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Nr. 187
Donnerstag de» 12. August
1897
Erstes Blatt
Gießener Anzeig er
Kenerat-Anzeiger.
Dir Gießener Aamikten vtäiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
>ie|enet Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» MontagS.
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A»etlicher Tbeil.
Bekanntmachung,
betreffend: die Heegzett der Feldhühner und Wachteln.
Großh. Ministerium de» Innern hat durch Verfügung vom 6. l. MtS. bestimmt, daß die Jagd auf Feldhühner und Wachteln in der Provinz Rhetnheffen am 12. l. MtS., in den Provinzen Starkenburg und Oberheflen, mit Ausnahme der Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten, wo die Jagd erst mit dem 26. l. MtS. aufgeht, mit dem 19. l. MtS. eröffnet wird.
Gießen, den 10. August 1897.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
I. V.: Dr. Wagner.
Bekanntmachung,
betreffend: Faselschau zu Grünberg.
Wir bringen hierdurch zur öffentlichen Kenntniß, daß der am 26. August l. IS. zu Grünberg stattfindende Herbstmarkt zugleich mit einem Viehmarkt verbunden wird- auch soll an genanntem Tage eine öffentliche Faselfcharr durch die KSrcommisfion abgehalten werden. Bet der Schau, welche Vormittags 9 Uhr beginnt und nur zum Zwecke der Ankörung stattfindet, werden seitens der Kör- commisfion nur sprungfahige Bullen der Vogelsberger und Berner, speciell Simmenthaler Raffe berückfichtigt werden. Die Fasel müssen ficher gefesselt werden, sonst ist Wegwetsung zu gewärtigen.
Gießen, den 9. August 1897.
GroßherzogltchrS KreiSamt Gießen.
I. V.: Dr. Wagner.
Bekanntmachung,
betreffend: Schafräude zu Stangenrod.
Nachdem die Schasräude in der in der Gemarkung Stang enrod befindlichen Schafheerde des Johannes Schultheiß von Göbelnrod erloschen ist, werden die verfügten Sperrmaßregeln wieder ausgehoben.
Gießen, den 11. August 1897.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
I. V.: Dr. Wagner.
Kaiser und Zar.
Auf dem im Jahre 1840 bei Kalisch zu Ehren der Freundschaft zwischen Rußland und Preußen errichteten Denkmal heißen die Schlußworte: „Der Allmächtige wolle die Allianz und die Freundschaft der beiden Staaten segnen zum Frieden und Gedeihen beider Nationen und zum Schrecken ihrer gemeinsamen Feinde." An diese Worte wird man erinnert, wenn man die in Peterhof auf dem Festmahle gehaltenen Trinksprüche des Zaren und des deutschen Kaisers liest. Diese Reden zeigen uns eine Innigkeit, welche weit über daS Maß des üblichen FreundschaftsauStausches bei Fürstenbesuchen hinausgeht und liefern den Beweis, daß die Zeit, wo die Beziehungen zwischen den beiden Reichen sich gelockert hatten, endgiltig hinter uns liegt.
Wir haben die ganze Reise deS deutschen Kaisers nach Rußland von vornherein als eine Demonstration für den Frieden aufgefaßt und in dieser Ueberzeugung können die von den beiden Herrschern gehaltenen Reden nur eine Bekräftigung bilden. Kaiser Wilhelm und der Zar haben mit großer Offenheit ausgesprochen, daß sie im besten Sinne des Worte- friedliebend find. Und darin liegt die hohe Bedeutung der Toaste, fie gewähren uas den Ausblick auf eine lange Reihe von Friedensjahren, tn deren Erreichung die beiden Monarchen fest zusammenstehen wollen. ES hat viel- lelcht kaum eine Zeit gegeben, in welcher daS FriedenS- bedürfniß so lebhaft und so allgemein war, wie in der Gegen- iran, aber auch kaum eine Zeit, in welcher man sich so g aßen Befürchtungen, daß der Friede gestört werden möchte, itngab. Bei allen Ereignissen der Neuzeit, in denen das europäische Concert eine Rolle zu spielen hatte, wurde die Besorgniß vor internationalen Conflicten laut, und die Bemühungen der Mächte drehten sich in der Hauptsache um die Frage, wie solchen ernsten Meinungsverschiedenheiten vorgebeugt werden könnte. Das war schon im japanisch-chtue- fischen Kriege der Fall, sowie bei den verschiedenen türkischen Wirren und spielt auch jetzt wieder eine Rolle bei den griechisch - türkischen Friedeusoerhandlungen. Die egyptische Frage würde längst angeschnitten worden sein, wenn nicht
die Mächte der Ueberzeugung wären, daß ein Conflict ent- stehen könnte, der ungeahnte Dimensionen annehmen wird. Im Interesse der Aufrechterhaltung des Friedens dürften wahrscheinlich auch die orientalischen Angelegenheiten noch nicht so bald zur endgtltigen Lösung kommen, denn daS Interesse daran ist wesentlich vermindert, seitdem die Ereignisse in Griechenland gezeigt haben, wie unsicher die Verhältnisse in diesem christlichen Staate find. Auch daS Beispiel Bulgariens wirkt nicht gerade ermuthigend auf die Großmächte ein, mit der Regelung der Dinge im Orient vorläufig noch weiter vorzugehen.
