Ausgabe 
14.8.1897 Zweites Blatt
 
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189 Zweites Blatt. Samstag de» 14 August

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Arnts- und für den Ureis Gieren

1 Hratisöeitage; Hießener Aamitienötätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für bt* folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Lorm. 10 Uhr.

Alle UnnoncM'Bureaux de» In» und Auslandes nehme« j Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgey«.

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Der

Siebener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» Montag».

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Amtliche» Thell.

Bekanntmachung,

betreffend: die Lagerung und Aufbewahrung von Mineralölen.

Nach uns gewordener Mtttheilung werden die Bor« schriften über die Lagerung und Aufbewahrung von Mineral« ölen insbesondere von Petroleum häufig nicht hinreichend beachtet.

Wir bringen daher die hier maßgebende Verordnung vom 23. December 1882 auszugsweise mit dem Anfügen zur Keuntniß der Jntereffenten, daß Zuwiderhandlungen zur Anzeige gebracht werden.

Gießen, den 12. August 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Auszug

auS der Verordnung vom 23. December 1882, die Lagerung und Aufbewahrung von Mineralölen betreffend.

§ 2.

Innerhalb der Ortschaften dürfen

1. Mineralöle nur in Mengen von höchstens 100 Kgr.,

2. Mineralöle, welche unter einem Barometerstand von 760 Mm. erst bei einer Erwarmung auf 21 Grad des hunderttheiligen Thermometer- oder mehr ent­flammbare Dämpfe entweichen laffen, nur in Mengen von höchstens 500 Kgr.

ge lagert werden.

Lagerung größerer Mengen kann von der Polizeibehörde bei besonder- günstigen Localverhältniffen, auf Grund fach« verständigen Gutachtens unter besonderen VorfichtSmaßregeln ausnahmsweise genehmigt werden.

§ 3.

Innerhalb der Ortschaften muß die Lagerung der Mineralöle in Lagerräumen stattfindeo, welche feuerfest, un­beizbar, gut ventilirt, verschließbar find, keine Ausflüsse oder Abzüge nach Straßen, Catzälen, Hofräumen oder Brunnen haben und mit anderen, leicht entzündlichen oder große Wärme entwickelnden Gegenständen nicht belegt find.

Ausnahmsweise kann die Polizeibehörde gestatten, daß Mineralöle der in pos. 2 des § 2 bezeichneten Beschaffenheit im Freien oder unter offenen Schuppen in Hofräumen und ähnlichen eingeschloffeneu Plätzen unter denröthigen VorfichtS« maßregeln gelagert werden.

§ 5.

Die Lagerräume dürfen nur mit SicherhritSlampen betreten werden, welche fich in gutem Zustande befinden. Es ist untersagt, in denselben Feuer anzumachen und Tabak zu rauchen.

In den Lagerräumen dürfen Mineralöle der la § 2 pos. 1 bezeichneten Beschaffenheit nur in GlaSgefäßen von nicht über 50 Kgr. Orltnhalt, welche durch Flechtwerk geschützt find (sogen. Korbflaschen) oder in vollständig dichten Metall- gefähen oder in besonder- guten, dauerhaften Fässern auf­bewahrt werden.

§ 6.

Ein Verkaufsraum darf nicht über 25 Kgr. von Mineral­ölen der in § 2 pos. 1 und nicht Über 50 Kgr. von Mineral­ölen der in § 2 pos. 2 bezeichneten Beschaffenheit enthalten.

Ausnahmsweise kann unter besonderen Umständen die Polizeibehörde gestatten, daß größere Mengen in den Ver­kaufsräumen vorräthig gehalten werden.

In den Verkaufsräumen müffen die Vorräthe von Mineralölen in wohl verschlosienen Gefäßen und an solchen Orten aufbewahrt werden, welche der Erwärmung durch Sonne oder Oefen nicht in erbebltchem Grade auSgefetzt find.

§ 7.

Wer mit Mineralölen handelt oder solche lagert, ist verbunden, hiervon, unter näherer Bezeichnung der Localitäten, in welchen die zum Handel bestimmten oder gelagerten Mineralöle aufbewahrt werden, der Polizeibehörde Anzeige zu machen, seine Localitaten zu jeder Zeit einer polizeilichen Revision unterziehen zu laffrn und die Vorsichtsmaßregeln zu befolgen, welche von der Polizeibehörde vorgefchrteben werden.

§ 8.

Wer den in vorstehenden Paragraphen enthaltenen Be­stimmungen oder den zu deren Vollzug von der Polizeibehörde ertheilten besonderen Vorschriften zuwiderhandelt, verfällt in die durch da- Gesetz vom 17. October 1868 beziehungsweise da- Gesetz vom 10. October 1871, betreffend den Uebergang zu dem Strafgesetzbuch! für da- Deutsche Reich, angedrohte Geldstrafe bi- zu 150 Mark.

