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Nr. 137 Zweites Blatt. Dienstag den 15. Juni
1897
Der $te|ener Anzeiger erscheint täglich, mit Su-nahmr he» Montags.
Die Siebener 3*«mlfien ßfäHet Werben dem Mngriger Wöchenrlicki dreimal beigelegt.
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Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Deutsches Reich.
Berit«, 12. Juni. Die „Post" schreibt: Contre- Admiral Tirp itz hat nunmehr in der Hauptsache sein neues Kommando als vorläufig stellvertretender StaatSfecretär des ReichSmarine-Amts angetreten. In gut unterrichteten Kreisen nimmt mau au, daß ,bie Vertretung desselben von längerer Dauer sein wird. Admiral Hollmann wird vorläufig auch weiter Staatssecretär des ReichSmarine-AmtS bleiben. Daß derselbe selbst noch einmal die Geschäfte selbst im Reichs- warine°Amt übernehmen wird, darf allerdings als auSgeschlofieu betrachtet werden.
Berit«, 12. Juni. Gegen die Verfügung des Polizei- Präfidenten v. Windheim betreffs Auflösung der Feen- palast.Versammlung hat der Vorstand des Vereins Berliner Getreide« und Productenhändler bereit» die gesetzlichen Schritte eingeleitet. Die Versammlungen im Feenpalast werden bis auf Weiteres ausgesetzt. Die Getreide- und Productenhändler werden fich auf den Verkehr von Lomptotr zu Comptoir beschränken. Da sowohl öffentliche wie private PreiSermtttelungen unter diesen Umständen unmöglich oder unzureichend sein müffen, so werden bis auf Weiteres auch die Preisveröffentlichungen durch die Preffe unterbleiben.
Berlin, 12. Juni. Bei der gestern Abend vollzogenen Wahl eines Prediger» der Sophien-Gemeinde wurde Pastor Jskraut zum zweiten Male von der vereinigten Körper- hchaft gewählt. Bekanntlich war Jskraut nach der am 11 September v. I. stattgefundenen Wahl vom Confistorium nicht bestätigt worden.
— Dir Verschiedenheiten im Armeurecht. Lur Beseitigung der Verschiedenheiten auf dem Gebiete de» deutschen ArmenrechtS ist wieder einmal ein Schritt geschehen. Nach der bestehenden Gesetzgebung können Bayern, sobald fie in Preußen einen UnterstützuugSwohnfitz erworben haben, nicht mehr auSgewiesen werden und fallen im Falle der Hilfs« bedürftigkeit der Gemeinde dauernd zur Last. Umgekehrt aber können Preußen jederzeit aus Bayern auSgewiesen werden, wenn fie bei eintreteoder Nothlage das HeimathS« recht nicht erworben haben. Da letzteres aber zu den AuS« nahmen gehört, so war Preußen gezwungen, die wirthschastlich auSgenutzten ehemaligen Angehörigen jederzeit zurückzunehmen. Nach einem Urbereinkommen zwischen Preußen und Bayern hat, nach der „Köln. Ztg.", Bayern fich nunmehr bereit erklärt, von der Ausnahmestellung keinen Gebrauch mehr |
machen und seine ehemaligen oder derzeitigen Angehörigen jederzeit wieder übernehmen zu wollen. Die neue Maßregel kommt wesentlich den Jnduftriegemeinden des SaarrevierS zu Gute. Nachdem zwischen Baden und Elsaß Lothringen bereit» eine Verabredung in Kraft getreten ist, welche die gegenseitigen Ausweisungen wesentlich einschränkt, fehlt nur noch eine Verabredung zwischen Preußen und Lothringen. Wenn auch diese erreicht sein wird, werden die wesentlichsten, auS der Verschiedenheit der Armengesetzgebung entstandenen Mißstände der Geschichte angehören.
