Ausgabe 
13.6.1897 Erstes Blatt
 
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die Ernennung von Experten zur Erwägung dieser Frage und willigt ferner in eine Prüfung der finanziellen Lage Griechenlands auf die Fähigkeit, eine angemesiene Kriegs- entschädigung zu zahlen, ein. Es ist^u hoffen, daß trotz der immer wieder auftauchenden Differenzen eine schnelle Er­ledigung der Verhandlungen erzielt wird, solche ist im Ju­tereffe Griechenlands dringend nothwendig.

Parts, die Ltchistadt, muß anscheinend jede Woche ein anderes Gesprächsthema par excellence haben, sei es nun ein politischer Tcandal ä la Panama oder ein sensationeller parlamentarischer Zwischenfall, ein neues Auftreten Eleonora DuseS oder eine neue Version in Betreff der Reise Felix FaureS nach St. Petersburg. Vieles ist schon über letztere gesprochen worden, die Faure'sche Reise wird zur reinen Seeschlange, man fragt sich, geht er, gehr er nicht- schon vor einigen Tagen brachte derTempS" die Nachricht, er gehe und zwar am 25. Juli, zehn Tage nach dem Kammer­schluß. Darob großer Jubel in den Zeitungen. Leider hatte Felix Faure den Bewohnern der Provence und der Dauphins seinen Besuch vom 1. bis zum 7. August fest versprochen, es wird daher kaum angängig sein, denselben zu verschieben, ein solches Verfahren würde nur böseS Blut setzen. In parlamentarischen Kreisen herrscht überhaupt nicht derselbe Jubel, wie in der Preffe, sei es, daß der Rusiencultus dort beträchtlich abgenommen hat, oder daß allerlei parteipolitische Jntereffen mttsprechen, eins stehe jedenfalls fest, daß nur ein Thetl der Regierungspartei sich für die Reise erwärmt. Von anderer Seite werden constitutionelle Bedenken vor­geschoben, indem man behauptet, daß die Verfaffung den Fall einer Auslandsreise deS StaatSchefS nicht vorgesehen habe. Noch andere Fragen werden erörtert, so z. B., ob der Präsident der Republik alleir. den Staat vertreten könne, oder ob die Präsidenten deS SenalS und der Kammer noch dazu nöihig seien- anscheinend soll der Präsident keine Lust haben, die Herren Loubet und Briffon mitzunehmen. Die osfic-öse Versicherung, daß in Bezug auf daS Wann und daS Wie der Reise zwischen den Vertretern der öffentlichen Gewalten noch keinerlei Vereinbarungen stattgefuuden hätten, ja daß die Angelegenheit bis zur Stunde nicht einmal im Mtutsterrath zur Sprache gebracht worden sei, läßt jedoch fast darauf schließen, daß man wegen der weiteren Entwick­lung der Sache im Elisse nicht ganz ohne Besorgniß ist, daß man befürchtet, es möchte irgend wer sich bewogen fühlen, Hrn. Faure schließlich noch einen Meteorstein in die Suppe fallen zu lassen. Dafür spricht auch die Meldung, daß Kammer und Senat erst kurz vor ihrer Vertagung mit der wohl unvermeidlichen Creditforderuug befaßt werden würden. DerFigaro" ist mit dieser übervorsichtigen Behandlung der Sache, mit diesen verlegenen Wendungen und Wiadungen höchst unzufrieden. Ist, so erklärt er, die Einladung deS Zaren an Hrn. Faure, als den Präsidenten der Republik, der Frankreich nach außen hin allein vertritt, erfolgt, so sage man eS offen und mit klaren Worten. Kein Volksvertreter, die enragtrtesten Sozialisten nicht ausgeschlossen, würde den traurtgeu Muth haben, die Mittel zu einer Reise zu ver­weigern, die im Interesse Frankreichs unternommen werden und zur Befestigung seines Ansehen» in Europa beitragen soll.

Wolff» telegraphisches Correspondmj-Bureau.

