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Nr. 115 Aweites Blatt. Am«»» dm 18. Mai
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Der " $te|tntr Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Gießener Anzeiger
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folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Lor». | Oratisöeikage: Gießener KamikienöKitter. |
AusLand.
®iee* Mat. Jofolge coloffaler Regengüsse der letzten Tage find alle Flüfie und Bache des Wiener Waldes i« Steigen begriffen. Biele Ortschaften find in großer Ge« fahr, die Dämme bet der Wiener Flußreguliruug, sowie die Reservoire am Tullner Bach drohen zu bersten. Falls die Katastrophe eiutritt, ist das Geleise der Westbahn gefährdet, ebenso die umliegenden Ortschaften.
Pari-. 15. Mat. Die Leiche des Herzogs von Auwale traf gestern Abend auf dem Bahnhöfe hier eia. Dieselbe wurde von dem Graf und der Gräfin d'Eu, der Prinzesfia Jotnvtlle, dem Prinzen August von Sachsen Coburg, dem Fürsten und der Fürstin von Bulgarien und der Erz. Herzogin Clotilde empfangen.
Paris, 15. Mat. Nach einer hier etngrtroffenen Privat« Meldung aus Athen hat Prevesa capitulirt. Die eiogeschloffene türk.sche Besatzung entsandte den griechischen Bischof von Prevesa mit dem Ersuchen, ihnen bewaffneten Abzug zu gestatten.
Loubo», 15. Mai. Depeschen aus Konstantinopel bestätigen nochmals, daß Rußland seinen ganzen Einfluß zu Gunsten deS griechischen Königshauses aufbiete.
Athen, 15. Ma<. Der K onprtnz erhielt Befehl, die Stellung um DamokoS um feinen Preis aufzugeben.
Locales tmfc ^provinzielle».
0. Hercheahai» 11. Mai. Der heute hier stattgefundene WalpurgiSmarkt war infolge der schlechten Witterung schwach befahren. DaS schon Morgens eingetretene starke Regenwetter verwandelte fich später in Hagel und Schnee. Die Marktbesucher flüchteten in WirthschastSbuden. ES waren nur etwa 7 Stück Rindvieh sufgetrieben, wovon nur eine frischmelkende Kah und ein Rind verkauft wurden. Au Schweinen waren ausgetrteben etwa 500 Stück, meistens Frühjahrsferkel. Er kosteten Ferkel, 6 bis 8 Wochen alt, das Paar 36 bis 40 Mk., 8 bis 12 Wochen alte per Paar 40 bis 65 Mk. An Herbstfrrkeln war wenig vorhanden- da- Paar kostete 80 bis 100 Mk Trächtige Zuchtschweine wurden verkauft mit 60 bis 70 Mk. das Stück. Fette Schweine waren nicht vorhanden. — Der nächste Markt, der iogen. Johanni Markt, findet hier am 21,, 22. und 23. Juni statt.
M. Herbstein, 13. Mai. Während es heute Mittag fest schneite, zog ein schweres Gewitter über unsere Stadt. Der Blitz schlug in eine vor dem Wohnhause des Eberhard Ruhl stehende Pappel eia und zerstörte dieselbe. Ruhl stand gerade vor dem nach der Pappel zu gelegenen Fenster. Durch den furchtbaren Luftdruck wurde das Fenster sammt Füllung wider den zc. Ruhl geschleudert, so daß dieser einige Verletzungen im G-ficht davongetragen hat, ohne daß er so
wohl wie seine Familie irgend sonst verletzt wurden. Auch an den umliegenden Wohnhäusern wurden fast sämmtltche Fenster zerstört.
M Herbstein, 13. Mai. In dem nahegelegenen Capellen- Wald wurde eine seltene Pflanze gesunden, nämlich die gefüllte Anemone.
