Ausgabe 
12.12.1897 Viertes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Prinz Heinrich von Preußen hat sich bereit« von den ihm nahestehenden Personen verabschiedet, und e« ist als ein freud'g zu begrüßendes Ereigntß aufzvfaffen, daß er dabei auch des alten HüterS deutscher Ehre, de« Altreichskanzler« gedacht und diesem einen Abschiedsbesuch abgestattet hat. Eine poli­tische Bedeutung hatte die Bifite wohl kaum, da bekannt ist, welche Sympathie der Bruder unseres Kaisers für den Fürsten BiSmarck von jeher gehegt hat.

Die vom Präfideuteu der Bereinigten Staaten von Nordamerika au den Congreß gerichtete Botschaft ist im Allgemeinen tu Europa freundlich ausgenommen worden, da der Ton gemäßigt und besonnen ist. Auch Spanten kann mit dem Inhalt der Botschaft zufrieden sein, wenn auch jetzt einzelne Schreier tu Madrid Protest erheben gegen die Haltung der Union in der Lubafrage. Ausdrücklich erkennt Mae Kinley an, daß e- unklug und unzulässig fei, der spautscheo Regierung die Aufgabe, die Antilleninsel zu pae.fieiren, durch fremde Eingriffe zu erschweren. Die wichtigsten Stellen der Botschaft beziehen sich auf die wirthschaftlichen Fragen, auf daS EtnwanderungSwesen und das Währungssystem. Da w»r au dieser Stelle aber darauf nicht näher eiogeheu können, so müffep wir uuS eine ausführliche Besprechung vor- behalten.

In Italien ist die MioisterkrifiS noch nicht erledigt, doch steht es jetzt fest, daß der radikale Zanardelli in das Eabivet eiutritt und daß BtScontt Benosta das Portefeuille des Aeußeren behält. Vorläufig find die Kammerverhand- lungeu ausgesetzt worden, bis Rudtut mit der EabtuetSbildung fertig ist.

Die vom Frhrn. v. Gautsch eingeletteten Verhandlungen, um die Parteien Oesterreichs einander näher zu bringen, find gescheitert, so daß an eine Wiederaufnahme der Parla» meutSsesfiou vorläufig nicht zu denken ist. Nun beginnt auch, wie wir bereit- früher ganz richtig vorauSgesagt haben, in Ungarn die Obstruktion im Abgeordnetenhause- man will die AusgletchSprovtsortumS Vorlage mit allen Mitteln bekämpfen, weil fie in Oesterreich nicht unter Mitwirkung des Parlament« zu Staude kommen kann.

Sowohl im Senat wie in der Kammer ist in Frank- reich die DrehfuS-Angelegenhett zur Sprache gekommen- in beiden Parlamenten hatte die Regierung einen Erfolg zu verzeichnen. Die Affatre Esterhazy geht ihrer Entwickelung entgegen und dürfte in ihrem wetteren Verlaufe noch häufiger Anlaß geben, auf die Berurtheilung des EapttänS DrehfuS zurückzukommev.

In ganz Europa herrscht jetzt Friede. Selbst im Süd. osten unsere« Welttheil« stehen fich nun nicht wehr Griechen und Türken mitGewehr bet Fuß" einander gegenüber. Der Frtedeu«vertrag ist abgeschloffen und dürste nunmehr baldigst in Wirksamkeit treten. (xx)

<o«xU« *«6 protHniicOt*

Gießen, den 11. December 1897.

** Zur Netchltagö-Statißik. Die ortSanweseude Be völkerung der Wahlkreise des Großherzogthum« Hessen für die Wahlen zum Reichstage betrug am 1. De- cember der Jahre

b r1875

1880

1885

1890

1895

im Wahlkreis

95,739

100.307

101,604

104,232

107,210

I Gietzen,

78,931

83 094

82,122

83,151

86,030

II Friedberg,

80,044

81,876

79,998

79,249

78,992

III Alsfeld,

105,627

114,584

120,063

128,870

140,731

IV Darmstadt,

124,766

132,277

137.068

145,445

154,967

V Offenbach,

103,717

109.806

105 920

104,935

106 621

VI Elbach.

91,177

97,513

93 848

103,044

108,822

115,694 VII WormS,

88.994

95 504

97,601

99 452 VIII «innen.

115,173

123 035

131 298

140,578

149,319

ix Mainz,

884,218

936,340

956,611

992,883

1,039,020

Da nach § 6 des RetchSragSwahlgesrtzeS aus durchschnitt­lich 100,000 Seelen ein Abgeordneter kommt, so hätten so­mit die hesfischen Wahlkreise I (Gießen), IV, V, VI, VII und IX die gesetzlich vorgeschrtebene Seelevzahl überschritten und würde eine neue Wahlkreir-Eintheilung für daS Groß­herzogthum mehr Abgeordnete al« seither ergeben.

