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1897
Nr. 269 Zweites Blatt. Dienstag de« 16. November
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Deutsches Reich.
Berlin, 13. November. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Abberufung des Gesandten am portugiesischen Hofe v. Dereuthall von diesem Posten behaf» anderweitiger dienstlicher Verwendung.
Berlin, 18. November. Wie die »Nordd. Allgem.'Ztg." erfährt, ist el richtig, daß die Kreuzerdivifion in Ostafien Befehl erhalten hat, die Gchantungküste in der Nähe des Orte», au dem die Ermordung Deutscher sich ereignete, anzulaufeu, uw eine sofortige Genugthuuug durchzusetzen.
Berit«, 13. November. Der Reichskanzler hat gestern den Besuch des russischen Botschafters Grafen v. d. Osten-Sacken und heute den deS zum türkischen Botschafter drsiguirren Tewstk Pascha empfangen. Davon französischen Blättern verbreitete Gerücht, die deutsche Regierung hätte die Abberufung deS türkischen Botschafters Ghalib Bey gewünscht, ist nach der »Nordd. Allgew. Ztg." vollständig unbegründet.
Berit«, 13. November. DaS ComitL zur Errichtung des Btsmarck-DenkmalS hat heute beschlossen, dem Bildhauer Professor Retuhold B eg aS die Ausführung des Denkmals zu übertragen.
Karlsruhe, 13. November. Der Landtag wurde zum 23. November einberufeu. Zum Präsidenten der ersten Kammer wurde Prinz Karl von Bader? ernannt.
Vl-t. 13. November. Der Kaiser ist gestern Nachmittag hier etogetroffeu und hat sich heute Morgen zur Fasaoenjagd begrbeu.
Wterr, 13. November. Die Universität war heute Mittag während des Bummels ueuerdiugS der Schauplatz turbulenter Sceueu. Zwischen den jüdisch-freisinnigen Verbindungen FidelttaS und Hedone einerseits und den jüdisch- nationalen farbeutrageuden Verbindungen andererseits kam eS zu argen Zusammenstößen. Die letzteren, welche die ersteren provocirtea, machten denselben ihre Theiloahme au den vorgestrigen Demonstrationen zum Vorwurf uud griffen dieselben mit Stöcken an. Der Canzleidirector Burghard und der Oberpedell, welche Ruhe stiften wollten, wurden arg mitgenommen. Schließlich gelang es mit Hilfe der übrigen Studentenschaft, die jüdtsch-uatioualeu Verbindungen aus der Universität hinauszudrävgen. Die Polizei nahm 15 Verhaftungen vor.
Madrid, 13. November. Der Gouverneur der Philippinen meldet, daß die Rekrutirung der Etngeboreueu eine ausgezeichnete sei und keine Truppen aus de« Mutterlaude herübergebracht zu werden brauchten.________________________
Locales and proolnzlelles.
Mainz, 13. November. Der ,2R. Anz." schreibt: In dem hiesigen Gefängnisse wurde in diesem Herbste den aller- ärmsten Arbeitern bezw. Arbeiterinnen Coucurreuz gemacht und zwar handelt eS sich um die sogen, „unständigen Arbeiter." Auf Rechnung einer hiesigen Sonservenfabrik wurden nämlich die in der Fabrik zum Conserviren nöthigen Zwetscheu entkernt und die Birnen geschalt. ES handelt sich um ganz bedeutende Mengen, welche tu dem Gefängniß durch die Strafgefangenen tu die erste Bearbeitung genommen worden find. Mr können uns nun keineswegs damit einverstanden erklären, daß man derartige Arbeiten tu einer Strafanstalt verrichtet uud so bedürfttgeu Arbeiter» einen Verdienst entzieht. Aber auch aus ästhetischen Gründen erscheint eS nn» geboten, daß solche Arbeiten in der Fabrik selbst und unter ständiger Aufsicht eines Angestellten verrichtet werden, auch wenn man vielleicht entgegnet, daß die auS dem Gefängniß kommenden Früchte wieder gewaschen werden sollen. Der Fall ist um so beklagenswerther, als es sich um eine erste Firma handelt.
