Ausgabe 
12.3.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 60

Zweites Blatt.

Freitag den 12. März

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Die Gießener A««ikie«Sfä1ter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Gießener Anzeiqer W

__Jy Redoction, Expedttioir

A /> L o und Druckerei:

Keneral-Mnzelger.s:r

Amts- und Anzeigeblatt für dcu Knu Giefien

Hratisöeitage: Gießener Aamitienötätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger* entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

Anrtliche» Tyeil.

Gießen, den 9 März 1897. Be".: Die Bormusterung des Pferdebestands im Jahre 1897. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen «* bie Groh- vürgermeisteret M Kreise-.

Mit Bezugs aufZ unser Ausschreiben lvorn 20. Februar wl Anzeiger Nr. 45 setzen wir Sie tu Kenntnis daß die Bormusterung deS PferdebestaudeS, wie folgt, vorgenommen werden wird:

1. in Sich, Donnerstag den 25. «ärz, Vormittags » W, am Röderthor auf der Straße nach Gießen für die Orte: Albach, Annerod, Birklar, Burkhardsfelden, Dorf Gill, Oberstadt mit Arnsburg, Ettingshaufen, Hattenrod, Längs- darf, Sich mit Hof-Albach, Colnhausen und Mühlsachsen, Münster, Muschenheim mit Hof Güll, Nieder-Besfingen, Ober« Bessingen, Oppenrod, Steinbach.

MS. in Großen Liude«, Freitag den 26. März, Bor- E'ttags 9 Uhr, auf der Straße nach Gießen unweit der Fabrik von Krause für die Orte: Allendorf a. d. Lahn, Garbenteich, Großen-Linden, Grüntngen, Hausen, Heuchel- lieim, Holzheim, Klein-Linden, Lang GänS, Leihgestern, Ober- Hörgern, Watzenborn mit Steinberg.

3. in Wieseck, kamStag den 27. Marz, Vormittags 9 Uhr, auf der Straße nach Gießen für die Orte: Allen- twrf a. d. Lumda, Alten-Buseck, Bersrod, Beuern, Dcub- ringen, Gießen mit Schiffenberg, Großeu-Buseck, Lollar, Mainzlar, Reiskirchen, Rödgen, Ruttershausen mit Kirchberg, Staufenberg mit Frtedelhausen, Treis a. d. Lumda, Trohe, Wieseck, Winnerod. '

. int Grüuberg, Montag den 29. Marz, Vormittag» 9 Uhr, auf dem Marktplatz neben dem Schießhau» für die Orte: Allertshausen, Beltershain, Climbach, Geilshausen, Göbelnrod, Grünberg, Harbach, Keffelbach, Lauter, Linden- strmh, Londorf, Lurnpa, Odenhausen mit Appenborn, Queck- t orn, ReinhardShatn, Rüddivgshausen, Saasen mit Bollnbach, veitöberg und Wirberg, Stockhausen, Weickartshain, Weitershain. '

5. in Hnugeu, Dienstag den 80. März, Vormittags 9 Uhr, auf der Straße nach Langsdorf für die Orte: Bel­

lersheim, Bettenhausen, Hungen, Inheiden, Langd, Nonnen- roth, Obbornhofen, Rabertshausen mit Ringelshausen, Rod- hei« mit Hof-Graß, Röthges, Steinheim, Trais-Horloff, Utphe, Billingen.

Jeder Pferdebesitzer ist verpflichtet, bet Meldung einer Geldstrafe bis zu 150 Mk. feine fämmtlichev Pferde der MusterungScommisston vorzuführen mit Ausnahme a) Der Fohlen unter 4 Jahren, b) der Hengste, c) der Stuten, die entweder hochtragend find, oder noch nicht länger als 14 Tage abgefohlt haben, d) der Pferde, welche auf beiden Augen blind find, e) der Pferde, welche in Bergwerken dauernd unter Tage arbeiten, f) der PonnyS.

