Nr. 295 Zweites Blatt. Donnerstag den 16. December
1S97
Der
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Eine Trennung der pfälzischen Mitgliedschaft von dieser Kaffe, wie man nach den Zeitungsberichten annehmen konnte, ist also keineswegs beabsichtigt, im Gegentheil, die Gesammtheit der Mitgliedschaft steht nach wie vor fest und treu zu dieser über ganz Deutschland verbreiteten Kaffe, welche jetzt mehr al» 700000 Ml. an die Wittwen und Waisen der Mitglieder auSbezahlre. Noch sei brtont, daß diese Kaffe alljährlich von einem beeideten StaatSrevisor revtdtrt und ihre Jahres- und Rechenschaftsberichte geprüft werden. ES haben in Folge deffen die Herren Großh. Oberrechnungsrevisor Landzettel von Darmstadt, Kgl. Steuerrevtsor L. Weber von Speyer, Kgl. RegierungSsecretär H. Schmidt von Wiesbaden und Kgl. CameralamtSbuchhalter Schädle von Stuttgart diese Revisionen vorgeuommeu und der Direction die ehrenvollsten Zeugniffe über eine tüchtige und gewiffenhafte Kaffensühruug rc. aus- gestellt. In der letzten sehr stark beschickten Generalversammlung zu Frankfurt o. M. wurde der Verwaltung dieser Kaffe (Direction und AuffichtSrath) für ihr pflichttreues Wirken besonderer Dank abgestattet und dieselbe auf drei Jahre wiedergewählt.______________________
Literatur uud Aunsr.
— Dee Sroßderzog von «ade« hat der bekannten Schrist- stellertn H-rmtne Vtltinger für Ihr vor Kurzem im Verlag von Adolf Bonz & Co. tn Stuttgart erschienenes Büchlein „Aus dem Badener Land" die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen. ______________
— Tin für viele unserer Leser gewiß willkommener Führer für die Wahl eines gediegenen FestgefchrnkeS aus dem Gebiete der schonen Literatur (nebst Biographien und Jugendschrtften) ist der soebar erschienene »eihnachtskatalo- der C. - BetTsche« Verlag«, dnchhandlnng (Oskar B«t) i« München. Die genannte B-r- lagöhandlung versendet diesen Katalog auf Wunsch an Jedermann gratis und franco.
- W. H. Riehl. Wenige Tage nach Riehls Tode erschien der einzige Roman, den der ausgezeichnete Culturhtstortker und Novellist geschrieben hat, unter dem TUel »Et« ganzer Man« , tat Verlage der Cotta'schen Buchhandlung in Stuttgart Das Buch hat überall eine so warme Aufnahme gesund«,, daß die ersten zwei Auflagen rasch abgesetzt wurden. Wie wir hören, wird die Verlag». Handlung die Herstellung der dritten Auflage so beschleunigen, btfr dieselbe noch rechtzeitig vor Weihnachten zu haben sein wird.
Vermischtes.
♦ Gaffel, 9. December. Als tu der Papierfabrik im benachbarten Riede rkaufungen gestern Nacht der dort beschäftigte Maschinenwärter in- Freie hiuaustrat, um tn dem Tetchgarten nach der Wafferkläruug zu sehen, stand Plötz- lich ein fremder Mensch vor ihm, der auf seine Frage, was er hier wolle, gegen ihn thätlich wurde. Ehe der Maschinen- Wärter sich seines Angreifers erwehren konnte, eilten demselben auf einen ausgestoßenen Pfiff zwei baumlange Kerle aus dem Gebüsche zu Hülse herbei, und alle drei Strolche überfielen nun den Maschinenwärter, warfen ihn zur Erde, würgten ihn und zogen ihm die Kleider aus, worauf fie ihn gemeinschaftlich packten und in den tiefen Mühlgraben warfen, um darauf eiligst die Flucht zu ergreifen. Wenn auf das fürchterliche Hüifegeschret de» Maschine nwärters nicht schien- ntgft zwei Arbeiter aus der Paptersabrik zur Hülfe herbei- geeilt und den halberstarrten Menschen aus dem eiskalten Mühlgraben gezogen hätten, wäre der Uebersallene zweiselloS ertrunken. Eine auf Anordnung der Fabrikverwaltung sofort vorgenommene Verfolgung der nächtlichen Räuber hatte leider keinen Erfolg. Hierbei wurde aber die Entdeckung gemacht, daß die drei Strolche tn einem Nrbeugebäude, tn welche» Schreineret betrieben wird und fich eine Menge leicht entzündlicher Gegenstände, vorräthe u. s. w. befinden, eine Fensterscheibe eingedrückt und bann brennendes Papier u. dgl. m. htueingeworfen hatten, zweifellos in brandstiftender Abfichr, denn eine Hobelbank hatte schon zu brennen angefangen. Dte Untersuchung ist eingeleitet.
