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15.8.1897 Drittes Blatt
 
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Nr. 190 Zweites Blatt

Sonntag den 15 August

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Gießene r Anzeiger

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Landwirthslhaftttchr Winke unO Kathschläge.

A«O Oberhefien, in der zweiten Augustwoche.

Grntebetrachtungen eines oderhrsfisch-n Lavdwirthes.

Monatelang hat es gedauert, bis wir im Zuli CST einmal Zett sanden, ein wenig Rück- und Um- und Vorschau zu halten. (Siehe Nr. 169, zweites Blatt vom 22. Juli desGießener An­zeigers") DieseSmal wollen wir nickt so lange warten. Obwohl wir nock nickt mit der Ernte fertig sind, haben wir dock bereits emen solchen Vorsprung erhalten, daß sich heule eine freie Stunde darbietet, die dazu benutzt werden soll, einige wichtige Sachen anzu­regen und zu besprechen.

Zunächst wollen wir den freundlicken Leser einmal darauf zurückverweisen, was wir vor etlichen Mocken flbtc die Ver­wendung des Aniters äußerten. Vorsichtig und sparsam soll man mit dem Futter umgehen, war unsere Ansicht, denn erst im October ließe sich endgiltig beurtheilen, wie die Futterernte ausfiele. Daß diese Warnung nickt unnöthlg war, zeigt sich bereits in sehr deut­licher, wenn auck unliebsamer Weise. Klee und Grummet sind zwar nicht verfault, wie im vorigen Jahre, aber sie wachsen nicht wegen des ungünstigen Wetters, und so heißt es nun wirklich: Mit Vielem hälft Du Haus, mit Wenigem kommst Du aus.

Neben diese Enttäuschung stellt ich eine andere, nämlich: Die Ernte f&Ot in Bezug auf den «Srnerertrag nicht so günstig ans, ats man es im Juli anzunehmen geneigt war. So erlebt man beim Roggen und beim Weizen Enttäuschungen, wo man es am wenigsten erwarten mochte. Unser Wetterauer Grannen­weizen übertrifft den englischen dieses Jahr mindestens um ein bis zwei Gentner das Fuder und daneben ist auck der Kern mehlreicker. Der Roggen wie der Weizen haben prächtigen Halm, in Bezug auf Streumaterial sind wir daher schön heraus. Das Futterstroh bei Gerste und Hafer ist auch wohl gerathen und außerdem ist die Gerste auch vielfach schon unter Dach, oder dock gebunden und aufgehauft, wodurck das Stroh für die Fütterung nn Winter verwendbar wird. Auf diese Weise läßt sick der Ausfall an Klee und Grummet ziem- lick ergänzen. Vorsickt und Sparsamkeit wird hierdurck von Neuem empfohlen. Daß die Rindviehpreise etwas gewichen sind, hängt mit dem schleckten Wachsthum des Halmfutters zusammen.

Auf einen weiteren wichtigen Punkt soll hier jetzt schon auf­merksam gemacht werden. Die Körnerfrüchte, die in der ersten Augustwoche mit der Masckine gedroschen worden sind, waren sehr dürr und ausgetrocknet, besonders der Weizen. Die Körner fühlten sick an, als wären sie aus Glas. Durck das Drescken werden die Frucktkörner in der Masckine herumgepetscht und herum geschleudert, wodurch die Keimkraft deschüdigt wird, mehr als Mancker glaubt. Aus diesem Grunde nehmen viele Land- wirthe nur solches Getreide zur Aussaat, das mit der Hand ge­droschen wurde. Sind die Frückte nur gar noch sehr ausgedörrt zur Dreschmaschine gebracht worden, wie es in der ersten August­woche geschah, so zerspringen sie, oder leiden dock starken Schaden an der Keimkraft. Der vernünftige Landwirth sei daher recht vor­sichtig bei der Auswahl seiner Saalfrüchte und erinnere sich daran, wie sie ansgedroscken worden sind.

Auch über die Arucktpreise mögen einige Worte hier folgen. Es ist bekannt, daß das Getreide in vielen Ländern, die sonst Brot- frücbte ausführen, nicht sonderlich gerathen ist. Dazu kommt, daß die Ernte in Süddeutsckland, Sachsen und Schlesien durch schwere Wetter stark Noth gelitten hat. Unter diesen Umständen ist es be­greiflich, wenn die Preise steigen. Nun gibt es sofort Nimmersatte und Allmeine, die da glauben: der Weizen müsse auf 25 Mk. steigen;

