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#?r. 113 Erstes Blatt Samstag den iS Mai ISO1?
Der ♦Usenet Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag ^scheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
chratiskeitage: Gießener Aamitienötätter.
Anrtliche» Lyell.
Gießen, den 12. Mai 189T.
Uetr. . Die Einsendung von Unfallanzeigen an die Großh. K 2*" Fabrikinspectoren.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen *” dr. Polizeiamt Gieße« und die Gr. Bürgermeistereien der Landgemeinde« des Kreises.
Rach den bisherigen Erfahrungen versäumen es die OrtSpouzeibehörden vielfach, eine Abschrift der ihnen nach Z 51 des Unfallversicherungsgesetzes zugehenden Unfallanzeigen dem Gr. Fabrikinfpector Bäntfch in Mainz einzusenden. « r?nt$r Bezugnahme auf unsere früheren diesbezüglichen Lusfchreiben vom 22. Februar 1886 (Gießener Anzeiger Ar. 47) und vom 20. Mai 1892 (Anzeiger Nr. 119) weisen wir Sie hierdurch nochmals an, eine Abschrift der Ihnen zugehenden Unfallanzeigen derjenigen Betriebe, die der Aufsicht der Fabrikinspectoren unterstehen, diesen in jedem einzelnen Fall sofort zugehen zu laffen.
Die Mittheilung der Unfallanzeigen rc. aus land- und fsrstwirthschaftlichen Betrieben, sowie aus den am Schluffe unseres Ausschreibens vom 20. Mai 1892 mitgetheilten Betrieben an die Fabrikinspectoren hat auch künftig zu unterbleiben.
Die Gr. Fabrikinspectoren sind seitens des Gr. Ministeriums des Innern angewiesen worden, uns zum Zweck geeigneten Einschreitens in Zukunft diejenigen Ortspoltzei- behörden namhaft zu machen, welche der fraglichen Vorschrift nicht nachkommen.
v. Gageru.
Deutsche» Reich.
Berlin, 13. Mai. Vom Vorstande der Abtheiluug Berlin der Deutschen Colo ntal.G es eil schäft ist zu der am 12. Juni d. I. stattfindenden Hauptversammlung der Deutschen Lolonial-Gesellschaft folgender Antrag eingebracht worden: „Rach Ablehnung der Martneforderuogen im Reichstage ist die am 24. Januar 1896 von der Deutschen Colonial Gesell» schafr beschloffene Agitation für die Verstärkung der deutschen Flotte im Jntereffe der Machtstellung Deutschlands, seines Welthandels und seiner Colontalpolitik auf das Aller-
rhatkräftigste wieder aufzuuehmen. Um der Agitation ein größere- Gewicht und einen einheitlichen Charakter zu verleihen, ist et« geschloffenes Vorgehen mit verwandten Körper- schäften des In- und Auslandes anzustreben. Diesbezügliche Vereinbarungen find den Abtheilungeu mttzutheilen mit der Aufforderung, mit Beginn des Winterhalbjahres aufs Neue eine kräftige und dauernde Agitation ins Werk zu setzen. Als erstrebeuSwertheS Ziel der Stärke unserer Flotte ist nicht eine Rivalität mit der englischen, wohl aber die Gleichstellung mit der russischen und daS Berhältuiß von 2 zu 3 zur franzöfischen Flotte zu kennzeichnen."
Wolff» telegraphische« LorrksponLe»r-B»rs<m.
Berlin, 13. Mai. Die Budget-Commission deS Reichstages setzte auf Antrag Leipziger daS Gehalt der Stabsoffiziere auf 5850 statt 5700 Mark fest.
Berlin, 13. Mai. Dem Reichstage ging ein von den freifiunigen Parteien, den Socialdemokraten, Antisemiten und Polen beantragter Gesetzentwurf zu, deffen einziger Artikel lautet: Inländische Vereine jeder Art dürfen miteinander in Verbindung treten. Die entgegen- stehendeu landesgesetzlichen Bestimmungen sind aufgehoben.