In den unter ce aufgeführten Fällen ist eine von Ihnen auSgestrllte Bescheinigung vorzulegen.

Von der Verpflichtung zur Vorführung ihrer Pferde sind ausgenommen:

1. Mitglieder der regierenden deutschen Familien-

2. die Gesandten fremder Mächte und das Gesandt- schaftspersonal hinsichtlich der zu ihrem persönlichen Gebrauche bestimmten Pferde-

3. Beamte im Reichs- oder Staatsdienste hinsichtlich der zum Dienstgebrauch, sowie Aerzte und Thierärzte hinsichtlich der zur Ausübung ihres Berufs noth- wendigen Pferde-

4. die Pofthalter hinsichtlich derjenigen Pferdezahl, welche von ihnen zur Beförderung der Poften contraktmäßig gehalten werden muß;

5. die StaatSgestüte.

Ferner haben wir auf Grund des § 4 letzter Absatz des Reglement- vom 16. November 1896 für die Offiziere und Militärbeamten Befreiung von der Vorführung ihrer überetatsmäßigen Pferde eintreten laffeo.

Wir beauftragen Sie, die Pferdebefitzer von Vorstehendem unter Hinweis auf die gesetzliche Strafe besonders in Kenntniß zu setzen.

Die Pferde find in der oben angegebenen Reihenfolge der Gemeinden und innerhalb der Gemeinden in der Ord- nung der von Ihnen eingereichten Listen aufzuftellen. Diese Ordnung ist bereits in den einzelnen Gemeinden vorzunehmen und auf dem Marsch nach dem Musterungsort beizubehalten.

Sie selbst wollen zur Musterung erscheinen und dafür sorgen, daß die Pferde rechtzeitig abrücken und pünktlich zur

bestimmten Stunde vorgeführt werden. Ihre Listen sind im Termin mitzubringen. (S. AuSlchreiben vom 20. Februar.) v. Gagern.

Citeratur und Amrrßt.

»teilt Beiträge zur Rationalen »ohnnn-Srefo««. Von Dr. Albert Schäffle, K. K. Minister a. D., und Paul Lechler. Verlag von Ernst Hofmann u. Co. in Berlin SW.46. Preis 75 Pfg. Der große und doch einfache Plan, dem nationalen Lebensinteresse social guten Wohnens der kleinen Leute vollständige Genüge zu schaffen und der argen Verwahrlosung des Anfiedelungs- wesenS einer steigenden, mehr und mehr nach den Jndustrtecentren strömenden Bevölkerung gründlich zu steuern, findet in diesen Neuen Beiträgen" zu der ersten Schrift der beiden genannten Ver­fasser wettere Vertretung. Nachdem der PlanNationale Wohnungs­reform" auf einer Specialconserenz des im Juni 1886 zu Stuttgart stattgehabtenEvangelisch - socialen Congresses" einstimmig gut- gehetßen worden war, ist er im vergangenen Sommer Gegenstand viel­seitigster Besprechung von dm verschiedensten Standpunkten aus gewor­den. Gegen die hierbei erfolgten Anfechtungen wenden sich dieNeuen Beiträge" in theils abwehrender, theils aufklärender Antikritik mit grundsätzlich und practtsch durchschlagender Beweisführung. Ins­besondere wird auch die Auffassung widerlegt, welche der Plan in einem ablehnenden Schreiben des Kgl. preußischen Herrn Handels­ministers gefunden hat. DieNeum Beiträge" enthaltm jedoch nicht bloße Antikritik: die Verfasser find durch ausgetretme Bedenken zu neuer Beleuchtung unter bedeutenden Gesichtspunkten, sowie zu vollständigerer Ausführung einiger in der ersten Schrift knapp ge­haltener und darum mißverstandener Partim veranlaßt gewesen. Der Leser wird sich überzeugen, daß die Verfasser in der erneuten Vertretung ihres ganz auf dem Boden der bestehendm Staats- und Gesellschaftsordnung sich bewegenden Planes eS verstanden habm, allen erhobenen grundsätzlichen und practischen Einwendungm steg- reich die Stirne zu bieten. Um die Verbreitung der gediegen aus­gestatteten Schrift durch Behörden, Verbände, Vereine, Gesellschaften und bergt in den weitesten Kreisen zu ermöglichen, hat die Verlags­buchhandlung bei bindern Bezug für größere Abnahmen ermäßigte Preise vorgesehm.