K. Nieder Mockstadt, 13. Mai. Heute Nacht hat bei Gastwirth Wagner dahier ein junger Manu logirt, der fich für einen Missionar auSgab. Während der Nacht scheint derselbe innere Mission getrieben zu haben, denn er unterzog alle Kommoden und Schränke einer gründlichen Revision und nahm all-S Werthvolle, leicht TranSportirltche an sich. Erst einige Stunden nach deffen Weggang wurde der Wirth feinen Verlust gewahr. Mehrere Leute von hier bestiegen ein Wägelchen und nahmen die Verfolgung auf. ES gelang ihnen, den Dieb festzunehmen und der Polizei zu übergeben. — Hierzu wird uns weiter geschrieben: Vorgestern logirtt fich in einer Wirthschast ein junger Mann ein, der gestern Morgen mit der Zeche durchgtng. Am Nachmittag stellte fich heraus, daß Schmucksachen und Wäschestücke fehlten, die nur jener mitgenommen haben konnte. Man vermuthet, daß der Dieb identisch ist mit dem Schwindler, der am selben Tag gegen Abend ins PfarrhanS zu S'aden kam und fich dort für einen Missionar und Bruder des Herrn Pfarrer Roth am Zellengefängniß in Butzbach auSgab. Dort erzählte er, er komme von Java und beabsichtige, nächsten Sonntag in Friedberg eine Versammlung abzuhalten, zu der er persönlich einladen wolle. AlS Oct seiner Ausbildung nannte er auf Befragen Basel, kannte aber merkwürdiger Weise nicht den Miffionar aus der Pfarrei Staden, der bet Richtigkeit seiner Angaben gleichzeitig mit ihm dort gewesen wäre. Darauf aufmerksam gemacht, sagte er, er hätte sich nur ein Jahr in Basel aufgehalten, weil er tu Erlangen und Tübingen Theologie studirt hätte. Er förderte nun bet weiterem Befragen nach seinem Studium eine solche Menge Unsinn zu Tag, daß ihm die Schwindeleien auf den Kopf zngesagt werden konnten. In größter Verlegenheit verschwand er nun eilig. ES ist möglich, daß man rS hier mit einem kürzlich entlaffenen Sträfling zu thun hat, weil er fich auf den Geistlichen an der Strafanstalt berief.
□ Darmstadt, 14. Mat. Zu seiner üblichen ordentlichen Generalversammlung trat heute unter dem Vorsitze deS Herrn KretSrath Gehetmrath v. Marquard der Kreistag Darmstadt zusammen. In 1895/96, worüber Rechenschaftsbericht und Rechnung vorltegen, war die Einnahme der KreiSkasse 341,361 Mk., die Ausgabe 326,319 Mk. Der Voranschlag für 1896/97 sieht in Einnahme und Ausgabe 286,047 Mk. vor, darunter als Beiträge von Gemeinden und Gemarkungen 192,500 Mk., sowie als solche zu den Wegbau- und Unterhaltungskosten 67,411 Mk.; zu letzterem Betrage schießt die Regierung, da nach dem 1896 er Gesetz die Staatsstraßen vom 1. April d. I. in die Verwaltung
der Kretse Üdergegangen find, 46,320 Mk. zu. Bkt dm Ausgaben erfordert der Titel „Besoldungen" ein PluS- nunmehr find drei Krets-Straßenwarte, davon ein vom Staate übernommener, angeftellt und beziehen zusammen 7500 Mk. Besoldung. Die Feuervifitation in den Landorten des Kreises übt Kceisfeuerwehr-Jnspector Fischer aus, deffen Renume« ration der Kreistag auf 500 Mk. (daneben Diäten in Höhe von jährlich etwa demselben Betrage) normirte. Für Land- armen-UnterstützungSzwecke verschiedener Art find 12,000 Mk. vorgesehen, für Ueberbringung von Geisteskranken — soweit hier der Kreis bet Ueberfüllung der beiden LandeSirren- anstalten eingreifen muß — 33,500 Mk. In der Blöd- finnigen-Anstalt Alicrstift bei Darmstadt werden 22 Kinder derzeit auf Kreiskosten verpflegt- der veranschlagte Betrag ist 9120 Mk., der für die Zwangserziehung jugendlicher Uebelthäter und verwahrloster Kinder 9000 Mk. Der diesmalige Zuschuß zur Provinzialkaffe berechnet fich auf 98,000 Mk. Für die Arbeiter Kolonie Reu-Ulrichstein wird wieder eia Beitrag von 25 Mk., für den Verband evangel. Rettung--, bezw. ErztehungShäuser im Großherzogthum Hessen und ia Hessen Naffau ein solcher von 100 Mk. verwilltgt, nachdem deffen segensreiches Wirken dargelegt worden- die hiesige landwirthfchaftliche Winterschule erhielt 800 Mk. Zuschuß. — Die Pidce de rteiatance der Ausgabe ist natürlich die Unterhaltung der Kretöstraßen, die voranschlagsgemäß 85,212 Mk. kostet - neue Kreisstraßen Bauten find nur t» dem mit einem ziemlich dichten Kreisstraßen Netze verseheum Kreise Darmstadt in zwei Fällen, mit einer Gesammtauf- wendung von 7912 Mk., vorgesehen.