• Sine überraschende Eröffnung wurde von Schiller-Tietz auf der diesjährigen Naturforscher-Bersarnrnlung bezüglich der aus Malz bereiteten Getränke der Alten gemacht, wodurch auch die neuerdings viel genannten Malton-Weine in einem wissenschaftlich ganz neuen Lichte erscheine». ES wird nämlich allgemein angenommen, daß die erste Kerwtniß der Bereitung deS Bieres auf das Land uud die Zeit der Pharaonen zurückretche- wenigstens sollen die alten Deltabewohner schon 2000 Jahre v. Ehr. aus gemalzter Gerste ein Getränk bereitet haben, das nach unserer heutigen allgemeinen Annahme den UrthpuS deS „Bieres" darstellen soll. Schön früher war die Bermuthung ausgesprochen, daß in dieser Annahme sehr wahrscheinlich ei» Jrrthum liege» müsse. Fassen wir zunächst die historische Beweisführung tus Auge, so gibt zweifelsohne die Thatsache zu sehr gewichtige» Bedenke» Anlaß, daß die griechische» Schriftsteller, welche von diesem eghptischen Getränk berichten, dasselbe auffallender Weise ZythoS oder Gerftenwein, sogar „Meth aus Gerste" nennen. Auf
fallend hieran ist nun, daß alle diese Autoren aus dem weingesegneten Griechenland, die doch offenbar so gewiegte Wein- kenuer waren, um „Wein" und „Bier" unterscheiden zu könne», de» egypttsche» Gerstensaft mit »Wein" vergleichen- eS muß also das altegyptische Nationalgetränk einen weinartigen Charakter gehabt haben und nicht den eine- BiereS in unserem Sinne. Selbst der »Stoff", der nach Mittheilung des TaeituS den alten Germanen so trefflich mundete, ist aller Wahrscheinlichkeit nach kein Bier in unserem Sinne gewesen, wenn er allerdings auch dem durch den feurigen Italiener- wein verwöhnten Gaumen des Römlings fo wenig zusagte, daß er ihn malitiös »zu einer Sehnlichkeit mit Wein verderbt" bezeichnete (»humor ex hordeo aut frumento in quandam similitudinem vini corruptuß*). Was war nun eigentlich der ZythoS der Alten? Die neuere und neueste Gährungstechvtk liefert hierzu den Schlüssel. Die Lösung des Räthsels liegt bereits in jenen GährungSversnchen Pasteurs, wodurch eS ihm gelang, durch Vergährung von Malzwürze mit Weinhefe ein weinartiges Bier herzustellen. Indem der Deutsche F. Sauer die Pafteur'schen Versuche wefter verfolgte und auSbaute, ist eS ihm endlich durch die vergährung der MalzwÜrze (wie sie sonst zu Brauzwecken dient) mit den rein gezüchteten Weinhefen bestimmter südlicher Weinlagen wieder gelungen, ein weinartigeS Malzgetränk, d. h. einen Gerstenwein, herzustellen, die sogen. Malton-Weine, welche den ausgesprochenen Charakter von Südweinen Haden und hinsichtlich Geschmack und Bouquet speciell denjenigen Traubenweinen nahe stehen, deren specifischen Retnzuchlhefen die Vergährung der Malzwürze bewirkt haben, weßhalb die betr. Weine als Malton-Sherry, -Portwein, »Tokaher, -Malaga usw. bezeichnet werden. Ohne Zwang erkennen wir — und der Eghptologe Georg Eber» stimmt hierin bei — in dem „weinartigen Bier" Pasteurs den ZythoS oder Gerstenwein der Alten wieder, der in den Malton-Weinen eine der neuzeitlichen Entwickelung der Gährkunde und Gährtechnik entsprechende Auferstehung erfahre» hat. GS liegt sonach die Annahme sehr nahe, daß die alten Egypter ihr Malzpräparat offenbar durch eine» als Weinhefe zu charakterifirenden GährungSerreger vergähreu ließen; daß das Product jedenfalls nicht Bier, sondern Wein war im Sinne von Gersten- oder Malton Wein, ist durch die schriftlichen Ueberlieferungen dargethan, läßt sich aber auch technisch nachweisen. Die Urgeschichte des BiereS erscheint damit auf einmal in einem wesentlich anderen Lichte und rückt die Geschichte seiner Erfindung um Jahrtausende näher.
