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13.4.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 87 Zweites Blatt

Dienstag den 13. Avril

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Jlmte» tsitb Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

Hratisöeitage; Hießener AamitienSlätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für tat folgenden Tag erscheinenden Nummer bi« Bor». 10 M».

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Alle Lunoncen-Vureaux des In« und Auslandes nehme» Anzeigen für de»Gießener Anzeiger- entgegen.

Derrtsche» Reich.

verli», 10. April. Prinz und Prinzessin Heinrich begeben sich octBoss. Ztg." zufolge, entgegen früheren Bestimmungen, im Juni zu den Jubiläums feierlich, ketten der Königin Victoria nach Loudon.

Berlin, 10. April. Reichskanzler Fürst Hohen­lohe gedeokt Mitte nächster Woche fich nach Baden-Baden zu begeben, »m dort die Osterfeiertage zu verleben. Die Fürstin Hohenlohe beabfichtlgt am Montag nach Paris zu reisen.

Berlin, 10. April. Admiral Holl mann verabschiedete fich vor seiner Abreise heute vom Reichskanzler und den Chefs der Retchöämter, die er persönlich aufsuchte.

Berlin, 10. April. DieNordd. Allg. Ztg." meldet aus Wien: Der hiesige griechische Geschäftsträger äußerle in diplomatischen Kreisen, eS wären Verhandlungen im Zuge, welche eine friedliche Lösung der kreteustscheu Frage erwarten ließen. Zu dem spanischen Botschafter, welchen er zu der Niederwerfung des Aufstandes auf Cuba beglückwünschte, äußerte der griechische Geschäftsträger auf deffeu Frage, er hoffe, es werde ein Arrangement zur Ordnung der kretenfischen Angelegenheit möglich fein.

Berlin, 10. April. Eine wesentlich schärfere Coutrole wird jetzt von der Regierung über die aus Amerika zurückgekehrten Deutschen ausgeübt. Wie Leu Orts- Polizeibehörden durch Erlaß der RegierungSpräfidenten auf- gegeben wird, ist für die Folge in Bezug auf die Gestattung des Aufenthalt» solcher zurückgekehrten Deutschen, aus die der norddeutsche amerikanische Staatsvertrag Anwendung findet, im Allgemeioen davon auszugehen, daß jedem als Bürger der Bereinigten Staaten zurückgekehrten Wehrpflichtigen nach Lage deS Falles nur ein nach Wochen oder Monaten zu be­stimmender Aufenthalt im Lande zu gestatte» sei.

Berlin, 10. April. Der Präsident deS Reichstages, Freiherr v. Buol-Bereuberg, legte heute Bormittag 10 Uhr am Sarge des StaatSsecretarS Dr. v. Stephan einen kostbaren Lorbeerkranz mit Palmen nieder. Das eine der Bänder trug die Widmung:Dem Andenken deS Staats- srcretärS de» ReichS-PoftamtS, Staatsministers Dr. Heinrich v. Stephan. Der Präsident de» Reichstages. 8. 4. 1897." Das andere der kostbaren AtlaSbänder trug das Schriftwort: Ich bin die Auferstehung und dar Leben. Wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe."

Berlin, 10. April. Wie derVorwärts" meldet, find gestern von den dieser Tage verhafteten Social- dem oktalen der Hutmacher Karl Schultz, der Maurer

Hermann Budach und der Arbeiter Gutschke aus der Haft entlaffen worden. Desgleichen befindet .sich die Matter und Schwester des Franz Schultz wieder auf freiem Fuße. Der letztere uud deffen Bruder, sowie die weiter verhafteten Klose und Erbe befinden fich noch in Haft. ES find Schritte ein- geleitet, die Johaftirten frei zu bekommen.

Frankfurt tu M , 10. April. Wie derFranks. Ztg." aus Dresden telegraphirt wird, beschlvffen die sächsischen Cartellparteten für die bevorstehenden Landtag-Wahlen ein abermaliges Zusammengehen gegen die Social­demokraten.

