Nr» 267 Zweites Blatt. Samstag den 13. November
1807
Der Gieße» er Anzeiger erscheint täglich, eit Ausnahme des Montag-.
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Gießener Anzeiger
Keneral-Anzeiger.
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Umtiid^r Lbeit
Gießen, den 10. November 1897. Betreffend: Die Viehzählung am 1. December 1897. Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wtr bringen die Erledigung unseres Ausschreibens vom 27. October 1897, abgedruckt tu Nr. 255 des KreiSblattS, mit Frist von 3 Tagen in Erinnerung.
v. Gager«.
totales und provinzielles*
nn. Darmstadt, 10. November. Geleitet von dem Bestreben, auch dem weniger bemittelten geistigen Arbeiter und insbesondere dem Beamten die Möglichkeit zu gewähren, ein eigenes Heim zu erwerben, Haden eine Anzahl hiefiger Staats- beamten deu Entschluß gefaßt, in Darmstadt eine Baugenossenschaft mit beschränkter Haftung für Beamte tnS Leben zu rufen. Zweck des Unternehmens ist die Errichtung von villenartigen Häusern zum Alletnbewohnen und Ueber« laffung derselben an die Mitglieder rheilS zur Miethe (mit Sicherung gegen Miethfteigerung), rheils zur Erwerbung tu eigenen Besitz zum SelbstkostenpretS. Zur Ftnanztrung deS UnternehmenS wird je nach dem Werthe des Objecte eine Einlage von 1000 Mk. und 2000 Mk. bestimmt werden. Außerdem sollen zur Verzinsung und Tilgung deS Grunderwerbs und des BaukapttalS monatliche Raten unter beschränkter Solidarhaft für den Thetl der Bauschuld erhoben werden. Auch dte Errichtung einer Sparkasse und einer Cousumanstalt usw. wird spaterer Erwägung anheimgestrllr. Die Spekulation mit den erworbenen Besitzungen ist ausgeschlossen, da sich die Genossenschast tm Falle einer freiwilligen Veräußerung das Rückkaufsrecht zum Erwerbs» presse vorbehält. Besonders soll aber dem Schacher und Wucher mit Grund und Boden — diesem ärgsten Krebsschaden der jetzigen Großstädte — durch den das Wohnen in außerordentlicher und unnöthtger Weise vertheuert wird, durch dieses Unternehmen entgegengetreten werden. Ein passendes Terrain in der Nähe der Stadt ist zur Erwerbung bereits ins Auge gefaßt und beträgt der Kaufpreis für ein Haus mit Garten 13000 bis 18000 Mk.
• Original Mittheilungen über Mariuewefeu. Die jetzt vorliegenden Daten über dte Reisen der mit dem neuen Schnelldampfer des Norddeutschen Lloyd „Kaiser Wilhelm der Große" in derselben Woche von England abgegangenen fremd
ländischen -Schnelldampfer bieten einen interessanten Maßstab für einen Vergleich der Leistungen der Dampfer untereinander, bei welchem die Ueberlegenheit deS Dampfers „Kaiser Wilhelm der Große" auf der zweiten Ausreise besonders schlagend hervortritt. Wir lassen die Einzelheiten, die um so mehr Bedeutung gewinnen, als sich hier die Leistungen der gegenwärtig schnellsten Schiffe der englischen, amerikanischen und deutschen Handelsflotte gegenüberstehen, nachstehend folgen. Dampfer „Lucania" der Cunard-Linie verließ QueenSstown am 17. Oktober, 6,25 Nachm. und erreichte New-Kork am 23. Oktober, 1 Uhr