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Nr. 217 Zweites Blatt. Donnerstag de» 16. September
1897
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Oiehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montags.
Die Gießener
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Amtlicher Tveil.
Bekanntmachung, betreffend: Die Abhaltung von Körtermioen zwecks Aufnahme der Zuchtthiere in das Provinzialherdbuch im 1. Körbezirk.
Die Körcornrnisfion des 1. Körbezirke« (Vogelsberger
Vieh) wird nachfolgende Körtermine abhalten:
1. den 17. Teptbr., Vorm. 101/« Uhr in Stockhaufen
2. „ 17.
S. „ 17.
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4.
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18.
18.
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bei Mücke,
Mittags 12Uhr in Weickartshain, Nachmittags 4 Uhr in Göbelnrod bei Grünberg,
Borm. 11 Uhr in Großenlinden, Nachm. 4 Uhr in Ruttershausen
bei Lollar.
Die Züchter von Vogelsberger Vieh, welche ihre Thiere in das Herdbuch etntragen laffen und bez. Anmeldungen schon bei mir gemacht haben, werden ersucht, ihre betreffenden Thiere an einen von oetreffender Großh. Bürgermeisterei hierzu bezeichneten Ort aufzustellen, damit die Arbeiten der Commission ohne Aufschub erledigt werden können.
Sollten noch weitere Viehzüchter ihre Thiere kören laffen wollen, so werden dieselben ersucht, dieselben gleichfalls an den betreffenden Körterminen vorzuführen, vorher aber dem Vorsitzenden dieser Commission, Herrn Oberamtmann Hoffmann zu Hofgüll, oder dem Geschäftsführer, Herrn Ober- Verwalter Beilstein zu Laubach direkte Mittheilung hiervon zu machen.
Laubach, den 13. September 1897.
Der Präsident de- laodwirthschaftlichen Verein- für die Provinz Oberheffev.
Friedrich Graf zu SolmS-Laubach.
* X Von der Lahn, 15. September. Das von Vielen jährlich besuchte Erntedankfest in Winnen bei Nordeck wird am 19. d. M. (Sonntag), Nachmittag- 2 Uhr, gefeiert werden und hat Pfarrer Georg Bogel, früher in Beuern, die Predigt bei dieser Gelegeohett übernommen. Da Pfarrer Vogel durch seine rege und gesegnete Thätigkeit al« Prediger und Seelsorger Bielen in unserer Gegend nahe stand, so werden sich nicht Wenige freuen, ihn am 19. d. M. wieder einmal hören zu können und aus diesem Grunde sei auch an diesem Orte auf jene stet- vielbesuchte Feier aufmerksam gemacht. Mau weiß, roa« Pfarrer Bogel zu bieten vermag.
• Die Jagd im Mavöoergeläude. Nächsten Donnerstag geht in Preußen die Jagd auf Hasen auf. Die Jagd-
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bestände im Manövergelände machen trübe Gesichter, denn w»S vom Wild nicht tobt wauöverirt wurde, hat sich in andere Jagden geflüchtet. Hunderte von Hasen liegen, soweit sie nicht gefunden und als gute Beute beseitigt wurden, tobt im Feld. Auch Rehe und Böcke, die in die Enge getrieben, auf wilder Flucht sich den Schädel an Bäumen eingerannt haben, werden gefunden. Feldhühner find gar nicht mehr aozutreffen.
• Hebet englische Flegeleien bei der Homburger Parade wird den „Münchener N. Nachrichten" geschrieben: ......Die Parade war über alle Maßen großartig- die Truppen vorzüglich- Anordnung und Verlauf glatt wie stets. Auf den Tribünen glaubte man in England zu sein- die große englische Colonie hatte sich wohl ausnahmslos ein« gefunden! Zuerst hin und wieder eine schnodderige Bemerkung der Söhne und namentlich der Töchter Old« Englands, die vielfach alsbald ihre gründliche Abfertigung von zur Stelle befindlichen Deutschen fanden —, darunter auch der Hinweis, sich als Gäste Deutschlands etwas bescheidener zu benehmen! Vielfach versuchte englische Lümmeleien, auf die Bänke steigen rc. re., wurden sehr energisch abgestellt, — — später aber, als diese 60000 Mann ihren zweimaligen Vorbeimarsch machten, hörte man doch aufrichtige Au-rufe der Bewunderung. E« ist eben nicht anders: nur vor Macht und Kraft hat der Engländer Respect- über alles Andere lacht er. Als eine englische Dame beim Anblick dieser endlosen Heere-maffe die nicht eben geschmackvolle Bemerkung machte: „They are all made in Gennany“ wurde ihr von einem deutschen Nachbar die- mit dem Bemerken bestätigt, daß wir England mit Vergnügen diese „Parade" for sixty days leihen wollten, um in Indien Frieden zu machen - uns in Deutschland thäte rS nicht weh und England sehr wohl! Darauf wurde die Miß etwas ruhiger.