— Ein deutscher BolkStag war aus den 13. Juni nach der kerndeutschen Stadt Eger in Nordwestböhmen einberufen worden. Man wollte Beschlüffe faffen wegen Einstellung der Gemeindethatigkeit in allen für den Staat zu besorgenden Angelegenheiten, ferner, daß kein deutscher Abgeordneter mit dem Grafen Badeni vor Aufhebung der Sprachenverordnungen verhandeln dürfe. Diese Versammlung nun ist vom Bezirkshauptmann durch ein formell begründetes Verbot untersagt worden, doch will man gegen dieses Einspruch erheben.
Berlin, 12. Juni. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht das Gesetz wegen Abänderung der §§ 8 und 12 des.Gesetze» betreffend die Fürsorge für die Wittwen und Waisen der unmittelbaren Staatsbeamten. Da» neue Gesetz tritt vom 1. April 1898 ab in Kraft.
Arr-laurd.
Wie«, 12. Juni. Die fortschrittliche Opposition deS Gemeinderaths beschloß gestern einstimmig, den Verhandlungen des Gemeinderaths so lange fern zu bleiben, bi» der Statthalter ihren Protest gegen die Vergewaltigung in der letzten Sitzung de» Gemeinderaths erledigt hat. vr. Lueger erklärte gestern Abend in öffentlicher Sitzung, daß er dem Protest der Liberalen keine Folge leisten werde.
Cocate» rrnd provinzielles.
Gieße«, den 14. Juni 1897.
** Um GehaltS-Erhöhnng find die Schuldiener an den Gymnasien und Realschulen des GroßherzogthumS bei der zweiten Ständekammer eingekommen. Zur Begründung führen die Petenten an, daß ihre GehaltSverhältniffe derart seien, daß bei den hohen Preisen aller Lebensbedürfnisse und den an fie gestellten Anforderungen ihre Gehalle bei der größten Sparsamkeit kaum zur Bestreitung der bescheidensten Bedürf-
Feuilleton.
Märkte und Messen.
Von Ludwig Hempel.
(Schluß.)
Einzelne Märkte, die in besonders günstig gelegenen Städten abgehalten wurden, erfreuten fich mit der Zeit eines hervorragenderen Rufes als die anderen. Zu ihnen strömte bat Volk in größerer Menge und weither. Naturgemäß stellten fich infolge deffen auch mehr Händler und auch aus weiteren Entfernungen ein, und die in den Küstenstädten wohnenden Grosfisten benutzten wiederum diesen Anlaß, um ihrerseits Muster ihrer Waaren nach den betreffenden Plätzen zu schaffen und die Bestellungen ihrer Abnehmer oder neu erworbenen Kunden entgegenzunehmen. Die Schwierigkeit deS persönlichen und brieflichen Verkehrs in jenen Zeiten wachte eine solche periodische Eommunication zu einer Roth- Wendigkeit. Noch ein Umstand trat hinzu, der neugeschaffenen Institution erhöhte Bedeutung zu verleihen. Nicht nur galt t«, das Binnenland mit Producten zu versorgen, sondern auch die Erzeugniffe des Nordens gegen diejenigen des Südens, vor allem des Orients, auszutauschen. Die Re- Präsentanten deS beiderseitigen Handels begegneten fich in zünftig gelegenen Städten Mitteldeutschlands, nach denen kein Theil zu weit harte. Dorthin brachte man auch die jiim Austausch bestimmten Güter und verlud sie nach ihren neuen Bestimmungsorten Derartige natürliche Centren des SirrkehrS waren e» aber auch, welche sich die Zwischenhändler be:8 Inlandes aussuchten, so daß beide Umstände fich Der- einigten, der am Anfang rein localen Einrichtung den kLaracter einer solchen von allgemeiner Bedeutung zu verleihen: der Messe. Die HandelSproducte der ganzen betonten Welt wurden auf diesen, der Bequemlichkeit und der Mastigen Grschäft-gelegenheit für alle Betheiligten halber ouif bestimmte Termine verlegten Meffeo aufgestapelt. Kaus- Itate auS allen Ländern Europas kamen zusammen. Staat
und Gemeinde förderten die nicht nur allgemein, sondern auch local nützliche Institution nach Kräften, die sogenannten Meßfreiheiten hoben den Verkehr, da« Stapelrecht sicherte deffen Erhalt. Die Besucher der Meffen erhielten freies Geleit für fich und ihre Waaren hin und zurück, was bei der damaligen Unsicherheit der Landstraßen von schwerwiegender Bedeutung war. Die auf dic Meffe gebrachten Waaren wurden von Zöllen und Abgaben befreit, etwaige Streitigkeiten erledigte man in beschleunigtem Verfahren, ein Bor- theil, den die damalige Schneckengerichtsbarkeit schätzen ließ. Auch die durch die verschiedenen Maß und Gewichtssysteme erwachsenden Schwierigkeiten beseitigte man nach Kräften.
