Ausgabe 
13.10.1897 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

ahl!

°°ds 81/, in,,,

filung.

bi 8V> W, etifa "^wographj' einladen.

»Zum Andres' jL Lthmitlel 6 W ' >er Vorstand.

iwnij.

-ine 1898 in d.

6t, EchriMrn.

9156 ite, u, Feder», ^ätzeiL i beehre ch M n-ünst

6<*

näll*

8do11

MN Umgegend die M,, 28, 1. EU eine ition

Her und Miicher Coßmen Kn Art

1897

Nr. 24V Zweites Blatt.

Mittwoch ben 13 Oktober

Gießener Anzeig er

Kemrak-Anzeigcr.

Amts- und Anzeigsblatt für den Ttrers Gieren

Redacüon, Expedition und Druckerei:

Kchutstraße Ar.7.

Fernsprecher 5k.

vierteljähriger Aöounementsprets r 2 Mark 20 Psg. *U Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.

Die Gießener Al«mittenötätter Werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Gtrtzener Anzeiger erscheint täglich, Wit Au-nahme deS Montag-.

> chratisßeitage: Gießener Aamilienölatter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgehn.

<oceWs «nd

* Lharaclerifiik bet heffifchen Trnppenführung lm Jahre 1870/71. Der bekannte Militärschriftsteller Fritz Hoentg, der ein großes Werk über einen Theil de» deutschen Kriegs gegen die französische Republik von 1870/71 zu schreiben unternommen hat, welches den Titel führt:Der Volkskrieg an der Loire im Herbst 1870", hat soeben den 6. Band desselben vollendet. Er führt den besonderen Titel:Die entscheidenden Tage von Orleans im Herbst 1870, 3. Theil: die Auflösung des französischen HeereS vor Orleans (der 3. December 1870), mit fünf Kartenbeilagen" und zeigt eine werthvolle kriegsgeschichtliche Darstellung, die unter Benutzung von amtlichen Schriftstücken, Tagebüchern und Aufzeichnungen von Mitkämpfern von dem kundigen Verfasser entworfen und auSgesührt worden ist. Wir wollen hier einige Auszüge aus seinem letzten Bande bringen. Wir wählen zu diesem Zweck jenen Theil, welcher unserer Ueberschrift entspricht und die Großherzoglich Hessische Division zu jener Zeit näher behandelt, als sie an der Loire kämpfte und das wichtige Orleans zum zweiten Male in die Hand der Deutschen fiel. Hierüber berichtet das Werk Nachstehendes:An der Spitze der Dtvifion stand Prinz Ludwig von Hessen. Der Prinz war damals 33 Jahre alt,- er war mittelgroß, besaß große Körper- traft, war von Jugend auf abgehärtet, so gegen WttterungS- etnflüffe gefeit und erfreute fich einer robusten Gesundheit. Rücksichten gegen fich kannte er nicht- er muthete seinem Köiper die größten Anstrengungen zu, ohne jemals über Müdigkeit zu klagen, und war stets thätig. Der Prinz hatte «ein freundliches, einnehmendes Wesen, er war stets hilfsbereit «nd äußerst bescheiden. Dabei besaß er hohe Energie und zeigte fich stet» zuverlässig. Er bethätigte außergewöhnlichen physischen und moralischen Muth, doch sah er eS ungern, wenn Jemand deffeu erwähnte oder gar ihn lobte, weil diese Eigenschaft nach seiner Auffafiung für jeden Soldaten selbst­verständlich war. Dagegen erfüllte ihn jede muthige That eines Untergebenen mit großer Freude und er sprach darüber gern anerkennend, namentlich wenn Entschloffeuheit und der Muth der Verantwortung zu erkennen waren. SS ist wenig bekannt, daß der Prinz vor dem Kriege in Blaukenberghe eine Dame vom Ertrinken rettete. Er war, ohne fich der Oberkletder zu entledigen, tnS Meer gesprungen. Seitdem trug der Prinz die belgische RettungS-Medaille. Der Prinz war mit ganzem Herzen Soldat, ein guter und kühner Reiter und leidenschaftlicher Jäger- diese Neigungen theilte er mit dem Prinzen Friedrich Kerl von Preußen. Eine ähnliche

