Ausgabe 
13.2.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 37 Zweites Blatt.

SamStag dm 13. Februar

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Der

Hieße*«r Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme d«S Montags.

Die Gießener AamitienötLiter »erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigrlegt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger Abonncmentspreisr 2 Mark 20 Pjg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition and Druckerei:

KchutstraßeAr.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend: Anlage und Prüfung von Blitzableiter».

Wir machen darauf aufmerksam, daß der Physikalische Verein zu Frankfurt a. M. in seinem Institut, Stift- straße 32, auch in diesem Jahre einen CursuS über Anlage und Prüfung von Blitzableitern abhalten wird, welcher namentlich dazu dienen soll, die betheiligteu Beamten und Berufskreise (selbstständige Gewerbe­treibende: Mechaniker, Spengler, Schlosser, Dachdecker rc., welche sich mit der Herstellung von Blitz­ableitern beschäftigen) in gemeinverständlicher Weise mit den wissenschaftlichen und technischen Grundsätzen bekannt zu machen, welche zur sachgemäßen Herstellung dauernd zuverlässiger Blitzableiter und zur sicheren Prüfung der Zuverlässigkeit derselben unbedingt erforderlich find.

Der, Unterricht findet in der Woche vom 8. bis 18. März d. I. täglich Bormittags von IO bis 12 Uhr ttttb Nachmittags vor, 3 bis 5 Uhr statt, sodaß es den in den Nachbarstädten wohnenden Interessenten ohne zu große Zeitopfer ermöglicht wird, an demselben theil- zunehmen. Zum Berständniß der Borträge find wissenschaft­liche Borkenntniffe nicht erforderlich. Das Honorar für den Unterricht beträgt 30 Mk. und ist vor Beginn de» CursuS zu entrichten.

Anmeldungen find möglichst frühzeitig au den Beiter der Elektrotechnischen Lehranstalt deS Physikalischen Verein», Herrn Dr. I. Epstein, Frankfurt a. M., Stift- stratze 32, zu richten.

Gießen, den 10. Februar 1897.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eine» Auf-

U««ahmk von Anzeigen zu der Nachmittags für de« folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Hratisöeikage: Gießener Kamitienökätter.

Alle Armoncen-Bureaux deS Ja- und Auslandes nehme« Anzeigen für de«Gießener Anzeiger- entgegen.

schlag» von Fünf vom Hundert pro Monat Januar 1897 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen:

Hafer Mk. 16,70, Heu Mk. 8,10, Stroh Mk. 4,70.

Gießen, den 10. Februar 1897.

Großherzogliche» Kreisamt Gießen.

v. Gagern.__________________

Sitzung der Stadtverordneten

am 11. Februar 1897.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi, Grüneberg und Wolff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Brück, EmmeltuS, Flett, Dr. Gaffky, Habeoicht, Haubach, Helfrich, Hornberger, Jug- hardt, Keller, Kirch, Löber, Looö, Petri, Dr. Ploch, Dr. Schäfer, Scheel, Schiele, Bogt uud Walleusels.

Bor Eintritt in die Tagesordouug gab Herr Ober­bürgermeister Gnauth Kenntmß vou einem Legate, welches der Stadt Gießen letztwillig vou dem k. k. österreichscheu Hauptmann Friedrich Heyer vou Rosenfeld in Wien zugewendet worden ist. Der Stifter ist ein geborener Gießener, und hat bestimmt, daß die Zinsen des b'.s auf 20,000 Mk. zu erhöhenden Legats vertheilt werden sollen an solche be­dürftige und würdige evangelische Stadtarmen, die in Gießen geboren find und von ebenfalls in Gießen geborenen Eltern und Großeltern abstammen. Im Falle, daß den TestamentS- bedtnguugeu entsprechende Empfänger nicht vorhanden, sollen die Zinsen so lange zum Capital geschlagen werden, bis wieder Empfangsberechtigte, die der Stadtvorstand unter Mit- Wirkung eines Vertreters der evangelischen Kirche auswählt, vorhanden find,' in besonderen Fällen kaon davon abgesehen werden, daß die Großeltern auch geborene Gießener gewesen fiad. Universalerbe deS Heyer'scheu Nachlasse» ist das ger- mantsche Museum in Nürnberg, welches den zehnten Theil desselben an Gießen auSzultefern hat. Heber die Annahme der Stiftung, die den Namen ^Friedrich Heyer v. Rosen- feld'sche Stiftung" erhalten soll, wird die Stadtverordneten- Versammlung Beschluß fassen, sobald der Nachlaß ge- regelt ist.

Das Gesuch de»HerrnJohauneSNtckelu»Erlaubniß zum Gebrauch etue» OefcheuS in seinem ArbettshäuScheu am Leihgesteruer Weg wird ausnahmsweise und widerruflich genehmigt.

Den Herren Stein & Meyer, welche an der ©arten- und Bergstraßenecke einen Neubau errichten wollen, soll aus­nahmsweise gestattet werden, die Baufluchtlinie innerhalb de» Vorgartens etwas zu überschreiten, womit gleichzeitig ein gefälligerer Abschluß deS dortigen HäuservtertelS ermög­licht wird.

