Ausgabe 
16.5.1897 Viertes Blatt
 
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Br. 114 Viertes Blatt. Sonntag den 16, Mai

189?

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Nr. 21 deS Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 11. d. M., enthält:

(Nr. 2384.) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Ein« richtung einer Ober-Poftdtrection in Chemnitz. Vom 2. No­vember 1896.

(Nr. 2385.) Bekanntmachung, betreffend die dem inter­nationalen Uebereinkommen über den Eisenbahnfrachtverkehr beigefügte Liste Vom 7. Mai 1897.

Gießen, den 14. Mai 1897.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

Heilstätten für lungenkranke Arbeiter.

Frankfurt a. M, 11. Mai.

In ihrer zweiten Sitzung beschäftigte sich die Central- stelle für Arbeiter - WohlfahrtSeinrichtung en mit der Frage der Heilstätten für lungenkranke Arbeiter. Hierüber sprach zunächst Stabsarzt Dr. Pannwitz-Berlin. Ausgehend von der Thatsache, daß bte Schwindsucht die bet weitem verbreitetste Krankheit ist und von 1000 Todesfällen im deutschen Reiche etwa 105 bis 107 auf Tuberculose zurückjuführen find, betonte er die Nothwendigkeit des Vor- gehens gegen diese größte BolkSkrankhett, die ohne Unterlaß am Marke unseres Volkes zehrt. Glücklicherweise ist es ge­lungen, in frühzeitiger Unterbringung und angemeffener Behandlung der Erkrankten in besonderen Heilstätten ein wirksames Mittel zu finden, uud das Bestreben geht nun dahin, dieses Heilmittel auch den Unbemittelten, die ganz besonders häufig von derProletarierkrankheit", wie sie der Vorwärts" nennt, befallen werden, zugänglich zu machen. In England, Frankreich, Italien, Rußland bestehen schon solche Heilstätten, in Oesterreich ist eine im Bau begriffen- besonders rührig ist in dieser Beziehung die Schweiz, und auch in Schweden und Norwegen ist man nach dieser Rich­tung thäiig. In Deutschland galt bis vor Kurzem der Besuch einer Heilanstalt für Lungenkranke als ein Vorrecht der Be­güterten. Aber angesichts der großen Zahl der Heilbedürf- ttgen, die sich grade in den Krankenkaffen sammeln, traten zunächst einzelne gemeinnützige Vereinigungen dem Gedanken der Errichtung besonderer Heilstätten für Unbemittelte nahe, nachdem man früher unbemittelte, namentlich den Kaffen an­gehörige Kranke in bekannte Curorte geschickt hatte. So hat der Heilstättenverein in Bremen eine Anstalt in dem Badeorte Rehburg errichtet und der Frankfurter Recon- valeScentenverein die bekannte neue VolkSheilstätte bei

Ruppertshain im Taunus. Sehnliche Vereine haben sich gebildet oder find in der Bildung begriffen in Oldenburg, in Hanau und in der Pfalz. Der Berlin- Brandenburger Hetlstättenvereio beabsichtigt die Errichtung einer Heilstätte bei Belzig, und das Rothe Kreuz hat eine solche am Grabow-See bei Oranienburg. Der Redner ver­breitete sich dann noch über die Einrichtung solcher Heil­stätten und bemerkte, daß bei ihrer Errichtung Staat, Ge­meinde und gemeinnützige Körperschaften zusammen wirken sollen. Landesrath Dr. Liebreicht, Vorsitzender der In­validität-- und Altersverficherungsanstalt Hannover, besür wartete als zweiter Berichterstatter die Errichtung solcher Heilstätten durch die Versicherungsanstalten. Er rechnet heraus, daß sie auf diese Weise viel Geld sparen könnten, da die Unterbringung der Kranken in anderen Anstalten wesentlich theurer würde. Gleichzeitig empfiehlt er, in den Heilstätten auch Abtheilungen für zahlende Kranke einzu- richten, wodurch die Betriebskosten vielfach gedeckt werden könnten. Die Ausführungen beider Redner wurden durch umfaffeude gedruckte Berichte mit zahlenmäßigen Rachweisen und Vorschlägen unterstützt.

Die Besprechung eröffnete der Führer und Vorkämpfer im Kampfe wider die Schwindsucht, der Leiter der Anstalt Falkenstein im TaunuS, Geheimer SanitätSrath Dr. Dett- weil er. Auch er betonte die Heilbarkeit der Schwind­sucht, warnte aber vor einer allzu hoffnungsvollen Auffassung, als ob man die Kranken nur in eine Heilstätte zu verbringen und drei Monate lang tüchtig zu füttern brauche, um sie gesund zu machen. Er verlangt für die Anstalt auch be­sonders geschulte Aerzte und warnt davor, die Kranken mit Arbeiten zu beschäftigen. Landrath Hehdtweiller -Altona empfahl den Bau von Heilstätten durch die Communal-Ver­bände und konnte dabei auf das Beispiel seines Kreises Hin­weisen, wo der Kreistag 300,000 Mk. dafür bewilligte, nachdem von Seiten der Industrie 140,000 Mk. zum gleichen Zwecke aufgebracht worden waren. Wenn auch nur 50 pCt. der Kranken wieder gesund und erwerbsfähig würden, so mache sich eine solche Anstalt volkswirthschaftlich schon in einem Jahre bezahlt. Dr. Freund, Vorsitzender der Ver­sicherungsanstalt Berlin, wies auf die Kehrseite der Medaille hin. Er kann fich für die Errichtung von Heilstätten durch die Versicherungsanstalten nicht erwärmen und meint, man solle insbesondere abwarlen, ob nicht durch daS neue Koch'sche Tuberculin eine ganz andere Behandlung der Schwindsucht eintrete, welche die Unterbringung der Kranken iu besonderen Anstalten entbehrlich mache.