R. Bieber bei Rodheim, 12. August. Während bis dahin die Rodheimer Kirmes einem willkürlichen Wechsel unterworfen war und sie erst in diesem Jahr wieder auf den altgewohnten Sonntag abgehalten werden soll, so will man nunmehr auch unser Kirchweihfest diesem Wechsel unter­werfen. Jedoch waren unsere Wirthe anderer Meinung und find persönlich beim Herrn Landrath vorstellig geworden, damit wir, wie früher, erst Anfangs September unsere Klrme- feiern dürfen.

R. Aus dem Kreise Wetzlar, 12. August. Ein sehr günstiges Erntewetter ist bisher unseren Landwirthen bescheert gewesen. DaS Korn, sowie auch die Gerste find bereits zum größten Thetle in gänzlich trockenem Zustande nach Hause gebracht worden. Infolge der lang anhaltenden Trockenheit konnte zwar das Stoppelfutter nicht ausgesäet werden, da aber gerade die letzten Tage uns wiederholt einen

oder mehrere Regenschauer brachten, so find die Landleute nunmehr eifrig bemüht, die Stoppelfelder umzupflügen und Stoppelerbsen, Senf oder auch beide- im Gemenge auSzu- säen. Auch den Kartoffeln, sowie dem Gemüse war e» fast zu trocken geworden und wären wohl gerade hinsichtlich dieser Knollengewächse schlechte Erträge zu erwarten gewesen, wenn fich nicht der lang ersehnte Regen eingestellt hätte.

* Das erste Fahrrad mit Kurbeln und Pedalen con- struirte der bayerische Oberbergrath und Philosoph v. Baader. Die DratS'sche Erfindung (1816) war bekanntlich eine so­genannte Laufwaschine, d. h. fie wurde durch Abstoßen der Fußspitzen vom Erdboden fortbewegt. Eine AntriebSvorrich- rung war nicht vorgesehen. Sie bestand au« einer Sttzftauge mit Sattel und Armstütze, au- den beiden Rädern, welche in den mit der Sitzstange beiderseits durch Streben verbun­denen Achsen liefen und aus der m t dem Vorderrad ver­bundenen Lenkvorrichtung, v. Baader hat nun aus dem Draiö'schen Laufrad ein Fahrrad construirt, indem er das Vorderrad mit Kurbeln und Pedalen versah. Diese- an- Holz hergestellte Fahrrad, welches schon um 1820 zwischen München und Nymphenburg benutzt wurde, befindet fich im Nationalmuseum in München. Diesen Thatsachen gegenüber wird in den dortigenReuest. Nachr." angeregt, auf Baader- vergeffener Grabstätte auf dem Münchener Friedhöfe ein Denkmal zu errichten dem einen Manne, der die erste und wichtigste Vervollkommung des Drai-'schen Laufrade-, der thatsächlich das erste Fahrrad geschaffen hat.

Ein Schmngglerkniff. Tycoler Blätter melden: In Fauzaso bei Brlluno befindet sich ein Muttergotte-bild, zu dem auch au- dem benachbarten Tyrol viel gewallfahrtet wird. Dieser Tage nun kam eine Tyroler Wallfahrerschaar, an der es den italienischen Grenzwächtern auffiel, daß gar so viele Säuglinge mitkamen, die von den Müttern sorg­fältig auf den Armen gewiegt wurden. Die Zollwachter näherten sich und da zeigte eS sich, daß die Säuglinge eigent­lich Zuckerhüte waren, die man sorgfältig mit Tüchern umhüllt hatte. (? ?!)

Literatur und ALunst

Krieg oder Friede«? Zeitroman von Gregor Sama­ra w. Heft 2 bis 6 (20 Hefte L 40 Pfg.) Verlag des Süddeutschen Verlags-Instituts in Stuttgart. Wohl kaum hat in neuerer Zeit ein Roman größeres Aussehen erregt als diese sensationelle Ent­hüllungen bringende Arbeit des berühmten Romancier. Mit wachsender Spannung verfolgt der Leser die Fäden des Romans. Ganzseitige, von G. Mühlberg sehr flott und geschickt gezeichnete Illustrationen geben die packendsten ©eenen des Romans auch im Bilde wieder. Wir können dem Urtheile hervorragendster Blätter, daß das Werk die meist überaus flachen gegenwärtigen Alltagsromane um Thurmes- höhe überrage, nur beipflichten und das Werk allen Freunden und Freundinnen einer wirklich genußreichen, fesselnden Lectüre aufs Wärmste empfehlen.

Feuilleton.

Dürre Blätter.

Nach dem Englischen von John Strange Winter. Deutsch von B. T. Koner.

(3. Fortsetzung.)