Für catarrhalisch entzündete Athmnngsorgane werden

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Feuilleton.

Anter Bauernfängern.

Ein Wimer Erlebniß von E. Robert.

(Schluß.)

-WaS ist denn das einfachste?" fragte Kollmann mit simplem Lächeln.ES muß schon sehr leicht sein, wenn ich es begreifen soll."

DaS leichteste ist folgendes," erklärte einer der beiden Herren.Paffen Sie auf."

In dem Glauben, daß ich nichts davon verstehe, setzte er darauf ebenso dreist als seelenruhig die Technik deS be» rüchttgfen KümmelblättchenspieleS auseinander. Drei Karten werden verdeckt aufgelegt und nach Belieben auf eine der­selben gesetzt, von der man annimmt, daß eS eine vorher offen gezeigte Karte sei. Irrt sich der Spieler hierin nicht, bat er gewonnen, täuscht er sich, so streicht der Bankier den Einsatz ein.

An sich sah die Sache harmlos genug aus, ich wußte ober wohl, wie viel Gelegenheit zum Betrug beim Mischen, ?lbheben und Abziehen das Kümmelblättchenspiel einem ge­übten Bankier gibt.

Für den Anfang hegte ich wenig vesorgntß. Sie würden rlich zunächst gewinnen laffen, das wußte ich, und darauf baute ich einen rasch entstandenen Plan, die Gauner, statt »ich hineinlegen zu laffen, einmal selbst tüchtig hinetnzulegen. Gefährlich war die Ausführung freilich, denn das Meffer haben derlei Burschen im Gebrauchsfalle immer zur Hand.

Die ersten Spiele verliefen bet kleineren Einsätzen ziem- lii) gemüthlich. Ich gewann und verlor abwechselnd, dann Ittng einer der Croupiers vor, die Einsätze zu steigern. Als Antwort warf der angebliche Herr Kollmann einen halben Halden auf eine Karte.

Ich wollte feinem Beispiele folgen, und da ich nur bmtscheS Geld besaß, wechselte ich mir von einem Mitspieler kiven größeren Betrag ein. Bei dieser Gelegenheit gelang dem Gauner, einen verstohlenen Blick in mein wohl- ft'SllteS Portemonnaie zu werfen, und ich gewahrte zum »stenmale, wie er seinen Complicen einen kurzen, aber viel­sagenden Blick zuwarf. I

Um so besser, dachte ich, die Schurken werden um so mehrtu die Vollen" gehen.

Dem war in der That so. Bald lagen volle Gulden auf den Karten, einigemale sogar noch mehr. Die Bauern- fänger gaben daS Beispiel, damit ich später bei der zu ge- währenden Revanche anständigerweise nicht in der Lage sein sollte, die Einsätze zu verringern.

Ehe eine halbe Stunde um war, lag vor mir bereit-' eine erkleckliche Summe. Meiner Berechnung nach mußte ich nicht weniger als hundertundsünszig Gulden gewonnen haben.

Ich athmete bang. Es war die höchste Zeit. Kein Zweifel, daß nunmehr das Verlieren seinen Anfang nehmen würde.

Um mich zu überzeugen, ob nicht etwa die aus dem Cabinet führende Thür verschlossen sei, stellte ich mich an, als müsse ich einen Augenblick das Zimmer verlassen. Ver­trauend ließ ich dabei meinen Gewinn auf dem Tische liegen, ich wußte, es würde ihn keiner anrühren. Mit dem Gewinn in der Tasche hätte man mich natürlich nicht hinaus- gelassen.