Kosten der Fortbildungsschulen. Au« Starken­burg wird den ^Neuen Hess. BolkSblättern" geschrieben: Die Stadtverordnetenversammlung zu Offenbach erhöhte dieser Tage daS Stundenhouorar für die Ertheilung des Unter- richtS an der obltgaiortscheu Fortbildungsschule auf 2,50 Mk. Nach den bestehenden Gesetzesbestimmungen ist daS Minimum des StundeohonorarS auf 1 Mk festgesetzt. Die meisten Gemeinden verharren mit hartnäckiger Zähigkeit auf diesem Min^malsotze. Biele aber hielten schon längst eine bessere Vergütung für angezetgt und ließen au« freien Stücken mit­

unter bedeutend höhere Honorare eivtreten: Der Betrag von 2,50 Mk. wurde iod ffen unseres Wissens nur tu den größeren Slä"teu bewilligt, nirgends jedoch überschritten. Eine wettergehende Erhöhung wurde auch von den Lehrern nirgend« angestrebt. In den größeren Landgemeinden wird meisten« 1,50 Mk. per Unterrichtsstunde vergütet. Allerdings mußten gar manche derselben durch die VerwaltungSkörper- schäften zu diesem Satze verurtheilt werden. Dagegen müssen fich die Lehrer in kleineren oder finanziell weniger günstig fituirten Gemeinden, trotz der gleichen Arbeitslast, noch wie vor mit dem Mindestbetrage von 1 Mk. begnügen. Die im Prinzip bereits beschlossene Uebernahme der Fortbildungs­schulkosten auf die StaatSkoss- stellt hoffentlich auch in dieser Beziehung den erwünschten Ausgleich her.

Gruaberg, 8. December. An dem von der Steno­graphen-GesellschaftGabelsberger" zu Gießen mit de« 1. ds. MrS. hier eröffneten CursuS betheiligeu fich 19 P-rfonen.

Keffelbach, 8. December. Mit Beginn dieser Woche er- öffnete die Firma C. Ranft & Cie. zu Grünberg in uuserm Orte eine Etgarrenfabrtk. BlS jetzt find 15 Arbeiter darin beschäftigt- doch ist Aussicht vorhanden, daß fich die Zahl derselben in Laufe de« Winters noch bedeutend er­höben wird.

Vermischtes.

* Wiesbaden, 9. D cember. Ein schrecklicher Uv g lückS- fall ere'gu'te fich gestern Abend zwischen 5 und 6 Uhr auf der Bletdenstädter Chaussee. Mit einem Fuhrwerk hatten der Fuhrmann FuchS und der Schreiner Hrch. L'ckoerS Ehristbäume auS de« Walde geholt. Es begann dunkel zu werden, als fie die Heimfahrt antraten. In der Dunkelheit machte plötzlich, während der Fuhrmann Fuchs, ohne einen Zügel in der Hand zu halten, auf der Deichsel stand, daS Pferd einen Seitensprung. Dabei stürzte es in den kaum meterweit entfernten Graben und riß die ganze Fuhre mit fich in den dort fließenden Bach. Der Fuhrmann FuchS, der zwischen Pferd und Karre gerathen war und wahr scheinltch erdrückt wurde, war sofort tobt, ebenso da» Pserd. Glücklicher ging eS dem Schreiner Lickoer-, der in weitem Bogen zur Erde geschleudert wurde und mit vier zerbrochenen Rippen davonkam. Der getödtete Fuhrmann FuchS war seit Kurzem verheirathet.

Altona, 10. December. In dem Civil-Proceß deS Oberförsters Lange gegen den Fürsten BiSmarck e« handelt fich um eine höhere PenfionSforderung Langes schlug Rechtsanwalt Schwendt den Grafen Wilhelm BiSmarck und den Hauptmann a. D. Sch'llwitz als Zeugen vor­eventuell beantragte er, dem Beklagten einen E d zuzuschiebrn. Rechtsanwalt Dücker, der Vertreter BiSmarckS, beantragte Abweisung der Klage und erklärte, der Fürst wolle beeiden, daß 1877 keine Abmachungen über dte Peofion getroffen worden seien. Der Beschluß des Gerichtshofs erfolgt in acht Tagen.