Diese letztere Frage wurde im Laufe der sehr aus­gedehnten Erörterung noch wiederholt berührt- aber die an­wesenden Aerzte waren übereinstimmend der Ansicht, daß daS Koch'sche Heilmittel, selbst wenn eS sich in vollem Umfange

bewähren sollte, die Unterbringung der Lungenkranken in besonderen Anstalten nicht überflüssig mache, und Dr. Pann- wttz konnte darauf Hinweisen, daß durch KochS Assistenten ein Kranker, der 110 Tage lang mit Tuberculin geimpft worden war, zur weitern Behandlung in die Anstalt Grabowsee geschickt wurde. Bezüglich der Beschäftigung der Kranken war man sich darüber einig, daß ein Zwang nicht auSgeübt werden dürfe. Leichtere gärtnerische Arbeiten, die freiwillig auSgeführt wurden, haben sich in verschiedenen Anstalten be­währt, ebenso die Beschäftigung der Kranken mit Kerb- uud Holzschnitzarbeiteu. Dagegen stieß ein kürzlich imVorwärts" gemachter Vorschlag, die Heilstätten mit ländlichen Arbeiter- Colonien zu verbinden und daS Land durch die Pfleglinge bewtrthschaften zu lassen, auf einmüthigen Widerspruch. Mehrfach wurde betont, wie wichtig eS sei, daß die Kranken frühzeitig, ehe die Krankheit zu weit vorgeschritten ist, tu die Anstalt kommen. Die Arbeiter müßten aufgeklärt werden, damit sie daS noch vielfach vorhandene Vorurthetl gegen die Unterbringung in einer Anstalt fern von ihrer Familie über­winden. Das Heimweh nach der Familie und allzu häufige Besuche wirken schädlich auf den Erfolg ein. Deshalb sei eS aber auch wünschenSwerth, wenn gemeinnützige Vereine, ins­besondere die vaterländischen Frauenvereine, sich der Familien während dieser Zeit anuehmen, und wenn durch Einwirkung auf die Arbeitgeber dem entlassenen Pflegling die Rückkehr zur Arbeit erleichtert werde.

Neben diesen allgemeinen Gesichtspunkten wurden noch zahl­reiche Einzelheiten vorgeführt. SanitätSrath Dr. Michaelis schilderte die von ihm geleitete Anstalt Rehburg, Dr. West­hofen die Heilstätte Dannenfels tn der Pfalz, die von der Badischen Anilin- und Sodafabrik für ihre Arbeiter errichtet wurde. Rector Halbach-Barmen erwähnte, daß die Orts­gruppe des Bergischen Vereins für Gemeinwohl ihre Lungen­kranken nach Lippspringe schicke, und Herr Leh ende cker- Köln berichtete über die Thätigkeit des Verein- zur Pflege Genesender, während Stadtrath Kalle-Wiesbaden erwähnte, daß man als vorbeugendes Mittel gegen Schwindsucht Nähe­rinnen und andere arbeitende Mädchen zur Erholung tu den TaunuS schicke. Damit auch der Humor nicht fehle, theilte ein Herr aus Groß-Gerau mit, daß es seinen Bemühungen gelungen sei, im Frankfurter Hauptbahnhof die Auf­stellung von Spuckaäpfen durchzusetzen, was ihm aber bei­nahe eine Klage wegen Beleidigung der Bahnverwaltung zu­gezogen hätte. In klarer und fesselnder Weise gab zum Schluß der Vorsitzende einen Ueberblick über das Ergebntß der Verhandlungen und schloß sie mit dem Wunsche, daß fie dazu beitragen mögen, vielen Leidenden zu helfen.

Feuilleton.

Das alte Hellas und heutige Griechenland.

Von Alexander Bauer.

(Nachdruck verboten.)

Wir Modernen stehen noch immer unter dem Einfluß der griechischen Cultur. Nicht nur daß die Kunst der Griechen noch heute als unerreichtes Vorbild vor unseren Augen prangt, auch unsere Wissenschaft wandelt auf den von ihnen gebahnten Pfaden und unsere Gymnasien tragen noch immer die Be­zeichnung humanistischer Anstalten.

Der Widerhall der Begeisterung, welche wir auf der Schulbank für da- aufstrebende, intelligente Griechenvolk etnathmen, erklang in der Schwärmerei für seine Befreiung vom Türkenjoch, und selbst jetzt noch ergreift uns beim Aus- sprechen des Namens Griechenland ein heiliger Schauer, wenn wir auch nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte wett entfernt find, uns innerlich für die Nachkommen der alten Athener und Spartauer irgendwie zu engagtren.

