Ausgabe 
14.2.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 38

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Hießener A«,eigcr erscheint täglich, mit Ausnahme deS

Montags.

Die Gießener

Aamittcnvkälter werden dein Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Zweites Blatt.

Sonntag den 14 Februar

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Gießener Anzeiger

Vierteljähriger Aöonncmentspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringcrloha.

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Anrts- «nd Anzeigeblatt für den ICret» Gießen.

Gratisbeilage: Gießener Kamitienölätter

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer die Vorm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießeoer Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Lheil.

Bekanntmachung.

Betr.: Maul» und Klauenseuche zu Nonnenroth.

Nachdem die amtliche Untersuchung ergeben hat, daß die Maul- und Klauenseuche zu Nonnenroth nur in einem Gehöfte herrscht, wird die Gemarkungssperre wieder aufgehoben.

Die angeordnete Gehöftsperre bleibt bestehen.

Gießen, den 12. Februar 1897.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Nr. 6 oes Reichs.Gesetzblattes, ausgegeben den 9. d. M., enthält:

(Nr. 2360). Verordnung, betreffend Beschränkungen der Einfuhr auS Asten. Bom 8. Februar 1893.

Gießen, den 12. Februar 1897.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

v. Gagern.

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Bad Nauheim, 9. Februar. Ein Bad Nauheimer Kauf­mann schickte vor einigen Wochen seinen noch nicht lange eugagirten Commis auf die Post, um 300 Mk. etnzu- zahlen. Statt deffen zog es der junge Mann vor, sich französisch zu empfehlen", ohne die Pofteinzahlung geleistet zu haben. Dieser Tage ist der auS Hanau gebür­tige Flüchtling, dem auch Veruntreuungen in Kreuznach und in seiner Vaterstadt zur Last gelegt werden, in einer nord­deutschen Stadt verhaftet worden.

»*» Bom nördlichen Fuße des OdenwaldeS, 11. Februar. In jüngster Zeit find Zweifel darüber entstanden, ob am 21. Dccember 1846 Abends gegen 8 Uhr ein Erdbeben im mittleren Deutschland, insbesondere in der Wetterau, verspürt worden ist, daS im Zusammenhang mit der Ent­stehung deS großen Soolsprudels zu Nauheim gebracht werden köunte. Die am 22. December 1896 gehaltene

Festrede besagt darüber Folgendes: Ob zur fraglichen Zett ein Erdbeben stattgefunden hat, ist noch nicht festgestellt. Zur Feststellung dieser Thatsache dürfte Folgendes dienen: Schreiber dieser Zeilen saß am 21. December 1846 Abends mit seinen Geschwistern am abgeräumten Egtische und be­mühte sich, die Schulaufgabe auf eine Schiefertafel zu schreiben. Der jüngste 2*/, Jahre alte Bruder war etwas unruhig und mißgelaunt, weshalb ihn das Kindermädchen dadurch zu beschwichtigen versuchte, daß eS sagte: DaS Chrtstkindchen würde ihm demnächst nichts bringen und der Pelznickel würde ihn strafen. Kaum waren diese Worte ge­sprochen, als daS ganze Haus anfing zu zittern- Thüren und Fenster klirrten, als würden sie von einem Riesen ge­schüttelt und die Schiefertafel schob sich hin und her, daß der Griffel unbrauchbares Gekritzel auf der Tafel verursachte. Wenige Minuten darnach erschien der Knecht, dem leise be­merkt wurde, er hätte nicht so arg wider die Wände donnern sollen, alle Anwesenden wären dadurch in Schrecken versetzt worden. Der Knecht versicherte, er habe im Pferdeftall ein heftiges Tosen und Rollen vernommen, darum fei er er­schienen, um zu hören, ob etwas geschehen wäre. Am anderen Tage hörten wir, daß die Erschütterung von vielen Leuten empfunden wurde und während der Weihnachtsfeiertage er­fuhren wir, in Rauheim wäre eine starke Quelle aus­gebrochen , wodurch die Erderschütterung hervorgebracht worden sei. Dieses Ergebniß steht dem Schreiber dieser Zeilen noch so lebhaft vor der Seele, als wäre es erst vor wenigen Monaten geschehen. Hiermit dürste ein intereffanter Beleg dafür geliefert sein, daß daS Erdbeben am 21. December 1846 weiter verspürt wurde, als man vielfach annimmt.