Pari«, 10. December. Seit etwa 8 Tagen wurde im Bezirke von BicZtre innerhalb der Bannmeile von Paris daS Verschwinden eines Kaffaboten Lamarre bemerkt. Gestern wurde ein Ehepaar Carrara, daS eine Chawpignonzüch- terei betreibt, unter dem Verdachte der Ermordung LamarraS ver­haftet. Die Frau CarraraS legte ein vollkommene« Ge stäodniß ab. Sie sagt aus, daß ihr Mann den Kasseuboten in dem Augenblicke, als er einen W.chsel präsentlrre, mit einem Wagendrücker erschlug. Sodann hätten fie beide den Leichnam zur Nachtzeit in einen riefigen CokSofen, der zur Erwä'mung der Pilzzuchtanstalt dient, verbrannt. Lamarrr hotte, als er ermordet wurde, die Summe von 26000 Frs. bei fich.

* Tem Beispiel bei SmirS von Afghanistan, der eine englische Dame zu seiner Hofärztin ernannt hat. ist nunmehr auch der Kaiser Meoelik von Abessinien gefolgt, indem er fich eine junge Schweizerin von der Univerfität Zürich, eine promovirte Medizinerin, nach Ababa verschrieb, damit fie künftighin die dunkle Herrscherfamilie vorkommenden Falles in Behandlung und medizinische Obhut nähme. Die Wahl deS abessinischen Monarchen soll auf den Rath zmückzuführen sein, bm ihm der in MenelikS Diensten stehende Schweizer Ingenieur Jlg gegeben hat. Die junge Aerztiv ist bereits nach Abessinien abgereist.

Wie Geldgeschäfte mitunter gemacht werden, zeigt die Verhandlung, die am 7. November die 1. Strafkammer des Landgerichts I in Berlin beschäftigte. Unter der Anklage des wiederholten Betruges, bezw. der Hehlerei standen Lieutenant

d. R. Alfted Dittrich, dessen Mutter Wittwe Marie Dittrich, der Lieutenant a. D. Adolf L eckh und der Pferde- Händler Hermain Dietel. Der j.tzt erst 21 Jahre alte Angeklagte war Offizier beim 95. R giment in Gotha. Er hatte von großmütlerlicher Seite ein Vermögen von 16000 Mk. und erhielt von ferner Mutter einen monatlichen Zuschuß von 100150 Ml., die von dem Cap tal bezahlt wurden, kam aber mit seinen Einkünften nicht aus, stürzte fich vrel- mehr rn Gotha in Schulden und nahm bei verschiedenen Personen Darlehen auf. Im Decemb r 1896 brauchte er wiederum Geld und wandte sich an den Lieutenant a. D. Beckh der Geldoermittelungs-Geschäfte berufsmäßig betreibt. Dieser rieth rhm, Pferde und Wogen zu kaufen und diese dann zu verkaufen bezw. zu verleihen. Drttrich kaufte denn auch von einem H rrn Heymann Pferd und Wagen für 4000 Mk., stellte Wechsel dafür au« und brachte beides sofort zu einem Herrn Schctlek, der 800 Mk. dafür lieh. Es wurde abgemacht, daß Dittrich das Rückkaufsrecht bi« auf drei Monate behalten solle, die Futterkosten wurden gleich abge­zogen Bekh erhielt 100 Mk., so daß Dittrich V rpstichtungen in Höhe von 4000 Mk. übernahm und nur 500 Mk. dafür in die Hände bekam Von den Wechseln sind 2000 Mk. bezahlt worden. Im Januar und Februar brauchte D. wie­derum Geld. Er hatte p ötzlich die grandiose Idee gefaßt, mrt mehreren Cavallene-Offizieren einen Rennstall zu b. grün­den, trat in Unterhandlung mit Geldvermittlern, fpecieU mit Beckh, und schickie diesem Blanko-Accepte in Höhe von 6000 Mk. Beckh erklärte ihm, daß er auf solche Accepte kein Geld be­folgen könne, und nun entwickelte sich ein wahrer Ratten- könig von Pferdekäufen und Umtauschgeschäften, so daß Nie­mand, am allerwenigsten Dittrich selbst daraus klug werden konnte. Die Schulden wuchsen ihm über den Kopf; fein kleines Vermögen war schon längst für seine militärische Aus­bildung ausgebraucht worden, und es kamen nun die Augen­blicke, wo er verzweifelte Briefe an Beckh schrieb und darin mittheilte, daß er bezahlen oder den Rock lassen müßte. Beckh gegenüber hatte er so getyan, als ob er eine Erbschaft in Höhe von 83 000 Mk. zu erwarten habe, und daß seine Mutter die tatsächlich nichts besitzt und sehr bescheiden leben mußte eine wohlhabende Frau sei. Diesen Ein­druck will auch Beckh bei seinen persönlichen Unterhandlungen mit der Mutter bekommen haben. Die Mutter habe viel von ihren reichen Verwandten in Bayern, von verschiedenen Hypotheken, die sie besitze rc., gesprochen. Am 18. April mußte Dittrich seinen Abschied nehmen, well sein Oberst von Rex mit dem Ehrengericht drohte. Em Theil seiner Schul­den wurde durch eine Tante beglichen, einen anoeten Theil nahm er mit nach Berlin. Hier sind dann die drei Betrug«- fälle inscenirt worden, die zur Anklage stehen. Er hatte von dem Angeklagten Dietel ein Pserd gegen Wechsel in Höhe von 1700 Mk. gekauft, welches er alsbald für 250 Mk. weiter verkaufte. Dietel vermittelte nun eine Verbindung zwischen Dittrich und dem Hofwagenfabrikanten Zimmermann, der ihm an zwei hintereinander folgenden Tagen je einen Wagen auf Wechsel verkaufte. Der erste Wagen im Werthe von 2400 Mk. ist sofort zu Dietel gebracht und dann an Beckh, der allerlei Abrechnungsforderungen geltend machte, weiter verkauft worden. Der zweite Wagen im Werthe von 1200 Mk. ist denselben Weg gegangen und hat glücklich 200 Mk. gebracht. Wenige Tage nach diesen Käufen hat Dittrich noch einen Wagen für 2500 Mk. ---diesmal