Doch kommen wir auf die in Peterhof gehaltenen Trink- sprüche zurück, so fällt uns auf, daß der Zar einen viel wärmeren Ton angeschlagen bat, als vor einem Jahre in Breslau. Wtr haben schon früher darauf hingewtesen, daß der Zar nicht gerne „aus fich heraus geht" und meistens recht kühl bleibt, ohne daß er verletzen will. Er macht anscheinend nur widerstrebend viele Worte, waS er schon bei den verschiedensten Gelegenheiten documentirt hat. Aber wenn man bedenkt, daß bei solchen feierlichen Trinksprüchen die Worte vorher genau Überlegt werden, so müssen die Wendungen im Zarentoaste, als er von der neuen Betätigung der traditionellen Bande sprach, welche ihn mit dem Kaiser Wilhelm einigen, und von den guten Beziehungen, welche in so glücklicher Weise zwischen beiden Reichen geschaffen worden sind, als überaus werthvolle Kundgebungen angesehen werden, durch welche der Zar in unzweideutiger Weise offen vor aller Welt darlegen wollte, daß er nicht dafür zu haben sei, gegen den befreundeten Monarchen aufzutreten. Durch den herzlichen Ton, in welchem der Zar sprach, war unserem Kaiser ermöglicht, in äußerst warmen Worten zu erwidern und die bestehenden Beziehungen als innige, auf unerschütterlicher Basis beruhende zu bezeichnen. Kaiser Wilhelm ging noch weiter, indem er dem Zaren in feierlichster Weise gelobte, ihm bei dem großen Werke, den Völkern den Frieden zu erhalten, seine thatkrästigste Unterstützung zu Theil werden zu lassen gegen Jeden, der eS versuchen sollte, diesen Frieden j zu stören oder zu brechen.
Die Petersburger Kaisertage find verrauscht, aber vor- ausfichtlich haben fie eine nachhaltige Wirkung: Deutschland und Rußland wissen sich einig in dem Bestreben, den Weltfrieden zu erhalten, und tn der Ueberzeugung, die Macht zu besitzen, diesem Willen Geltung zu verschaffen. Die Völker Europas aber können unserem Kaiser Dank wissen, daß er jede Gelegenheit wahrnimmt, sein Ansehen und Deutschlands Macht in die Wagschale zu legen, um zu werben für einen dauernden Frieden. (XX)
Deutsches Reich,
— Die Deutsche Rechtspartei wird ihren diesjährigen Congreß zu Frankfurt a. M. in den Sälen der Alemannia (Schillerplatz) am 19. und 20. August, jedes Mal Vormittags, am ersten Tage von 9J/g, am zweiten von 10V, Uhr an, abhalten. Den öffentlichen Verhandlungen wird am ersten Tage ein Vortrag des Geh. LegationS- rathes a. D. von Oertzen- Leppin über die Entwickelung Deutschlands seit der Zerstörung des Deutschen Bundes, am zweiten Tage ein von W. Hopf-Melsungen zu erstattendes Referat über die auswärtige Politik des Deutschen Reiches zu Grunde gelegt werden. Beide Verhandlungs-Gegenstände find gewählt nut Rücksicht auf die dermalige kritische Lage des Reiches im Innern und nach Außen und dürften deshalb auch solche Freunde deS Vaterlandes interesfiren, die nicht auf dem Standpunkte der Deutschen Rechtspartei stehen.
Wolffs telegraphisches Correfpondmz-Bureau.
Elberfeld, 10. August. Die Stadtverordneten-Dersamm- lung bewilligte für die Ueb er schwemmt en eine Summe von 15,000 Mk.
Hirschberg (Schlesien), 10. August. Nach dem aus 31 Gemeinden und Gutsbezirken vorliegenden Material über die Hochwasserschäden im Kreise Hirschberg find den Fluthen 4 Menschen und 166 Thiere zum Opfer gefallen. 9 Wohnhäuser und 42 andere Gebäude wurden zerstört, 72 Wohnhäuser und 75 andere Gebäude erheblich beschädigt. 124 Brücken wurden zerstört, 53 beschädigt- von Wegen sind zerstört 11,278 Meter, erheblich beschädigt 35,857 Meter. An Aeckern, Wiesen und Gartenland wurden 287 Hectar fortgeschwemmt, 910 Hectar sind gänzlich versandet.
Karlsruhe, 10. August. Der Hofbertcht der „KarlSr. Ztg." meldet: Im Laufe der letzten 14 Tage hat die Besserung im Befinden deS Großherzogs einige Fortschritte gemacht,- außer den Bädern haben die AuSfahrt-n in die
Wälder der Umgegend einen kräftigenden Einfluß auf den Großherzog auSgeübt. Immerhin bedarf der Großherzog noch großer Schonung. Er hat deshalb vor einigen Tagen die Einladungen zu den Paraden und Manövern des 8. und 11. ArmeecorpS und der beiden bayerischen Armeecorps bet dem Kaiser und dem Prinzregenten von Bayern ablehnen müssen. Der Großherzog ist auch verhindert, den beabfich- ttgten Besuch bei dem Prinregenten in MÜchen zu machen, um für die Ernennung zum Ehef deS bayerischen Infanterie- Regiments Nr. 8 seinen Dank abzustatten.