Leipzig, 13. Mai. Die heute hier au« vielen Städten Deutschland» im Hotel „Stadt Dresden" zusammengetretenen Sortiments-Buchhändler beschloffen die Bildung eines freien Buchhändlerverbande«. Der Zweck ist die Wahrung der Jntereffeu der Wiederverkäufer. Es wurde beschloffen, ein eigene» CommisstonSbauS und ein eigene» Genoffenschaftslager in Leipzig zu errichten.
Stuttgart, 13. Mai. Baron v. Sottwitz, preußischer General der Infanterie, zuletzt Commaudeur der 26. Divifiou in Stuttgart, ist gestern, im Alter von 82 Jahren, ge- ft o r b en.
Straßburg, 13. Mai. Sicherem Vernehmen nach treffen der Kaiser und die Kaiserin Samsrag (wie schon gemeldet) mit kleinem Gefolge zu einem kurzen Besuche des kaiserlichen Statthalters und der Frau Fürstin zu Hohenlohe- Langenburg in Straßburg ein und setzen um 11 Uhr 15 Min. die Weiterreise nach Wiesbaden fort.
Kürzel, 13. Mai. Der Kaiser unternahm heute Vormittag einen mehr als zweistündigen Ritt nach Norden zu
über Waiberlskircheu, Niederbrückcn, Tennchen und Siller* und kehrte gegen 10 Uhr zurück. Gestern verlieh der Kaiser dem Bürgermeister von Metz, Oberregterungsratb Freiherru v. Kramer, eine prachtvolle Amtskette. Um 1 Uhr fährt die kaiserliche Familie nach Metz, um dort die Beste „Prinz Friedrich Karl" und sodann die Cathedrale und die Stadt zu besuchen. Die Rückfahrt erfolgt um 5 Uhr.
Paris, 12. Mai. Herr Faure empfing heute Nachmittag den Baron v. Mohr en he im, der folgendes Handschreiben des Zaren vom 7. d. M. überreichte: „Herr Präfideut, .sehr lieber, guter Freund! Die Kaiserin vereint sich mit mir, am Ihnen die lebhafte Bewegung auszudrücken, die uns das entsetzliche Unglück im WohlthatigkeitSbazar empfinden ließ. Sie kennen unsere Gefühle für Frankretch zu gut, um nicht der tiefen und wahren Theilnahme versichert zu sein, die wir an dem Unglück nehmen, daS so viel herzzerreißende Trauer und entsetzlichen Schmerz io Paris wachgerufeu hat. Aus ganzem Herzen dem uns anschließend, was Sie persönlich bei einer solchen Prüfung empfinden müffen, liegt es uns am Herzen, Ihnen unsere Sympathie wie die ganz Rußlands zum Ausdruck zu bringen. Lasse» Sie, Herr Präfideut, sehr lieber, guter Freund, mich Ihnen gleichzeitig die Versicherung meiner unwandelbaren und aufrichtigen Freundschaft erneuern. Nikolaus."
Auxerre, 13. Mai. In dem ganzen Departement Nonne herrschte in der vergangenen Nacht starker Frost. Der dadurch angerichtete Schaden in den Wein- und Obst' Anpflanzungen wird auf 20 Millionen Francs geschätzt.
Nom, 13. Mai. Kammer. Bei der Berathung der Organisation der Armee wurde die von Radini accep tirte den Character eine» Vertrauensvotums zeigende Tagesordnung: die Kammer nimmt Act von den Erklärnngeu der Regierung, in namentlicher Abstimmung mit 224 gegen 115 Stimmen angenommen.
Depeschen de» Bureau „Herold.*
Berlin, 13. Mai. Der „Reich-auzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Schwarzen Adlerordens an den österreichisch-ungarischen ersten Oberst-Hofmeister, Prinzen Liechtenstein.
