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Nr. 3S Zweites Blatt. Dienstag den 16. Februar
189V
Der Hießener Aujei-er erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamikieuvtälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Meßmer Anzeiger
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folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. Ulll>VvUUyCe ^TUIUUIX IlVlUlltl« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtliche»» Theil.
Gießen, ar 13. Februar 1897 Betr.: DaS Ersatzgeschäft pro 1897.
Der Cidiltwrfitzende der Grotzh. Ersatz-Commission Gießen an die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.
Die Befolgung der Auflage in dem Amtsblatt — ohne Kummer — vom 3. März v. I. bringe ich auch für daS jetzt bevorstehende Ersatzgeschäft in Erinnerung.
Reclamatiouen auö den Jahren 1895 und 1896, welche erneuert werden sollen, sind als bald mittelst Bericht ein- zufordern.
Dr. Wagner.
Melanchthon.
Die evangelische Christenheit unseres Vaterlandes rüstet sich zur Feier des vierhundertjährigen Geburtstages Philipp MelanchthonS. Der Lehrer Deutschlands, wie schon die dank« bare Mitwelt ihn genannt hat, ist in der Erinnerung unseres Volkes vor allem als der Freund Luthers lebendig geblieben. Au dem großen Gelehrten, dessen Arbeit wie alle Gelehrten- arbeit zu dem Empfinden des Volkes nicht unmittelbar den Zugang gesunden hat, ist dies die menschlichste und darum volksthümlichste Seite. Die bescheidene Unterordnung, mit der sich der berühmte Lehrer dem gewaltigen Geiste seines älteren Freundes Luther beugte, die kluge Vorsicht, mit der er dem allzustürmischen Genossen sänftigend und vermittelnd zur Seite stand, die selbstlose Entschlossenheit, mit der er seine schriftstellerische Begabung und die außerordentliche Fülle seines WiffenS und seiner Gedanken von vornherein in den Dienst der Sache Luthers stellte, und trotz vieler Prüfungen und Bitterniffe in seiner Freundschaft unerschütterlich bet Luther oushielt, daS sind die Züge, mit denen sich daS Bild Pyilipp MelanchthonS in die Volksseele eingeprägt hat, und in denen uns der Segen recht deutlich eutgegentritt, den die Sache der Reformation dadurch erfahren hat, daß Luther seinen Magister Philipp zu seiner Seite hatte.
Der treuen Arbeit MelanchthonS verdankt die evan
gelische Kirche unendlich viel. Ec hat die W ssenschaft von der christlichen Lehre begründet, er ist nicht müde geworden, die Auslegung der heiligen Schrift tu evangelischem Sinne zu fördern und zu beleben, durch seine Schule ist daS ganze Geschlecht der ersten evangelischen Theologen gegangen. Gin Werk aber giebt eS, um deflentwillen auch der ungelehrte Protestant den Lehrer Deutschlands verehren muß: baß AngS- burgische Bekenntniß, jenes Grund- und Hauplbekenntniß unserer evangelischen Kirche, daS in seiner klaren und ruhigen Sicherheit überall die Kunst seines Meisters erkennen läßt und dre evangelische Lehre so schlicht und überzeugend zusammensaßt, daß auf ihm sich sogleich alle die Kirchen verbanden, denen das Wort Luthers daS Licht des Evangeliums wiedergeschenkt hatte.
Man kann heute vielfach die Meinung hören, als könnten Bildung und Christenthum nicht miteinander bestehen. Männer wie Melanchthon sind eine schlagende Widerlegung solcher thörichten Meinung. Der Neffe Meuchlings, deS Königs unter den Gelehrten seiner Zeit, der Gelehrte, der schon mit 20 Jahren als eine Leuchte der Wissenschaft galt, hat sein Leben und sein Thun gänzlich daran gesetzt, dem Evangelium zu dienen. Denn eines hat ihm daS Evangelium verschafft, waS ihm alle Weisheit der Welt nicht bieten konnte: Frieden der Seele, Rahe in Go't, ewiges Leben. Weil er im Glauben sein Heil gefunden, hat er als treuer Bekenner des Evangeliums, als ein demüthiger Jünger Jesu seinem großen Freunde Luther zur Seite gestanden, und ist durch viel Trübsal und Kreuz seinem Heilande gehorsam nachgefolgt. Sein Bild mahnt unS an das Wort der Schrift: Gedenket an Eure Lehrer, die Euch daS Wort Gottes gesagt haben. Welcher Ende schauet an, und folget ihrem Glauben nach.
Reich.
Berlin, 13. Februar. Heute Vormittag 10 Uhr begab sich der Kaiser in das PalaiS deS Reichskanzlers und nahm dort deffen Vortrag entgegen.
Berlin, 13. Februar. Die „Deutsche Tageszeitung" schreibt, eS werde ihr als sehr wahrscheinlich bezeichnet, daß der SraatSminister v. Köller zum Oberpräfidenten von Schleswig Holstein auSerfehen sei.
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Berlin, 13. Februar. Der Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe und Gemahlin werden sich am Tage ihrer goldenen Hochzeit vom Fürstbischof Kopp kirchlich einsegnen laffen.