Uud warum sollten wir auch? Finden wir doch zwischen dem Griechenland von einst und heute so gut wie gar keine Aehnltchkeit mehr. Nicht einmal daS Land ist wehr dasselbe - einst von blühenden Städten und Cultureu bedeckt, wohl­bewaldet und bewässert, präsentirt eS sich heute unfruchtbar, vernachlässigt und öde mit kahlen, von grellen Sonnenstrahlen verbrannten Bergen. Ehemals von zahlreichen fleißigen Menschen bewohnte Bezirke werden jetzt alljährlich über­schwemmt- dabei verpesten Sümpfe und mit stagnirendem Wasser erfüllte Seen da- Land und erzeugen Fieber uud Krankheiten. Die Alten hatten e- verstanden, diese Seen durch Dämme einzuengen, die Sümpfe zu entwässern, die

natürlichen Abzugscanäle zu erweitern, zu reinigen und gegen Verschlammung zu schützen, ihre Nachfolger im Befitz haben Alles verlottern lassen und selbst deo schützenden, daS Wasser regulirendeu und die brennende Sonnengluth abhaltevden Wald noch mehr vermindert, statt sein WachSthum zu be- fördern.

Die Ebenen von Eleufis, den Griechen die Heimath des Ackerbaues", sagt Dr. H. A. Daniel,ferner die von Athen, von Marathon, liefern den Beweis, wie ehemals fruchtbares Erdreich durch Verwilderung, durch Mangel an Anbau sich verschlechtert hat- wo üppige Getreidefelder wogten, Wein» und Oelbaumcultur reichen Ertrag spendeten, breitet fich jetzt Sumps auS oder trägt der sterile Boden nur Disteln und unnützes Gestiüpp. Die Weidegründe sind im Alkerthum kaum größer, aber sicherlich bisser gewesen- Rinder- und Pferdezucht betrieb man io Thessalien, Böotien, der Ebene von Marathon und deS JnachoS, im rosseweidcnden ArgoS, wo jetzt nur Schafe und Ziegeo kärgliche Nahrung finden."

Selbst die Vegetation ist zim großen Theil eine ganz andere geworden. Wir finden jetzt eine Menge Bäume und Pflanzen stark verbreitet, die man im alten Griechenland gar nicht kannte oder die doch selten waren, so die Walnuß, die Edelkastanie und Limone, die Orange, den Oleander, die Agave, den Opunttenkakius und andere. Zum Beispiel die Agave und Opuntia, die für den Besucher der Mittelmeer­gegenden recht eigentlich Characterpflanzen dieser vegetations­armen Gebiete find, entstammen beide der neuen Welt, die klasfische Zeit kannte fie nicht, und erst innerhalb vierhundert Jahren nach der Entdeckung durch Columbus haben fie da- ihnen günstige Terrain erobert. Die Limone haben erst die Kreuzfahrer aus dem Orient mitgebracht und die Orange stammt aus China.

Immerhin weift daS heutige Griechenland noch mancherlei

Naturschönheiten auf, die in seiner südlichen Lage und seiner Eiogeschloffenheit von dem blauen Meere bedingt find, Reize, die von der W llkür der mehr und mehr herunterkommenden Einwohner nicht abhingen und daher keine Verschlechterung erfahren konnten.

Die heutigen Bewohner selbst werden als eitel, träge, unstät, neuerung-süchtig, widerstrebend gegen Gesetze und unzuverlässig geschildert, Eigenschaften, die durch Intelligenz, Genügsamkeit und Gastfre heit auf der anderen Seite nicht hinreichend ausgeglichen werden. Man darf wohl billig zweifeln, daß die alten Griechen mit solchen Eigenschaften den erhabenen Culturstandpunkt erreicht hätten, den fie ein- nahmen- ihre schlechten Qualificationen, an denen Griechenland schließlich zu Grunde ging, den Hang zur Zwietracht, die politische Unfähigkeit, daS einseitig entwickelte Natioualgesühl, haben die Hellenen unserer Zett dagegen in vollem Maße geerbt.

Gerechterweise darf nicht verschwiegen werden, daß ein gutes Theil ihrer Fehler und der herrschenden Zustände auf Rechnung der vielhundertjährigen Unterdrückung und Unselbst­ständigkeit zu setzen ist. Die türkische Herrschaft pflegt nicht gerade culturfördernd zu wirken, obwohl die OSmanen fich in B zug auf Geduld und Ruhe vorthetlhaft vor den Griechen auszetchnen. Die Eitelkeit ist ein Kind der Unwissenheit- unfähig, ihre eigene Situation richtig zu würdigen, steigt den Griechen ihre große Vergangenheit zu Kopfe, fie glauben wunder waS für Heldenthaten verrichten zu können, und ihre Selbstüberschätzung kennt keine Grenzen.

Dabet ist eS noch die Frage, ob die heutigen Einwohner Griechenlands überhaupt die Nachkommen der alten Griechen find. (Schluß folgt.)