Ausgabe 
12.9.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 2U Erstes Blatt Sonntag den 12. September

Der £it(ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener KamirienölLlter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelrgt.

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» OlAHttftfiCrt Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« -

folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr. t-e ^UlHllIcniHUllCl. Anzeigen für denGießener Anzeiger" mtgeye.

Amtlicher LtzeiL.

Gefunden: 1 gold. Ring, 3 Portemonnaies mit In­halt, 1 Cape, 1 Umhängetuch, 1 gestrickter Kinderschuh, 1 Filzhut, 1 Säckchen mit alten Kleidern, 1 Markttasche, 1 Spazierstock, 1 Gummiball und 1 Peitsche.

Zugelaufen: 1 schottischer Schäferhund.

Gießen, den 11. September 1897.

Großherzoglicher Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.

Politische Wochenschau.

DaS Ausland hat in letzter Woche unsere Aufmerksam- feit im Allgemeinen wenig in Anspruch genommen. Im Orient stehen die Angelegenheiten noch immer auf dem alten Fleck. Den optimistischen Meldungen, daß der FriedenS- fchluß unmittelbar bevorsteht, braucht man keine große Be­deutung beizumessen, da derartige Nachrichten schon zu oft verbreitet waren, sich aber niemals bewahrheiteten. Griechen» land ist anscheinend vollständig geknickt und läßt Alles über sich ergehen, wie ja auch nicht anders zu erwarten war. ES «ntläßt nach und nach die Reserven, denkt also wahrscheinlich -ar nicht mehr an eine Fortsetzung deS Kampfes, ebenso­wenig wie eS der Controlle feiner Finanzen, soweit die Zahlung der Kriegsentschädigung in Frage kommt, einen ernstlichen Widerstand entgegensetzt.

Bon dem indischen Aufstande verlautet nicht viel, die Engländer sitzen natürlich auf sehr hohem Pferde, ob­gleich sie Ursache hätten, sich einiger Besorguiß hinzugeben, vorläufig machen sie dem Emir von Afghanistan ihre Cornpli- wente, um ihn für sich günstig zu stimmen.

Wie die Franzosen über die letzten Ausführungen der russischen Presse denken, läßt sich noch nicht beurtheilen, da die Pariser Blätter sich noch immer sehr reservirt ver­halten. Ein großer Optimismus ist ja den Herren an der Seine eigen, deshalb werden sie vorläufig noch gar nicht für möglich halten, daß eS mit der russisch - französischen Allianz nur sehr windig auSfieht und sie von ihrem Ber- LÜndeten an der Newa nicht viel zu erwarten haben. Groß; Enttäuschung werden sie auch durch die Vorgänge in Hom­burg erfahren haben, da sie immer noch gehofft hatten, Italien dem Dreibund zu entfremden.

In Oesterreich haben die Dinge noch keine Klärung erfahreu - vorläufig hat Graf Badeni immer noch Ober­wasser. Hoffentlich tritt bald ein Rückschlag ein, damit die Deutschen wieder die Ueberzeugung gewinnen, daß fie den Ezechen uud den anderen Nationalitäten gleichberechtigte Unterthanen deS Kaisers Franz Josef find.