Die Versammlung erklärte sich mit dem Gesuch de» Herrn Schreioermetster Hahn einverstanden, wonach derselbe daS obere Stockwerk des an der Gartenstraße zu errichtenden Neubaues in Holzcoustructiou auSsühren will.

Ausnahmsweise befürwortet wird das Gesuch von Herrn Bierbraueretbesitzer Bichl er um Erlaubniß zur Errichtung eines TribüneubaueS an der vom Gesuchsteller angelegte» Radfahrbahn.

DaS Gesuch deS Herr» Commerzienrath W. Gail um Erlaubniß zur Errichtung einer Trockenanlage im ehemaligen Koch'schen Thonwerk am Schiffenberger Walde wird befür­wortet.

Dem Gesuch der Firma L. C. Rübs amen Wwe. »m Heberlaffuug vou Lagerplätzen für KieS wird ftattgegebe». Der Platz (Wiese) in der Hohleiche soll der Gesuchstellerin sür jährlich 30 Mk., derjenige oberhalb der Lahubrücke bei der Burck'schen Mühle für monatlich 1 Mk. pachtweise über­lassen worden.

DaS Gesuch deS MänuerturuvereinS um Heber« laffung der R ealfchult urnha lle an einigen ander» al» den bereits bewilligten Abenden wird nachträglich genehmigt.

Der AbzugSeaual auf dem Brand, au» dessen mangelhafter Beschaffenheit die Stadt um Ersatzleistung für Privatschaden angegangen worden, soll durch Anlage dreier RevtfionSschächte uud vier Sinkkasten verbessert werden. Die Kosten, 480 Mk., werden bewilligt und beschlossen, de» nächsten Anlieger, Schomber, zu veranlassen, in seinem Hofe einen Schlammfang anzulegen.

Gegen die Gesuche von v. Hehner (Bahnhofstraße 48) und Albert Rahnfeld (Asterweg 12) uw Erlaubniß zum Betrieb von Schaukwtrthschaft hat die Versammlung nicht» zu erinnern, da es sich bezüglich beider Gesuche um Uebergang schon bestehender Wirthschaften handelt.

Feuilleton.

Von einer Nordlandsahrt.

Rach einem Dortrag, gehalten in der Februar - Hauptversammlung der Hection Gießen des D. u. Oester. A.-B.

(Fortsetzung.)

2. DaS Lappenlager.

Immer mehr dem hohen Norden steuern wir zu, wir erreichen den 69. Breitegrad und bald darauf Gtbostad, wo wir noch Abends nach 9 Uhr ans Land gesetzt werden, um ein ganz in der Nähe befindliches Lappenlager zu defichtigen. I» unseren Erwartungen wurden wir etwas enttäuscht, denn eS waren nur zwei oder drei allerdings zahlreiche Familien da, die ihr Lager aufgeschlagen hatten. Einfache, primitive Hütten, worin fie wohnen, einige Stangen rundum in die Erde gesteckt und mit Tüchern und Fellen umkleidet, oben offen für Licht, Lust und den abziehenden Rauch. Häßliche, kleine, schmächtige Menschen, mit Reunthierfelleu bekleidet, mit eckigen, stupiden Gesichtern, stark hervorstehenden Backen­knochen und kleinen verschmitzten Augen. Sie bieten selbst­verfertigte Sachen, meist aus Rennthiergeweihen hergestellt, feil, und verstehen sich sehr gut darauf, die Besucher zu übervortheilen. Am besten gefiel mir eigentlich ein V/2 Jahre altes kleines Kind, welches fie sehr herauSgeputzt hatten. E» sah gelungen auS, das kleine Ding, tu seinem mit bunten Bändern verzierten Pelzröckchen und Mütze. Die kleinen Aermchen hatte es um der Mutter HalS geschlungen und guckte mit seinen Hellen Aeugelchen munter in die Welt hinein. Wir hatten schon die Geduld verloren und ver­schiedene Herren uud Damen befanden sich schon auf dem Rückweg nach dem Schiffe, als eS ihnen endlich gelungen war, von weit her eine Heerde von etwa 100 Renuthieren in eine Umzäunung herdetzurreiben, in der wir die scheuen Thiere besichtigen konnten. Die Rennthiere find der ganze Reichthum der Lappen-Familien. Sie essen deren Fleisch, trinken die Milch, benutzen daS Fell uud Geweih und ge­brauchen fie auch als Zugthiere; es gibt Familien, die Hun­derte von Rennthieren ihr eigen nennen. Ich muß sagen, I

daß die Besichtigung dieser Heerde mit der interessanteste Theil deS ganzen Lagerbesuches war.

In Giboftad und schon vorher ist die Vegetation wieder wesentlich reicher uud üppiger. OefterS fieht man Birken- Wäldchen, jedenfalls ist die Küste durch die vorgelagerten Lofoteninseln vor rauhen Winden mehr geschützt, auch soll die Einwirkung des warmen Golfstromes viel ausmachen.

