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Zweites Blatt
Donnerstag b«i 13 Mai
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Meßmer Anzeiger
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Die Gießener A««ttte,»rsi1er »*tbai dem Anzeiger »schnllltch dreimal brigrlegt.
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| HratisSeitage: Hießener Kamitienötätter. |
Deutsche» Reich.
Darmstadt. 11. Mai. Se. Durchs. Prinz Franz Joseph von Battenberg reiste gestern um 2 Uhr 3 Mtu. über Wien nach Cettinje, wo am 18. d. M. seine Hochzeit stattfinden wird.
Berlin, 11. Mat. Am 16. und 17. Mat tritt in Berlin im RetchStagtgebäude ein Gewerbekammertag zusammen, um zu der HandwerkerOrganisationSvorlage Stellung zu nehmen. Dieser Gewerbekammertag setzt sich auS dm Delegirten der Gewerbe- und Handelskammern Mittel- und Westdeutschlands zusammen. Die hanseatischen Gewerbe- kamwern von Hamburg, Lübeck und Bremen haben bereitere Abänderungsvorschläge forwultrt uvd den Mitgliedern der Commisfion deS Reichstags zugrstellt. Der Antrag, die «weite Lesung der Vorlage zu vertagen, bis die Beschlüsse deS Gewerbekammertages vorlägen, hat die Handwerkscommis» üon deS Reichstages abgelehut, sodaß die zweite Lesung, wie schon gemeldet, am 11. Mat beginnt.
— Eine Aenderung der Bäckereiverordnuug wirb von der Reichsregierung geplant. Wie der Handels- Minister Brefeld nämlich im preußischen Abgeordnetenhause mittheilte, finden im BundeSrathe z Z bereits Erwägungen Über einige vou den Beteiligten gewünschte Abänderungen der Verordnung betreffend den Max!malarbrttStag im Bäckerei- gkwerbe statt. Die Beratungen find auch schon so weit gediehen, daß eine Beschlußfassung unmittelbar bevorfteht. Gerade die kleineren Bäckermeister, deren Existenz durch bte neue Verordnung schwer bedroht ist, werden eS mit Genug- thuung begrüßen, daß ihren berechtigten Wünschen demnächst entsprochen werden wird.
— Zur Diätensra ge. Die Regierung soll geneigt sein, unter gewissen Beschränkungen Diäten aa die ReichS- ragSmttglteder zu zahlen. Diese Abficht findet allgemeine Zusttmmnng - die „Deutsche TageSztg.", das Organ des Bundes der Landwirthe, bemerke bet Besprechung dieser Angelegenheit, die Regierung sollte bet der Bewilligung von Diäten einen doppelten Vorbehalt machen. Einmal sollen die Tagegelder an die wirklich im Reichstage anwesenden Abgeordneten gezahlt werden, sodann sollen die Inhaber von Doppelmandaten, also von Reichs- und Landtagsmandaten,
nur einmal Diäten beziehen. Die „Bosstsche Ztg." bemerkt dazu, daß, wenn man überhaupt Diäten bewillige, »an dann auch weitherzig genug sein müsse, auf kleinliche Plackereien bei der Durchführung zn verzichten. Eine andere Frage wäre die der Tagegelder bet Doppelmandattn. Ob ein Abgeordneter, wenn er schon als Mitglied deS preußischen Abgeordnetenhauses Tagegelder bezieht, gleichzeitig als ReichStagSmitglied volle Diäten beziehen darf, kann streitig sein. Wenn man diese Frage nach dem Muster der Gehälter für die Beamten beantwortete, so müßte fie verneint werden- denn der Reichskanzler ist gleichzeitig preußischer Ministerpräsident, bezieht aber Gehalt und Repräsentationskosten nur für das eine dieser Aemter.
• Koblenz, 10. Mai. Heute hielt der Ausschuß für das Provinzial-Kais erd enkmal hier eine Sitzung. Die Enthüllung findet am 31. August, Mittags 12 Uhr, statt. @6 wurde beschlossen, ein Kaiserzelt und eine große Zuschauertribüne zu erbauen. Die vereinigten Coblenzer Gesangvereine und der Kölner Männergesangverein werden Mitwirken.