* DaS Hau- bet Anneliese. In Dessau wurde in Folge deS wachsenden Verkehrs auch die Verbreiterung der Böhmischen Straße nothwendig. Um diese zu ermöglichen, mußte da- Eckhaus der Böhmischen- und Zerbster-Straße uiedergeriffen werden. Allgemein wird es bedauert, daß dieses Haus fallen mußte- denn dadurch ist Dessau um ein historisches Gebäude ärmer geworden. Das abgetragene Eckhaus war nämlich die alte berühmte Apotheke, in der die „Anneliese", die Gemahlin de- Fürsten Leopold von Anhalt- Drssau, deS „alten Dessauers", geboren wurde.
* Zur Geschichte bet AufichtSpostkatlen. Auch die Ansichtspostkarte hat ihre Geschichte, so schreibt daS „Wiener Fremdenblatt". Als ihr Erfinder wird ein deutscher Lithograph, MieSler mit Namen, bezeichnet, dem aber, wie so vielen Erfindern, die Vortheile der Erfindung von Anderen, die praktischer an die Sache herangingen, entwunden worden
find. Anfangs der Sechziger-Jahre, als MieSler die ersten Berliner Ansichtskarten herstellte, gab eS noch keinen Gebrauchsmusterschutz und übrigens dürfte er damals kaum seiner Idee eine große Tragweite beigemeffen haben. Heute gibt es in Deutschland allein an sechzig Fabriken, die sür Postkarten mit Ansicht SammelalbuwS Herstellen. Der „Postkarte mit Ansicht" haben sich bereits zwei besondere Fachzeitschristen gewidmet, und natürlich besteht auch schon ein „Allgemeiner Crntralverband für AnfichtSkartensammler", der unter Anderem auch den Zweck verfolgt, die Mitglieder vor unreellen Händlern — auch diese gibt er schon — zu beschützen. Mehr als ein Dutzend hervorragender lithographischer Anstalten in Berlin, Leipzig, Eisenach, München, Stuttgart, Frankfurt, Würzburg, Nürnberg und an anderen Orten beschäftigen sich heute ausschließlich mit der Herstellung von Postkarten mit Ansicht - Künstler von Ruf und betitelte Professoren wirken häufig hierbei mit und der Lithograph braucht manches Mal, um die Entwürfe mit der nöthigen PrScifion auf den Stein zu bringen, eine Arbeit von zehn Wochen für eine einzige Karte. Aquarelldruck, Buntdruck, Gummistempel, Holzschnitt, Kreidedrucke, Lithographie, Lichtdruck, Zinkdruck, Photolithographie, Photographie und Präge- druck, in allen Gattungen werden die Bilder hergestellt. Wie bereit- bemerkt, ist Deutschland die Heimath der neuen Industrie und eS hat auch heute noch die führende Rolle. Karten von Rom, von Petersburg, von Griechenland, von San Francisco, von Zanzibar, von Tirol, von der Schweiz, ja sogar von Wien und anderen niederösterreichischen Orten werden draußen hergestellt und hier verkauft.
* Schöner Erfolg. Criminalcommiffar: „Ich habe Ihnen eine angenehme Mittheilung zu machen- der Kerl, der Ihr Reitpferd gestohlen hat, ist gefaßt worden!" — Herr: „Und daS Pferd?" — Criminalcommiffar: „Das ist bei einem Pferdeschlächter beschlagnahmt worden . . . von dem werden wir auch noch mindestens 50 Pfund zurück- kriegen !"
* Au» einer BertheibignngSrebe. „ ... Und bann, meine Herren Geschworenen, bedenken Sie da- hohe Alter de- Angeklagten. Je geringer Sie die Strafe bemessen, desto sicherer ist es, daß er sie voll und ganz verbüßen wird, während Sie bei einer längeren Strafe zu gewärtigen haben, daß durch den Tod de- Angeklagten da- verbrechen theilweise ungesühnt bleibt!"
* Bariirte Ballade. Wirth (wüthend einem mit dem Fahrrade flüchtenden Säuger und Zechpreller nachblickeud): „So ein miserabler Lump, jetzt hat er sich vollgefreffeu und vollgesoffen und statt dem versprochenen Gesang fährt er mir ab!" — Gast: „Nun trösten Sie sich, lieber Ochseuwirth, etwas hat er ja doch geleistet — „des Sänger- Flug" —
Feuilleton.
Db es regnen wird?
Eine heitere und wahre Geschichte von Carl Neumann-Strela (Schluß.)
Am Abend erschien er wie gewöhnlich in der Ressource. Während er sein Dünnbier trank, fiel es ihm auf, daß die adeligen Herren vom Lande diesmal keinen Rothwetn, sondern auch Dünnbier tranken. Sie waren enger zusammen- gerückt, hatten fast einen Kreis geschlossen und sprachen auffallend leise.
WelmS konnte daher wenig verstehen. Er hörte nur: „Ich dreihundert" — „ich tausend" — „ich fünfzehnhundert" — „ich zweitausendfünfhundert." — „Sie Aerwster!" — „Ich hundertundsünfzig." — „Da können Sie lachen." — „Ich fünfzig." — „Da seien Sie doch vergnügt." — „Unser Reffonrceuwirth liegt mit fünfhundert drin." — „Gr hals verstanden, baß muß man ihm laffen."