Gehen wir in unserer Rundschau nunmehr zu Deutsch­land über, so warKrieg 'm Frieden" die Losung dieser Tage. Nach den großen Paraden deS bayerischen Arrnee- corpS begannen die Kaisermanöoer, welche am Freitag ihr Ende erreichten. Man war versucht, sich in den Sommer deS Jahres 1866 zu versetzen, wenn gemeldet wurde:Die Bayern haben diese oder jene Position verloren- oderdie Westarmee dringt siegreich vor" u. s. w. An der Seite deS Kaisers nahm sein Verbündeter, König Humbert von Italien, au den Manöver» Theil. Selbstverständlich hat der Besuch, welchen daS italienische KönigSPaar in Deutsch­land obstattete, die gebührende Würdigung der Presse deS In- und Auslandes gefunden und ist je nach der Partei­stellung beurtheilt worden. Ziemlich einstimmig ist man aber d Ansicht, daß der Dreibund durch die Zusammenkunft der Selben Herrscher eine weitere Stärkung erfahren hat. Die in Homburg auSgetauschteu Toaste können übrigens als eine Mahnung nach Frankreich hin angesehen werden, sich durch die verkündete Allianz mit Rußland nicht zu Unvorsichtig- leiten hinreißen zu lassen- man möge sich in Pariser chauvi­nistischen Kreisen immer vor Augen halten, ouS welchen Gründen der Dreibund errichtet worden ist, und daß der­selbe Bestimmungen enthält, welche eine einzelne Macht vor Urbergriffeu einer Vereinigung von Mächten schützen. Und ,och steht der Dreibund fest, noch sehen die drei Staaten ihr Heil in demselben, so daß an eine Auflösung vor der Hand nicht zu denken ist.

Allgemein hatte man angenommen, daß während der Homburger Festtage eine Klärung in unserer innerpolitischen Situation eintreten werde. DaS war aber eine Täuschung. Freilich konnte vorauSgesehen werden, daß dem Kaiser kaum die Zeit bleiben werde, in Homburg eine so wichtige Ent­scheidung zu treffen; die Anwesenheit deS italienischen Königs- paareS sowie die Theilnahme an dem Manöver mußten die Zeit des Monarchen vollständig ab'orbiren. Die Krise besteht

also weiter, wenn es auch neuerdings heißt, Fürst Hohen­lohe habe sich bestimmen lassen, seinen Rücktritt zu vertagen. Der Schwierigkeiten, mit denen der Fürst zu kämpfen haben wird, sind zu viele, als daß er gesonnen sein könnte, die Bürde seines Amtes noch auf längere Zeit zu tragen, lieber den etwaigen Nachfolger und die in dieser Beziehung ge­nannten Namen an dieser Stelle Betrachtungen anzustellen, erscheint überflüssig.

Einen sehr breiten Raum in unserer TageSpresse haben dieGlossen" des Fürsten BiSmarck eingenommen über die Konservativen, und die letzteren haben die Keulenschläge deS Altreichskanzler« gewiß schwer empfunden. Was er da den Sprossen der Edelsten der Nation nachsagt, hat bisher kaum der rötheste Demokrat zu behaupten gewagt. Aber der Alte nimmt eben kein Blatt vor den Mund und schont selbst feine früheren Freunde nicht, die ihm doch so oft Weihrauch gestreut haben. DaS ist aber so der Lauf der Dinge:Heute roth, morgen tobt". (xx)

Deutscher Reich

Darmstadt, 10. September. AuS Friebb erg wirb telegraphisch gemeldet: Ihre Königlichen Hoheiten der Groß­herzog und die Großherzogin fuhren heute früh mit Gefolge nach Ober-Wöllstadt, stiegen dort zu Pferde und ritten zu dem Manöver. Nach der Rückkehr von dem Manöver führt ein Sonderzug die Herrschasien heute Nachmittag nach Egelsbach. Von dort begeben sich Allerhöchstdieselben nach Jagdschloß WolfSgarten, wohin nunmehr die Großberzogltche Hofhaltung wieder verlegt wird. Gestern Nachmittag empfingen Ihre Königlichen Hoheiten den Provinzialdtrector Freiherrn v. Gagern nebst Frau Gemahlin und Fräulein Tochter.

Berlin, 10. September. Nach der im ReichS-Eisenbahn- amt aufgestellten Nachweisung der auf deurschen Eisen: bahnen ausschließlich Bayerns im Monat Juli d. I. vorgekomwenen Betriebsunfälle waren zu verzeichnen:

Entgleisungen auf freier Bahn 10 in Stationen 26 Zusammenstöße auf freier Bahn 1 in Stationen 17 sonstige Betriebsunfälle _______173

zusammen 226

Die Betriebslänge betrug 39670 Kilomerer, an Zug- kilvmetern wurden geleistet 29 985964, sodaß je ein Unfall auf 176 Kilometer Betriebslänge oder auf 132681 Zug­kilometer entfällt.

