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Nr. 265
Der Lietzener -njeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Zf^misiea blätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Zweites Blatt. Donnerstag den H. November
Gießener Anzeig er
Kenerat-Anzeiger.
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Kedaction, Expeditüm und Druckerei:
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Hratisöeitage: Gießener Kamitienökätter.
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Anrtlüchc» Tyeit
Bekanntmachung, betreffend: die Veranstaltung von verloosuugen innerhalb deS Großherzogthums.
Der OrrSoorstavd der Stadt Büdingen beabsichtigt mit dem am 23. Februar 1898 stattfinbendeo Vieh- und Klämermarkte eine Berloosung von Vieh und landwirthlchaft' itchen Geräthschasten zu verbinden, um die Mittel zur Prämtirung von Vteh zu gewinnen.
Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Srlaubniß zur Veranstaltung dieser Derloolung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 7 000 Loose zu 0.50 Mark da» Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60pCt. deS BruttoerlöseS auö dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewtnngegenständen zu verwenden find und zugleich den Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet.
Gießen, den 9. November 1897.
Großherzogltches KreiSamt Gießen, ti. ® a o r r n.
Bekauutmachuug.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat Oktober 1897 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen:
Hafer Mk. 16,20, Heu Mk. 6,50, Stroh Mk. 4,30.
Gießen, den 8. November 1897.
Großherzogltches Kretsamr Gießen.
v. Gagern.
• Wiesbaden, 8. November. Dem „Rh. Kurier" zufolge wurden biet zwei Schwindler feftgenommen, die sich bet der Bankfirma Kalb & Sohn einen in Amerika ausgestellten Primawechsel über 2000 Mk. auszahlen taffen wollten, dessen Betrag bereu» dem rechtmäßigen Empfänger durch einen Sccundawechsel vor mehreren Wochen ausbezahlt wurde. Merkwürdiger Weife führte der eine der beiden Schwindler denselben Namen wie der rechtmäßige Empfänger des Primawechsels.
* Hanau, 6. November. Der 16jährige Jsh. Viel aus Rückingen, einziger Sohu einer Wtrtwe, wollte heute Morgen den um 6 Uhr 5 Mia- in Rücktugen etntrrffeaden Zug der Kleinbahn benutzen, um an seine Arbeitsstelle nach Hanau zu fahren. Beim Einlaufen sprang der junge Mensch,
enlgrgcn bin Ano-dvungtn ötß Zugp.rsont.l-, aus dcu sich noch in Bewegung befindlichen Zug, um fich einen guten Platz za sichern. Hierbei gerleth er unter die Räder und wurde derart verstümmelt, daß der Tod sofort eintrat. Biel war hier in der Holzschneiberet voa K. Troxel in Arbeit und verlor heute vor sechs Jahren seinen Vater. — Vorgestern Abend gegen 11 Uhr ereignete fich auf dem Ost' bahnhofe abermals ein Unfall, indem e<ne leer laufende Rangirmaschine einem auf der hessischen Seite arbeitenden Rangtrzuge in die Flanke fuhr und beträchtlichen Materialschaden verursachte. Die Ursache ist in einer Fahrlässigkeit deS Führers der einzelnen Maschine zu suchen, der von der Drehscheibe aus ohne Besugntß eine falsche Weiche aufschnitt.
* Kassel, 6. November. Lieutenant v. Westhofen vom 11. Feldartillerie Regiment stürzte gestern mit seinem störrischen Pferde so unglücklich auf daS Straßenpflastir, daß er besinnungslos liegen blieb. Ohne das Bewußtsein wieder erlange zu haben, ist der O'fizier heute gestorben.
• Plaue» L B., 8. November. Die Erderschütte- ruogen dauern fort. Die stärkste b Sher wahrgenommene wurde am Sonntag früh um 5 Uhr im ganzen Votgtlaad, im westlichen Erzgebirge und in Nordböhmen verspürt. In GraSlitz erlitt bo» Wohngebäu e deS BezirksamtmooneS starke Beschädigungen.
