Ausgabe 
11.8.1897 Zweites Blatt
 
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Der

<iefener Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme drS MontagS.

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Zweites Blatt. Mittwoch de« 11. August

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verdienen feine Leistungen uneingeschränktes Lob. Die an der Aufführung war eine gute, so daß auch der materielle Erfolg befriedigend sein dürfte, waS um so mehr zu wünschen ist, da der Ertrag zur Ausschmückung der Kirche bestimmt ist. Dem unermüdlichen Leiter und den fleißigen Mitgliedern der Ktrchenchores, den liebenswürdigen Damen und Herren, die daS löbliche Streben der Beran» stalter, wiederum ein schönes Eoncert in MünzenbergS alter» thümltchem GotteShause zu geben, gütigst unterstützten, sei auch an dieser Stelle bester Dank gesagt. Den schönsten Lohn findet man ja in dem unentwegten Daransetzen aller Kräfte, um ein hohes Ziel zu erreichen, und in der Befrie­digung, die Denjenigen erfüllt, der seine redliche Mühewaltung mit Erfolg gekrönt fieht. Die Gewißheit, daß Ersteres ge­schehen, läßt uns neue Genüffe erhoffen, und letztere That- fache machte uns dar Erstatten obigen Berichtes leicht und

angenehm.

0. Ortenberg, 8. August. Unsere Vogelsberger Basalte erobern sich mit jedem Jahre ein weiteres Absatz­gebiet, wofür als Beweis dienen mag, daß ein Herr auS dem Städtchen Dettingen am Main, in Bayern, einen fiS- caltfchen Steinbruch in unserer Oberförsteret gepachtet hat. Dieser Steinbruch soll demnächst in Betrieb gesetzt werden. VorauSfichtlich machen unsere Basalte alsdann die Reise main- und rheinabwärts in großen Kähnen, wodurch die Transportkosten sehr gering ausfallen.

U. Ulrichstein, 8. August. Vor einiger Zeit wurde in dieser Zeitung gemeldet, daß die hiesige Apotheke zu einem namhaften Betrage verkauft worden wäre. Der Herr Käufer erschien auch pünktlich, um baar zu zahlen und die Apotheke zu übernehmen, als ein ungeahntes Hinderniß den Kauf un­möglich machte. Von der Staatsbehörde auS Darmstadt war nämlich TagS vorher die Nachricht etngetroffen, daß es sich in vorliegendem Falle um eine Familtenconcesfion han­dele, die wohl verpachtet, aber nicht verkauft werden dürfe. In Folge davon mußte der Kauf rückgängig gemacht werden.

Loealer unb provinzielle».