* Der junge Oberst. In der vollen Uniform eines Obersten der Infanterie kam vor einigen Tagen des Abends ein junger Mann in Potsdam die belebte Brandenburger Straße entlang. Alle ihm begegnenden Soldaten machten pflichtgemäß Honneur, was er graziös erwiderte- einem Oberjäger fiel indessen die Jugend des Obersten auf und er

beobachtete ihn genau, um ihn schließlich zur Schloßwache zu bringen. Dort entpuppte sich der vermeintliche Oberst als ein Ztmmergeselle, der zum Maskenball gehen wollte. Nach Feststellung seiner Persönlichkeit konnte er seinem Ver­gnügen nachgehen.

* Duisburg, 8. Februar. Eigenthümliche Hilst- mittel Au den am Bahnhof stationirten Schutzmann trat gestern Abend der 30jährige frühere StationSgehtlfe Huf­nagel anS Celle heran und rief ihm eine schwere MajestätS- beletdigung zu. Der Verhaftete erklärte, derRh.-W. Ztg." zufolge seine Aeußerung mit voller Absicht gethan zu haben, weil er trotz aller Bemühungen weder den CivilversorgmigL- schein, noch eine Beschäftigung Haden könne. Hufnagel ist nach 8*/, jähriger Dienstzeit als Unteroffizier mit 9 Mark monatlicher Pension als Halbinvaltde entlassen worden. Er ist seitdem vorübergehend bei verschiedenen Behörden als Schreiber beschäftigt gewesen, wurde aber bei mangelnder Arbeitsgelegenheit trotz seiner vorzüglichen Zeugnisse stetö wieder entlassen. Erbitterung hierüber und völlige Mittel- lofigkeit haben schließlich den H. zu dem unglücklichen Schritt getrieben.

DaS Berliner Verbrecheralbum, das nun seit 20 Jahren besteht, ist seit dieser Zeit von 4200 Nummern auf rnnd 12,400 angewachsen- darunter befinden sich die Auf­nahmen von 53 Möldern, 2551 Einbrechern, 880 Taschen­dieben, 472 Laden- und 665 Schlafstellendieben, 371 Bauern­fängern, 973 Betrügern und Hochstablern, 1113 Prostttuirten, 1283 Zuhältern u. s. w. DaS Album fällt 17 Bände.

Meyers Konversations - Lexikon

|(auch in Umtausch gegen ältere Werke) sowie alle andern Bücher i liefert gegen Teilzahlungen von monatl. 3 M. an '

; H. 0. Sperling, Buchhandlung, Stuttgart VII.

Kunst-Ansstellnng, 'm/'L

nähme des Samstags, von 11 dis 1 Uhr, am Mittwoch auch noch von 3 bis 5 Uhr. Gönn tags ununterbrochen von 11 bi» 8 Uhr. Eintrittsvrets für Ntchtmitglieder an Werktagen 50 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.

Feuilleton.

Von einer Nordlsndsahrt.

Aus einem Vortrag, gehalten in der Februar - Hauptversammlung der Section Gießen des D. u. Oester. A.-B.

(Fortsetzung.)

4. Bom Nordcap »ach Spitzbergen.

Um 6 Uhr früh werden wir durch daS Tönen deS Gong gewrckt- das Nordcap ist in Sicht gekommen. Wir werfen in einer Bucht Anker und die Boote des Schiffes setzen uns anS Land. Der sehr steile und unbequeme, an manchen Stellen durch gespannte Seile geschützte Aufstieg geht in einer breiten Rinne in die Höhe. W r wundern uns über das üppige Gras und die vielen Wiesenblumen an dieser nördlichsten Stelle Europas.