Berlin, 13. Februar. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht Miltheilungen über die Verth ei l un g der für die Hinterbliebenen der „I l t i s" - M a n n s ch a s t e n eingegangrnen Beiträge, die bisher 120,000 Mk. ergaben.
Berlin, 13. Februar. Die Commission für Arbeiter« statstik wird am 22. d. M. im RcichSomt des Innern zur Durchsicht des Berichtes über die ArbeitSverhältniffe in der Kleider- und Wäscheconfection zusammevrreten.
+ Ridda, 15. Februar. Ein DachverzterungSproeeß an einem Neubau dahier hat dem bett. Ueberaehmer und dem Bauherrn Anlaß zu einem Proceß gegeben, in welchem das Gericht über die Fälligkeit des zurückbehaltenen Lohnrestes und die Rechtmäßigkeit der Forderung der betreffenden Arbeitsausführung, eventl. über die Zulässigkeit deS Rechtsweges entscheiden soll. Eine Reihe von Zeugen find bereits in dieser Sache vernommen worden und steht die Abhör weiterer Auskunftspersonen noch bevor, sodaß im Hinblick auf die anwaltliche Vertretung der Parteien dem unterliegenden Theile demnächst eine bedeutende Kostenzeche anS Bein wächst.
Wimpfen a. R-, 13. Februar. Die hiesige Realschule begeht zu Ostern daS Fest ihres 25jährtgen Bestehens. Für den 2., 3. und 4. April ist eine gemeinsame Feier geplant, zu der die srüheren Schüler der Anstalt e'n^rladen werden. Gleichzeitig wurde die Errichtung einer Jubiläumsstiftung für Schulzwecke angeftrebt.
Die Kindesvfleae in ben ersten Jahren ist für die Gesnnd- hett der Kleinen von größter Bedeutung UNO keine Muller soUle unterlaßen, beim Baden und Waschen der Kinder die von Prosessoren und Aerzten empfohlene Patent-Myrr- Holtn-Seife, welche überall auch in den Apotheken zu 50 Pfennig erhältlich, anzuwenden, dieselbe übt eine ganz eigenartige wohl- thuende Wirkung auf die Haut au8 und wird besonders wegen ihrer großen Milde und absoluten Reizlosigkeit von dm Aerzten gern verordnet. 2V9
Feuilleton.
Kleine Züge aus Melsnchthons Leben.
Zur 400jährtgen Gedächtnißfeier seines Geburtstages. Von Hersmann Frenzel.
(Nachdruck verboten.)
Der Reformator und Gelehrte Melanchthon beschäftigt zur Zeit alle Federn und Gedanken. Von berufener Seite werden seine Verdienste um daS Werk der Reformation in daS rechte Licht gestellt, in allen Schulen feiert man sein Gedächtniß.
Auf dem Boden, wo sein Vaterhaus stand — er wurde am 16. Februar 1497 in Bretten geboren — wird sich bald ein stattlicher Gedächtnißbau mit einem Melanchthon Museum erheben. Wir wollen heute den Spuren des Menschen folgen, wollen ihn begleiten in sein stilles Heim, wo der große Kämpfer auSruhte von den Streitigkeiten der Zett.
Der große Reformator gehört nicht zu Denen, weiche Anderen das lehren, waS sie nicht selber thun oder zu lhun gesonnen find. Leben, Handeln und Lehren find bei ihm in inniger Eintracht. Er war klein und schwächlich von Person, sanft, liebenswürdig und nachgiebig von Character. Der schwächliche Körper aber hat Uebermäßiges geleistet, hat Stand gehalten in Noth und Kampf. Fünfzehn Jahre alt, wurde der Knabe in Heidelberg BaccalaureuS der freien Künste, 17 Jahre alt, in Tübingen Magister, nachdem man ihm in Heidelberg allein seines „noch so jungen und kindischen Ansehens wegen" die Magisterwürde vorenthalten. Erst einundzwanzig Jahre alt, hielt er seinen Emzug alS Profeffor in Wittenberg, wo er am 29. August 1518 seine erste Vorlesung über die „Verbefferung des JugendunrerrichteS" hielt. Der berühmte Humanist Reuchlin, sein Großoheim, und EraSmus von Rotterdam batten den jungen Profeffor empfohlen. So empfing man ihn mit hochgespannter Erwartung. Sein Anblick enttäuschte zunächst die Kopf an Kopf den Hörsaal erfüllenden Zudörer, als der junge Gelehrte jedoch mit begeistert leuchtenden Augen seine bedeutenden und neuen Ideen entwickelte, lauschten Alle athemloS, und der Eindruck war ein gewaltiger.
De« Namen „Melanchthon" hatte er fich schon als
Schüler verdient. Eigentlich hieß er Philipp Schwarzerd. Um seinem berühmten Großoheim eine Freude zu machen, hatte er ein von diesem gedichtetes lateinisches Lustspiel mit seinen Freunden einstudirt. Die Aufführung entzückte Reuchlin derart, daß er seinen Verwandten gerührt ans Herz schloß und auSrief: „Schwarzerd heißt Du, der Grieche bist Du- griechisch soll auch Dein Name lauten, Du sollst fortan Melanchthon heißen." Melanchthon war die Uebertragung des Namens Schwarzerd ins Griechische. Bekanntlich waren damals solche Uebertragungen bei den Gelehrten üblich.