* Aachen, 10. Mai. Der 25j8hrtge Graf Edouard d e B rieh wurde auf der Jagd bei dem Herzog vou Arenberg durch einen Förster erschossen.
* Jena, 10. Mai. Der Borfitzende deS Gesammt- auSschusseS des Verbandes alter CorpSstudeuten, Dr. HanS von Hopfen, richtet im Namen vieler alter Herren zu» bevorstehenden KösenerPfiugstfeste eine Mahnung an alle activen CorpS, die auf eine Abhülfe der bei der „FuchStaufe" emge, iffeurn Mißstände hinztelt. Jener Act fei jetzt das reine Saty,spiel. „Aus dem früher vielbeliebten „FuchSstnrrn", dem Ansturm der Füchse, den F.-M (Fuchs- major) voran, über die Brücke gegen den Burgwall, der von den EorpSburfchen mir schußbereiten Lichtenhainer Sannen vertheidigt wurde, ist ein gedankenloses, humorloses und — sit venia verbo — würdelose- viermaliges Begießen der mit lakonischer Resignation in „unmöglichen Anzügen" innerhalb der Hofmauern hin und wider taumelnden Füchse der Universitäten Halle, Leipzig und Jena, au« der fidelen,
klüftigen Aktion ein mitleidig ergeben wandelnde« Dulden geworden, daS sich nicht etwa im geschloffenen Kreise der CorpSstudeuten vollzieht, sondern, einem allerneuesten Unfug zufolge, vor eine» 50 Pfg. Entree zahlenden Publikum. AuS allen Theileu Thüringens strömt eS am Samstag vor Pfingsten zu diesem billigen Ulk herbei in der biederen Ueber- zeugnng, mit den fünf Groschen, die e« dem Pächter bet Gastwirthschast auf der RudelSbnrg entrichtet, ein gutes Recht erkauft zu haben, sich nicht etwa nur in Betrachtung und Beschnnppernng der duftigen lichtenhainer FuchStaufe zu ergötzen, nein, sondern eifrigst beflissen, selbst Hand anlegend, „unseren Füchsen" auS Kannen und Eimern so viele Libationen über Kopf und Gesicht zu gießen, al« eS sich leisten kann. Wir sehen nicht nur zarte Damenpfötchen, sondern auch grobe Knotenfäuste sich hitzig an dieser „rein studentischen Feier" betheiligen, dabei sie, von aller symbolischen Deutung de- ActeS weit entfernt, nicht« anderes als eine billige „Hatz" mitzumachen überzeugt waren." — HauS von Hopfen wünscht dringend, daß eine Form gefunden werde, welche der FuchStaufe auf der „Hochburg des Kösener 8. C." wieder ein echtes und würdiges Gepräge verleiht.
• Ein neue« „wissenschaftliches" Gesellschaftsspiel. Sine neue Mittheilung deS Dr. Ferr6 an die „8ooi6tä de Biologie" hat den Anstoß zu einem neuen wissenschaftlichen Pariser Gesellschaftsspiele gegeben. Der Gelehrte hatte nämlich nachgewiesen, daß die Abdrücke der Finger und auch der Zehen mit absoluter Sicherheit den Grad der Intelligenz der einzelnen Persönlichkeiten erkennen lassen. Die in Tinte getauchten Finger auf eine runde Oberfläche gedrückt, lassen einen filigrauartigen Abdruck zurück, der für ein scharses unb geübte« Auge die überraschendsten Enthüllungen birgt. Je zahlreicher, feiner, zarter und schärfer hervortretend nämlich die Linien der Ftageroberfläche find, „nm so höher ist die Intelligenz deS JndivtdumS entwickelt." Die ,digite- mancie“ ist deshalb jetzt ein sehr beliebtes Pariser Gesellschaftsspiel geworden.
Kanst-AnssteÜana. “SÄ?;
geöffnet tagltcy. mtt NnS» «ahme des SamStag«, von 11 bi« 1 Uhr, am Mittwoch auch noch von 3 bi« 5 Uhr. So»«tau- «nnnterbroche« von 11 MB S Uhr. — Eintrittspreis für Nichtmitglieder an Werktagen 60 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.