Frankfurt a. M-, 10. April. DerFranks. Ztg." wird auS Metz gemeldet: DaS Kaiserpaar wird mit den kaiserliche» Kindern Anfangs Mat nach Lothringen kommen und im Schloß Urville wohnen. Der Aufenthalt soll vom 8. bis 16. Mat dauern und dabei vorauSfichtlich die Ein­weihung des Augusta-Bictoria-Gtift» in CourcelleS vor­genommen werden.

AusUn»-.

Wie«, 10. April. Bisher liegen hier noch keine directen Nachrichten über die Kämpfe au der macedovischeu Grenze vor. Man will an hiesigen maßgebenden Stellen nicht daran glauben, daß es fich um die thatfächliche Eröff­nung der Feindseligkeiten zwischen griechischen und türkischen Heereskörperu handele und meint, daß auf griechischer Seite nur Jnsurgentenbavden im Kampfe stehen, so daß die griechische Regierung die Thetlnahme ihrer Truppen in Abrede stellen könne. Wetter wird verfichert, daß die Einigung der Groß­mächte über die Blokade hrrgestellt scheint. Die Großmächte werden zu diesem Zweck ihre Geschwader im ägäischen Meere verstärken.

Prag, 10. April. Nach einer Meldung derNarodoh Listh" soll die für Böhmen erlaßene Sprachen-Orduung auch für Mähren publicirt werden.

Paris, 11. April. Der Kriegsminister Billot und General Sausster find dahin überetugekommen, daß die Festungswerke von Nancy keinen praktischen Werth haben. Die Regierung wird drShalb 21/« Millionen Francs auf­wenden, um die Festungswerke zu ergänzen.

Brüssel, 10. AP il. Der Industrie- und Arbeit-Minister erklärte gestern im Senat, er habe Untersuchungen im In- und AuSlaude angestellt bezüglich der Einführung der Sonntagsruhe in einem Theil der belgischen Industrie.

Athen, 10. April. An vier Punkten der griechischen und türkischen Borpostenltuie kam es zu Scharmützeln.

D»e Nachricht von dem Beginn der Fetnvseltgkeiteu hat hier große Erregung hervorgerufen. Die Zahl der Jusurgente» und der drei griechischen Banden beträgt 3100 Manu. Die Türken stehen zum Angriff bereit.

Ka»ea, 10. April. Havas. Ein englischer Kreuzer kaperte ein unter englischer Flagge segelnde» mit Vieh beladenes Schiff.

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* Frankfurt a. M., 9. April. Im Zoologische» Garten sind zahlreiche neue Thiere eingetroffen, darunter eines der merkwürdigsten, die heute unsere Erde bewohnen, nämlich ein Ameisenigel, jene australische Säugethierart, welche Eier legt, wie ein Bogel. Obgleich da- Thier in seiner Freiheit nur Ameisen geniest, wird eS hier im Garte» mit einem Brei aus Milch und Fleisch ernährt. Außerdem besitzt der Garten jetzt ein schönes Exemplar von Lämmer­geiern und ein neuangekommenes Guanaco- letzteres gehört zu jenen Speiteufeln, die fich gegen Drohungen und Neckerete» des Publikums dadurch schützen, daß sie dem Quäler halb zerkaute Krauter entgegenspeien. Weiter traf eine fiamefische Katze ein von jener Art, die nicht, wie unsere Hauskatzen, verschieden, sondern strtS gleich, und zwar sehr schön chocolade- braun gefärbt ist. Ferner ein Priesteraffe, wie fie in ihrer Hetmath für heilig gelten, und eine Sage der Eingeborene» auf Ceylon behauptet, daß immer fünfzehn Stück zu einem Trupp fich vereinigten und daß diese Zahl stet- betbehalte» werde.