Berlin, 11. Juni. Das imReichsanzeiger" veröffentlichte Gutachten der königlichen wissenschaftlichen Depu­tation für Medicinalwesen erklärt: Zur Zeit ist keinerlei Kennzeichen bekannt, woraus man erkennen und beweisen könnte, daß im Etnzelfalle die nach der Impfung entstandene Tuberkulose und Skrophulose eine Folge der Impfung sei oder woraus mau beweisen könnte, daß ein Einzelner nach der Jmpfuug zur Erkrankung an Skrophulose und Tuberkulose geneigter sei als ein nicht geimpfter Mensch. Hätte sich die Häufigkeit der Tuberkulose durch allgemeine Zwavgsimpfung verwehrt, so hätte die Sterblichkeit im Ganzen seit Einführung des JmpfungSzwangeS zugenommen, was jedoch nicht der Fall ist. Ferner hat sich trotz des fort­bestehenden RevacctoationSzwangeS die Sterblichkeit an Tuber­kulose in der preußischen Armee vermindert. Der Beweis dafür, daß die Impfung zur Tuberkulosen-Erkrankung geneigt wache, liege z. Zt. weder i« Einzelnen noch im Großen vor. Man kann nur vermuthen, daß entkräftende Erkrankungen, welche durch fehlerhafte Impfungen hervorgerufen find, den Körper so schwächen können, daß er den Tuberkelbacillen weniger widersteht. Auch kann man die Möglichkeit nicht ganz in Abrede stellen, daß bei Kindern, die im Körper schon Tuberkelbacilleu haben, in einzelnen Ausnahmefällen unter starken fieberhaften Erkrankungen eine raschere Vermehrung

und Verbreitung der Bacillen ermöglicht und begünstigt werden könne.

Dortmund, 11. Juni, vier Bergleute wurden auf ZechePrinz von Preußen" verschüttet. Die Rettungs­arbeiten find im Gange.

Wiesbaden, 11. Juni. Ju der heutigen ordentlichen Stadtverordueteusitzuug widmete vor Aufnahme der Geschäfte der stellvertretende Vorfitzende, LandeSbaukdirector Reusch, dem verstorbenen Stadtverordneten-Vorsteher Geheim- rath Dr. Fresenius einen warmen Nachruf, indem er die Schaffensfreudigkeit, Unparteilichkeit und Versöhnlichkeit cm- erkannte. Oberbürgermeister Dr. v. Jbell widmete dem Ber- storbenen im Namen des Magistrats einen Nachruf, worauf sich die Versammlung vertagte.

Straßburg, 11. Juni. Der kaiserliche Statthalter Fürst zu Hohenlohe.Langenburg wird sich am 14. d. MtS zu mehrtägigem Aufenthalte nach Berlin begeben.

Bukarest, 11. Juni. In den letzten Tagen gingen neuer- liche Regengüsse über ganz Rumänien nieder. Die Ver- btudungen mit der Moldau find unterbrochen, viele Dörfer überschwemmt, der Schaden ist sehr beträchtlich.

Depeschen de» Bureau .Herold."

Berlin, 11. Juni. Der Kaiser nahm gestern Abend 7 Uhr die Meldung deS ContreadwiralS Ttrpttz entgegen Zur Abendtafel waren dieser und Coutreadmtral Freiherr v. Sendeu-Btbran geladen. Heute Morgen befichtigte der Kaiser das Regiment GardeS du EorpS und daS Leib-Garde- Husarenregiment und nahm daS Frühstück im Cafino deS letzteren ein. Um 1/25 Uhr gedachte der Monarch au dem Diner des Regiments GardeS du EorpS theilzuuehmen. Um 7 Uhr findet im MarmorpulatS e'N Eostümfest statt.

Berlin, 11. Juni. Im Ret chStage sind die von den Abgeordneten Müller (Waldeck) und Trimborn verfaßten Berichte über den Gefetzeutwurf, betreffend die Abänderung der UnfallverficheruugSgesetze und die Novelle zur Gewerbe Unfallversicherung erschienen.