Thätigkeit wie dieser in der preußischen Armee entwickelte er seit dem Unglücksjahre 1866 in der hessischen Armee. Der Prinz war ein besonderer Verehrer der preußischen Armee- sie war sein Vorbild. Die» entsprang aber nicht allein den preußischen Erfolgen in den Jahren 1864 und 1866, sondern der genauen Kenntuiß, die der Prinz vom preußischen Heere besaß. Aber auch über die Verhältnisse in den anderen fremden Heeren, namentlich über Infanterie und ihre Taktik, war der Prinz sehr unterrichtet, selbst Einzelheiten waren ihm vollständig geläufig. Er hatte zu denen gehört, die darauf drängten, die erste Convention mit Preußen abzu­schließen- freilich mochte ihre Ausführung nicht ganz seinen Beifall finden. Der Prinz besaß ein erstaunliches OrtentirungS- Vermögen und laS die Karte mit größter Schnelligkeit. Auch die sonstigen Eigenschaften, die daß Jagd- und KriegSleben so häufig zeitigen, besaß der Prinz: Einfachheit, Anspruchs­losigkeit, Kameradschaft und Leutseligkeit. Als rechter Jäger konnte er zu jeder Nachtzeit ausstehen, was bet einem Führer nicht unterschätzt werden darf. Jedem, mit dem er in Verkehr gekommen war, bewahrte er eine treue Gesinnung. Der Prinz war ein besonnener und entschlossener Führer. Er kannte aber auch genau die Bedürfnisse der Soldaten uad wußte die Jugend vortrefflich zu nehmen und zu behandeln. Eins fiel seiner Umgebung in diesem Kriege auf: die Rück- fichtSlofigkeit, die er gegen fich selbst bethätigte, beobachtete er nicht gegen die an Jahren wett älteren, unter thm stehenden Generäle.

W. An» der Wetierau, 10. October. Entgegen der Mittheilung auö dem Vogelsberge, wonach die Preise der fetten Schweine sinken, ist au» hiesiger Gegend zu berichten, daß bei uns fast keine fette Waare zu erhalten ist. Der Gruud liegt darin, daß die Leute um deßwillen zurück­halten, weil alle Diejenigen, die keine Brennereien haben, ihre angestoßenen Kartoffeln rasch wegfüttern wollen, da sie sonst zu Grunde gehen. Die Kartoffelfäule ist in letzter Zeit stark vorwärt» geschritten, auf «nauchen Aeckern finden fich 30 bi» 40 pCt. kranke. Wir rathen den Hausfrauen dringend, ihre Vorräthe recht bald und dann wiederholt in kurzen Zeit­räumen sorgfältig auSleseu und die einigermaßen verdächtigen Knollen rücksichtslos auSsonderv zu laffen, weil sonst un­fehlbar großes Mißgeschick entsteht, denn die Knollen werden diese» Jahr matschigfaul, wodurch die zunächst liegenden Exemplare schnell angefteckt werden und zu Grunde gehen.

H. Au» dem Horloffthale, 10. October. Aehnltch wie im Vogelsberge zeigt fich auch bet uns da und dort die Ackerfchuecke. Gegen diesen Feind giebt es ein vorzüg­

liches, sehr billige» Mittel. Man nehme auf den Morgen acht Pfund Eisenvitriol, der jetzt überall und selbst in kleinen Dörfern zu etwa 10 Pfg. da» Pfund zu haben ist, stoße ihn zu feinem Pulver, vermische dieses mit etwa einer Meste trockener Erde, damit man regelmäßig auSftreuen kann und werfe dieses Pulver bei feuchter Witterung, die wir ja jetzt immer haben, auf den von Schnecken befallenen Acker. Jede Schnecke, die von einem StlpSchen, nicht größer als ein SchnupftabakSkörochen berührt wird, geht unfehlbar in die Binsen. Kaum eine Mark Auslagen hat man, um einen Morgen jungen Getreides zu retten billiger kann mau es nicht haben und e» hilft!