S. Hammerfest.

Ich hatte so gut geschlafen, daß ich vou dem Anlegen vor Tromsö, wo wir den Lootsen für Spitzbergen au Bord nahmen, nichts gemerkt hatte. Um 8 Uhr begab ich wich auf Deck. Heller Sonnenschein liegt auf See und Bergen und eS ist wieder wärmer geworden. Die Landschaft, an der wir vorüberfahren, wird großartiger. Hohe Berge, viel mit Schnee bedeckt, dessen Grenze immer weiter herunter­rückt, sowie große prachtvolle Gletscher zeigen sich dem Auge. Ein großer, stark besetzter Tourtstendampfer begegnet uns uud wird mit Flaggenzeichen und Tücherwinken begrüßt. Kurz darauf fahren wir an dem DampferErling-Jarl" deS CaPttänS Bade vorüber, der mit feiner aus etwa 80 Per­sonen bestehenden Reisegesellschaft von einem 14tagigen Auf­enthalt auf Spitzbergen zurückkommt. Der Dampfer ist entschieden kleiner als der unserige; ängstliche Gemüther find dadurch einigermaßen beruhigt. Auch der DampferNeptun", mit dem König der Belgier an Bord, begegnet uns.

Um 2 Uhr Mittags haben wir Hammerfest in Sicht, was wir bald erreichen. Beim Aukerwerfen Pasfirt ein kleines Malheur, indem einem jungen Matrosen durch den Bruch einer Welle an der Vorrichtung zum Herablassen der Dampfbarkasse eine Zehe zerquetscht wurde- derselbe muß in Hammerfest tu ärztlicher Behandlung bleiben.

Hammerfest, die nördlichste Stadt der Welt, unter dem 71. Breitegrad liegend, macht einen sehr guten Eindruck, einen weit besseren wie da» größere Bodö. Bedeutender Handel muß hier sein, denn e» liegen eine große Anzahl Schiffe, be­sonders russische, i« Hasen, auch deuten die zahlreichen neuen und schönen Wohn- uud Lagerhäuser auf die Wohlhabenheit der Bewohner. Hammerfest, wo im Winter Über 2 Monate Nacht herrscht, hat elektrisches Licht, Post »nd Telegraph. Wir besteigen die nächste Höhe, um einen Blick über die

I Stadt und ihre Umgebung zu haben. Ein eigenartige» Land- schaftSbild: unter nn» die kleine, freundliche Stadt, am weite» Fjord gelegen, rundum graue Berge und Felsen, hier nutz da mit kurzem, dürftigem Gras oder MooS oder dicht ae der Erde htnkriechendem Btrkengeftrüpp überzogen, weit und breit kein Baum, nicht» wie ödes Gestein- doch die alles belebende Sonne wirft ihr Licht darüber hin und gibt bem Ganzen ein freundliches Aussehen.

Äun statten wir der eine halbe Stunde von Hammerfest errichteten Meridiansäule einen Besuch ab und befichtigen bann bie Stadt selbst und eines ber großen kaufmännischen Lagerhäuser. In großer Halle find bie Felle von Renn- thieren, Wallroß und Seehunden aufgestapelt, während die sehr werthvollen Eisbärfelle in Fässern verpackt zum Versandt bereitliegen. Im Hofe stehen große Bütten, gefüllt mit Leber vou Walfisch und Dorsch zur Thranbereitung uud ver­breiten nicht gerade den besten Geruch. Wir hatten auch daS Vergnügen, zwei junge Eisbären zu sehen, in ihren Käfige« im Hofe aufgestellt. Dieselben waren auf Spitzbergen ge­fangen worden und für den zoologischen Garten Londons bestimmt.

Unser Schiff, das Kohlen einladen muß, kann erst gegen 12 Uhr Abends abgehen- die ganze Gesellschaft begibt sich nach dem Diner nochmal» an» Land und eS entwickelt sich in ber Hauptstraße ber Stabt ein rege» Treiben. SS ist unterbeffen noch ein norwegischer Touristenbampfer angelangt, sowie ein englisches Schiff, welche» mit einer großen Reise­gesellschaft vou Vabsö von ber Beobachtung ber Sonnen- finsterniß kam. Wie wir hören, hat Weber diese Gesellschaft, noch die wissenschaftliche Expedition, die zu diesem Zwecke »ach Badsö gegangen war, wegen des bewölkten Himmel» von der Finsterntß etwas gesehen, während wir so großes Glück hatten. Einige Herren von unß haben sich in einem Pelz­geschäft hohe, bis an die Knie reichende, aus Rennthierfells« gefertigte Pelzsttefel gekauft und ftolztren darin in do« Straßen Hawmerfests herum, zum Gaudium der Bewvhner. Erst gegen 1 Uhr, al» ich längst im Bette liege, geht baß Schiff ab- es ist vollstänbig Heller Tag.

(Fortsetzung folgt.)