X. Darmstadt, 16. Mai. Die beabfichtigte Vorlesung über organische Chemie an der Technischen Hochschule muß für dieses Semester ausfallen, da es, laut Anschlag am schwarzen Brett, nicht möglich gewesen, eine geeignete Kraft für die neu errichtete Professur zu gewinne». Der Zuzug zur Hochschule, namentlich auch von ReichS-AuS- ländern (Russen, Italienern, Rumäniern, Bulgaren usw.), ist in diesem Semester wieder sehr stark, die Frequenzztffer dürfte beinahe 1200 erreichen.
ihtiverfttäfs - Nachrichten,
— Wie aus Straßburg i. E. berichtet wird, haben an der dortigen Universität die beiden Privatdocenten Dr. Scheurlen (Hygiene und Bacteriologie) und Dr. Marburg (Chemie) auf die ▼enia legendi verzichtet, ersterer infolge seiner Berufung als Medicinal- rath nach Stuttgart, letzterer mit Rücksicht auf seine GesundhettS- Verhältnisse, wegen deren er schon seit mehreren Semestern seine Vorlesungen auSsetzen mußte.
— Man schreibt auS Erlangen, 13. Mai: Die ersten Hörerinnen an der hiesigen Hochschule haben fich gestern einschreiben lassen. ES sind zwei Volksschullehrerinnen und eine Sprachlehrerin au- Nürnberg, die mit Genehmigung des Kultusministeriums di« Uebungen im romanisch-englischen Seminar des Herrn Prof. Larn- hagen besuche».
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Feuilleton.
Ass alte Hella» und heutige Griechenland.
Von Alexander Bauer.
(Schluß.)
Der bedeutende Geschichtsforscher Fallmerayer (geb. 1790, gestorben 1861), der wiederholt den Orient bereist und erforscht hat, stellte geradezu die Ansicht auf, das autochthone Hellenenthum sei im Mittelalter gänzlich auSgerottet worden und das Slaventhum an seine Stelle getreten, sodaß die Neugrtechen slavtscher und nicht griechischer Abstammung seien. Diese Behauptung ist vielfach bestritten worden und mag wohl über die Wahrheit hinausschießen, soviel steht jedoch fest, daß selten ein Land so häufig von allen möglichen Völkern und Horden erobert und in Besitz genommen ist, wie Griechen« land. Kein Zweifel, daß die mannigfachsten Vermischungen stattgefunden haben — eine Thatsache, von der selbstverständlich die gegenwärtigen Bewohner Athens und Spartas durchaus nichts hören wollen. SS versteht fich, daß auch die neugriechische Sprache mit dem Griechisch, daS wir uuS in uafeten Gymnasien einpauken, absolut nicht identisch ist. Früher verneinte man jede Verwandtschaft zwischen der neu- , und altgriechischen Sprache, doch ist durch neuere Forschungen der historische Zusammenhang nachgewtesen worden. Ent- , sprechend diesen Umwälzungen haben auch die alten Namen I eine durchgreifende Veränderung erfahren. Nur sehr wenige 1 alte Namen haben fich erhalten und zwar mit geringen AuS- nahmen alle an den Küsten, manche nicht an der unmittelbaren Stelle deS alten Ortes, andere nur im Namen der umliegenden Gegend, nicht des bewohnten Orte» selbst.