Nachm. nach einer Fahrtdauer von 5 Tagen 23 Stunven 21 Minuten. Auf Southampton umgerechnet würde die Fahrtdauer 6 Tage 13 Std. 43 Mtn. betragen haben. Die durchschnittliche Geschwindigkeit betrug 19,57 Meilen. Dampfer „Majestie" der White-Star Linie verließ Queenstown am 14. Oktober, 12,25 Nachm. und erreichte New-Kork am 20. October, 2,30 Nachm. nach einer Fahrtdauer von 6 Tagen 7 Std. 51 Min. Auf Southampton umgerechnet würde die Fahrtdauer 6 Tage 20 Std. 57 Min. betragen haben. Die durchschnittliche Geschwindigkeit betrug 18,41 Meilen. Dampfer „St. Paul" der American-Linie verließ Southampton am 16. Oktober, 1,25 Nachm. und erreichte New-Kork am 23. Oktober, 6 Uhr Morg. nach einer Fahrtdauer von 6 Tagen 21 Std. 31 Min. Die durchschnittliche Geschwindigkeit betrug 18,49 Meilen. Dampfer „Kaiser Wilhelm der Große" deS Norddeutschen Lloyd verließ Southampton am 13. Oktober, 2,50 Nachm. und erreichte New Kork am 19. Oktober, 9,55 Morg. nach einer Fahrtdauer von 5 Tagen 23 Std. 55 Mtn. Die durchschnittliche Geschwindigkeit betrag 21,32 Meilen. Nach dieser Liste hat der Schnelldampfer „Kaiser Wilhelm der Große" den Dampfer „Majestic" um 22 Std. 2 Min., die „Lucania" um 13 Std. 48 Min. und den St. Paul um 21 Sld. 36 Min. geschlagen; die durchschnittliche Geschwindigkeit stellte sich bet „Kaiser Wilhelm der Große- im Vergleich zur „Lucania" um nahezu 2 Meilen, bet den übrigen Dampfern um fast 3 Meilen tu der Stunde höher, etn Erfolg der deutschen Flagge, der mit berechtigtem Stolz erfüllen muß.
* Dee Obrigkeit muß mee gehorche». Der Studiosus Schultz wohnte einer jungen, hübschen Sängerin gegenüber, die zu sehen ihm leider einige Blumenstöcke wehrten, welche vor ihrem Fenster in dichter Reihe standen. Da be- suchte ihn zu guter Stunde sein Freund Scholtz, der ihm den Rath gab, besagte Blumen vom Fenster etusach verschwinden zu lassen. Gesagt, gethan. In der nächsten Nacht traten zwei Gestalten ächzend unter der Last einer langen Leiter auf die Straße und bald sah mau Schultz und Scholtz in vollster Tätigkeit- ein Blumentopf nach dem andern wanderte zur Leiter hinunter und wurde säuberlich auf die Straße gestellt. Halb war die Arbeit gethan, da führte baß Ber-
hängniß den Wächter herber. „Was geht hier vor?" donnerte er die Missethäter an. Schultz war stumm, Scholtz aber machte sich gleich zum Herrn der Situation. „Sehen Sie, Herr Wächter, eß handelt sich um einen kleinen Scherz. Hier oben wohnt nämlich eine Dame, die morgen ihren Geburtstag feiert. Wir wollen ihr nun eine Ueberraschung bereiten und ihr ein paar Blumen als „Morgeugabe" darbriugen. Die Hälfte ist bereits oben." — „Nein, daraus wird nichts, in meinem Revier dulde ich solche Narrheiten nichts herunter mit den Blumen!" Scholtz seuszte. „Nun, wenn es durchaus sein muß ... der Obrigkeit muß man gehorchen" — und mit Geschwindigkeit holten die beiden die übrigen Stöcke herunter. Der Wächter aber beruhigte sich nicht eher, als bis die lustigen Brüder mit ihrer Last im gegenüberliegenden Hause verschwunden waren.