• Die aurgefchntltenen Toiletten und die «erzte. Es giebt, tote das „Leipziger Tagblatt" bemerkt, wirklich keinen Stand, der so wenig Achtung vor dem Schönheitssinn und der Modefreudigkeit unserer Damen hat, wie die hochwetsen Aerzte. Ihre Angriffe richten fich jetzt — wenigsten- in England — gegen dte ausgeschnittenen Ball- und Soireetoiletten. „Die Kleider find", so führt ein gelehrter Medicinprofeffor aus, „doch nur gemacht, um vor der Kälte zu schützen. Die Kälte aber ist de» Abends bet intensivem Licht den zarten Schultern der Schönen ebenso gefährlich, wie am Tage, wenn man fich in wollene Ge- toänbet hüllt, um fich vor. jedem Lufthauch zu schützen. Biele Erkrankungen und Jnfluenzasäüe sind lediglich darauf zurückzuführen, daß die Schultern entblößt waren. Derselbe Professor meint weiter, daß ein Perlenhalsband und haselnuß- große Brillanten durchaus nicht als Ersatz für Schulrerbe- kleidung anzuerkennen seien.
_ €oceU* rurd
Sieben, den 15. December.
•• Die Gerichtsvollzieher des Großherzogthum» haben fich au» Anlaß de» Beamten-BesoldungS-Gesetzentwurfs au Regierung und Ständekammern gewandt und u. A. um Berücksichtigung folgender Anliegen ersucht: Daß ihre Anstellung unwiderruflich erfolge und ihnen ein Mindesteinkommen staatlich garantirt werde- daß Vertretung tn Erkrankung-- fällen auf Staatskosten erfolge, falls das Mindesteinkommen nicht erreicht werde- das pension-fähige Dienstetnkommen erhöht und zwar mit demjenigen auf derselben Rangstufe stehender Beamten; daß die frühere Verwendung im Staat-- dienst vor ihrer Anstellung als Dienstzeit bei der Penfionirung anzurechnen sei. Das Gesuch ist von ,58 Gerichtsvollziehern unterzeichnet und ist demselben eine eingehende Begründung deigegebeu, nebst einer statistischen Zusammenstellung deS Wirkens und deS Einkommen» von 60 Gerichtsvollziehern. Daraus geht hervor, daß in den Jahren 1894, 1895 und 1896 durchschnittlich auf jeden Gerichtsvollzieher jährlich 5790 D ensthandlungen dezw. Buch'.intrazungen enthalten mit einer Nettoeinuahme von durchschnittlich 3086 Mk. Davon erreichen eine jährliche durchschnittliche Nettoeinnahme von 1744 Mk. 17, eine solche von 2942 Mk. 27, von 3953 Mk. 10 und von 6091 Mk. 6 Gerichtsvollzieher.