Feuilleton.
Ein Dankksssirer.
'Amerikanische Criminal-Erzählung von Joseph Treumann.
(Schluß.)
Eine Stunde später befand sich Nora Wilson in Begleitung ihres Bräutigams und da» Köfferchen neben sich, auf dem Wege nach Newbrunswtck, um die zehntausend Dollars in Gold wieder in der Bank zu deponiren.
Bei ihrem Eintritt in das Kaffenlocal waren abermals nur der Kaffirer und fein Assistent in demselben.
»Guten Morgen, Mr. Stout," begann da» Mädchen. „Wir bringen Ihnen das gestern erhobene Geld wieder, nachdem thatsächlich letzte Nacht der Versuch gemacht wurde, e» un» zu rauben."
„So - so," erwiderte der Angeredete, näher an das abschließende Gitter tretend, „also ein Raub- und Mordversuch — genau, wie ich es Miß Holt vorauSgesagt hatte."
Ein penetranter Chloroformgeruch ging von der Person de» KassirerS und wirkte auf Nora beängstigend.
»O, Jamr»," stotterte sie bleich hervor, indem sie seinen Arm ergriff und sich an ihn klammerte, al» ob sie einer Ohnmacht nahe wäre.
„Mein Name ist Cliff," rief JameS, »und ich bin der Verlobte Miß Wilsons. Ich sehe, Sie haben da drinnen ein Sopha- wollen Sie nicht erlauben, daß sic auf demselben ein wenig Ruhe findet. Die Anftegung der verflossenen Nacht scheint jetzt erst ihre Folgen zu zeigen."
Nur mit sichtlichem Widerstreben kam Stout der an iihn ergangenen Bitte nach- während er die »ach dem ab- «gesperrten Raume führende Thür öffnete, sagte er: »ES ist ttigentltch ganz gegen die Vorschriften, irgend Jemandem hier Einlaß zu gewähren."
Der junge Advoeat gab keine Antwort darauf, sondern fführie seine Braut zu dem Sopha, und da sie seinen Arm wicht freigab, mußte er sich neben ihr auf demselben nieder- llaffeu.
Nora war durchaus keiner Ohnmacht nahe- im Gegen- theil, ihr Geist hatte nie lebhafter gearbeitet als in diesen Minuten. Ihre bleiche Gesichtsfarbe rührte nur von der Aufregung her, in der sie sich befand- der fast zur Ueber- zeugung gewordene Verdacht war in ihr aufgestiegen, daß jener verhaftete Landstreicher mit seiner Behauptung, ein Anderer sei der Einbrecher gewesen, Recht haben könnte, und daß dieser Andere der vor ihr stehende Bankkasfirer sei. ES war nicht nur der Geruch von Chloroform, welcher an seiner Person haftete, noch auffälliger war, daß er seine rechte Hand, seitdem sie das Local betreten, nicht aus der Rocktasche gezogen hatte. Sie überlegte eine geraume Weile und als sie zu einem Entschluffe gekommen war, sagte fie, die Augen voll zu ihm erhebend:
»Wa» haben Sie mit Ihrer Hand, Mr. Stout?"