* Der köstlichste Wohlgeschmack. Obwohl die Vanille daS feinste Gewürz und geeignet ist, selbst einfachen Gerichten hohen Reiz zu verleihen, ist sie doch bisher nur auf Gastrollen im Haushalt erschienen. Ihr hoher Preis, ihr unsicherer Einkauf und die aufregenden Eigenschaften, die ihr eigen find, ließen sie in der bürgerlichen Küche nicht heimisch werden. Heute können wir die Vanille-Schoten ganz entbehren und trotzdem ihren herrlichen Geschmack in unvergleichlicher Reinheit, mit geringeren Kosten und ohne jede Befürchtung Übler Einwirkung auf unser Nervensystem genießen. Der Körper, der der Vanille ihr köstliches Aroma verleiht, daß Vanillin, ist in seiner chemischen Zusammensetzung erforscht und seine Abscheidung in reinem Zustand miß anderen billigen Naturstoffen von den Ehemikern vr. Wilh. Haar mann in Holzminden und Dr. gerb. Tiemann, Prof, der Chemie an der Universität zu Berlin, erfunden worden. Daß patentirte Verfahren wird von der Firma Haarmann & Reimer in Holzminden au-geübt. Daß reine Vanillin, welches keine Spur dieser Beimengungen besitzt, wird entsprechend der Menge, wie eß in der allerfeinften Vanille enthalten ist, mit Zucker verbunden und in den Originalpäckchen von Haarmann & Reimer (Generalvertreter Max Elb in Dresden) in den Handel gebracht. Nur diese von den Patentinhabern und Fabrikanten selbst hergestellten Päckchen bieten dem Publikum Garantie für Reinheit und stets gleichmäßige Ausgiebigkeit.
Hniverfitäts - Nachrichten.
— An der Wiener Universität wurde Sonntag baß Billroth- Denkmal, ausgeführt von Zumbusch, unter großer Theilnahme der Studenten feierlich enthüllt. Eß zeigt den Meister im Operattonß-- ktttel über daß Vsrtragßpult geneigt. Dte Festrede hielt HofratL Gnssenbauer, ber neben großen Verbimsten BtllrothS alß Arzt und Gelehrter auch feine Vielseitigkeit und sein Deutschthum hervorhob unter Hinwetß auf den „heutigen Wirrwarr, der daß durch dte deutsche (Sulfur Geschaffene wieder zu zerstörm drohe".
Feuilleton.
Ei» Bankkasjirrr.
Amerikanische Crtminal-Erzählung von Joseph Treumann.
(Nachdruck verboten.)
„Wie ich Ihnen bereits erklärt habe, Mr Strut, verlange ich die zehntausend Dollars in Gold," sagte daß alte Fräulein in entschloffenem Tone. „Jetzt, wo kein Mensch weiß, waß aus der politischen Bewegung für Silberfretpräguvg noch werden mag, wünsche ich vor dem möglichen späteren Vorwurf geschützt zu sein, alß Vormünderin meiner Nichte nicht alles in meiner Macht stehende gethan zu haben, fie vor Verlusten zu bewahren. Und da fie übermorgen hei- ratbet, soll fie ihr bisher von mir verwaltetes Erbthell in guter, klingender Münze ausgezahlt erhalten; was fie ober ihr Gatte bann damit thut, geht mich nichts mehr an.“
„Schön, Miß Holt, Sie sollen befriedigt werden, schon um Ihnen den Beweis zu liefern, daß die Bank über ge- nüaende Baarmittel verfügt," erwiderte ber Kasfirer, ein mittelgroßer, anscheinend nicht sehr kräftiger Herr mit blondem Vollbart, der fich eine Zeitlang alle ezbenflh e Mühe gegeben, ber alten Kuubin baß Unvortheilhafte unb Gefährliche ihres Verlangens vorzudemonstriren.
Nachdem er bem einzigen in dem Raume neben ihm beschäftigten jungen Manne einige Worte zugeflüstert hatte, bie denselben veranlaßten, fein Gesicht dem alten Fräulein und deren mit anwesenden Nichte zuzuwenden, begab er fich in 'daß nebenan befindliche Kaffengewölbe, kehrte jedoch schon wach einer Minute zurück und stellte ein kleines Handköfferchen ■uif den Zahltssch.
-Hier find die verlangten zehntausend Dollars", sagte
er verdrossen. „Erinnern Sie fich meiner Warnung, wenn Ihnen damit ein Unglück pasfirt."