sie verkaufen nicht, und je höher die Preise, desto habgieriger werden die Leute, desto fester halten sie die Vorräthe. Nicht selten schlagen die Früchte alsdann unversehens ab und die Klughänse haben nichts. In den Hungerjahren 1817 und 1847 kamen in dieser Beziehung merkwürdige Fälle vor, die unsere Eltern und Großeltern nock er­zählen. Die Nimmerseite wurden dadurch gestraft, daß die Frucht­preise fielen, daß der Kornwurm in die Vorräthe kam und diese schließlich forlfiogen. Darum soll der Bauer darnach streben: einen guten Mittelpreis zu erzielen; den höchsten braucht er nicht, das mögen die Speculanten versuchen, den niedrigsten kann er vermeiden, indem er rechtzeitig absetzt. Gegenwärtig wird der Weizen zu 18 Mk., der Hafer zu 14 Mk. der Doppelcentner gehandelt.

Ein hübsches Beispiel dafür, wie die Klughänse oft hineinfallen, hatten wir in der ersten Augustwoche. Das Schweinefleisch stieg Ende Juli sprungweise und erreichte eine seltene Hohe. Verschiedene Umstände wirkten zusammen, daß die Preise fliegen, und wer klug war, absetzen und von dem guten Stande profitiren wollte, der that es mit sehr befriedigendem Erfolge. Dem Schreiber dieser Zeilen sind aber auch Fälle bekannt, daß Leute mit den hohen Preisen nicht zufrieden waren und noch hoher hinauf wollten. Gestern verkauften sie ihre Waare und zwar den Gentner um 5 Mk. billiger als eine Woche früher. Sehen Sie! das war ein Geschäft! heißt es in jenem sckonen Liede.

Besonders wicktig für den kleinen Landwirth, der sich nach und nach daran gewohnt bat, künstliche Dungstoffe auf feinen Grund­stücken anzuwenden, ist für die nächste Gampagnc die Beschaffung dieser künstlichen Dungstoffe. Zwischen den Großproducenten und Großhandlungshäusern, die die Dungstoffe aus überfeeifcben Ländern einführen, auf der einen Seite und den landwirthsckaft- lichen Gentralgenoffenfdmften auf der anderen Seite ist nämlich ein Kampf ausgebrochen, der immer größere Ausdehnung annimmt. Die Großhändler haben einen Ring gebildet, ähnlich wie die Petroleumhäuptlinge; sie wollen den Bauern die Düngerpreise dictirn, haben aber dabei ohne die Genossenschaften und Gentralgenossen- schaften gerechnet. Hätten wir diese nicht, oder wären sie schlecht organisirt, so würden die Großhändler mit den kleinen Bauern machen, was sie wollten. Es ist aber dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wir haben in Hessen ganz vortreff- licke giuofseuschaftliche Einrichtungen, mit denen wir den Großhändlern ein energisches Halt! zuruien können. Mehr als je gilt es daher, das landwirthschaftliche Genossenschaftswesen kräftig zu unterstützen. Dieses geschieht dadurch, daß die Kleinbauern ihre Dungstoffe nicht einzeln bei Kleinhändlern kaufen, wodurch jede Gontrole in Bezug auf die Gute der Dungstoffe unmöglich wird und wodurch der Großhändler den Kleinbauern platt schlagen kann, wie einen Pfannkuchen. Nein! der Kleinbauer muß sich seinem landwirthsckaftlichen Gonfumhereme anschließen; dieser muß sich von den Verbänden und Gentralgenossensckaften vertreten lassen und Letztere verhandeln mit den Großhändlern. Das gibt einen anderen Ton und darnach auch eine andere Musik, nicht wahr? Was hilft es denn, wenn jeder oberhessische Bauer mit zehn oder zwanzig Gentner Dungbedars für sich pfeift? Nichts gar Nichts! Wenn aber 30000 Genossenschafter mit etlichen Hunderttausend Gentnern heranmarschiren, dann brummt es anders.

Darum wolle man sich genau merken: Diejenigen Bauern, die ihre Kräfte verzetteln, indem sie einzeln kaufen, schneiden sich selbst ins Fleisch, sie arbeiten dem Ring in die Hände und schädigen die landwirthschastlichen Interessen. Wer sick den Genossenschaften an- sckließt, fordert seine eigene Sacke und unterstützt die Landwirthsckaft. Einigkeit macht stark, ist der Weckruf der landwirthschaftlichen Ge- noffenschaften.

