Bureaox de- In« und Au-lcmde» nehm« i Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger" entgey*.
Amtlicher TKeil.
Bekanntmachung.
Die unterm 21. Mai l. I. angeordnete Sperre der Kirchstraße wird hiermit aufgehoben.
Gießen, den 16. JuU 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. $.: Roth._________________
Gefunden: 1 Geldbeutel und 1 Portemonnaie mit Inhalt, 2 Broschen, 1 gold. Ring, 2 Taschenmesser, 2 Spazierstöcke, 2 Schirme, 1 Hosenträger, 1 Kinderschubkarren, 1 Griff von einer Kurbel und 1 Wagenkapsel.
Gießen, den 17. Juli 1897.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
___________v. Bechtold.__
Die Verhandlungen im Orient.
Wenn Alles, was lange braucht, gut würde, dann müßte bei den Verhandlungen in Tophane wirklich daS Meisterstück eine- Vertragswertes zu Stande kommen- eß gewinnt aber immer mehr den Anschein, als ob es trotz aller optimistisch gehaltenen Artikel nur ein armseliges Flickwerk werden sollte, so recht geeignet, der Nährboden für künftige Verwickelungen zu werden. DaS Einzige, was feststeht, ist, daß man eigentlich immer noch nichts Sicheres weiß, daß es vielmehr wahrscheinlich ist, daß wir immer noch nicht am Ende angelangt sind. Die hoffnungsvollen Zeitungsnotizen, die in gewiffen Blättern ihre Verbreitung finden, die aber in Wirklichkeit zur Hälfte auf keiner gesunden BafiS ruhen, da die meisten unzutreffend find, dienen nur dazu, die europäische Meinung irre zu führen und find nichts weniger als eine Ueberein- stimmung der Anschauungen zwischen der europäischen und türkischen Diplomatie. Selbst heute, nachdem aus Konstantinopel die officielle Meldung eingegangen sei, daß die Türkei die Vorschläge der Mächte annehme, ist man in diplomatischen Kreisen noch immer schwankend, ob nunmehr auch thatsächlich der Frieden zum Abschluß gelangen wird, da man immer noch befürchtet, daß ein Festhalten der Türkei an der PeneioS- ünie neue Schwierigkeiten zu bereiten im Stande ist.
Was die Person des Sultans betrifft, so besitzt er trotz seiner vielen Fehler unter Anderem jedoch die große Gabe, mit bewunderungswürdiger Genauigkeit die Winke des politischen Himmels rechtzeitig za erkennen. Er hat für eine Zeit lang feinen eigenen Weg verfolgt, wenn auch nicht ein sekr beneidenswerther, er hat mit anderen Worten mit nicht geringem Erfolg mit der gegenseitig herrschenden Eifersucht der Mächte gespielt, gegenwärtig ist er jedoch an dem Zeitpunkte angelangt, wo er wahrnimmt, daß deren Geduld auch ihre Grenzen hat. Die letzte von den Vertretern der Mächte an ihn gerichtete Note war in einem Ton abgesaßt, der in diplomatischen Vorschlägen ein keineswegs gebräuchlicher zu n nncn ist. Damit der Sultan sich keinen illusionären Hoff- nungen hingebe, war ein Brief vom Kaiser von Oesterreich, deffen Hauptbestrebungen bekanntlich auch darauf hinausgehen, den atatus quo ante bellum beizubehalten, veröffentlicht worden. Der Effect ist nicht auSgeblieben und hat ficd dadurch kundgegebeu, daß der Sultan in heller Verzweiflung an die verschiedenen Herrscher Telegramme laucirt hat und um nochmalige Betrachtung der von den verschiedenen Der- tretern gemachten Bedingungen gebeten hat. Ju jedem Fall ist jedoch die Antwort identisch gewesen, selbst die zuletzt an den Zaren gerichtete Appellation hat keinen Erfolg erzielt. Die seit Wochen betriebene Annexionspolitik ist mit anderen Worten ihrem Ende nahe, eine Thatsache, die der Sultan nun nicht mehr ignorirt.