Linz. 10. August. Heute wurde die Strecke Ebensee- Ischl für einen beschränkten Personenverkehr wieder eröffnet.
Paris, 10. August. Präsident Faure ist heute Vor- .mittag in Annecy angekommen.
Loudon, 10. August. Prinz und Prinzessin von Wales find heute Früh nach Deutschland abgereist.
Madrid, 10. August. Die Königin > Regentin hat ein Schreiben an die Wittwe des ermordeten Minister-Präsidenten CanovaS gerichtet, worin sie mit bewegten Worten der großen Verdienste von CanovaS gedenkt und den schwere« Verlust beklagt, den Spanien durch dessen Tod erlitten. Castellar, der fich gegenwärtig in Santa Agueda befindet, erklärte, der Tod Canovas sei ein unersetzlicher Verlust für Spanien und fügte hinzu, Sagasta müsse in das neue Cabinet eintreten, während er (Castellar) auch fernerhin dem Vaterlande außerhalb der Regierung stehend dienen werde, denn er könne nur Mitglied eines republikanischen CabtnetS werden. Die Leiche Canovas liegt im Bette aufgebahrt, von einem Leichentuch bedeckt. Die GefichtSzüge zeigen einen ruhigen und friedlichen Ausdruck wie den eines Schlafenden. Trauer- messen werden an einem im Vorderzimmer errichteten Altar gelesen. Viele Städte und Dorfschasten des Landes werden Deputationen zur Beisetzung nach Madrid entsenden. In Malaga sind sämmtliche Läden geschloffen und alle Festlichkeiten verschoben worden. Die Straßen der Stadt tragen Trauerschmuck.
Petersburg, 10. August. Nachdem die Kaiserin Auguste Victoria die oberen Räume des Winterpalais, sowie die Eremitage und da- Brillantenzimmer defichttgt hatte, fuhr dieselbe in Begleitung der Großfürstin Constantin nach dem Häuschen PeterS des Großen und von dort längs des Palast- QuaiS vorbei an dem Palais des Prinzen von Oldenburg und am Sommergarten, am Lebtashiji und Ekaterinen-Kanal entlang nach dem Newsky-Prospekt. Von hier ging die Fahrt über die Kasansche Brücke nach der Isaaks-Kathedrale, an deren Eingang die Kaiserin von dem obersten Geistlichen der Kirche, Schmirnoff, und dem ganzen Personal der Kathedrale begrüßt wurde. Schmirnoff führte die hohen Herrschaften in der Kirche umher, indem er dir Sehenswürdigkeiten zeigte und erklärte. Die Kaiserin begab sich sodann mit der Großfürstin Constantin zum Dampfer zurück und unterbrach die Fahrt nur am Ekaterinen-Kanal auf einen Augenblick, um den Neubau der Kathedrale zu besichtigen, welche an der Stelle errichtet wird, an welcher Kaiser Alexander II. ge- tödtet wurde. Gegen V/2 Uhr dampften die hohen Herrschaften mit Gefolge nach Peterhof zurück.
Petersburg, 10. August. Den deutschen Marinesoldaten wurde von der Stadt Petersburg am Sonntag und Montag ein festlicher Empfang in den öffentlichen Gärten der Stadt bereitet. Im Zoologischen Garten waren lange Tafeln gedeckt, wo Speisen verabfolgt und Bier auSgeschenkt wurde. Die Soldaten, welche in Trupps von 50 Mann pro Schiff beurlaubt waren, fanden tn der ganzen Stadt die wärmste Aufnahme. In allen Gärten wurde unter begeisterten Kundgebungen der Menge die deutsche National- Hymne gespielt. Deutsche und russische Matrosen zogen Arm in Arm durch die Straßen. Im Zoologischen Garten begrüßte daS Stadthaupt Ratkow Roshnow die Matrosen mit warmen Worten tn deutscher Sprache. Die Matrosen dankten durch ein dreimaliges Hurrah.
Petersburg, 10. August. Die hiesige deutsche Colonie beabsichtigt, rote die Blätter melden, zum Gedächtniß der Anwesenheit des deutschen Kaisers tn Petersburg ein Greisen- heim für 40 Personen zu gründen. Die Eröffnung findet am 1. September d. I. statt.
Konstautiuopel, 10. August. (Wiener Corr.-B.) Der Besuch des bulgarischen Fürstenpaares ist auf eine Einladung des Sultans gelegentlich der letzten Anwesenheit des Fürsten Ferdinand in der türkischen Hauptstadt zurückzuführen. Der Besuch war bereits für diese- Frühjahr geplant, mußte jedoch infolge deS AuSbruchS deS griechisch-türkischen Krieges verschoben werden. Bei dem Empfange des Fürsten im YtldizPalast küßte sowohl der Fürst al- auch sein (Befolge dem Sultan die Hand.