Berlin, 11. Juni. Wie eine hiesige Eorrespoudev- wissen will, wird innerhalb der verbündeten Regierungen erwogen, in eine gründliche Reform deS Nahrung»- mtttel-GesetzeS eiuzutreten.

Berlin, 11. Juni. Prinz Heinrich fährt morgen früh von Kiel auf dem KreuzerKönig Wilhelm" nach Eng­land ab.

Berlin, 11. Juni. Reichskanzler Fürst Hohenlohe hat gegen dieGazetra GradziadSka" Straf antrag wegen Beleidigung des StaatSministeriumS gestellt.

Berlin, 11. Juni. Wie derLocalanzeiger" meldet, wird die Gründung eines deutschen Krieger-Ber- b andeS, welcher alle deutschen Kriegervereine umfassen soll, jetzt in leitenden Kreisen befürwortet. Au der Spitze de» Verbandes soll der Kaiser stehen.

Berlin, 11. Juni. Durch Verfügung deS Polizei- Präsidenten v. Windheim an den Vorsitzenden des Verein» der Berliner Getreide- und Productenhändler, Herrn PiuknS, wird die Fortsetzung der nicht genehmigten Börsen-Ber- sammlungen im Feeupalast untersagt und für den Fall einer Zuwiderhandlung unmittelbarer Zwang angedroht.

Berlin, 11. Juni. Im Prozeß Tausch-Lützow ist von den Vertheidigero LüyowS gegen das Urtheil Revision eingelegt. Die Vertheidiger hoffen, daß da» Reichsgericht daS Urtheil aufheben und die Strafkammer alsdann für die Vergehen, Betrug und einfache Urkandrnfäischung eine andere Verurteilung finden wird.

München, 11. Juni. Major v. Wtßmanu ist heute Vormittag zur Tagung der deutschen Colonial-Gesellschast hier etngetroffeu.

München, 11. Juni. Anläßlich der hier tagenden Hauptversammlung der deutschen Colonial-Ge» sellschäft fand gestern ein BegrüßungSabevd in der Isar- lüft statt.

WoriShofen, 11. Juni. In dem Befinden deS Prälaten Pfarrer» Kneipp ist wieder eine wesentliche Verschlimmerung eingetreten. Der Patient befindet sich in einem andauernden Schwächezustand unter Delirtum-Erschetnungen.

Eger, 11. Juni. Der von allen Deutsch-Parteien Böhmen» zum nächsten Sonntag einberusene Volks tag, welcher gegen die Sprachen-Verordnoug Beschluß fassen sollte, wurde von der Behörde verboten.

MonS. 11. Juni. Eine Explosion schlagender Wetter hat gestern auf der GrubeSt. Henriette" statt- gefunden. Ein Arbeiter wurde getödtet und einer schwer verletzt.

Pari», 11. Juni. Au» einer Note de»TewpS" geht hervor, daß der Beginn der Kammerferien in der ersten

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Sonntag den 13. Juni

Nr. 136

Erstes Blatt

Amts- unb Anzemeblatt für den Ureis Gieren

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ießener Anzeiger

General-Anzeiger.

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Bekanntmachung.

Die Mitglieder de» zur Abstellung de» Bettels gegründeten llluterstützungS-VereinS (Armenvereiu) tu Gießen werden hiermit auf

Dienstag den LS. Juni d. I., Vormittags 11 Uhr,

ia da» RegtrruugSgebäude dahier zur diesjährigen Generalversammlung eingeladen.

Tagesordnung:

1. Neuwahl für die auSscheideude Hälfte der AuSschuß- mitglieder.

2. Vorlage der Rechnung für das Jahr 1896.

3. Feststellung des neuen Voranschlags.

Gießen, den 11. Juni 1897.

Für den Ausschuß:

v. Gageru, Großb. Provtnzialdirector.