Berlin, 13. Mai. Im Ausschüsse deS BundeSrathe» begann erst heute die zweite Lesung der Militär-Straf- Prozeß-Ordnung. Wenn diese und die Verhandlungen
Feuilleton.
Der Gchigr.
Lustspiel von Mo (iS re.
Der „Geizige" MoltvreS, den morgen der Theater- verein seinen Mitgliedern als letzte Vorstellung der Saison barbieten wird, geht häufiger als ein anderes Stück des großen Lustspieldichters über unser deutschen Bühnen. Unb die» verdankt das Werk der Eigenheit, die bet seiner Neuheit bewirkte, daß eS länger als ein anderes um die allgemeine Anerkennung kämpfen mußte, nämlich der prosaischen ! Form, die damals nur bei der Posse, aber nicht bei dem höheren Lustspiel für zulässig galt. Umgekehrt kam dem Werke diese in Deutschland zu statten, wo eS sich leichter aneiguen ließ, als die in Versen geschriebenen Stücke, für ' die wir erst neuerdings einige gute Uebersetzungen haben.
Der „Geizige" gehört in die Klasse der Characterlustspiele, Idle Molisre zwar nicht eigentlich geschaffen, aber doch am Vollendetsten ausgebildet hat. In ihnen steht immer eine ausgeprägte Character figur im Mittelpunkt, und die ganze Handlung ist wesentlich darauf berechnet, den Hauptcharacter- zug des Helden: Geiz, Ehrsucht, Verschwendung, Ruhmredigkeit oder dgl. in stärkster Weise hervortreten zu lassen. Vielfach — und namentlich bei MolisreS Nachtretern im achtzehnten Jahrhundert ist dies zu bemerken — wurden hierdurch die Dichter veranlaßt, dem Streben nach Wirksam- kett der einzelnen Characterzüge das nach innerer Wahrheit des CharacterbildeS nachzusetzen. Auch bei dem „Geizigen" wurde dieser Vorwurf erhoben und Lesfing, indem er die Ansicht de» englischen Kritikers Hurd zu seiner eigenen macht, bringt ihn in der Hamburger Dramaturgie vor. Wenn er berechtigt sein sollte — und eß ziemt unS hier nicht, dem Urtheil des Publikums ober der Kunst deS Schauspielers dorzugreifen, die etwas, was wir für unwahr halten möchten, als wahr erscheinen lassen kann — so könnte man zur Entschuldigung de» Dichter» ansühren, daß er den Character des Geizigen bei Plautus vorfand und nun die begreifliche ' Absicht hatte, sein Vorbild zu überbieten
Sin späterer Angriff, den daS Stück von Rouffeau in
dem berühmten Brief an D'Alembert über die Schauspiele erfuhr, wird gerade derjenigen Seite des Werkes nicht ge- recht, die recht eigentlich die Tiefe dieses wie anderer Meliürescher Stücke auSmschen hilft. Rouffeau fand unser Stück unsittlich, weil darin ein Sohn die Achtung vor seinem Vater in verletzender Weise außer Augen setze und als der Vater in seinem Zorne ihm flucht, ihm spöttisch zur Antwort gebe, er könne mit seinen Geschenken nichts anfangen. Dagegen ist zu sagen: Möllere stellt niemals das Laster oder die Lächerlichkeit losgelöst von allen weiteren Beziehungen dar, sondern er zeigt immer zugleich auch