Nach halbstündigem mühsamem Klettern erreichen wir die Höhe, 295 Meter, müffen aber auf dem flachen Gipfel noch eine Viertelstunde marschtren, bis wir auf der nach dem Meere schroff abfallenden Felsenkante stehen. Man hat hier einen schönen Blick auf das weite Meer und die zunächst liegenden steilen Felsparthien. Wir besichtigen die kleine Denksäule, aufgestellt zur Erinnerung an die Besteigung des Caps von Seiten König Oscar II. von Schweden, sowie die Stetnvarde, erinnernd an unseren Kaiser, der ebenfalls oben war. Die Sect'Bretterbude war zu- der Wärter, der unten an der Landungsstelle in einer Hütte während mehrerer Sommermonate wohnt, hatte verschlafen und kam uns erst beim Abstieg entgegen. Derselbe besorgt auch die Briefe und Postkarten, die hier oben abgeftempelt von den nor- wegtschen Tourtstendampfern mit zurück nach Hammerfest genommen werden. Einige Herren, die absolut auf dem Nordcap Sect trinken wollten, find mit dem Wärter wieder zurückgegangen.

Genau um 10 Uhr ging daS Schiff ab, immer weiter nördlich, unserem letzten Ziele,Spitzbergen", zu. ES ist helles, sonniges Wetter, nur leichte Wellen kräuseln die Oberfläche deS grün schimmernden MeereS und nach etwa dreistündiger Fahrt find auch die letzten Felsen der euro- päischen Küste dem Auge entschwunden, und die weite Fläche deS nordischen EiSmeereS umgibt unser ruhig seine Bahn ziehendes Schiff. Ucber Mittag hatte sich der Himmel ge­trübt und dunkle schwere Wolken deckten die Sonne zu- eS war wesentlich kühler geworden, nur noch 5--6 Grad R.

Der Aufenthalt auf Deck ist dadurch kein angenehmer mehr und da man ja außer Möven, Taucherenten und derartigen Vögeln nichts sieht, schlafe ich mehrere Stunden in meiner Cabine. Abends war großer Commers im Salon. Um 12 Uhr zu Bett- es ist noch vollständig hell, jedoch kann man die Sonne des bedeckten Himmels wegen nicht sehen.

Am folgenden Tage (12. August) liegt starker Nebel auf dem Wasser und der Wind hat sich etwas nach Westen gedreht, ist jedoch so schwach, daß daS Schiff fast ganz ruhig und ohne Schwanken fährt- auch kann man sich, natürlich mit warmen Kleidern versehen, ganz gut aus Deck aufhalten, trotz der nur 4 Grad Wärme, die wir zu verzeichnen haben. Wlr find biö jetzt außerordentlich vom Wetter begünstigt gewesen­es läßt sich dadurch auf dem kleinen Dampser einigermaßen aushalten, jedoch bei schlechtem, stürmischem Wetter würde der Aufenthalt kcin angenehmer sein, dazu bietet daS Schiff denn doch viel zu wenig Comfort.

Wir find durch den Nebel htndurchgefahren und haben wieder Hellen Sonnenschein. Um 11 Uhr früh kommt Spitz, bergen in Sicht mit seinen schneebedeckten Höhen und bis ins Meer herunterstürzenden großen Gletschern, ein ganz prachtvoller Anblick bet der klaren, durchsichtigen Luft. Wir haben daS Glück, einige Walfische (im Ganzen zähle ich acht Stück) gar nicht weit vom.Schiffe zu sehen, die ihre Wasser­strahlen in kleinen Zwischenräumen hoch in die Luft spritzen. Posfirlich ist eS, zu sehen, wenn sie, den gewaltigen Rücken hoch erhebend, mit dem großen Kopfe zuerst in die Fluth untertauchen, wobei die beiden Schwanzflossen hoch aus dem Wasser herauSsehen. Eine große Masse blau und weiß schimmerndes Treibeis taucht auf, welches so dicht ist, daß wir gezwungen find, eS in großem Bogen zu umfahren. In­zwischen ist der Seegang ein höherer geworden, der Wind hat sich nach Süden gedreht und nebelartiger Regen rieselt leise hernieder und verhüllt zum Thetl den Anblick des Landes, an dem wir in einer Entfernung von etwa 23 Seemeilen nordwärts entlang steuern.