** Sterbekaffe der Gastwirlhe. Wir erhielten folgende Zuschrift: Dte auf sicherer fachwtffenlchaftlicher Grundlage beruhende Sterbekasse des Bundes Deutscher Gast- wtrrhe besitzt einen Mitgliederstand von über 8000 mit einem BerficherungScapital von ca. 8 000 000 Mk. Diese Kaffe beseitigte vor drei Jahren daS unsichere Aulageshstem und führte einen festen Beitrag ein. Die im October fr. I. stattgehabte Generalversammlung erhöhte aus daS Gutachten von Sachverständigen hin den Beitrag unbedeutend, um die Rücklagen zu dem jetzt ca. 310000 Mk. betragenden Reserve- foud höher als seither machen zu können. Dabet wurden dte Beiträge dem Alter der Mitglieder entsprechend angepaßt, jedoch so, daß dte mittleren und höheren Alter einen bedeutend (ca. Vs) niedrigeren Beitrag zu entrichten haben, als fie ihrem Alter entsprechend eigentlich müßten. Dieser Aende- rung wurde von allen etnfichtigen Mitgliedern gerne zuge- stimmt- war doch ihr guter Zweck, daS Sterbegeld für die tn späterer Zeit sterbenden M tglieder sicher zu stellen. E» gibt aber, tote überall, so auch hier Unzufriedene, die ihren Wünschen tn einer am 6. d. MtS. zu Neustadt a. H. statt- gehabten Versammlung, über welche die Zeitungen berichteten, Ausdruck gaben. Um irrigen Auffaffungen vorzubeugen, sei hier besonders betont, daß diese Versammlung, der auch Richt- und auSgeschloffeue Mitglieder anwohnten, nicht etwa eine solche der pfälzischen Kaffenmitglierschast oder deren be- rusenen Vertretung war. ES hat vielmehr die letztere mir ihren 20 Gastwirthevereiueu der Pfalz in den öffentlichen Blättern jede Gemeinschaft mit dieser Versammlung von fich gewiesen und sich habet ausdrücklich auf den Boden der Generalversammlungt-Veschlüffe gestellt. Zugleich wie» sie darauf hin, daß fie bie richtige und prompte Antwort aus diese vou einer kleinen Zahl Unzufriedener einberufenen Versammlung in einer großen allgemeinen, am 15. d. MtS. zu Neustadt a. H. stattfindenden Versammlung ertheilen wird.
Der Etat im Lichte der Regierung-
Alljährlich, wenn dte EiatSberathung im Reichstage beginnt, dann nimmt der jeweilige StaatSfecretär deS Reichs- fchatzamt» da» Wort, um tn längerer Ausführung ein Bild unserer Finanzlage zu entrollen. Schon durch die Thronrede waren wir darauf vorbereitet, daß der neue Reichsschatz- fecretär die Finanzen im rosigsten Lichte schildern werde, und Frhr. v. Thiklmann hat uns nicht getäuscht. In seiner Knappen, aber sehr Übersichtlichen Rede hob er zunächst hervor, daß auf Grund der an der Hand der Jst-Ergebniffe deS ersten Halbjahrs vorgenommencn Schätzungen für daS laufende Etatsjahr wiederum auf einen Ueberschuß von 20 Millionen gerechnet werden könne. Im Jahre 1896/97 war daS Er- gebniß der Finanzen um volle 108 Millionen Mark höher, al» der Etatsanschlag, während dieser Betrag für daS laufende Jahr aus 90 Millionen geschätzt wird. Damit ist aber nicht gesagt, daß die Finanzen im Begriff find, zurück zu gehen, sondern im vorigen Jahre war der Ueberschuß ebeusallS nicht höher geschätzt worden, al» in Diesem Jahre, und eS steht zu rrwarteu, baß er ebenfalls wieber bew Voranschlag übersteigt.