Ein Punkt, der den Mächten nun weitere Kopfschmerzen machen wird, ist die Frage, in welcher Weise gegebenen Falls sich Zwangsmaßregeln gegen die Türkei anwenden ließen, obschon es gegenwärtig, wenn die Pforte von dem ernsten Entschluß der Mächte überzeugt wäre, zu einem solchen Schritte nicht zu kommen brauchte. Ein solcher Fall kann jec och eintreten, wenn die in Armeekreisen herrschende An- schauung, daß man eS lieber auf einen neuen Kampf an- kommen laffen wolle, als da» eroberte Land zurückzugeben, wider Erwarten doch noch von der türkischen Diplomatie ge- thrilt wäre. Als verfrüht wäre jedoch augenblicklich noch jede Muthmaßung anzusehen, die darüber Aufklärung geben wollte, von welcher Art diese ZwangSmaßregeln sein würden. Rußland, England und Oesterreich würden jedenfalls dazu berufen fein, letztere auSzuüben, Rußland, indem eS den Eingang am Schwarzen Meer nach dem Bosporus blockirte, England in gleicher Weile in den Dardanellen daS nämliche
besorgte, Frankreich es sich zur Aufgabe machte, Smyrna zu besetzen, um dort die Einnahmen von einer der wenigen Provinzen der Türkei zu beschlagnahmen, und Oesterreich schließlich noch die Linie von Salonichi belegte, auf diese Weise würde die Lage der Theffalien besetzenden türkischen Armee eine sehr schwierige und bedenkliche werden und der Sultan dazu getrieben werden, um endgilttgen Friedensschluß zu bitten. Es ist jedoch noch sehr fraglich, ob eS je zu solchen Maßregeln kommen wird- einerseits ist eS jedoch klar, daß der Sultan nicht eher eine Position verlassen wird, ehe er überzeugt ist, daß seine persönliche Sicherheit nicht darunter leidet, wie er andererseits auch im Stande ist, den Moment vorauSsehen zu können, wo eine solche Stellung nicht mehr als haltbar anzusehen ist. Das türkische Volk steht in diesem Kampfe vollständig auf Seiten des sonst nicht beliebten Ministeriums, während der Sultan täglich an Popularität verliert und sich fast nur mehr auf seine Garden verlaffen kann. Er weiß indeffen, und dies scheint sein Volk zu ignoriren, daß, obgleich die vereinigte Stimme von Europa bis jetzt nur zu tauben Ohren gesprochen hat, deffen gesammte Action als absolut sicher anzusehen ist und der Türkei nöthigeu Falls schon bald genug einen kleinen Beweis geben könnte.
Wie nun in Frankreich z. B. die Theilnahme Deutsch, lands an den Verhandlungen auSgelegt wird, dies beweist so recht ein Artikel im „Soleil", in welchem der Verfaffer seine Unzufriedenheit über die europäische, vor Allem aber natürlicherweise über die französische Diplomatie wegen ihres Verhaltens in der orientalischen Angelegenheit Ausdruck giebt. Er wirst ihr vor, daß sie sich blindlings von zwei gleich verderblichen Mächten, von Deutschland und der Großfinanz, habe leiten laffen. Jru Berliner Eabine: wie an den Börsen von Berlin und Wien, von Parts und London habe man nichts sosehr erhofft, wie den militärischen Erfolg der Türkei, und nichts so sehr gefürchtet, wie den Sieg der griechischen Waffen. „Eine Niederlage der Türkei bedeutete für beide, für Deutschland wie für die internationale Finanz, für die Börse, das Unbekannte mit all seinen Gefahren, die Zermalmung Griechenlands hingegen stellte eine Fülle vortheil- Hafter Operationen in Aussicht." Deutschland habe seinen Vortheil schon gefunden, eS habe sich den politischen und militärischen Einfluß in Constantinopel gesichert und in der Türkei ein neues Absatzgebiet für feine Industrie geschaffen, und die Großfinanz werde nach dem Abschluß des Friedens ihren Profit ebenfalls einheimfen. „Deutschland", so schließt der monarchistische Publicist seinen giftgeschwollenen Artikel, „hat einen Hauptstreich ausgeführt, indem es, ohne einen Thaler oder die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers daran zu wagen, den ersten Platz unter den Großmächten in Constantinopel errang. Deutschland und die Finanz haben ihren Jntereffen gemäß gehandelt. Unerklärlich aber ist eß, daß der Wille dieser zwei Großmächte bei den Cabinetten Europas auf keinen Widerstand stieß." — Hier kann man auch sagen: ES geht doch nichts über eine gute Einbildungskraft und VerfaffungSgade, ein Punkt, in dem die Franzosen Großes leisten.