* Die Eterbekasse bei Bündel Deutscher Gastwtrthe mit dem Sitze in Darmstadt hat auch im verflossenen 4. Geschäftsjahre gute Resultate zu verzeichnen- der Beitritt war ein sehr guter und laufen auch zur Zett tagtäglich zahlreiche neue Anmeldungen ein. Diese, die Rechte einer juristischen Person besitzende Kasse hat jetzt ca. 700 000 Mk. für Sterbegelder an Wtttweu und Waisen ihrer Mitglieder au-bezahlt, wodurch sicherlich der schöne Zweck deS Instituts, Noch und Sorge beim Ableben des Ernährer» zu verbannen, in bester Weife erfüllt wurde. Zum Schutze der Angehörigen des Deutschen Gastw-rthestandeS errichtet, hat die Kaffe durch be sondere Vorzüge, als sehr billige Verwaltungskosten und dadurch ansehnliche Dividende und niedrige Beiträge, die Unpfändbarkeit der innerhalb ein paar Stunden zur Auszahlung gelangenden 500 Mk. und 1000 Mk. betragender Sterberente, Auszahlung auch bei Selbstmord und Kriegs, fall, Stundung der Beiträge und Rückkauf der Urkunde bei Verarmung rc., eine wahrhaft großartige Verbreitung gefunden- bis März ds. JrS. wurde die so hohe Zahl von 8800 Aufnahme Urkunden mit Über 8 Millionen Mark Sterbegeldern auSgesertigt. Der Resrrvrfond beträgt zur Zeit mehr als Vt Million Mark. Ja welch prompter Weise die Kasse ihren Verpflichtungen nachkowmt, beweist die Auszahlung der Sterberente für die kürzlich oerstorbene GastwirihSgatttn Katharina Jungblut in Gießen, welche durch den Bezirks- ortSrechner, Herrn Gastwirth C. Roth II. in Gießen, sofort erfolgte. So kann diese Kasse als ein Institut bezeichnet werden, daS, gegründet auf Selbsthülfe und reine Gegen-
setngteu, ul» itn sehr segensreiches für das Wtrthsgewerbe und seine Angehörigen dasteht. Möge die Zeit nicht mehr fern sein, wo beim jedesmaligen Ableben eines GaftwirtheS die so ansehnliche Sterberente von 1000 Mk. an die Hinterbliebenen zur Auszahlung gelangt und die Angehörigen deS gesammten GastwtrthestandeS durch diese» schöne Werk geschützt in schwerer Zeit daftehen.
* Die Mutter. Während der großen Ueberschwewmungeu in Hirschberg war bekanntlich der Gefreite Dunkel vo« Jägerbataillon Nr. 5, nachdem er m t größtem Heldenmuih eine Reihe Menschen gerettet hatte, bet eimm neuen Rettungsversuch er»runken. Die Mutter bei heldenmüthigen JüuglingS war seit dem Tode ihres SohneS trübsinnig. Dieser Tage hat sie fich in der Neisse bei Görlitz ertränkt.
• Der Leipziger Professor Sruesti, bet 1781 starb, hatte die Gewohnheit, die Studrut'N „ter* zu nennen. In seine« RectoratSjahre wurde ein S'udio, der seinem Wtrthe eine Ohrfeige gegeben hatte, vor tuS akademische Gericht gefordert. „Warum hat Er seinen Wirth geohrfeigt?" fragte Eruestt. „(Sro. Magnficenz," war die Antwort, „bet Kerl hat mich „Er" genannt, und da» ist doch gegen die Achtunp, die man einem Leipziger Studenten schuldet." Schleunigst wandelte Ernestt das „Et" in ein gefällige» „Sie" um. . . .
• Der „aulgekuibelte" Reifende. Da» Fachblau „Küche und Keller" schreibt: Eine heitere Scene spielte fich kürzlich auf dem Bahnhofe in N. ab. Einem ankommenden Reisenden wurde von sämmtlichen anwesenden Hotel-HauSbiener» da» von jrdem vertretene Hotel zum Absteigen angeboten. Als der Reisende erklärte, daß er nur in einem Hotel nahe dem Bahnhofe wohnen wollte, lagen natürlich alle Hotel» in der Nähe. Um dem Concurrenzstreit ein Ende zu machen, schlug ein schlauer Hausdiener vor, den Reisenden rasch durch Streichhölzer „auSzukuobeln", d. h. der Reisende solle in dem Hotel absteigen, deffen Hausdiener daS längste Streichholz ziehen würde, womit fich ersterer lächelnd einverstanden erklärte. Rasch wat die erforderliche Anzahl Streichhölzer zurechtgemacht und der Glückliche mit dem längsten Streichholz erhielt brn Reisenden.
• Benutzte Gelegenheit. Junger Ehemann: „Käthchen, Du d'st daS Licht im Dunkel memeS Daseins." — Junge Fran: „Dann mußt Du mich aber auch gehörig putzen!"
• Zur Zeit, A.: „Sind Sie auch Sammler von Raritäten ?" — B.: „Jawohl, ich sammle Zeitungen ohne E sen- bahnunglücksfälle". (Hum. Bl.)
Hntoerfitäts - Nachrichten.
Bonn, 7. November. Der Nachfolger August Kekule» an der h'efigen Universität, Gebeimraih Curttus, Hai einen Ruf an Stelle Victor MeyerS nach Heidelberg erhalten.
Greifswald. Der ordentliche Professor in der juristisch« Faculiät, Geh. Justtzrath vr. Haeberlin, der im 84. Lebensjahre steht, ist auf seinen Wunsch von der Verpflichtung, Vorlesungen z» halten, entbunden worden.
Feuilleton.
Nieten!
Von Ernst Konrad.
(Fortsetzung.)
„Aber Menschenkind," meinte ärgerlich die Wittwe, „kommen Sie zur Sache. Ich verabscheue Aufregungen in jeder Form. Also klipp und klar: weßhalb habe ich Pech?"