Aus den bereits angeführten Gründen waren es hauptsächlich mitteldeutsche Städte, in welchen Meffen entstanden und ausblühten: Leipzig, Frankfurt a. M., Frankfurt a. d. O , Braunschweig, Magdeburg, Erfurt, Merseburg, Naumburg u. s. w. Allen den Rang ab lief aber infolge seiner außerordentlich günstigen Lage Leipzig. Schon im 12. Jahrhundert wurden dort zu Jubilate und Michaeli» Märke von großer Bedeutung abgehalten. Otto der Reiche (1156—1190) soll dieselben eingeführt haben, in ihm hätten wir also den eigentlichen Stifter der Leipziger Meffe zu erblicken. 1458 stiftete Friedrich der Sanftmüthige die NeujahrSmeffe und am 20. Juli 1497 erhielt die Stadt das Stapelrecht, d. h. das Privilegium, daß alle Waaren, die ihren Umkreis innerhalb einer gewiffen Entfernung (in Leipzig bis 15 Meilen) berührten, nach der mit dem Stapelrecht auSgestatteteu Stadt gebracht und dort feilgeboten oder doch dort umgeladen und auf städtischen Fuhrwerken weiterbesördert werden mußten. Diesem Privileg verdankte die Stadt Leipzig wesentlich sein eigenes und das Emporblühen seiner Meffe, fie behielt es bi» fast zum Ende drS 18. Jahrhunderts. Darum mag fie wohl den Tag seiner Verleihung als segenSvolleS Er« eigniß feiern.
ES ist ein Beweis für die Großartigkeit dieser Institutionen, daß sie fich bi« auf den heutigen Tag behauptet hat, während so viele Eoncurrenzerscheinungen zu Grunde
| niffe ihrer Familien auSretchen, für sie jedoch die Möglichkeit, auch nur einen geringen Theil dieses Gehaltes zu sparen, nicht gegeben ist. Diese Thatsache muß einen jeden von ihnen bei dem Gedanken, daß er vor seiner Ehefrau versterben werde, mit der größten Sorge für die Zukunft der hinterlassenen Familie erfüllen. Die Schuldiener beziehe« durchschnittlich einen jährlichen Gehalt von 880 Mk. Diese Gehalte dürfen zu den Dienstleistungen und den an fie gestellten Forderungen nicht im richtigen Verhältniß stehen und fich als durchaus unzureichend erweisen. Da auch ihre Fraue» die Schuldiener in ihrem Dienste unterstützen müffen und durch anderweitige Arbeiten wenig zur Ernährung der Familie beitragen können, so unterbreiten die Petenten der Staatsbehörde die Bitte: Höchstdieselbe wolle geneigtest dahin wirken, daß eine Gehaltserhöhung bei den Schuldienern an den Gymnafieu und Realschulen eintreten möge.