......... II II

Citorotur nnd Kttftä

Karl Marx' «ationalöconomische Irrlehre«. Eine kritische Studie über Arbeit, Werththeorie unv Unternehmer gewinn von Ludwig SlonimSkt. Preis 2 Ulf. 50 Pfg. Berlin 1897, Stuhr'sche Buchhandlung, Unter den Linden 61. Slontmskt unter­sucht die Grundlagen der wissenschaftlichen Thrortem de« SocialtSmuS, also die wtrthschaftlichen Lehren Karl Marx', und macht fich somit um die Klärung der Ansichten verdient. Vor Allem erscheint daS Werf zeitgemäß zur Aufklärung über die in ben jüngsten Verhand­lungen deSVereins für Soctalpolitik" oenttlirten und alle Gebil­deten interesstrenden Fragen des gedeihlichen Verhältnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, sowie der Beziehungen zwischen Arbeitslohn und Unternehmergewinn, dem springenden Punkt der gefammten Arbeiterfrage.

Emile ZolaS neuer Roman der die Trilogie

LourdesRomParis" beschloßt, rohb noch im Laufe dieses Monats in der Pariser ZeitungLe Journal zu erscheinen be­ginnen. Die Deutsche VerlagS-Anstalt in Stuttgart hat, wie die vorhergehenden Zola'schen Romane, so auch diesen für die deutsche Sprache erworben und wird ihn im neuen Jahrgang von AuS fremden Zungen" veröffentlichen.

Beliebte Tbeemischungen höchster Kreise. Hk. 2.80

u. 8.50 pr. Pfd. vorzüg). QuaL Probepaok. 60 u. 80 Pt 8234

MESSMER'

Münchener Brarrer-Akademie. Dr. Doemens. Dem vorliegenden, elegant ausgestatteten, 36 Druckseiten umfassenden Jahresberichte 1896/97 entnehmen wir, daß die Anstalt im abge­laufenen Jahre im Ganzen von 116 Herren besucht wurde. Durch Vermittelung der Anstalt sind 73, meist Braumeister-, Obermälzer- und sonstige Vorderstellen besetzt worden. Jahresbericht, sowie Prospecte find unentgeltlich von der Dtrection der Anstalt zu beziehen. 17890

Feuilleton.

Goethe in Lodesgefshr.

Historische Reminiscenz von Friedrich Thieme.

(Nachdruck verboten.)

Der 14. October 1806 war angebrochen ein denk­würdiger Tag in der Geschichte der deutschen Nation eta nicht minder denkwürdiger im Leben unsere» Goethe. Dichter Nebel verhüllte am Morgen die Sonne da ver­nahm man schon den Donner der Kanonen, die dumpfen Detonationen der Geschütze. Franzosen und Preußen kämpften auf dem Plateau bei Jena einen gigantischen Kampf, weiter und weiter zogen fich die geschlagenen Preußen mit ihren Verbündeten, den Sachsen, in der Richtung nach Apolda und Weimar zurück.

Inzwischen drang die Sonne siegreich vor, einen heiteren Herbsttag verkündend. Der Dichterfürst schritt unruhig in seinem Garten auf und ab. An seiner Sette befand fich Riemer, sein Secretär und der Lehrer seines Sohne». Au» (der Ferne hörte man die unheimlichen Schläge, ihre zu­nehmende Deutlichkeit verkündete da» Borrücken der kämpfenden Armeen.

Der Kampf hält lange an," unterbrach Riemer ein lange» Schweigen.

Das ist kein Kampf, sondern eine Schlacht," erwiderte der Dichter ernst.Die beiden Armeen find aneinander ge- rathen. Der Himmel verleihe den Unseren den Steg, sonst wehe uu» und unserem armen Lande."

Gegen Mittag wurde der Kanonendonner schwächer, die einzelnen Detonationen seltener.

So scheint das Aergste vorüber," sagte der Dichter zw Christiane Vulpiu», die schon ein paarmal gefragt hatte, oft sie anrichten sollte.Laß uns essen, liebes Kind."

Goethe fetzte fich zu Tisch, doch kaum hatte er zu essen begonnen, so unterbrach plötzlich ein furchtbarer Schlag die herrschende Stille.

Christiane erbleichte. Der Dichter sprang auf.

DaS war bei un» in der Stadt."

Mein Gott, mein Gott!" stöhnte das junge Weib furchtsam.

