Ausgabe 
16.12.1897 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 295 Drittes Blatt. Donnerstag de» 16. December

189?

Der Oute»er erscheint täglich, eb LoSnahmr de- Montag».

Dir Gießener

werten dem Unzeiger WHch«tltch dreimal brigdegt.

Gießener Anzeiger

Kemrak-Mnzeiger.

Bierteljähriger A»o»Ue«e»t»Prei» > 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog» 2 Mark 50 Psg.

«edaction, Lxpediri« und Druckerei:

OchntstrateHtr.H.

Fernsprecher 5L

Amts- und Anzeigeblutt für den Tireis Gietzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den Mgoibtn Lag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage: Gießener Kamitienökätter.

Nlle Annoncen-Bureaux de» In« und Au»lande» nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Schwurgericht.

W. Gießen, 14. December 1897.

Schluß der Verhandlung gegen die Hrch. Kraft Ehefrau von Hergersdorf wegen Brandstiftung.

Die den Geschworenen vorgelegte einzige Schuldfrage lautet: Ist die Angeklagte schuldig, in der Nacht vom 15. zum 16. Octoder d. I. ihr und ihrem Ehemann gehöriges Wohn­haus, zu Hergersdorf gelegen, vorsätzlich in Braud gesetzt za haben?

Staatsanwalt Koch erörtert die persönlichenBerhältuifse der Angeklagten und geht dann auf den Moment über, wo daS Feuer vom Poltzetdiener Schneider entdeckt ist. Nach der ganzen Sachlage sei ein fahrläsfig verursachter Braud vollständig ausgeschlossen. Auch die Möglichkeit, daß ein Fremder daS Feuer angelegt habe, sei ausgeschlossen, denn die Thür des Hauses war verschlossen. Daß die angeklagte Ehefrau Kraft vorsätzlich den Brand angelegt habe, sei durch die Beweisaufnahme nicht nur klar erwiesen, sondern auch daS ganze Dorf, die ganze Gegend beschuldigt fie deS ver­brechens. Die verpackte Kiste, das verpackte Porzellan und die verpackten HauSgeräthe, fie kamen den Leuten, die fie sahen, gleich verdächtig vor und einer der Zeugen hat bekundet, daß ihm, als er die Kistchen, die gerettet wurden, gesehen, die Worte entschlüpften: daS fleht ja gerade wie zum Abmarsch auS. Im höchsten Grade belasteud sei eS für die Angeklagte, daß fie ihre Kartoffelernte und ihre Grummeternte zu andern Leuten und nicht in ihre eigene Hofraithe geschafft und erklärt habe, daS Grummet sei ihr zu Hause nicht sicher genug. Damit hat sie sich verratheu, denn er beweist, daß die Brand­legung durch die Angeklagte von langer Hand geplant und vorbereitet war. Die ganze Art, wie sich die Kraft vor und nach dem Braud benommen, beweist mit aller Evidenz, daß fie kein gutes Gewißen hatte. Die Angeklagte habe auch nicht den mindesten versuch gewacht, als fie vom Braude erfuhr, oach dem Boden zu eilen, um ihre angeblichen Er- fparutffe zu retten. E'.n Beweis, daß daß vorhaudensein von 280 Mark auf dem Boden ein Märchen war, gehe daraus hervor, daß weder Münzen noch geschmolzene» Metall auf der Brandstätte gefunden, trotzdem die Abräumuug de» Brand- fchutteS ungemein vorsichtig vorgenowmen wurde. Die Ao- geklagte hat die Lüge von dem Vorhandensein der 300 Mark erfunden, um den verdacht der Brandstiftung gegen sich zu widerlegen. Hierzu komme, daß, wenn die Kraft es auch in Abrede stellt, diese die Absicht gehabt, bauliche Vergrößerungen vorzuuehwen, das alte HauS war ihr