beim Hofwagen-Fabrikanten Steinmetz gekauft, der gleichfalls schleunigst versilbert werde. Die Mutter Dittrich wird beschuldigt, bei dem letzten Geschäft falsche Vorspiege­lungen gemacht zu haben Steinmetz hatte Interesse daran, vor Abschluß des Geschäfts die Bürgschaft der Mutter ein- zuholen, und bei dieser Gelegenheit soll tiefe noch immer so gethan haben, als ob sie eine wohlhabende Frau fei und einer reichen Osfijierssamllie angehöre. Beckh und Dietel sollen bei den Wagenkäufen falsche Angaben über die Person de« Dittrich gemacht, ihn al« solventen, activen Offizier rc. be­zeichnet und die Einlösung der Wechsel in sichere Aussicht gestellt haben. Sämmtliche Angeklagten befreiten ihre Schuld. Um 9 Uhr Abends verkündete der Vorsitzende Landgerichts­rath Ziehm das Urtheil dahin, daß der Angeklagte Dittrich wegen Betruges m drei Fällen mit 1 Jahr 3 Monaten Ge- fängniß, wovon drei Monate durch die erlittene Untersuchungs­haft als verbükt zu erachten, die Wittwe Dittrich wegen Beihilfe zum Betrüge mit einer Geldstrafe von 300 Mk., der Angeklagte Dietel wegen Beihilfe zum Betrüge in zwei Fällen mit drei Monaten Gefängniß und der Angeklagte Beckh wegen desselben Vergebens, sowie wegen Hehlerei in drei Fällen mit 1 Jahr 9 Monaten Gefängmß zu bestrafen seien.

». MeyerhofF & Goslar, Giessen. l-h 9.

WEIHNACHTS-AUSVERKAUF!

Um dem pp. Publikum Gelegenheit zu bieten, seinen Weihnachtsbedarf billig zu beschaffen, veranstalten wir vom 1. bis zum 24 December Ausverkauf LV zu bedeutend herabgesetzten Preisen!

Kleiderstoffe!

Reinwollene Kleiderstoffe, doppelbreit, Meter von 60 Pfg. an,

Kalöwolleve Kleiderstoffe, doppelbreit, Meter von 40 Pia. an,

Aanmwoll. Kleiderstoffe, Mir. von LS Pfg. an.

Herrenstoffes

BncksLin und Kosenstoffe per Meter 1,50 Mk., 2.50 Mk., 3. Mk., 3.50 Mk. bis zu den feinsten.

- ____________________________________________

Manuf actur waaren s

Leinen, Kalbkeinea, Aettzenge, Kischzevgt, Hardinea, Pettcolter, Klaaelle, Aett- und FischdeLen, Keppiche, Vorlagen, (Handtücher, Servietten u. s. w.

Um zu räumen verkaufen unter Einkaufspreis:

BuckSkiu Koabenanzüge von 2 Mark an, H Kuabeu-Paletots und -Havelocks von 3 Mark an, II Buckskin-Joppen von 3 Mark an,

» Herreoavziigc , 8 , g ......8 . , | £ofen , 8 , ,

Jaquets, Cäpes, Mäntel und Räder zu jedem annehmbaren Preis!!

Wer Geld sparen will, lasse diese Gelegenheit nicht nobeoützt vorüber,ehen.ae*^*^*

10871