Nach und nach erholte fich der GefichtSverschönerer.
,10847 — 200,000 Mark, 10849 — 150,000 Mark — ist das nicht toll? Und 10848 — Ihr Loo»--
nicht», gar nicht», ’ne blanke Niete. Ist da» nicht zum Berrr
Er lachte kreischend auf.
Frau Ambrosia verzog keine Miene, beruhigte den ticken Mops, der auf ihrem Schooße lag, und schenkte sich au» der großen Famtlienkanne eine neue Taffe Kaffee ein.
„Eine Z'ffer Unterschied nur," begann der Barbier von Neuem zu lamentiren, „eine lumpige Ziffer . . . Unser ganzes LebenSglÜck an einer Ziffer!"
„Unser LebenSglÜck?" fragte Frau Ambrosia und ein Schatten von Erstaunen flog Über ihr dicke» Gesicht.
„Run freilich," antwortete der Barbier zuversichtlich, „Hüb wenn- wirklich nur 150,000 Mark gewesen wären, wir Men doch ganz gut davon leben können."
„Wir . . .?"
Frau Ambrosia streichelte ihren Mops, der feindselig den Barbier anknnrrte- dann ergriff sie mit ganz energischer Bewegung die Familienkanne und füllte von Neuem ihre
Taffe. Mit einem gewissen verfiändnißvollen Schmatzen leerte sie dieselbe tn kleinen Zügen.
„Meister Frohwein," sagte sie daun in aller Seelenruhe, „die Raupen lassen Sie fich nur au» dem Kopfe nehmen. Ich bin schon zwölf Jahr sehr glücklich verwittwet, und glauben Sie nur, e» geht auch so . . . Ein solcher Luftiku» wie Sie wäre mir zudem der Rechte! Nr. 10848 wird weitergespielt, aber damit ich Sie nicht weiter zu belästigen brauche, werde ich die Listen von jetzt ab selbst controlireu."
* ♦ e
Gleich einem Kugelblitz stürzte ein kleiner, corpulenter Herr tn den Cigarrenladen, an deffen AuSlegefenstern große Plakate anzeigten: „Hier können die neuesten Ziehung-listen eingesehen werden".
Zweimal durchmaß der Dicke in eiligstem Lauf den durch die BerkaufStische abgegrenzten Raum.
„?" — knlxte der junge Manu, der hinter seinem Pult ganz verwundert diesen Dauerlauf betrachtet hatte. „Bitte, hier, — & fünf, i acht, L zehn Pfennig, — die kräftig, die mittel, die leicht."
Der kleine Dicke blieb vor ihm stehen und faßte sofort mit kühnem Griff den obersten Knopf feines Bratenrockes.
„Herrr," rief er au», „Sie meinen doch nicht, daß ich wegen der Giftnudeln hetgekommrn bin? Die ZtehuuqS- liste will ich haben, — Preußenlotterie ... der letzte Tag heute, — wenn» da nicht geklappt hat, liege ich wieder im Wurstkessel!"
Der EommiS langte nach der Ziehungsliste, aber noch ehe er dieselbe entfaltet hatte, riß sie ihm der Dicke an» den Händen.
„Teten Sie nicht so langweilig," rügte er, „da» muß fixer gehen. Sehen Sie" — und mit kräftiger Faust hatte er den Bogen auSeinanbergerissen, — 183975 . . .
975, ... 97 . . . 9 . . . — Donnerwetter ja, Himmel- schreiend ist e», iw ganzen Hundert ein Treffer . - . Herr, Herr", und dabei schlug er mit den Fäusten de» Torgauer Marsch auf der Ladentafel, „wie können Sie mit ein solche» Loo» verkaufen! Da» ist ja Betrug — ’n Gauner find Sie, ein ganz gewöhnlicher . . ."
„Aber, mein Herr," remonftrtrte der junge Mamt, „mäßigen Sie fich doch, e» können ja nicht alle Loose gewinnen."
„Reden Sie keine Maculatur, Ihre Gemeinplätze kenne ich," unterbrach ihn der Dicke wütheud, — „wo ist Ihr Chef?"
„Ach, guten Abend, Herr Nimmerlang," trat der Chef t» den Laden, „da find Sie ja auch mal 'n Augenblick."
Herr Nimmerlang drehte fich einige Male um seine Achse.
»Sie ... Sie —" stammelte er dann zorugeröthete* Angesicht», „mit unserer Freundschaft ist» au», — au» ist es —"
»Aber, lieber Herr Nimmerlang," suchte ihn der Chef zu beruhigen.
„Unterbrechen Sie mich nicht," rief dieser, „wie steht» mit der Nummer 183977? Dutchgefallen, wa»?"
Der Chef warf einen Blick tn die Ziehungsliste und nickte dann bestätigend.
„Sie brauchen ja nicht mehr zu spielen, wenn Sie «it constauter Bosheit stet» durchfallen."
(Schluß folgt.)