Feuilleton.
Die Entstehung unserer UnivrrMeu.
Bon Hermann Fren-el.
(Nachdruck verboten.)
Unsere modernen Universitäten find Produkte einer jahrhundertelangen Entwickelung. Gehen wir zur ursprünglichsten Form zurück, so finden wir dieselbe in folgender ganz natürlicher Erscheinung. Irgendwo tritt ein Forscher ober Gelehrter mit neuen Ideen ober bedeutenden Kenntnissen auf und sofort schaart fich die lernbegierige Jugend um ihn, um fich der unmittelbaren Belehrung an« feinem Munde zu erfreuen, fein Beispiel auf fich wirken zu lassen und Ehre und Anregung seine« persönlichen Verkehrs zu genießen. Da nun Gleich und Gleich sich gern gesellt, so suchen auch verwandte oder ähnlich strebende Geister die Nahe de« Forschers, feine Schüler verharren, ihrerseits Lehrer geworden, an der gewohnten ober liedgeworbenen Stätte ihrer Thätigkeit, bie Menge der Lehrer zieht neue Schüler und die der Schüler neue Lehrer hinzu, vor allem solche auch entgegengesetzter Denkart, welche guten Boden für ihre Polemik suchen u. f. w., und ehe man e« glaubt, ist bie Centrale für geistige Begebungen, die Pflanzstätte für Kunst unb Wissenschaft fertig. Dem ersten Schritt folgt balb brr zweite. Durch bte große Maße ber zusammenströmenbeu jungen Leute entstehen, besonders bei Vorhandensein heterogener Richtungen, mancherlei Unzniräglichkeiten, eß erscheint nothwendig, eine bestimmte Ordnung zu schaffen, der sie fich zu unterwerfen haben. So griffen bald genug die Regierungen ein, um ersten« diese Ordnung herbeizuführen, unb zweiten«, um fich ben erfor» derlichen Einfluß auf Einrichtungen zu sichern, bereu weit- preisende Bedeutung ebensowohl darauf hinwirken ko arte, die Grundpfeiler der herrschenden Gewalt zu befestigen, al« zu untergraben. Es kam alles darauf an, erstere« zu erreichen, »ährend ber Eommune daran liegen mußte, die Vortheile dauernd zu behaupten, welche mit dem Andrang so vieler zahlungsfähiger Elemente für fie verbunden waren. Die Srkenntniß dieser Vortheile führte zur Subvention und mög- > chsten Förderung von Seiten des Staates und der Gemeinde. Andere Staaten unb Gemeinden gründeten Eoncurrenzinstitute, um fich dieselben Vortheile zu verschaffen, dadurch einen edlen
Wetteifer hervorrufend, der schließlich dazu führte, daß man tüchtige Gelehrte herbeirief unb den Lehrenden nicht nur Gehälter aussetzte, sondern auch die zur Förderung deS Studiums nothwendigen Lehrmittel, Bücher u. s. w. beschaffte.
Im Alterthum bieten fich unS Einrichtungen, die zwar anders geartet waren, die aber hinsichtlich ihrer Wirksamkeit unb in manchen anderen Stücken eine gewisse Sehnlichkeit mit unseren Hochschulen nicht verleugnen. Zunächst treffen wir in bem am weitesten vorgeschrittenen Grlechenlanb bie freie Lehre in bem oben von uns gekennzeichneten Sinne. Ein Weiser ober Forscher sammelte eine Anzahl Schüler unb Jünger um fich, er gründete eine Schule, bie fich nach ihm ober der Tenbevz seiner Lehre benannte. Spater nahm bte Verbreitung ber Wissenschaft festere unb geregeltere Formen an, auch da« staatliche Element machte bereits seinen Einfluß geltend. In ber von Alexander bem Großen gegründeten Stadt Al-xandria entstand sogar bald nach dem Tode desselben, unter ber Herrschaft der Ptolemäer, eine unter griechischer GeisteSsührung stehende, in ihrer Art einzige Hochschule, in welcher die Gelehrten auf Kosten deS Staates den Studien und der Lehre lebten. 14,000 Jünger der Wissenschaft fanden sich hier zu Zwecken de« Studium« zusammen - die berühmte Bibliothek umfaßte in ihrer blühendsten Periode 700,000 Rollen ober Bänbe. Außerdem wies die Anstalt wahrhaft großartige Lehrmittel anderer Art auf, al« da find Thier- unb botanische Gärten, Sternwarte unb ein anatowische« Thcater, „welches mit zweckmäßigen Einrichtungen zur Zer- glleberung de« menschlichen Körper- unb zum Stubium ber einzelnen Thelle unb beS inneren Baues desselben versehen war". Die „Alexandrinische Schule" genoß Jahrhunderte lang den Ruf der ersten der Welt, erst unter der Herrschaft deS Christenthum« gerieth sie in Verfall.