Miß Holt mußte indessen erst durch Augenschein überzeugt werden, daß die in dem kleinen Koffer liegenden Beutel wirklich deu genannten Betrog in Gold enthielten, ehe fie vollständig befriedigt war und in Begleitung des jungen Mannes, der baß Köfferchen noch ihrem draußen stehenden Wagen trug, baß Bankgebäude verließ. Noch bevor fie baß Gefährt bestieg, würbe fie von einem sehr herabgekommen außfebenben Lanbftreicher mit verwildertem schwarzen Haar und Barte, ber, in ber Nähe herumlungemb, baß Unter« bringen beß werthvollen Ksffrrß unter dem Sitze beobachtet hatte, um ein Almosen angesprochen, baß indessen rundweg abgeschlagen wurde. Während der Fahrt nach dem nur etwa eine Stunde von Newdrunßwick entfernten kleinen Orte, in dem fie ihren Wohnfitz halte, ließ fie ihrem Aerger darüber Lauf, baß der Kasfirer so viele Einwendungen gemacht, bevor er ihrem Verlangen nach Gold nachgegeben hatte- besonder- feine Warnung vor Ewdrechern fand fie sehr überflüsfig.
Nora Wilson hörte ber Tante schweigend zu, obgleich fie deren Sicherheitsgefühl durchaus nicht theilte- aber dte Art und Wetie des alten Fräuleins kennend, unterließ fie jede gegenfheilige Bemerkung. Auch als daS Gold zu Hause d cht neben dem Bette Miß Holt'S untergebracht war, wollte die Unruhe nicht von ihr weichen, welche fie sogar veranlaßte, des Abends, ehe fie fich nach ihrem eigenen Gemache zurückzog, nachzusehen, ob die Dienerin auch olle Fensterläden und Thüren gut geschlossen hätte. Beängstigende Träume verfolgten fie bann im Schlafe, den fie erst nach langer Zeit gefunden, unb alß fie mitten in ber Nacht erwachte, glaubte fie anfangß, baß auß dem Nebenzimmer herüberdringeube Geräusch von vorfichtigen Schritten sei nur eine Ausgeburt ihrer Überreizten Phantafie.
। Bald ober wurde sie anderer Ansicht unb verließ kurz ' entschlossen ihr Lager, um zu untersuchen, maß vorgehe. Da sie bie VerbinbungSthÜr nicht öffnen wollte, um sich vor ber Tante möglicherweise feine Blöße zu geben, schlich sie fich, die Füße nur mit Strümpfen bekleidet, in den Corridor und an bie nach bem Schlafzimmer beß alten Fräulein- fübrenbe Thür. Sie fand dieselbe offen, und einen Augenblick lauschend, unterschied fie genau daß Athmen von zwei Personen, baß eine ruhig unb regelmäßig, baß anbere schwer unb abgebrochen, wie mit Macht unterbrückt. Gleichzeitig brang ein scharfer, süßlicher Geruch zu ihr hinaus. Nu» zweifelte fie keinen Moment, baß fich betonen ein Einbrecher befänbe, ber baß Gold fich anetgnen wollte.
Nora war ein nmthiges Mädchen- fie preßte bie Lippen fest oufeinonber, um fich keinen Laut entschlüpfen zu lasse», und drang, beide Arme vor fich streckend, vorfichtig in daß Zimmer.
Schon nach wenigen Schritten stieß ihre Hand an ei» menschliches Wesen, baß fich ihr in ber nächste» Secunde zuwaudte, den Arm um ihre Taille schlang unb einen mit Chloroform getränkten Schwamm an ihr Geficht drückte. Sie hielt den Äthern an und begann mit dem Manne zn ringen, unb zwar mit solcher Kraft unb Gewanbtheit, baß er, eine anbere Taktik einschlageud, ben Schwamm fallen ließ unb in bie Brufttasche seines Rockes griff.
„Er holt eine Waffe heraus, mit der er mich umbringe» will," sagte fich baß Mädchen, unb alß et bie Hand heraus- zog, griff fie nach berselbeu. Sie erfaßte aber statt dieser den Griff eines großen Bowie-Meffer-, welchen fie mit ihren Fingern fest umschloß.
(Fortsetzung folgt.)