za ttetn, fie veabfichtigte einen Stock darauszusetzeu | und darum hat die Angeklagte den Brand angelegt und darum bittet er die Geschworenen, die Schuldfrage zu bejahen. Justizrath Reatz bemerkt, eS sei kein dtrecter Beweis dafür erbracht, daß die Angeklagte den Brand an­gelegt habe. Niemand hat sie gesehen nach dem Boden gehen. Alle» was die Anklage al- Beweis sür die Schuld beibringt, seien Indizien. Redner sucht Punkt sür Punkt der von dem Staatsanwalt vorgebrachten Verdachtsmomente zu wider­legen. Die gepackten Kitzen, deren Inhalt nicht von erheb­lichem Werth gewesen, erklären sich, wenn man bedenkt, in einem wie engen Raum die Angeklagte wohnte und dabei noch ihre Habe bergen mußte. In einem Zimmer, 3 Meter lang und 3 Meter breit, welches seine Cltenttn belaß, standen 1 Bett, 1 Tisch, 3 Stühle, 1 Bank, 1 Kitze und 1 Ofen und nun könnten die Geschworenen selber urtheilen, ob die Angeklagte den Kletderschrank, den sie noch in Gelsenkirchen bei ihrem Munn hatte, habe placiren können und dadurch, durch das Fehlen des Schrankes, wird es erklärlich, wenn die Frau ihre befferen Kleider bei ihrer Schwester in Schlitz ließ. Ebenso erkläre er sich, daß fie die Hemden ihres Mannes, Tischzeug und 2 Handtücher za ihrem Onkel etwa 3 Monate vor dem Brand bringt, als sie von Westphalen zurückkommt. Ebenso finden auch die Momente mit den Kartoffeln und dem Grummet ihre ausreichende Erklärung. Wenn die Kraft betreffs des Geldes verschiedene Angaben gemacht, so muß man daran denken, wie aufgeregt die Frau durch den Brand damals gewesen- e» sei auch möglich, daß diese ab- sichtlich Anfang-, als man nach dem Gelde suchen wollte, ge­logen hat, damit fie nicht den verdacht erwecke, fie habe viel Geld. Im vorliegenden Falle hat, nach der Ansicht der vertheidtgung, die volktst'mme keinen beweisenden Werth, fie ist entstanden durch einen verdacht und dieser ist ohne Beweis zur Gewißheit geworden. ES sei überhaupt undenk­bar, daß die Frau das verbrechen begangen hat, denn welchen Zweck soll diese denn damit verfolgt haben, wenn fie daS HauS austecke? Ein Geschäft hätte sie doch, selbst wenn das Gebäude ganz nieder gebrannt, nicht dabei gemacht. Der vertheidiger verbreitet sich über die Anlage deS KamiuS im Hause der Kraft und die Art, wie die HrizungSrohre in diesen eingeführt waren.Meine Herren Geschworenen," so schloß der vertheidiger seine eindrucksvolle Rede,Brand­stiftung ist eia schwere- Verbrechen, prüfen fie den vorliegen­den Fall gründlich und ich bin überzeugt, fie werden dann die Angeklagte freisprechen."

Der von den Geschworenen gefällte, durch den Obmauo,

Bürgermeister Roth von Kaicheu, verkündete Wghrspruch lautet auf Schuldig.

Staat-anwalt Koch beantragt, gegen die Angeklagte auf 3 Jahre Zuchthaus zu arkennen. Da- begangene Verbrechen fei ein äußerst gemeingefährliches. Die Angeklagte habe nicht nur ihr und ihres Manne- Eigenthum vernichten wollen, sondern auch die Habe deS Polizeidtener- Schneider sei ein Raub der Flammen geworden. MtlderungSgründe seien für die Angeklagte nicht vorhanden. Der vertheidiger über­ließ die AuSmrffung der Höhe der Strafe dem Gerichtshof. DaS Urtheil erging dem Anträge des Staatsanwalt- gemäß, auch wurde auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 3 Jahren erkannt.