Die älteste Universität, deren im Mittelalter gedacht wird, ist Bologna. Schon um da- Jahr 125 n. Ehr. soll dieselbe von Theodosius dem Jüngeren gegründet worden fein. Ihr an Alter zunächst steht die Pariser, und beide, sowohl die zu Bologna wie die zu Paris, treten um die Mitte de« 12 Jahrhundert« als Mittelpunkte deS wissenschaftlichen Leben- der damaligen Zeit glänzend hervor. In Bologna blühten die juristischen, in Paris die philosophisch theologischen Studien. Bologna, mit welchem anfangs noch Ravenna und Pavia wetteiferten, zählte oft mehrere Tausende von Lern
begierigen. Bermuihltch hat sich auch in diesen Centralen der mittelalterlichen Gelehrsamkeit zuerst daS Bedürfniß nach einer strengen Regelung deS UnlverfitätSlebenS geltend gemacht. Kaiser Friedrich I. und nach ihm mehrere Päpste erwarben fich Verdienste in dieser Hinsicht, Kaiser Friedrich IL gründete bereit« (in Neapel) eine Universität, beten Leitung fast ganz in den Händen de« Staates lag, der auch die Gehälter an die Lehrer zahlte. Die freie Forschung lag freilich während dec ersten Jahrhunderte ber christlichen Weltherrschaft gänzlich darnieder. Die Dogmen der Kirche herrschten allein, alle Errungenschaften der griechischen Philosophie waren vergessen unb verloren.
Die Forschung galt als glelchbedeutenb mit Ketzerei, nur der tödtende Buchstabe herrschte, aber der Geist, welcher lebendig macht, war geächtet. Allein Zündstoff lag in Mengen ausgespeichert, denn der denkenden Geister waren genug vorhanden, welche fühlten, daß nicht alles gut war, wie e« bestand, eS fehlte nur der Lichtfunke des Prometheus, das geistige Feuer auf der ganzen Linie zu entzünden. Griechische Flüchtlinge, welche au« ihrer von den Türken unterjochten Heimarh entwichen, warfen diesen Ltchtfunken in das Abend« land. Gespannt lauschten die sterbenden Geister der halbvergessenen Weisheit, eifrig griffen fie zu den alten Bücher«, lernten die griechische Sprache und forschten emsig in den bisher fast unbeachteten Schriften nach den Schätzen ber alten Gelehrten. Und bald blühte neues Leben aus ben Ruinen der Eultur. Ueberall, aus allen Fugen, auf allen Plätzen brach baß zarte junge Grün der neuen Elkenntaiß hervor, die Zeit der neuen Morgenröthe der Menschheit begann, sie Renaissance. „Die Geister erwachen, die Wissenschaften blühen, eß ist eine Lust, zu leben," rief Ulrich von Hutten triumphirend au«. Ein Kepler, Kopernikuß, Roger Baeo, Galilei, Giordano Bruno, Huß, Petrarca und viele andere prägten der neuen Richtung ihren Stempel auf. Ein Mensch- heitsfrühling war erschienen und auch seine reinigenden Stürme fehlten nicht, die Verfolgungen der vermeintlichen Ketzer. Jndeß „fie bewegt fich doch!" die Wissenschaft trag den Sieg davon und ihre Pflanzstätten, die Universitäten, breiteten fich immer mehr auß.
(Schluß folgt.)