5. Die vereitelte Landung.

Der Nebel wird dichter und ich erblicke, als wir uns um 7 Uhr Abends dem sogenannten Belsund nähern, links nnd rechts vor uns gelagerte Schären und Klippen, hege aber keinerlei Befürchtung, da ich anuehme, daß der Lootse da- Fahrwasser kennt. Ich fitze lesend aus dem geschützten Hinter- deck, plötzlich stoppt in voller Fahrt die Maschine und sofort arbeitet auch die Schraube rückwärts- eine große Aufregung hat sich der ganzen Schiffsgesellschaft bemächtigt, da wir

augenscheinlich einer großen Gefahr entgangen find, die in ihrer Tragweite von Vielen gar nicht erkannt wird. Roch eine halbe Seemeile weiter und wir wären in voller Fahrt auf unter dem Wasser befindliche Klappen aufgerannt, der» Brandung wir dicht vor uns erblicken. Zweifellos liegt ei« großer Fehler der Schiffsleituvg vor. Man fährt bet Nebel nickt mit voller Kraft in klippenreichem Fahrwasser. Wir steuern etwas zurück, wenden dann und begeben uns auf die offene See hinaus, in der wir am besten schon vorher ge­blieben wären. Beim Diner wird eine Erklärung verlesen, die besagt, sei jede Gefahr jetzt auSgeschloffen, daS Fahr- waffer sei nicht genügend bekannt gewesen, da die in der Nähe Spitzbergens vorgenommenen Lothungen nur mangelhaft seien- wir steuerten deßhalb auf offene See hinaus und suchten die Höhe des Eissjord zu gewinnen, in den wir bei ein- tretendem Hellem Wetter etnfahren wollten. In dieser Er­klärung liegt ohne Zweifel daS Etngeständntß des begangenen Frhlers. Warum fährt man nicht gleich auf offener See, wenn daS Fahrwasser nicht genügend bekannt ist. Ich habe von dem Augenblick an daS Vertrauen verloren, daß die Leitung deS Schiffes uns mit voller Sicherheit bis zur AdventSbo^ im Etsfjord (nuferem Endziele) hinein und auch wieder heraus bringen wird, weßhalb ich mich für sofortige Umkehr auS- spreche. Meine Meinung wird auch von Vielen getheilt, je­doch läßt fich ein Etnverständniß nicht erzielen, da sich eine Anzahl der Fahrgäste, besonders die Jäger, die jedenfalls vo» dort großartige Jagdbeute mit Heimbringen wollen, auf die Landung auf Spitzbergen capriciren. Ich bleibe auf bis 11 Uhr, lege mich dann zu Bett und schlafe trotz der uu- gemüthlichen Situation fest ein.

Am 13. August war das Wetter immer noch dasselbe: Regen und ziemlich starker Nebel bet Südwind. Beim Break­fest macht Direktor Kramer bekannt, daß wir uns tu der Höhe deS Eisfjord, etwa 79. Grad, befänden, eine Einfahrt üi denselben und Landung auf Spitzbergen bei diesem Wetter jedoch nicht möglich sei, man wolle bis 12 Uhr auf dieser Stelle kreuzen und wenn fich bis dahin das Wetter mcht ändere, zurückfahren, bet eintretendem gutem Wetter jedoch die Einfahrt versuchen. Dieser Vorschlag findet bet schrift­licher Abstimmung die Majorität der Reisegesellschaft- ich wünsche aus schon vorher angeführten Gründen, daß da» Wetter fich nicht ändere, damit wir die Heimfahrt autretew. DaS scheint auch der Wunsch de- größten TheileS der Ge­

sellschaft zu sein.

(Schluß folgt.)