In Bezug auf Viehzucht möchten wir diesmal auch einige Be­merkungen machen. Welche schü«e Erfolge die Bogel-derger Kvh auf der Hamburger Ausstellung erzielte, haben wir früher kurz gemeldet. Besonders angenehm berührt es, daß die Erfolge gemein­schaftlich mit preußischen Kreisen des ehemaligen hessischen Hinter­landes errungen worden sind. Diese freundlichen Beziehungen müffen mit größtem Eifer gepflegt werden. Ferner haben wir noch nach­zutragen: Die Vogelsberger Kuh bat sich in Hamburg auch dadurch ausgezeichnet, daß sie bedeutende Lasten ziehen kann. Unser Höhen­schlag besitzt ferner ein überaus feinfaseriges, saftiges Fleisch, bei leichter Mastfähigkeit und Anspruchslosigkeit im Futter. Was wollen wir mehr?

Die Antwort auf diese Frage soll tbeiltoeife gegeben werden. Wir wollen, daß sich der Bauer durch diese Erfolge anfeuern läßt: immer nur Hervorragendes zu erzeugen. Mittelmäßiges oder Ge­nügendes erzielt schlechte Preise, macht aber grabe so viel Arbeit wie Gutes ober Vorzügliches. Aus ber anderen Seite sollen uns die Er­folge anfeüern, das Gute im Lande hoch zu achten und es nicht dem Fremdländischen gegenüber herab zu setzen. Es sind jetzt grade dreißig Jahre her, da fing man in Starkenburg an, Simmenthaler Kühe für gewaltige Summen einzuführen. Die Sache wurde Mode und wenn es Mode ist, wird der Pumpernickel in der Kircke ge­sungen ober--bie Damen tragen Kleider nach dem jetzigen

Schnitte, wie man ihn nicht leicht gesckmacklofer finden kann.

Genug und nochmals genug! Das Simmenthaler Rind kam vor dreißig Jahren gegen fürchterliches Geld auch in den Oden­wald. Vernünftige Männer sagten sogleick: Laßt die Tausende dock im Lande und verbessert damit Euren schonen Viehstand, er ist das natürliche Erzevgnitz der vdenwüldee Berhültniffe und braucht stch nicht erst anzrrpaffeu! Es half aber Nichts, die Mode wurde mitgemacbt und kostete Geld. Seit einigen Jahren wird der grade im Erloschen gewesene Odenwälder Scklag mit Mühe und Sorgfalt wieder emporqebracht und das ist sehr vernünftig, wie es ein ausgezeichneter Gedan.'e war, den Vogelsberger Schlag zu heben und empor zu bringen, lieber solche treffliche Neuerungen und deren gute Erfolge kann sich der Schreiber dieser Zeilen riesig freuen und er möchte diese Freude allen Lesern beibringen.

Als Scklußwort nock etliche Bemerkungen über die Bestellung der adgeerutete» Grundstücke Seither war es uodeii und die Stoppeläcker waren hart und fest wie Pflaster, ein Stürzen und Pflügen galt fast als unmöglich in schwerem Boden. In leichterem sind die Stoppelerbsen wohl schon aufgegangen, der Trockenheit wegen standen sie seither still und wurden blau. Mit Beginn der zweiten Augustwoche ist feuchte Witterung eincjetretem Nun aber hinaus, Bauer, mit Pflug und Egge, die Stoppeln herum und Erbsen ober Wicken hinein; es ist immer noch möglich, eine hübsche Gründüngung und Orünfütterung zu erzielen! Segen ist der Mühe Preis!

* Stettin, 10. August. Der Arbeiter LafqinSkt auS Rammin war erst vor einigen Tagen aus dem Gefängniß entloffen worben, wo er eine Strafe von vier Wochen wegen Mißhandlung seines acht Monate alten Kinde» verbüßte. Diese Strafe scheint ihn noch mehr gegen das Kind erbittert zu haben, gestern Nacht hat er das Kind erwürgt.

Feuilleton.

Dürre Blätter.

Nach dem Englischen von John Strange Winter.

Deutsch von B. T. Koner.

(Schluß.)

Alles hat feine Zeit auch die Saison, mit deren Ende für mein Hin- unb Herjagen zwischen Aldershot und London die Veranlassung auihörte. Frau Gordon traf Reisevorbereitungen, um zunächst nach Karlsbad zu gehen, wo sie alljährlich die Kur gebrauchte sie sei nicht so gesund, wie sie aussehe, erk ä-te sie seufzend, und PhylliS rüstete sich natürlich auch, ihre Mutter zu begleiten.

Der gefücchtete Tag metneS Abschiedsbesuches war da. Ich hörte von SimmonS, die Damen waren zu Haute, sah jedoch im Salon nur die ältere. Nach PhylliS spähte ich vergebens.

,AH, da sind Sie p, Charleh r rief mir Frau Gordon lächelnd entgegen.Sie wußten, daß wir morgen reisen, nicht wahr?"