Auszeichnung. Den großen Prei- deS Königs von Belgien (Grand Prix du Roi) erhielt für ihre unüber- troffenen Port', Sherry- re. Weine gelegentlich der 1897er Exposition vinicole (Wetnbau-AuSstelluog) in Gent die Firma The Continental Bodega-Company! Desgleichen wurde fie auf der 1897er Internationalen Ausstellung in Brüffel mit dem Ehren-Dtplom und der Goldenen Medaille ausgezeichnet!

* Deutsche Worte. Von einem Leser in Paris geht der Franks. Ztg." daS oachsolgende Schreiben zu, daS wir wort-, buchftaben- und tuterpunkttouSgetreu hier veröffentlichen:

Paris, 6. Dee. 1897.

Mein theuerer Herr Redacteur!

Ich habe gelernt die deutsche Sprache ziemlich gut und um mich zu perfectioniren noch beffer, hat mir da Freund gerathen, das Baierische Vaterland fleißig zu lesen. Da stehe ich nun wie der OchS am Berg. (So heißt eS doch in deutsch?) Ich verstehe kein Wort von dem ganzen Vaterland. Auf jeder Seite steht hundertmalKausen",Kuhhaut",Simpeln", Färbergrabeu",Moralgigerl",Berjudet",Dr. Orterer" und noch mehr solche Wörter. Ich habe mir gekauft den besten Dicttonnaire (Wörterbuch) und kann nicht finden. Wollen Sie vielleicht haben die Güte, mir ein Wörterbuch zu verschaffen, wo die Wörter zu finden find. Wenn Sie sich vielleicht einmal in französischen Zeitungen nicht auskennen, bin ich bereit zu Gegendiensten.

Mit Hochachtung

A. L.

Feuilleton.

Der Wildsang.

Von O. Seeher.

(Schluß.)

DaS jüngste Brautpaar Walter und Gertrud verbrachten den Hochzeit-Vormittag zum ersten Male allein im Hirschwinkel. Sie waren glücklich in der verwegensten Bedeutung deS Worte». Gertrud war der alte Wtldsang. Sie rannte tu den Wald und Walter suchte fie lange vergeben». , _ ,

Warte nur," rief er endlich mit lauter Stimme,Du sollst e» büßen, Wildfang, Wtldfang!"

Da vernahm der Flüchtling plötzlich von seinem Ber- strcke au- helle» Lachen und Geplauder. Erschrocken eilte Gertrud in die Arme ihre- Bräutigam» zurück und verrieth ihm ihre Wahrnehmung. Beide schritten darauf schleunigst dem AuSgange de- Thales zu.

Hier bleiben!" rief da plötzlich eine gebieterische Stimme.

Sie blickten zurück. Herr des Himmels! Wer hatte diesen Ruf gewagt? Niemand Geringere-, al- der er- habrnste Gebieter im Deutschen Reiche der Kaiser.

Er befand sich mit einigen Eavalieren auf der Jagd.

Schon hatte man daS junge Paar eiogeholt.

Die jählings Ueberraschteu verbeugten sich tief. Gertrud glühte- ihr Hofkntx fiel trotzdem tadellos aus. Der Kaiser betrachtete fie wohlgesälltg.

Also Sie find der Wtldfang, der semem Schatze ent* * laufen war?" sprach der Monarch lachend zu Gertrud.Et, ,H So kurz vor der Hochzeit! Nicht wahr, Sie find die Kinder meine» wackeren Oberförster» Linden, die heute ihre Hochzeit feiern. Stimmt»?"

Verzeihung, Kaiserliche Majestät!" antwortete Walter befangen,ich bin der Sohn de» Oberförsters Staben und

diese Dame ist meine Braut, aber wir find erst seit gestern verlobt."

Ah! Also ein zweites Brautpaar im L.nden'schen Hause. Gratnlire, gratulire!" sprach der Kaiser vergnügt. Grüßen Sie Ihre Eltern und melden Sie meinen Betuch für heute Nachmittag drei Uhr. Sie aber, mein Pärchen, laffen fich nicht stören. Wir haben» auch eilig. Auf Wiedersehen!"