Bei den Unfällen wurden: getödtet verletzt

Reisende 9 33

Bahnbeamte und Bahnarbeiter;im Dienst 39 95

Poft-, Steuer-, Telegraphen-,Polizei Beamte rc.

im Dienst 6

fremde Personen, einschließlich der nicht im

Dienst befindlichen Beamten und Arbeiter, aber ausschließlich der Selbstmörder 12 20

zusammen 60 154

Arr-laud.

Wie«, 9. September. Officiell wird die Meldung des Fremdenblatts, daß der ReichSrath zum 22. September einberufen ist, bestätigt.

Wolff« telegraphisch«« Corresponbenr-Burean.

Berlin, 10. September. Das Militärwochenblatt meldet: Prinz Ludwig Ferdinand von Boyern ist zum Chef des 3. schlesischen Dragoner-Regiments Nr. 15 und Herzog Karl Theodor in Bayern zum Chef deS Dragoner-Regi- ments Manteuffel (5. Rheinisches) ernannt worden.

Homburg v. b. H., 10. September. Vier Armee-CorpS der Ost-Armee überschritten die Difileen bei Friedberg, Karben und Vilbel und griffen die auf den Höhen von Ober- Erlenbach bei Homburg stehende Westabtheilung an. DaS linke Flügel-CorpS versuchte eine Umfassung des Feindes, wurde aber durch einen Vorstoß von Seiten der West­abtheilung wieder gegen Vilbel zurückgedrängt. Nun befahl Se. Majestät der Kaffer der Cavallerie, etnzugreffen. Die gesammten Cavallerie-Massen der Ost-Armee (zwei Divisionen) vollführten eine großartige Attacke gegen das Centrum der Westabtheilung. Die Schützenlinien, die Reserven und die Artillerie wurden durchbrochen. Der Feind mußte seine Stellung räumen, hinter der Cavallerie verfolgten zwei ArmeecorpS tambour battant die zurückgehenden Westtruppen.

Auch der rechte Flügel des FeindeS mußte sich nun vo« Homburg zurückztehen. Die beiden ArmeecorpS auf de« rechten Flügel der Ostarmee verhinderten daS Entweichen des Feindes noch Norden zur Haupt Westarmee. Die West­abtheilung wurde infolgedessen gegen den Taunus geworfen. Ganz zum Schluß brachte ein nochmaliger Cavallerie-Angriff die letzten Abtheilungen deS Feindes, welche bei Ober-Erlen­bach Stand zu halten versuchten, zum Weichen. Dem Manöver wohnten auch Ihre Majestäten die Kaiserin und die Königin von Italien, in einem Wagen fitzend, bei, ferner der König von Italien und König Albert von Sachsen zu Pferde, ebenso Prinz-Regent Luitpold von Bayern.

Homburg, 10. September. Der König von Sachsen reiste Abends 8 Uhr hier ab.

Köln, 10. September. Die letzttägigen andauernden Regenfälle im Flußgebiete des Rheines und der oberen Nebenflüsse desselben haben ein nicht unbeträchtliches Steigen des Wasserstandes veranlaßt. Der Rheinpegel steht heute früh 7 Uhr bei Köln 4.88 Meter, gegen gestern Abend 7 Uhr 34 Centimeter Zunahme. Von der Mosel nnd der Saar, welche vielfach Feldfrüchte uud Heu tragen, wird Hoch­wasser gemeldet. Heute herrscht kühles, trockenes Wetter, sodaß Hochwasser des Rheines nicht zu befürchten sein dürfte.