die Bedingungen, unter denen ein lächerlicher oder verderblicher Hang sich entwickeln konnte und die näheren und ferneren Folgen, die daran» für die betreffenden Personen und ihre Umgebung entspringen. So hat der eingebildete Kranke neben sich sein heuchlerisches Weib Belise und die pfuscherischen Aerzte, der Bürger als Edelmann den adeligen Parasiten Dorant, jeder diejenigen, die seiner Schwäche am meisten schmeicheln, sie dadurch aber auch am meisten für sich selber ausnutzen. Und was ist die Folge davon? Daß diejenigen, welche so ehrlich find, um sich dem zu widersetzen, für falsch und lieblos gelten und daß der Vater nahe daran ist, daß Glück seiner Kinder und seine treuesten Freunde seiner Marotte zu opfern und daß unsägliches Elend Über eine Familie durch die Sünde ihres Oberhauptes kommt. Darin besteht unseres Erachten» nicht zum geringsten Theile die Größe Moliäres, daß er alle Fragen, die er beleuchtet, immer im Hinblick auf die großen Jntereffeu der Familie betrachtet, und so zuerst — weder in Spanien, noa? in England dürfte er ein Vorbild haben — ein socialcS Drama schafft. ES ist bemerkenSwerth, daß die Dramatiker, die im 18. Jahrhundert durch Verbürgerlichung der Tragödie und durch Einführung von Rühreffecten in daS Lustspiel die alten Formen weiterzubilden suchten, sich außer Stande zeigten, in Molares Bahnen wetterzuwandeln, den einzigen Lessing und seine „Emilia" ausgenommen. Molißre begegnet sich hier mit Shakespeare, der ja auch gerne einen ganzen Lebens- kreis in seine Dramen aufnimmt und in „Macbeth" und seinen Übrigen Usurpatorenstücken außer der Selbstzerstörung des tragischen Helden ja auch die Rückwirkung deS Verbrechens
auf das ganze Land darstellt, wo das System deS mit Meuchelmördern und Spionen arbeitenden Tyrannen vergiftend auf alle LebenSverhältniffe wirkt, alles Vertrauen der Menschen untereinander untergräbt und der unerträgliche Druck die Untertanen sehnsuchtsvoll nach auswärts um Hilfe blicken läßt. Nicht nur in den genannten beiden Lustspielen, dem „Bürger als Edelmann" und dem „Eingebildeten Kranken" herrscht diese sociale Tendenz, sie findet sich auch im „Tartüffe", in den „Lächerlichen Preciösen", den „Gelehrte« Frauen", deren Tendenz nicht etwa blos literarisch ist, wie in den satirischen Literaturcomödien TieckS. Und so ist denn auch in dem „Geizigen" dargestellt, wie daS Laster des Vaters die ganze Familie zerrüttet, wie jedes seine eigenen Wege geht, wie der Sohn den Wucherern in die Arme getrieben wird und wie die Tochter mit ihrem verkleideten Liebhaber einen Liebeshandel unterhält. Unsere» Erachtens gehört sogar die offene Empörung der Kinder gegen ihren Vater wesentlich zur Wahrheit de» Gemälde» und zur Moral des Stückes. Und den Vorwurf der Unmoral gegen den Geizigen zu erheben, hätte Anderen besser angestanden, als dem Berfaffer der „Neuen Heloise."
In unserem Jahrhundert hat ein großer französischer Romanschriftsteller einen Geizigen geschaffen, der sich würdig neben den MoliöreS stellt. Es ist der alte Grandet in Balzac'S „Eugönie Grandet". Hier hat der Dichter den Charakter historisch zu erklären gesucht, indem er ihn stufenweise vom kleinen Winzer und Küfer durch Schlauheit und Energie emporsteigen läßt, biß er zum Schluß groß und fürchterlich dasteht. ES hätte wohl manches Jntereffe, zu verfolgen, wie gemäß der verschiedenen Zeit, der sie angehören, und gemäß der Gattung und Stilrichtung, die sie Pflegen, beide Dichter bei der Ausgestaltung ihrer Charoctere verfahren. Eine solche Betrachtung unterbleibt jedoch hier wegen bt» fehlenden Raumes und weil es unbillig wäre, bei der Mehrzahl der Deutschen vorauszusetzen, fie wüßten, daß eS in Frankreich außer Zola noch Romanschriftsteller in unserem Jahrhundert gegeben habe. -e.