„Die dnrch die jetzige griechische Regierung für die im Mittelalter (meist mit slavischen Namen) nenbenanuten Städte und Ortschaften officiell wiederhergestellten alten Namen find nicht für aus dem Alterthum nnmitielbar erhaltene anzusehen. Dagegen haben fich die Namen der Inseln, welche meist die alte Bevölkerung behielten, mit wenigen Ausnahmen erhalten und im Munde des Volkes nur unbedeutend verändert." (Kiepert.)
Der allgemeine Verfall documentirt sich auch in der Verminderung der Bevölkerung. So zählt Athen, daS in seiner Blürhezeit Über 300 000 Einwohner, darunter etwa 100000 Bollbürger, besaß, zur Zeit mir Einschluß aller Vororte 114000 Seelen. Im Mittelalter war die einst so herrliche und volkreiche Stadt zu einem Städtchen, von co. 7000 Einwohnern herabgesunken, erst während der Selbst« ständigkeit des Landes hat es fich wieder zu seiner jetzigen Größe erhoben. DaS altberühmre Sparta weist eine Ein« wohnerzahl von etwa 13 000 auf, doch ist zu bemerken, daß eS fich dabei um eine am Platze des alten Sparta im Jahre 1834 neu gegründete Stadt handelt, da die alte nm 1250 infolge der Neugründung des benachbarten Mistra verödete.
WaS bezüglich der stattgehabten Verlotterung des Landes und der Zustände Griechenlands gesagt wurde, kann auch auf die Türket Anwendung finden. So lange die Anhänger Muhammeds kämpfend vordrangen, blieben fie mächtig und siegreich, einmal zum Stillstand gebracht, qeriethen die von ihnen eroberten Staaten in Verfall. Die Erklärung für ihre kriegerischen Erfolge sowohl, als ihre Unfähigkeit, eine stille, dauernde Culturarbeit zu leisten, liegt in ihrem Fatalismus. Die Kämpfer erfüllte der Glaube an ein unabänderliches Fatum (Kismet) mit unüberwindlichem Muth, die Ansässigen machte er träge, phlegmatisch und allen Ehrgeizes bar. Un
wissenheit, Aberglauben, Ausbeutung thaten das Übrige, nm die heutige heillose Wirthschast auf der unglücklichen Halbinsel hervorzubringen.
ES wird angestrengter Culturarbeit von Jahrhunderten bedürfen, um dem krankenden Organismus wieder zur Gesundheit zu verhelfen. Selbst der Boden kann bei geeigneter Behandlung seine frühere Ertragfähigkeit, die Landschaft ihre alten Reize wiedergewtnnen. Die Griechen haben seit ihrer Befreiung vom Türkenjoch ganz hübsche Fortschritte in der Bodencultur zu verzeichnen, wenn die Entwickelung im Allgemeinen auch bei Weitem nicht den gehegten Erwartungen entspricht. Wer aber soll die hier gestellte Riesenaufgabe lösen ?
Rußland zum Beispiel dürfte kaum daS befähigte Element sein, neues Leben aus den Ruinen de» alten oströmischen Reiches hervorzuzaubern! Nur die eisernste Energie, gepaart mit wahrer Humanität und wirklichem guten Willen darf mit Aussicht auf Erfolg an das Werk herantreten. Leider kommt eS Staaten wie Rußland mehr darauf an, ihr Ländergebiet zu erweitern, als die natürlichen Gaben eines Lande- zu entwickeln und daS Glück seiner Bewohner zu begründen. Freilich, der Bevölkerung der Balkanhalbinsel die Lösung der Aufgabe selbst überlassen, hieße nicht- Bessere- thun, als ganz darauf verzichten, man würde eine Reihe blutiger Bürgerund Nationalitätenkriege entfachen, ohne die orientalische Frage in Wirklichkeit zum glücklichen Ende gebracht zu haben. Zuversichtlich wird die Frage auch dte-mal nicht gelöst, sondern wieder einmal prolongirt werden.
WaS endlich auS den einst so reich gesegneten Districten werden wird, kann Niemand Vorhersagen!