»Mit meiner Hand?" erwiderte der Angeredete trotzig. »Gestern Abend habe ich fie mir beim Rücken eines schwere« Möbel» in meiner Wohnung verstaucht und fie deßhalb mit in Arntcatiuctur getauchte Leinwand verbunden?"
»Bitte, wollen Sie mich dieselbe nicht einmal sehen lassen?"
Der Kasfirer zögerte- er mochte jedoch schließlich denke», daß eine Weigerung, ihrem Ersuchen nachzukommeu, verdächtig fein könnte, und zog deßhalb die Hand au- der Tasche. Der verband zeigte jedoch noch andere Flecke, als solche, die von Arntcatiuctur herrühren konnten.
Da- Mädchen sprang auf und wie- mit au-gestrecktem Arme auf den Kasfirer, indem fie gleichzeitig rief:
»Steh, Jame-, da- find Blutflecke, wie sie eine ver» stauchung nie zur Folge hat! Und an dem Manne haftet ein mir den Äthern versetzender Chloroformgeruch — seine Stimme — fein Blick, seine ganze Person flößen mir Schrecken und Abscheu ein. Aber noch mehr! Betrachte einmal die Haare, welche sich um den einen Knopf am Aerrnel des hier auf dem Stuhle liegenden UeberzieherS geschlungen haben. Kennst Du sie? Wessen Haare find eS?-
„Die Deinige», Nora," antwortete ihr Verlobter, die Haare sorgsam von dem Knopfe lösend, »ich würde fie unter tausenden erkennen. Aber was soll das alles heißen?"
»Es bedeutet, daß dieser Mann da vor uns Derjenige ist, welcher in verflossener Nacht daS Geld bei uns stehlen wollte und mit dem ich um mein Leben kämpfen mußte."
»Und ich wünsche, ich hätte Dich für immer stumm gemacht, D» rothhaarige Hexe, al» ich die Gelegenheit dazu hatte!" schrie Stout, in der grenzenlosen Wuth, die sich seiner bemächtigt hatte, jede Vorsicht vergessend. Gleichzeitig sprang er glühenden AugeS auf da» Mädchen zu. In dem Moment jedoch, al» er den Arm ausstreckte, um fie an« zugreifen, erhielt er von Cliff mit geballter Faust einen Schlag in» Gesicht, daß er zurücktaumelte.
In der nässten Secunde herrschte unbeschreibliche Verwirrung im Raume. Stout» Assistent warf sich zwischen ihn und den jungen Advocaten, um beide an wetteren Thät- lichkeiten zu verhindern. Cliff aber ließ mehrere Leute, die Geschäfte halber da» Banklocal betreten hatten und Zeugen sowohl der Beschuldigung von Setten Miß Wilson», wie der letzten Vorgänge gewesen waren, in den abgegrenztev Raum ein, um ihm bei der Verhaftung de» Verbrechers behilflich zu fein.
Stout» eigene Worte, mit denen er seine Miffethat halb und halb eingrftande», würden vielleicht zu seiner Verur- theilung nicht genügt haben- al» man jedoch nach weitere» Beweismitteln suchte, waren solche tm Ueberflnffe vorhanden. Man fand in seiner Wohnung eine noch halb mit Chloroform gefüllte Flasche, eine blutbefleckte Manschette, ein Bowie- Messer mit Blutspuren, ein Bund Dietriche und sonstige» Einbrecher-Handwerkszeug. All dem, sowie der bestimmten Aussage Nora WilsonS gegenüber verlor er den Muth, zu leugnen, und bekannte sich schon im ersten Verhör schuldig. Wenige Tage später wurde er zu fünf Jahren Zuchthau» verurtheilt und sofort nach der Strafanstalt abgeführt.
Der Landstreicher, welcher so nahe daran gewesen, für die That eine» Anderen büßen zu müssen, wurde selbstverständlich ohne Weiteres in Freiheit gesetzt und wanderte, mit einem Geldgeschenk versehen, weiter, um fein Vagabonden- leben fortzusetzen.