Sofort nach seinem Einzuge in Wittenberg begann die Freundschaft mit Luther- nicht nur geistig kämpften die Seelenverwandten Seite an Seite, sondern auch als Menschen schloffen sie sich innig aneinander an, wenn auch Melanchthon immer mit großer Verehrung zu dem Meister aufzublicken fortfohr. Erst der Tod Luthers löste den herzlichen Bund, den einige Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf ihre reformatorische Thättgkeit nur vorübergehend in den letzten Jahren vor Luthers Tode hatten zu trüben vermögen, als Luther kränklich und reizbar war. Luther war eß ja auch, der dem jungen Profeffor in Wittenberg baß Willkommen bot, inbem er nach beenbeter erster Vorlesung auf ihn zutrat, ihm die Hand reichte und sprach: „Seid unß hochwillkommen in Wittenberg, Magister Philipp! Der Herr segne Euren Einzug und Eure Arbeit unb lasse Euch zu einem rechten Segen unter unß werben."
Trotz der Verschiebenheit beß beibersettigen CharacterS, oder vielmehr gerade beßhalb, gingen die beiben Geistes- streiter Hand in Hand, einer ergänzte ben anderen, Luther war heftig, energisch und rasch im Reben unb Handeln, Melanchthon, der 14 Jahr jüngere, mäßig im Unheil, sanft und ruhig in seinem Wesen. Wo Melanchthon zaghaft wurde, erfüllte Luther ihn mit feutigem Muthe, wo Luther fich vom Eifer hinreißen ließ, hielt ihn die ruhige Besonnenheit MelanchthonS zurück. Auch im häuslichen Kreise LntherS war er ein allzeit lieber unb gern gesehener Gast, ber Tob beS FreunbeS traf ben alternden Mann unendlich hart und er nahm fich der Hinterbliebenen LntherS mit Liebe unb Sorgfalt an. Arn 18. Februar 1546 starb Luther fern von Wittenberg in feiner Vaterstadt Eisleben. Noch am selbe» Tage hatte Melanchthon einen Brief an ihn gerichtet mit ber
I seine Freundschaft und Verehrung für den theuren Mann voll und ganz hinströmenden Aufschrift: „Dem ehrenwürdiget, Manne, dem durch Gelehrsamkeit', Tugend und Weisheit ausgezeichneten Doctor Martin Luther, dem Wiederbringer der reinen Lehre deS Evangeliums, meinem theuersten Vater." Dem Begräbniß mußte er zu seiner tiefen Betrübniß wegen Krankheit fern bleiben.
Luther schätzte ihn auf daß Höchste. „Eß ist keiner," sagte er, „der solche Gaben hätte, als PhilippoS, darum lasset uns den Mann hochachten." Unb als er ben „schweren Gang" nach WormS ging, nahm er mit ben Worten von bent geliebten Freunde Abschied: „Komme ich nicht wieder und morden fie mich, so beschwöre ich Dich, lieber Bruder, laß nicht ab zu lehren und bei der Wahrheit beß göttlichen Wortes zu beharren- Du kannst es noch besser als ich, und barum ist's auch nicht viel schabe um mich." Kein Geringerer alS Luther schuf bem schüchternen, fich ausschließlich ber Arbeit unb seinen Büchern widmenden Manne auch daS Familienleben, daS ihm so unendlichen Trost in den Stürmen und Drangsalen des Lebens gewähren sollte. Der schwächliche Mann vergaß über bem Stubium beS Lebens vothwen- bigste Bedürfnisse. Luther sah mit Schmerz sein Hinwelken, er fürchtete, ber Unermüdliche möchte zu früh für die Sache der Reformation seine Kräfte verzehren. Da rieti) er ihm bringend, fich kräftiger zu nähren, sich mehr Erholung in der Luft zu gönnen unb vor Allem: zu heirathen. Sogar die Frau hatte er bereits für ihn auSerwählt, unb zwar in ber Person ber 23jährigen Käthe Krappin, ber Tochter des Bürgermeisters Hieronymus Krapp von Wittenberg. Sie war ein tugendhaftes, häuslich erzogenes Mäbcheo und dem bescheibenen Professor durchaus nicht abgeneigt. Philipp wußte zwar Anfangs mancherlei einzuwenden. „Ich müßte meine Studien abkürzen und mich fo meines höchsten Genusses berauben," erklärte er. Ferner: Es sei nicht Sitte, baß bie Gelehrten heirathen. Doch Luther wtberlegte alles, unb balb genug fonb die Verlobung statt, welche der Neu- verlobte seinen Freunden mit den in diesem Falle gewiß zutreffenden Worten anzeigte: „Ich bekomme Katharine Krapp zur Frau."
(Schluß folgt.)