Koblenz, 10. September. Der amtliche Hochwasser» Nachrichtendienst ist eingerichtet. Die Mosel hat bei Metz einen Wasserstau!) von 505, bei Trier mit 272 steigt sie. Der Rhein bei Cobleoz hat eine Höhe von 452 und steigt stündlich um Vt Centimeter.

Wien, 10. September. Kaiser Franz Joseph ist heute Vormittag mit großem militärischen Gefolge zu den CorpSmanövern nach TotiS abgereist. Kaiser Wilhelm wird am Nachmittag deS 12. in TotiS eintreffen. An dem­selben Nachmittag werden zu einer späteren Zeit noch der besonders eingeladene Chef des russischen Generalstabs, General Obrutschew, und die Militärattaches eintreffen.

Wien, 10. September. DieN. Fr. Pr." meldet au« Olmütz: In der Hohenstädter Brauerei von Wilhelm Braß u. Co. fand heute früh eine große Kesselexplosion statt, bei der 11 Personen getödtet und viele verwundet wurden. Der Schaden ist beträchtlich.

Totis, 10. September. Der Kaiser kam Nachmittags, empfangen von den Spitzen der CornitatSbehörden und einer großen Menschenmenge, hier an. Er antwortete auf die Be­grüßung des ObergespauS mit dem Ausdruck de« Bedauern« über den Wasserschaden, den daS Comitat durch die lieber« schwemmuug erlitten hat, und sprach die Hoffnung au«, die Bevölkerung werde die Truppen gastfreundlich aufnehmen. Der Kaiser begab sich in daS Schloß des Grasen Franz ESzierhazy. Die Oberleitung der Manöver übernimmt, wie früher, nach den direkten Befehlen des Kaisers, Feld Zeug- meister Beck.

Paris, 10. September. DerGaulois" veröffentlicht einen Brief des Fürsten MestscherSky, deS Herausgebers bei Petersburger BlattesGrashdanin", worin erklärt wird, daß eine vertragslose Allianz für Frankreich und Ruß­land vortheilhafter sei, als eine verbriefte Allianz. Nur eine franco-rusfische Allianz ohne Vertrag könne Frankreich einmal zu einer Verständigung mit Deutschland bringen.

London, 10. September. (Reuter.) AuS Johannes­burg wird vom 8. d. M. gemeldet: In dem Dynamit- magaziu der South Goch Deep Level-Mine wurde durch eine Explosion eine große Verwüstung angerichtet. Man nimmt an, daß fünf Weiße und 25 Kaffem dabei um« Leben ge­kommen find.

Newcastle (Colorado), 10. September. Ein Personenzug der Denver and Rio Grande-Eisenbahn stieß heute mit einem Diehzug zusammen. Mehrere Wagen des Personen­zuges geriethen in Brand. Es wird befürchtet, daß 40 Per­sonen ums Leben gekommen find.

Petersburg. 10. September. DerRegierungsbote" schreibt unterInnere Nachrichten": In der Presse tauchen von Zeit zu Zeit Nachrichten über das Auftreten verschiedener Armenischer C omitsS tm Ottomanischen Reiche auf, denen die Absicht zugeschrieben wird, nach dem Beispiel deS vorigen Jahres zur Gewaltsamkeit und zur Aufreizung ihrer friedlichen StammeSgenoffen zu Unruhen überzugehen. Solche Nachrichten finden einige Bestätigung in den kürzlich vor» gekommenen bewaffneten Zusammenstößen zwischen Armeniern und Kurden an der türkisch persischen Grenze, sowie in Kon­stantinopel selbst, wo die Schuldigen vorzüglich Armenier sind. Unsere Regierung hat ihrerseits der armenischen Agi­tation ihre volle Teilnahmslosigkeit gezeigt, da dieselbe« keinen Nutzen bringen und die Lage nur verschlimmern würde. Man muß hoffen, daß der gesund denkende Theil der Ar menier durch die That das Beispiel eine- richtigen Verhaltens