Hort noch ein Schlag noch einer wahr­haftig, das ist hier."

Der Dichter eilte hinaus in den Garten. Hier fand ihn Riemer, auf und ab promenirend.

Die Franzosen haben gefiegt," rief der Secretär,die Preußen fliehen durch die Stadt."

Ich sehe es," entgegnete der Dichter und zeigte auf die über der Gartenmauer sichtbar werdenden Bajonette der fliehenden Infanteristen.

Währenddessen dauerte da» Schießen fort. Die sieg­reichen Franzosen lagerten auf der Höhe vor der Stadt und feuerten au» mehreren Geschützen aufs Gerathewohl in das Häusermeer hinein. Ueber den Graben hinweg sausten die Geschosse. Die Straßen waren wie auSgestorben, alle Bürger ins Innere der Häuser geflüchtet. Eine unheimliche Stille herrschte, nur von den Kanonenschlägen unterbrochen.

Plötzlich hörte man Pferdegetrappel. Französische Husaren sprengten in die Stadt. Ihre Absicht war, fich von dem Abzug der Preußen zu überzeugen. Sobald dies ge­schehen war, gaben fie Signale, worauf weitere Detachement» folgten. Goethe stand am Fenster, al» ihm ein französischer Offizier gemeldet wurde. Höflich ging er dem Fremdling entgegen. Wie erstaunte er aber, als dieser fich al» der Sohn seiner einst so geliebten Lilli Herr v. Türkheim zu erkennen gab.

Ich komme im Auftrag des Marschall» von Augereau," rapportirte er.Ihr Hau» ist zu seinem Hauptquartier be- stimmt fürchten Sie deßhalb keine Plünderung."

Ich danke Ihnen, Herr von Türkheim. E» soll sofort alles zum Empfange deS Marschall» vorbereitet werden. Wann darf ich ihn erwarten?"

Heute Abend noch. Würden Excellenz die Güte haben, mich nach dem Schloß zu führen?"

Der Dichter war bereit. Sie schritten beide durch die von Franzosen überfüllten Straßen. Die anfängliche Stille war einem betäubendem Lärm gewichen. Die Soldaten donnerten wüthend an die Thüreu unb erbrachen dieselben, wo fie Widerstand fanden. Man hörte da» Fluchen der Ein­dringlinge, da» Klagen der Bürger, daS Schreien der Weiber. Au» einzelnen Gebäuden schlugen bereit» die Flammen em­por. Mit Schrecken und Mitleid sah Goethe die Feinde im grausamen Geschäft der Plünderung begriffen. Al» er nach Hause kam, fand er sein Hau» von sechzehn Husaren besetzt. Christiane war in voller Thätigkett, fie unterzubringen und zu bewtrthen. Einige Flüchtlinge aus der Stadt, die tm Hause de» Dichters Schutz gesucht hatten, unterstützten fie nach Kräften. Emfig wirthschaftete daS junge Weib in Küche und Keller, alle Angst war aus ihren Blicken verschwunden. Sie war nur noch Wirthin, die gute Wirthin, die Goethe immer an ihr gefunden hatte. Bewundernd sah er ihr Schalten und Walten.

Ist der Marschall etngetroffen?" fragte er.

Noch nicht, ich bin eben tm Begriff, das Abendessen für ihn zu bereiten."

Der Dichter nickte und begab fich in die oberen Zimmer deS Hause», Riemer bittend, unten auf den Marschall zu warten. Auf den Straßen war e» stockdunkel geworden, nur die hell aufleuchtenden Flammen der brennenden Häuser er­hellten die Finsterntß. Man vernahm im Hause das tobende Lärmen der Plünderer, da» Wehegeschret der Geängstigten, vielfach sogar mißhandelter Einwohner.

Entsetzlich, da» mit ansehen zu müssen und nicht helfen zu können, klagte der Dichterfürst tiefbewegt.

Mit Schmerzen wartete er auf die Ankunft de» Mar- schallS, in der Hoffnung, durch dieselbe vielleicht eine Besse­rung der Lage der ungllicklicheu Bürgerschaft herbetzuführen. Allein Stunde auf Stunde verging, der Herzog von Castiglione traf nicht ein.

(Fortsetzung folgt.)