Gesunde«: 2 Brillen (eine mit, eine ohne Futteral), 1 filb. Ning, 1 Brosche, 1 Manschettenknopf, 1 Taschen­messer, 1 Radel, 1 Sonnenschirm, 1 Handschuh, 1 Schürze, 2 Taschentücher, 1 Hammer, 1 Metermaaß, 1 Lenkstange (von einem Fahrrad) und 1 Hundehalsband.

Gießen, den 12. Juni 1897.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Politische Wochenschau.

Trtedensverhavdluugeu ans der valkanhalbiusel. Reife de? Präsidenten Faure nach St. Petersburg.

Die Nachrichten verschiedener Blätter, daß ein endgül- «tiger Friedensabschluß gesichert sei, haben fich als verfrüht erwiesen. In die FriedenSvrrhandlungeo spielen Bestreb­ungen hinein, welche, obwohl vielleicht nicht beabsichtigt, nur eine neue Verschlechterung der allgemeinen Lage im Orient nach fich ziehen können. Bald wirb die Regelung der Ver- thältnisse auf Kreta in den Vordergrund gestellt, bald betont nan mit allzugroßer Selbstüberzeugung, ote Türken müßten Thessalien räumen, bevor der Frieden geschloffen, oder auch nur irgend eine Gewähr für die Annahme der von den Türken gestellten Bedingungen gegeben würde, bald find eS gar Nachrichten über entstandene Differenzen zwischen den Sertreteru der Mächte in Eonstautinopel, die dazu beitragen sollen, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen. Noch vor wenigen Tagen wurde England wieder einmal als die Macht hiogestellt, die bestrebt sei, Schwierigkeiten hervorzurufen und die Verhandlungen in die Länge zu ziehen. Diese Ge­rüchte wurden natürlich sofort mit dem Hinweise dementirt, ; ein solches Vorgehen eine schlechte Maßregel für seinen Schützling Griechenland wäre und die Türken nur durch eine Gesammtactton aller Mächte zum Nachgebeu zu bewegen seien. ES wird nun allerdings versichert, daß die Botschafter in Konstantinopel bet ihrer zweiten Conferenz ein Memorandum über die Abgrenzung in Thessalien, über die Capitulation und über die Höhe der Kriegsentschädigung vorgelegt hätten und daß hierbei Meinungsverschiedenheiten zwischen den ein­zelnen Vertretern aufgetaucht seien. Der englische Botschafter habe bemerkt, seine Instructionen gingen dahin, sich einer jeden Erweiterung des Gebiets der Türken zu widersetzen, derselbe wurde in diesem Punkte von den italienischen und französischen Botschaftern unterstützt, worauf der russische Botschafter erklärt haben soll, Rußland würde wohl darin rtuwtlligen, daß die Türket das Tempe-Thal in der Art anuectire, daß TurnavoS den Türken zufalle, Larissa aber den Griechen verbliebe. Diese Meinungsverschiedenheiten be­weisen indessen von Neuem, daß die Stellungnahme der ein­zelnen Mächte, wie solche von Anfang au tn der Entwicklung der Dinge bemerkbar war, noch jetzt die gleiche zu sein scheint. Auf der einen Seite sehen wir Rußland, welches «n der Seite Deutschlands und Oesterreichs bereit ist, den Türken einige Vortheile zuzusprechen- auf der anderen Seite England, daS sich den türkischen Forderungen gegenüber völlig ablehnend verhält, anscheinend aus dem Grunde, um wie bet allen orientalischen Fragen, im Gegensatz zu Rußland zu -tehen und welches dann in Frankreich, wo der Stimmung 2e» Volkes mehr als seinem Verhältntß mit Rußland Rech* «uug getragen wird, einen geeigneten Partner findet. Nach utnem Telegramm derMorning Poft" glaubt man, daß Tewfik Pascha folgende Geständnisse in der nächsten Sitzung machen wird. Die Türket überläßt den Griechen Thessalien mit Ausnahme des Bez'rkS nördlich vom PeneioS. Sie stimmt den Tapitulattouen im Princip zu, verlangt aber