Die Trauung in Brausewalde war beendet- man er­wartete Seine Majestät. Der Kaiser erschien pünktlich, die Frau des Hauses führend, im sogenannten Kaisersaale der Oberförsterei. Ihm folgte der Adjutant an der Sette de- Hochzeitsvater».

In der Mitte de» reich mit Elch- und Hirschköpfen aus- gestatteten Gemache- hatten die von den Brautführerpaaren umgebenen Neuvermählten Aufstellung genommen. Recht- und link- an den Wänden: die lebensgroßen, mit Blumen geschmückten Gemälde der Kaiser Wilhelm I. und Fried­rich III. Im Hintergründe: die weit geöffneten Balkon- rhüren und Bogenfenster, die einen Blick in den Garten und auf die dort versammelten, festlich gekleideten Laadleute gestatteten.

Die Lindeu'schen Kleinen begrüßten den Laudesvater an der Thür und überreichten Srräuhe und Feldblumen. Die Musikanten aus der Stadt, die später zum Tanze aufzusptelen hatten, donnerten einen Tusch von der Empore herunter.

Alles verneigte fich und das junge Ehepaar schritt Seiner Majestät entgegen.

In verbindlicher Weis- sprach der Kaiserliche Herr seinen Glückwunsch auS- er kam nicht mit leeren Händen.

Der Oberförster und sein Schwiegersohn, der Forst- affrffor, aber hatten fich eine- besonderen Gnadenbeweises zu erfreuen, indem der erstere zum Forftrath, der letztere -um Oberförster ernannt wurde.

Auch Mama Linden, die den hohen Herrn schon wieder» holentlich in ihrem gastlichen Hause bewtrthet hatte, sah fich hochgeehrt.

In ebenso untertänigen, wie treuherzigen, markigen Worten gab der neue Herr Rath seinem Danke für die Allerhöchste Gnade und Auszeichnung Ausdruck, die seinem bescheidenen Hause widerfahren, worauf er die Bitte an Seine Majestät richtete, auf die Veranda hinaustreteu zu wollen.

Und hier kam eS nun zu einer Huldigung, wie fie dem geliebten Lande-Herrn nicht immer zu Theil wird. Etwa in derselben Weise huldigen ihm in Wald und Flur die rauschenden Wipfel der Bäume, daS wogende Kornfeld, die nickenden Blumen.

Ueberwältigend brauste der Jubelruf der tauseudköpfigen Menge friedlicher ostpreußischer Landbewohner zu dem Kaiser empor. Dem biederen, treuen Forstrath standen die Thränen in den Augen- ober auch der Monarch war sichtlich über­rascht und bewegt. Er drückte ihm warm die Hand, dann trat er vor und sprach die bedeutungsvollen Worte:

Dank, aus tiefstem Herzen Dank für Eure Treue. Hier ist sie noch unverfälscht. Stehet fest, wenn der ver« sucher auch an Euch herantreten sollte."

Nach der Tafel hielt der Kaiser in leutseligster Weise Lerele und nun hatte auch Gertrud die Ehre, vorgestellt und sofort erkannt zu werden.

Sieh da, der Wildfang!" neckte der hohe Herr. Hoffentlich erfahre ich nie wieder, daß Sie dem Manne Ihrer Wahl davongelaufen find. Wann und wo soll die Hochzeit sein?"

Der Zeitpunkt ist noch nicht bestimmt, Kaiserliche Majestät!" antwortete Gertrud unbefangen und glückselig. Da» Fest aber wird in Berlin, in meinem Elternhause gefeiert werden."

Also eine Landsmännin!" sprach der gütige Herr.DaS freut mich. Bergrffen Sie ja nicht, mich einzuladeu."

Die Einladung unterblieb selbstverständlich. Deffev- ungeachtet kam an Gertruds Hochzeit-morgeu ein Ring für fie an. Er war ein ächt kaiserliches Gischeok und trug die Widmunz:Dem Wtldfang!"