Mit Genugthunng stellte ich fest, daß die Thür nur eingrkltnkt war. Draußen warf ich einen Blick zur Haus- thür hinaus. Unten herauf kam eben die Straßenbahn, in wenigen Minuten mußte sie am Hause vorüberfahren.

Ich eilte zurück. Jetzt mußte gehandelt werden oder eS war zu spät. Eine ungeheure Aufregung bemächtigte sich meiner. Zu spät bereute ich meine Thorhett.

Anscheinend ruhig kehrte ich zum Tische zurück. Ich durfte nicht abwarten, bis ich zu verlieren anfing, daS hätte verdächtig ausgesehen, außerdem wäre eS für die Pferdebahn zu spät geworden. Auch mußte ich nothgedrungen meinen Platz wieder einnehmen, wenn eS mir gelingen sollte, mich meines Gewinnes zu bemächtigen.

Kaum saß ich wieder fest, so sollte daS Spiel aufs Neue beginnen. Plötzlich zog ich meine Uhr auS der Tasche und rief wie bestürzt:

Zwölf Uhr, meine Herren, Herrgott, um halb ein Uhr muß ich im Prater sein. Ich habe ein Rendezvous mit einem Freunde verabredet."

Mit raschem Griffe faßte ich dabei meinen Gewinn und

I schob ihn in die £afd)e, im selben Augenblicke und so plötz­lich und schnell, daß keiner der Spieler mein Vorhaben ahnte oder verhindern konnte, sprang ich vor und griff nach meinem auf einem Nebentische liegenden Hute.

Warten Sie nur noch nur ein Biertelstündchen ein paar Spiele" scholl es durcheinander.

Geht nicht, ich habe wohl ein andermal die Ehre."

Als die Burschen sahen, daß ich Ernst machte, zogen fie andere Saiten auf.

Betrüger Schuft wir holen die Polizei!" riefen fie zornig. Ich aber ließ mich nicht beirren; eben klingelte die Pferdebahn, wie ein Besessener rannte ich zur Thüre hinaus, von den wütheuden Spielern verfolgt.

Da, für die Zeche," rief ich, indem ich ein Guldenstück auf das Büffet warf.

Sie bekommen heraus"

Laffen Sie!"

Ich raste hinaus, wissend, daß ich mich auf nichts ein- laffen dürfe, denn der Wirth war sicher mit den Gaunern im Einverständniß. Mit zwei Sprüngen war ich auf der Straße, mit einem dritten fchwang ich mich auf den gerade vorbeisausenden Pferdebahnwagen. Vor der Thür standen die betrogenen Betrüger und schrieen mir wüthend nach was that es? Ohne meine Schnelligkeit hätten sie mich nicht nur wer weiß wie mißhandelt, sondern mir auch meinen Gewinn und vielleicht mein ganzes Geld abgenommen.

Ich athmete auf, als ich mich in Sicherheit sah. Ge­wiß/ ich hatte einen guten Gewinn gemacht und gleichzeitig ein großes Strafgericht an erbärmtichen Bauernfängern aus- geübt. Aber wie Übel hätte die Sache ablaufen können 1 Trotzdem denke ich mit Vergnügen an das Abenteuer zurück und freue mich, daß es mir gelang, die Schurken so gründ­lich hineinzulegen.

Lange trieben fie übrigens ihr nichtswürdiges Handwerk nicht mehr, denn ich befand mich kaum 14 Tage in Wien, als die Zeitungen von der Festnahme eine» Spielkleeblattes in dem Restaurant berichteten, das der Schauplatz «eines Abenteuers gewesen. Die Beschreibung stimmte aufs Haar 'die Verhafteten waren Herr Kollmann und seine beiden Genossen.