Was un» an ber Rebe de» SiaatSstcretärS Thielmanu 'befonberS interesfirt, ist seine programmmäßige Aeußerung über dte nach seiner Auffaffung am zweckmäßigsten etnzuschlagenbe Finanzpolitik. Er stellt eS als sein Ziel dar, daß alle Ueder- fchüffe aus den ReichSetunahmen zur Schulbrnttlgung verwendet werben, womit auch die bisher ben einzelnen BunbeS- ftaaten auf Grunb ber Frankcnstetn'scheu Clausel zufiießenden Ueberweisungen aushören würben. v ,
F,hr. v. Thielmanu stellt fich also auf ben Standpunkt einer reinlichen Scheidung zw schrn den Finanz«« des Reiches -unb ber Einzelstaaten. Er will ben Eiozelstaaten als Entschädigung für den Ausfall Sicherheit gewähren gegen die Leranziehuog mit Matricularumlageu, bie durch bie Neber- Weisungen nicht gedeckt werben. Jedenfalls ist die Abficht de» neuen SchatzfecrerinS, schneller als j-tzt die Schuldentilgung in die Hand zu nehmen, zu loben- nur muß eine Garantie geboten werben, daß ntcht yeben der Schulden- ttlaung die Anleihen übermäßig anwachsen. DaS hieße mit der einen Hand sottgeden, waS man mit der anderen ein- nimmt. Wir erinnern daran, baß bie Miquel'sche Reichs- sinanzreform auf ähnlichen Grundsätzen aufgebaut war, aber vor zwei Jahren keine Gnabe im Reichstage faub- freilich sollte ba» Reich bamal» durch neue Steuern finanziell selbst- ständig g-machi^ b(t de«
Vorjahres die schätzungsweise festgestellten diesjährigen Mehreinnahmen übersteigen. DaS erste Qat eineni Wg
sünstiaen Ertrag geliefert- ob auch die zweite Haste L laufenden Eiat-jahres sich ganz so günstig gestalten wirb, steht allerdings dahin - immerhin berechtigen v^lfache Lbatsachen zu der Annahme, daß die Finanzlage des Reiches Ze dauernd gute ist, wenigstens so weit fich ba» nur irgend-
«uf'beTVebtete der Zuckerausfuhrprämien will Frei Herr v. Thielmanu bas Bestreben ber Regierung nach einer Reform, da» tn biesem Falle einer völligen Beseitigung ber Zuckerau»fuhrprämten glerchkommt, unterstützen. In dieser Beziehung find schon bie mannigfachsten versuche ge- macht worben. Man versucht zunächst, damit unsere Zucker- Industrie den Kampf auf dem Weltmärkte aufnehmen kann, die» dadurch zu erreichet!, baß bie bisher versteckte, Pra«ie in eine offene umgewanbelt unb beten Herabsetzung bezw. vollständige Beseitigung zu einem bestimmten Term ne von vornherein festgelegt würbe. Aber man hatte fich getaufdjt, wenn man geglaubt hatte, bie anbeten Landet würben nun auch unserem Beispiele folgen unb ihre Ausfuhrprämien heradsetzen. Deshalb ging man dazu über, bie letztere stark zu erhöhe und dadurch auf die anderen Staaten einen Druck au-zuüben.
Hegt Freiherr v. Thielmanu wirklich bie feste Absicht, bie Ausfuhrprämie aufzuheben, so kann er tn biesem Bestreben nur eifrige Förberung verbienen, ba bie beutsche Zacket- inbustrie damit einverstanden ist, unb bann auch bie Vorwürfe vou ben „Liebesgaben" an bie „Zuckerbatone" von bet TageSorbnung verschwinben würben.
Alle» in Allem genommen, können wir bem neuen Letter unserer ReichSfinanzen nach seiner Etatsrebe nur unsere lebhafte Sympathie entgegenbringen, ba e» ihm mit seiner Aufgabe ebenso wie seinem Vorgänger sehr ernst zu sein scheint.
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Deutsches Reich.
Karttruhe, 13. Decemder. In der heutigen Sitzung ber Zweiten Kammer stellte Abg. Hug Namens ber Budget- Commission an bie Großh. Regierung bie Anfrage, ob bie Gerüchte, welche eine Gefährbnng ber Selbstänbigkeit Badens auf dem Gebiete des Eisenbahnwesen» tn fich schließen, begründet find. Minister v. Brauet erwiderte, daß mit Preußen wegen Uebetuahme der Main-Nr ckardahn Verhandlungen nicht stattgefunden hätten. Ebensowenig hätten Verhandlungen stattgefunben betnffcnb bie babischeu Bahne«. Die Großh. Regierung habe nicht bie Absicht, bie Selbst- stänbigkeit ber Großh. Staatsbahnen in irgenb welcher Form aufzugeben.;
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Gießen, den 14. December 1897.
Bett.: Den portopfl chtigen Briefwechsel zwischen Gemeinbe- dkhörben. •
Ha» Grotzherzogliche Kreisamt Gießen M Mc erMH). B»tgem«Hter«N* »«•
Nachdem sämmtliche Gemeinden be6 Gtoßherzogthums vunmedr ber Vereinbarung beigetreten finb, wonach die adsendende Behörde in allen Fällen die Cor- respondenz zn frankiren hat, thetlen wir Ihnen dies gut Kenntniß und Nachachtung mit.
v. (Sagern.