4- Bad Salzhausen, 11. Juni. Muntere-, reges Treiben herrschte gestern in unserem Kurort. Die etwa 130 Köpfe zählende Abtheilung der Frankfurter Waisenkinder- s.chule, welche diesen Sommer inLich weilt, machte gestern Morgen ihren Ausflug hierher, woselbst die fröhliche Schaar im Kurhause vollständige Aufwartung erhielt, sowie sich der Naturschönheiten unseres Badeortes erfreute und bei ihre« Spaziergang in den angenehmen Wandelbahnen die herrliche, kräftig milde Gebirgsluft genoß. Am Abend reiste die muntere Knabenschaar mit ihren Lehrern via Nidda nach Lich zurück. Die gesarnmten Kosten dieses Vergnügen» werden au» den Zinsen eines Fonds bestritten, zu welchem ein Frankfurter Herr f. Z. den Grundstock legte mit der Bedingung, daß den Kindern alljährlich an diesem Tage gratis Mittags ein ReiSbrei-Effen gegeben werde. Deshalb wird das gestrige Kinderfest auch Reisfeier genannt.
W. Ans der Wettera«, 11. Juni. Mit mehr oder weniger Spannung wurde dieses Jahr der Versteigerung des fiScalischen Heugrases entgegengesehen, über deffen Preise hierdurch die erste Nachricht gegeben werden kann. Bei der heutigen Versteigerung kam der Morgen je nach Stand und Lage auf 18 bis 40 Mk. DaS Futter ist sehr wohl geraden und hat guten Nährwerth, vorausgesetzt, daß es jetzt bald geerntet, nicht überständig wird und gut unter Dach kommt. Nach der Abschätzung von Sachverständigen schwanken die Erträge zwischen 10 bi« 25 Gentner auf den Morgen. Der Preis ist darum ein anständiger Mittelpreis.
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gegangen find. Wenn man daher klagen hört, daß die Lei ziger Meffe lange nicht mehr ist, was fie früher gewesen, muß man erwägen, daß sich unsere Productions- und Der- kehrsverhältnisse total verändert haben. Die Zeit hat die Erscheinung der Meffen und Märkte überholt, fie haben ihre große Sulturrolle erfüllt. Weder bedarf der Handel im Zeitalter der Eisenbahnen, Telegraphen und Telephone mehr der Versammlungüpunkte und Stapelplätze, noch der Käufer nach der Einführung der Gewerbefreiheit, noch ferner der zeitweisen freien Concurrenz zum Ausgleich der Preise. Die freie Concurrenz waltet innerhalb der Städte, ja selbst vieler Dörfer, der Handel sendet seine Vertreter bis in die fernsten Winkel des Vaterlandes. So besitzen die Meffen heutzutage fast ausschließlich nur noch den Character von Ausstellungen, Jahrmärkten und Abrechnungsperioden. Nur wo noch dieselben Bedingungen erschwerten Verkehrs vorhanden find, wie ehemals in Deutschland, da treffen wir fie noch in alter Kraft. So find noch heute die Meffen in Mekka, Lodz und Nischnij-Nowgorod berühmt. Von den Märkten ober florirten außer den Wochenmärkten noch solche, welche zum Zwecke der Unterbringung von Specialproducteo ober Erzeugniffe« besonderer Jahreszeiten und Gegenden abgehalten werde«, wie Vieh-, Zwiebel- und Wollmärkte. Wahrscheinlich wird die Zeit nicht allzu fern sein, wo die Meffen und Jahrmärkte in ihrer alten Gestalt völlig von der Bildfläche de» Verkehr- verschwunden find, wie der Sturm der Entwickelung schon so viele weiland großartige und bedeutende Institutionen hinweggefegt hat. „Der Mohr hat seine Schuldigkeit ge- than, der Mohr kann gehen," — diese« Wort gilt nirgend» mehr als in der VolkSwirthschast. Die gigantischen Welt- und Dauerausstellungen find an die Stelle der Meffen getreten, aber die Gegenwart lebt schnell, so schnell, daß schon j tzt wieder der Rus zu ertönen beginnt: „Sie haben ihre Mission erfüllt — fort mit ihnen!"
Andere Zeiten, andere Vögel, Andere Vögel, andere Lieder — da- ist da« ewige Gesetz der Entw'ckelung!