Die Herren sprachen ganz unter sich. Der Anstaub verbot jede nähere Frage.
WelmS ging nach Hause, legte sich zur Ruhe, stand ober am anderen Morgen frühzeitig auf, blieb nachdenklich tn seinem Comptoir und dachte an baldigste Antwort auf den Brief, den er gestern geschrieben hatte.
Da trat, eS mochte inzwischen zwölf Uhr geworden sein, sein Freund Brünslow bei ihm ein.
„Nun, und was sagen Sie? Wer hätte da- gedacht?"
„Ist was pasfirt?" fragte WelmS und Miening fast gleichzeitig.
„Wie ein Lauffeuer geht- durch die Stadt! Der Stolz der ganzen Stadt — unser Consul — ist futsch! Dor einigen Wochen hat man ihn zuletzt gesehen. Er sagte, daß er nur zur Poft gehen wollte- eS war an einem Nach
mittag, so um drei Uhr herum. Ueberall hat er vorher gepumpt, unseren Landadel am meisten gerupft. Plötzliche Zahlung, gänzlich unvorbereitet, erst die nöthigen Summen flüssig machen. Da- gab unser Consul überall vor und da half doch jeder gern aus. Ja, die Bowlen haben die adeligen Herren sehr theuer bezahlt. Er soll gespielt haben, rüber nüber, meine Tante, deine Tante. Er ist allerdings zur Poft gegangen, aber dann nach Hamburg gefahren, jetzt wird er schwimmen, wenn er nicht schon nach Amerika ist. Aber ich sehe, Sie wollen essen, da störe ich nicht gern. Bin nur froh, daß ich ungerupft geblieben bin. So etwa- zu erleben — der Stolz der ganzen Stadt!"
Brünslow ging- WelmS und Miening blieben „mit jäh durchbohrten Gefühlen" anfangs stumm zurück. Erst allmählich fanden sie die Sprache wieder.
„Jetzt, wo wir eben essen wollen, muß man solche Nachricht kriegen. ES gibt Hammelkeule mit Perlzwiebeln und Gurkensalat."
„Keinen Bissen," ries er, „rühre ich an! Mir ist zu Muthe, als ob ich sechs Esfiggurkeu im Magen hätte."
„Versuch eß doch," bat fie und führte ihn an den gedeckten Tisch.
Rieke brachte baß Essen, mit dem Appetit war eß jedoch vorbei.
„Jetzt weiß ich," rief WelmS, „wen die Herren in der Ressource meinten. Gestern hab ich an meinen Lieferanten geschrieben, er soll mir den Empfang meiner Geldsendung bestätigen, aber seine Antwort brauche ich jetzt nicht mehr. Brünslow hat mir die klarste Antwort gebracht. Der Consul ist futsch, meine fünftausend Thaler find auch futsch und ich kann fie nochmal- bezahlen. Wirklich ein netter Stolz der ganzen Stadt, wirklich ein ganz gemeiner Kerl!"
„Deßhalb," suchte Miening ihn zu trösten, „werden wir noch lange nicht arm."
„Wenn auch baß nicht, aber ich kann mich doch gräßlich ärgern, daß es dem Kerl to vorzüglich gepaßt hat. Geht nach der Post, um durch-ubrennen- ich geb ihm noch den Geldbrief zum Fenster hinan«. Bequemer konnte ich'- ihm unmöglich machen. Alles hübsch eingepackt, brauchte ihn nur in die Tasche zu stecken. Gebe mir noch die Mühe, baß Geld zweimal einzupacken, hab eine volle Stunde dazu gebraucht, und der Kerl hat die Frechheit, mit zu sagen, er besorge den Brief wirklich gern. Mir hat er'S gründlich genug besorgt! Ich bedanke mich im Voran- bei ihm! Sagt mir auch noch mit seinem niederträchtigen Lächeln, er wäre zu solchen Diensten stets gern bereit! Das glaube ich ihm allerdings. Stimmt mir auch noch bei, daß der Postschein durchaus keine Eile hätte."
„Mich ließ er noch grüßen," ergänzte Miening, „und ich glaubte, ich Erlegte nächsten« Blumen von ihm. Jetzt ist er futsch und wir müssen'- verschmerzen."
WelmS vermochte nichts weiter zu thun, als die fünftausend Thaler noch einmal zu zahlen. Diesmal packte er sie aber nur einmal ein. Den adeligen Herren blieb, wie WelmS, nichts andere« übrig, als den Verlust zu verschmerzen. Der Ressourcenwirth mußte gleichfalls „Strich durch" sagen, er hatte an dem Consul im Laufe der Jahre weit mehr verdient, als sein Verlust betrug. Jeder „Gerupfte" aber schwieg fortan und behielt den Stolz der ganzen Stadt in „stiller" Erinnerung. Er blieb futsch, wa« vor etwa fünfzig Jahren, wo der elektrische Funke noch nicht bis Amerika reichte, erklärlich war.
WelmS wachte nach wie vor zur Prüfung etwa kommenden RegenS täglich das Fenster auf, fragte Miening nach ihrer Meinung, hat aber die Hand nie wieder dabei hioaußgestreckt.