* Frankfurt a. M, 7. April. Giebt es eine» undurch­dringlichen Pneumatte. Zwischen der Firma August Ulrich uud der Firma Theodor Jaide ist ein interessanter Streit au-gebrochen. Ulrich bringt einen Pneumatie auf de» Markt, von welchem er und der Fabrikant behaupten, er fei völlig undurchdringlich. Die Firma Theodor Jaide glaubt beweisen zu können, daß es mit den undurchdringlichen Reifen nicht wett her ist, denn fie ist im Besitze mehrerer solcher, welche schadhaft geworden find und warnte infolge deffen da» Publikum durch Annoncen vor dem so marktschreierisch ange- prtesenrn Pneumatic. ES kam nun zwischen Ulrich und Jaide zu scharfen Auseinandersetzungen, die damit endeten, daß Ulrich wegen unlauterem Wettbewerb der Staatsanwaltschaft angezeigt wurde.

THEE-MESSMER

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Feuilleton.

Dir erste Uederwintenlng im hohen Norden im Winter 1596|97.

Don Alexander Bauer.

(Nachdruck verboten.)

In Nacht und Ei»" nennt Fridtjof Nansen daS in- terrffante, culturhiflorisch werthvolle Werk, worin er die Erlebnisse der jüngsten und bisher bedeutsamsten Nordpol- fahrt in schlichter und doch überaus feffelnder Weise schildert. Unendlich find die Gefahren und Entbehrungen, welchen der k ihne RordlandSfahrer sich aussetzte. Seine auf dem Sch ffe zurückgebliebenen Gefährten hatten bisweilen da- beffere Theil erwählt, denn dieFram" war so ziemlich mit allem versehen, waS die Einsamkeit und Wwteruacht einigermaßen erträglich machen kann: mit hinreichenden Heizmatertaiien, elektrischer Beleuchtung, Instrumenten, Bibliothek, Spielen, Harmonium, Schreibmaterialien und vor allem mit Lebens­mitteln in vorzüglicher Qualität. Erstaunlich ist e» ja, was die ErnährungStechnik heutzutage bietet. Man kann jahre­lang unterwegs fein, ohne irgend eine Bequemlichkeit deS gewohnten Leben- zu vermiffen, die Kunst der Speisen-Con- iervirung versteht uns auf lange Zeit hinaus mit frischem Fleisch, Gemüse, den schmackhaftesten Suppen und Delicatefien aller Art, wo früher den armen Seefahrern nichts al- harter Schiffszwieback, halbfanleS Waffer, Hülsenfrüchte und Salz- fleisch blieben. Daher legte eine Ueberwinterung im Eise he8 Nordens den Vorfahren von Nausen und seinen Ge- jährten oft noch weit höhere Opfer auf, ganz abgesehen da- t»n, daß die damaligen Schiffe hinsichtlich ihrer praetischen und technischen Ausrüstung fich mit den wunderbaren Ictzwimmenden Palästen der Neuzeit natürlich nicht annähernd miffen konnten.

Gerade jetzt, wo der «uthige Forscher al- gefeierter G»ast zu uns kommt, dürfte es von Interesse sein, der jüngsten