Ja," sagte ick, und setzte mich, ihrer stummen Auf» sorderung folgend, ihr gegenüber.

, Wann und wo gedenken Sie wieder mit uns zusammen« zutreffen?"

Ich betrachtete unverwandt meine behandschuhten Finger­spitzen und sprach dann zögernd:

DaS ist schwer zu bestimmen, Frau Gordon!"

Im Herbste ober doch, wenn wir aufS Land gehen." Ich fürchte, nein, so letd eS mir thut," antwortete ich etwas beklommen.

Sie wollen unS also nur Adieu sagen und weiter nicht»?" sprach sie in eigenthümlich trocknem Tone.

Ich muß Ihnen Lebewohl sagen za meinem tiefsten Bedauern.

Warum bedauern Sie es?" fragte Frau Gordon mit Nachdruck

Meine müh'am bewahrte Foffung drohte mich zu oer» lassen. Klang das nicht wie eine directe Aufforderung, mich zu erklären? Ich war so bestürzt, daß ich kein Wort der Erwiderung fand. War sie am Ende gar Willens, mir kurzweg ihre Hand anzutragen? Kann man sich eine peinlichere Lage vorstellen? Es war etufach haarsträubend.

Mein lieber Charlie," unterbrach sie endlich mein hartnäckiges Schweigen,haben Sir mir wnkttch gar nichts zu sagen ?"

M t oem Muthe der Verzweiflung raffte ich mich zu der Antwort auf:

Nein, Frau Gordon, ich wüßte nicht, daß ich Ihnen etwas Besonderes zu sagen hätte."

Sie sah mich scharf an.

Aber, Charlie," rief sie aus,Sie sind wohl nicht recht bei Sinnen. Seit Monaten kommen Sie in mein Hau», überall haben Sie sich mit uns gezeigt, und nun, wo wir auf lange Zeit verreisen, soll alle- auS und vorbei sein? Da» ist allerdings stark."

Ich stotterte etwas von der Freude deS W ederiehenS und dem Vergnügen sie aber fiel mir in» Wort:

Alter Freund, ich verstehe Sie nicht."

Ich muß wohl eia sehr dummes Gefickt gewacht haben, denn ihre Züge hell.eu sich zu einer H.'tterkeit auf, die von einem herzlichen Lachen begleitet, sie mit einem Schlage der Marian Chatterton ähnlich werden ließ, welche sie vor zwanzig Jahren gewesen.

Charlie," sprach sie, mich mit ihren lustigen Augen spöttisch anblickcvd,Sie denken wohl nie, daß Sie auch ein­mal heirathen könnten?"

Niemals," antwortete ich mit einer Entschiedenheit, die ihr begreiflich machen sollte, daß ich auch jetzt solche Ge­danken nicht hatte.

War es dann aber wohl recht von Ihnen," fragte sie plötzlich sehr ernst,daß Sie, ohne an so etwas zu denken, so viel in meinem Hause verkehrten? Sie find ein sehr hübscher Mann, Charlie, und Ihr Victoria Kreuz verleiht Ihnen außerdem den Nimbus der Tapfcikett. Was soll ich denn meiner armen Kleinen sagen, wenn-

Wie? Ihrer Kleinen?" rief tch aus.

Jawohl, Charles Starkry, ich rede von meinem kleinen Mädchen, in welches Sie, wenn ich mich nicht irre, verliebt find."

Ich ich bete sie an I"

Und Sie glaubten, daß ich in meinem Alter! £>, Sie thörichtes Menscheok<vd haben die kleine Liebes­geschichte von vor zwanzig Jahren noch nicht oergeffen? Ich bin ja so alt, daß ich Ihre Mutter lein und wenn auch da« nicht, so doch eme recht würdige Schwiegermutter abgeben könnte."

Was sollte ich wohl darauf erwidern? In meiner Herzensfreunde risktrte ich eine unverschämte Lüge.

Ich habe gefürchtet, daß S-e mich zu alt für sie finden würden," sagte tch kleinlaut.

Unsinn!" antwortete sie Und fast unhörbar seufzend setzte sie hinzu:Damals, lieber Freund, waren Sie noch sehr jung, und Sie sind auch heute nock ein ziemlich junger Mann. Aber ich bin alt, vH, wie alt! Mein Leben liegt hinter mir, mir bleiben nur roch die dürren Blätter der Ectnnerung. Sie hielten da» bischer Jugendtborhett für die Liebe? Für Sie ist die Liebe jetzt gekommen, ich lernte sie vor vielen Jahren kennen. Manchem bringt fie un» verweltliche Rosen, mir hat fie nur dürre Blätter gelassen "