Wolff» telegraphisches Correfpondenz-Bureau.
Stettin, 16. Juli. Heute Vormittag trafen aus Berlin mehrere hohe chinesische Würdenträger hier ein, um der Werft des „Vulkan" einen Besuch abzustatten, wo sich zur Zeit drei chinesische Kriegsschiffe im Bau befinden. Gleich nach der Ankunft begaben sich dieselben per Dampfer zum „Vulkan", wo sie die im Bau befindlichen Schiffe besichtigten.
Magdeburg, 16. Juli. Der Kaiser übersandte heute dem Commandeur des 4. Armeecorpß v. Hänisch zu deffen 50jährigem Dienstjubiläum ein Schreiben, in welchem er dem Jubilar seinen Glückwunsch ausspricht und ihm für die während dieses langen Zeitraums in Krieg und Frieden dem Könige und dem Vaterlande geleisteten Dienste warmen Dank und volle Anerkennung ausspricht. Der Kaiser übersandte dem Jubilar gleichzeitig die Brillanten zum Schwarzen Adlerorden.
Barmeu, 16. Juli. Die „Barmer Zeitung" meldet auß Solingen: In seiner gestrigen Rede beim Festmahl sagte der Vizepräsident des König!. Staatsministeriums, Finanzminister Dr. v. Miquel unter Anderem: Unser deutsches Land fei weder ein reiner Industriestaat, noch ein reiner Agrarftaat. Wenn der Staat gedeihen solle, müffen Industrie, Landwirth- schäft und der solide Handel, der beide verbinden solle, da sein. Diese großen Berufsstände find aufeinander angewiesen. Die Industrie Deutschlands sei so stark, daß der Export und
der Wettbewerb nothwendig sind. Aber auch der innere Absatz müsse nicht vergeffen sein. Die Staatsverwaltung dürfe nun unmöglich einseitige Jntereffen vertreten. ES sei der alte Ruhm der Hohenzollern, ebenso tote Über den Parteien, so auch über den Jntereffen zu stehen. Die Regierung müffe eine DarchschnittSlinie festhalten, alle Kräfte müffe sie vereinigen. Die Bekämpfung der einzelnen Berufsstände unter einander bedeutet, eß dahin bringen, daß der dritte lacht. Gegenwärtig litten am Meisten die Landwirthschaft und die Mittelklaffen. Die Fürsorge für die einzelnen Be- rufSklaffen dürfe nie so weit gehen, die Lebenskräfte der anderen Klaffen zu unterbinden. Unsere Zukunft hänge aber auch von der Landwirthschaft ab. Manche Verstimmung, mancher Mißmuth und mancher Mangel an Vertrauen werde jetzt genährt. „Wir Alten aber, welche die traurigen Zustände vor 1870 erlebt haben, wissen, waS die Wiedererrich- tung des Reiche» gebracht hat." ES sei erst eine kurze Spanne Zeit seit damals verfloffen. Aber hier hätte man am allerwenigsten Ursache, unzufrieden zu fein. (Bravo.) Der Minister toastete auf Kaiser und Reich, auf Macht und Ehre, aus Wohlstand und intellectuellen Fortschritt im Reiche.