Ueberwinterung im Eise deS Norden- die erste an die Seite zu stellen, von welcher die Geschichte der Polarforschung und zu berichten weiß. Der Vergleich ist um so interessanter, als auch diese erste Ueberwinterung gerade eine an Abenteuern reiche war und außerdem noch durch weiter unten zu be­richtende seltsame Umstände besondere Bedeutung erlangte. Ferner muß fich da- Ereigniß zur gegenwärtigen Zeit um so mehr unserer Erinnerung aufdrängen, weil seit demselben gerade 300 Jahre verflossen find, wir also in diesem Jahre da- 300jährige Jubiläum der ersten Ueber- winternng im hohen Norden begehen. Der Held derselben war der holländische Seefahrer Wilhelm BarentS (Bareotz, BarendSz), geboren auf der Insel Terschelltng in der Nähe von Texel. Damals begann für die eben erst vo« spanischen Joche befreiten Holländer die Epoche der Colonial- und Handelspolitik, die ihnen später zu so großen Erfolgen und Reichthümern verhelfen sollte. Bor Allem galt eS die Aufstaduog eine- Wege- nach China auf nordöstlicher Fahrt- fie suchten denselben auf den Rath de» KoSmographen PlanctuS nördlich von Nowaja-Semlj«. Barentz, ein erfahrener See­mann, wurde von einigen Kaufleuten Amsterdams mit der schwierigen Mission betraut. AIS erster Europäer erreichte er die Westküste von Nowaja-Semlja, wurde jedoch durch ungeheure Ei-maffen am weiteren Vordringen verhindert, nachdem er die Nordküste bi- zum äußersten Nordwestcap, dem Cap Naffau, erforscht hatte. Im nächsten Jahre sandten die Staaten von Holland Jacob von HeemSkerke mit sieben (nach anderen sechs) Schiffen zur weiteren Berfolgung der von BarentS gemachten Entdeckungen aus. BarentS ging als erster Pilot mit, auch diese Expedition wußte aber vor dem Eise zurückweichen und krhrte unverrichteter Sache nach Holland zurück. Die Regierung verlor infolgedeffen den Muth und glaubte genug gethan zu haben, wenn fie einen Preis auf die Entdeckung einer nordöstlichen Durchfahrt au-fetzte. Aber die Kaufmannschaft wollte die Frucht der bisherigen Bemühungen nicht verlieren und rüstete nochmals zwei Schiffe

aus, als deren Pilot Barent- fungirte. Diesmal war der muthige Seemann, welcher am 16. Mai 1596 von Amster­dam ausgefahren war, glücklicher, er entdeckte die Bäreniusel und Spitzbergen uud überschritt den 80. Breitegrad. Die Bäreninsel erhielt ihren Namen von einem Eisbär, den die Seeleute auf derselben erlegten, Spitzbergen wegen der spitzen Form seiner Berge. Bald darauf trennten fich die beiden Schiffe, daS eine unter Cornelius Rtjp kehrte um, dasjenige, auf welchem Barent» fich befand, drang weiter vor, umschiffte da- Cap Naffau und gelangte bis an die Orange-Inseln am nördlichen Ende Nowaja-SemljaS. Den Ruhm, die Nord- spitze dieser Insel umschifft zu haben, theilte der Holländer BarentS jahrhundertelang mit Niemand, erst in der Neuzeit folgte hie Forschung seinen Spuren.

Doch zurück zu ihm. An der Ostküste der Insel hinab- fahrend, fand er seinen Weg bald durch EtS versperrt, der Winter überraschte ihn, so blieb ihm nichts übrig, als mit seinen Gefährten eine Art Hafen zu suchen, wo er vom Eise eiugeschlofseu wurde und unter bittere« Mangel und bei strengster Kälte die rauhe Jahreszeit hinbrachte. Ende August begann die Ueberwinterung. Der HochbootSmann Gerrit de Veer hat uns den Bericht Über den erschütternden ver­lauf derselben hinterlaffen. Siebzehn Personen beherbergte das Schiff, vor ihnen hatte noch Niemand den Wmter dieser EiSwüsten geschaut und durchlebt. Eisscholle» thürmten fich um das Schiff auf, ein Krachen und Knacken begann, als sollte es in tausend Stücke geh^u. Aus Borficht errichtete man daher ein Zelt, in dem ein Borrath von Lebensmittel», Waffen und nothwendigen Utensilien aufbewahrt wurde. Ai­man bald darauf auf dem Lande Treibholz auf einem Flnffe mit süßem Waffer und Spuren von Ziegen und Reunthtere» entdeckte, beschloß man, daselbst ein richtige» Hau» z» er­bauen, das gegen die Kälte beffer schützte, und da- Schiff, welche» einen immer unsicherer werdenden Aufenthalt dar- bot, zu verlaffe».

(Schluß folgt.)