Sie lächelte und schlug die Augen nieder, da merkte ich, wa» für ein Tölpel ich gewesen. Doch waS half- ? Die Ungeschicklichkeit war einmal begangen und o« dieselbe nicht durch eine Verlegenheitspause zu vergrößern, faßte ich:

DaS Vergnügen, Sie wtederzusehen, kam mir ganz unerwartet. Ihr jetziger Name war mir nicht bekannt, ich hatte gehört, Ihr Gatte hieße Mackenzte.-

Ganz richtig,- aber wir mußten eines Befitzthums wegen, das uns durch Erbschaft zufiel, den Namen Gordon annehmen."

Und Herr Gordon ich hoffe er befindet fich wohl?" fragte ich etwas befangen.

O, mein Mann ist seit vier Jahren todt."

Sie sagte da-, ohne auch nur die geringste Bewegung zv verrathen.

Hätte fie wenigstens ein bischen geweint oder auch nur die Augen niedergeschlagen! Sie verlangte aber offen­bar nicht ein Wort des Beileids von mir. Wenn fie sich über da- Hinschetden de- seligen Gordon gegrämt hatte, so »ax ihr Gram jedenfalls längst überwunden.

Hier unterbrach fie das Gespräch durch die Frage, ob it eine Taffe Thee wünsche, nnd ich war froh, von meinem Tofphaplatze und den Reminlscenzen erlöst zu sein, die I

nut eine Mahnung an die größte Dummheit meines Lebens waren.

Als wir da- Zimmer durchschritten hatten und an dem kleinen Theetisch standen, wo PhylliS unsere Taffen zu füllen bereit war, erblickte ich mich zufällig neben Marian in dem hohen Spiegel, der den Pfeiler zwischen den Fenstern deckte. Wars denn möglich, daß Frau Gordon nur drei Jahre mehr zählte als ich? Allerdings sah ich für weine achtunddreißig auffallend jung au-, während fie ein Dutzend Jahre älter erschien, als fie war.

,Oberst Starkey war Ihnen also kein Unbekannter?" fragte VillierS munter.

Nein," sagte fie mit einem kleinen Seufzer, während fie mit ihrer Theetaffe auf dem nächsten Seffel Platz nahm. Wir kennen uns seit langer, langer Zeit. Wir waren da­mals fast noch Kinder. Wie alt man fich doch vorkommt, wenn man so weit zurücküenkt."

Als der Besuch beendet war, gab VillierS mir auf der Straße einen kleinen freundschaftlichen Rippenstoß und nannte mich einen schlauen Hund. Ich hätte den Menschen ver- wünschen mögen, wie er das sagte.

Am folgenden Tage erhielt ich von Frau Gordon eine Einladung zum Diner und zu gemeinschaftlichem Theater­besuch- fie habe auch meinen Freund VillierS gebeten. Ich konnte mich nicht zu einer Absage entschließen. Die Aus­sicht, PhylliS Gordon wiederzusehen, war zu verlockend, ob­wohl ich mir sagen mußte, baß zwischen ihr und mir die Vergangenheit und wohl auch ein wenig die Gegenwart stand. Und als ich dann die liebliche PhylliS wiedergesehen und stundenlang in ihrer Nähe geweilt halte, da ging ich mit dem Bewußtsein fort, daß ich liebte, leidenschaftlich, aber

hoffnungslos liebte. Die dürren Blätter meiner ersten, längst erstorbenen Liebe hatten mir den Weg zu meinem HerzenSglück verschüttet.

in.

Seit jenem gemüthlichen Diner und Theaterbesuch war ich ein häufiger Gast in dem hübschen HauS der Frau Gordon. Es war thöricht, ja, unverantwortlich von mir, denn ich konnte nicht im Zweifel sein, daß die verwittwete Dame meine Besuche ganz falsch deutete und allen ErnsteS glaubte, daß ich ihretwegen komme, um die vor zwanzig Jahren so jäh zerriffenen LiebeSbande von Neuem zu knüpfen.

Und ich o, eS war eine Gemeinheit, anstatt die Aermfte aus ihrem Wahne zu reißen, benutzte ich immer wieder den Nachmittagszug, um von Aldershot nach London zu dampfen. Hatte ich dann ein paar Stunden im rosigen Dämmerlicht des Salons der Damen Gordon verplaudert, auch wohl in Gemeinschaft mit ihnen den Abend außer dem Hause verlebt, so schwor ich mir nachher im Eisenbahn- coupö, daß dies meine letzte Reise nach der Green-Straße geweien sein solle. War ich aber wieder vom Dienste frei, so verlor ich keinen Augenblick, au- der Uniform heraus­zukommen, um den Zug nach London nicht zu verpaffen. Die Macht der Liebe war stärker als mein Wille und, da es im Grunde entwürdigend für einen Mann ist, immerfort Gelübde zu thun und sie wieder zu brechen, so gab ich den inneren Kampf schließlich auf.

(Schluß folgt.)