Leipzig, 16. Juli. DaS „Leipziger Tageblatt" meldet: 8 1 6 öffentliche Professoren der deutschen Universitäten erlaffen folgende Kundgebung: In dem großen und schweren Kampfe, den heute die Deutschen Oesterreichs um ihre nationale Erziehung und ihre berechtigte Stellung in der alten, von ihnen geschaffenen und in erster Linie durch ihre Kraft erhaltenen Habsburger Monarchie zu kämpfen gezwungen find, hat die Prager Universität, die älteste deutscher Zunge, mannhaft daß Wort ergriffen, um auf gesetzlichem Wege die großen Gefahren zu betonen, welche ihr, der uralten Glätte deutscher Wissenschaft, und dem ganzen deutschen VolkSthum in Böhmen und Mähren drohen. Die unterzeichueten öffentlichen Profefforen der Universitäten beß Deutschen Reiches drücken den College« der ehrwürdigen österreichischen Schwester- Universität ihre wärmsten und lebhaftesten Sympathien zu dem Vorgehen auß und geben der Ueberzeugung Anßdruck, daß Millionen national-gesinnter Bürger de» Deutschen Reiches mit ihnen in diesen Gefühlen sich vereinigen.
Depeschen deß Bureau „Herold."
Berlin, 16. Juli. Profeffor Dr. Koch ist am 15. dsß. in Dar eß Salam eingetroffen.
Berlin, 16. Juli. Der „Nordd. Allgem. Ztg." wird auß Wien telegraphirt: Gegenüber einer Londoner Meldung, in Wien oder Berlin solle eine Conferenz zur Stellungnahme der europäischen Staaten zum amertkantschea Zolltarif stattfinden, wird versichert, daß biefeß nicht zu- treffenb und baß davon auch keine Rebe gewesen fei. Zwischen einzelnen Mächten habe allerbingß ein Meinungsaußtausch über gegen den amerikanischen Zolltarif zu ergreifende Maßregeln stattgefunden, ober ohne Resultat.
Berlin, 16. Juli. Wie dem „Localanzeiger" aas Friedrichßruh telegraphirt wird, ist daß Befinden beß Fürsten Bismarck gut. Der Fürst macht täglich Ausfahrten, bei denen er von vielen Verehrern erwartet wird. Allgemein fällt das frische und gesunde Aussehen deß Fürsten auf. Graf Herbert BiSmarck wird mit seiner Familie zu längerem Aufenthalt in Friedrichßruh erwartet.
Wiesbaden, 16. Juli. Der frühere Landtagsabgeordnete für den Landkreis Wiesbaden, Bürgermeister Schneider aus Maffenheim, Mitglied der freisinnigen VolkSpartei, ist gestorben.
Bozen, 16. Juli. Der (Sabotier Ferrari auß Rom stürzte von dem 2400 Meter hohen Cancello und erlitt schwere innere Verletzungen.
Turin, 16. Juli. Nach einer Meldung der „Gazzeta Piemontese" begibt sich Prinz Danilo von Montenegro Mitte August nach Peterßburg, um sich mit der Schwester deß Zaren, Großfürstin Olga Alexan- drowna, zu verloben. ES soll sich um eine LiebeSheirath handeln.
»rüffel, 16. Jnli. Gestern hat hier der internationale Congreß zur Bekämpfung b er öffentlichea Sittenlosigkeit begonnen. Die meisten Theilnehmer gehören dem weiblichen Geschlecht an. Die Regierung ist durch mehrere Minister vertreten. Den Vorsitz führt Kammer- Präsident Bernaert. AuS Deutschland wohnt die Gräfin Hagendorff der Sitzung bei.
MouS, 16. Juli. Gestern Abend nahmen wieder mehrere Hundert Arbeiter die Arbeit auf. Die Grubendirectoren erklären jetzt, sie würden weiter nichts an dem Reglement ändern, da die Arbeiter sich geweigert hätten, schriftlich über event. Aenderungen einzukommen.