K. Munzeuberg, 9. August. Kirch lich - musikalische Aufführung nannte sich eine Veranstaltung deS Ktrchen­chores Münzenberg, die sich, ohne Unbescheidenheit zu verrathen, Ktrcheuconcert hätte nennen dürfen- denn neben höchst beachtrnSwerthen Darbietungen genannten Chores waren Leistungen der Mitwirkenden zu hören, au denen mau feine Helle Freude haben konnte. Eingeleitet wurde die Aufführung mit dem Largo von Händel für Cello und Orgel, was einigermaßen befremdlich erschien, da mau eine solche Ver­anstaltung nie bester als durch eine Solonummer für Orgel einletten kann, zumal in Münzenberg ein sehr schönes Werk zur Verfügung steht. Die Cellopartie lag in den Händen bes Herrn Kutf ch-Berlin, der in der Folge noch Stücke von Volkmann, Goltermann, Mozart und Bach spielte. Man kann dem Cellisten nur unbedingtes Lob spenden. Sein Ton, der nur in der ersten Nummer vielleicht aus Be- sangenheit etwas zaghaft klang, war in den folgenden rein und warm. Läufe und Cadenzen zeigten, daß Herr Kutsch auch technisch sein Instrument beherrscht. In Fräu- lein Medem-Dresden lernten wir eine noch in der Aus­bildung begriffene Sopramsttn kennen, deren Leistungen bei fortgesetztem Studium zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Ihre stimmlichen Mittel sind sehr gute, doch hatte sie sich unseres Dafürhaltens in der ArteNun beut die Flur" auS der Schöpfung eine noch etwas zu schwere Aufgabe gestellt. In dem DuettIch harrete des Herrn" war sie bestens unterstützt von einer andern jungen Dame, die als Dilettan- tin ihrer nicht ganz leichten Aufgabe vollständig gewachsen war. Sehr schön fanden wir, daß man das in den Mittel- stimmen auftretende Thema, das bei Begleitung auf Clavier oder Orgel oft nicht recht gewürdigt wird, dem Cello über­tragen hatte. Don Fräulein Jäger und den Fräulein Weber- Sich läßt sich nur Gutes sagen. Sie verhalfen diesmal nicht nur unverdient vergessenen Ktrchenmusikern wie Meinardus und Ebeling zum Wort, sondern sangen auch einige der lateinischen Chöre von Mendelssohn. Der letzte derselben, Surrexit Christus erschien uns für die doch noch sehr jugendlichen Stimmen etwas schwierig. Mendelssohn stellt gerade in diesem Chore hohe Anforderungen sowohl an die technische Fertigkeit, als an Kraft und Umfang der Stimme. Die Begleitung der Terzette wurde, soweit sie nicht ä Capella-Chöre waren, in decenter Weise von Herrn Pfarrer Weber-Lich besorgt. Die Begleitung der übrigen SoliS, sowie die Leitung des Chores lag in den Händen des Herrn Pfarrer W e im ar-Münzenberg. Der Kircheuchor wurde seiner Aufgabe wieder in jeder Weise gerecht, und

Universitäts - Nachrichten.

Heidelberg. Der bekannte Chemiker Geheime Rath Prof. Victor Meyer ist am 8. August Nachmittags plötzlich infolge eine« Herzschlages verstorben.

Freiburg i. B. Der Privatdocent in der medicintschen Facultät der hiesigen Universität, Dr. Gustav Bulius, erster Assistenzarzt an der Frauenklinik, ist zum außerordentlichen Profeffor ernannt worden. ,, , ,

Basel, 9. August. Sonntag Mittag ist hier nach mehr­jährigem Herzleiden der berühmte Kunst- und Culturhtstortker Jakob Burckhardt gestorben. Er erreichte ein Alter von 79 Jahren.

Gießen, den 8. August 1897.

Betr.: Die Feier des 2. September.

Die

Gttßh Kreis-Schulcsmmisfion Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Wir beauftragen Sie, rubr. Fest wie seither, in den Ihnen unterstehenden Schulen feiern zu lassen.

I. D.: vr. Wagner.

Tyeit.

Bekanntmachung,

betr: Schießübungen.

GS wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß bas Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm am 12., 13., 14., 16., 18. und 19. d. M. auf den Höhen östlich Mainzlar ein Schießen mit scharfen Patronen mit der Schußrichtung nach Süden und Südwesten abhalten wird. An den ge­nannten Tagen darf von 6 Uhr Vormittag- ab, bis das Signal die Beendigung deS Schießens ankündtgt, gegen 3 Uhr Nachm., das Gelände zwischen Mainzlar, Treis an der Lumda, Climbach, Beuern, Alten-Buseck, Daubrtugen, Mainzlar nicht betreten werden.

Die Straße DaubringenMainzlarTreis a. d. Lumda ist für den Verkehr frei, die Straße DaubringenAlten-Buseck dagegen gesperrt.

An den wichtigsten Wegen, welche in das gesährdete Gelände führen, werden Posten ausgestellt werden.

Gießen, den 9. August 1897.

GrohherzoglicheS KreiSamt Gießen.

I. V.: vr. Wagner.

Gießen, den 9. August 1897.

Betr.: Wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen au ibie Grotzh. Bürgermeistereien Alteu-Buseck, Beuern, Climbach, Daubringen, Mainzlar und Treis a. b. Lumda.

Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie in orts­üblicher Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen.

I. V.: Dr. Wagner.

Feuilleton.

Dürre Blätter.

Nach dem Englischen von John Strange Winter.

Deutsch von B. T. Koner.

(Nachdruck verboten.) I.

Wie kommt es nur, daß sie heute so lebhaft vor mir steht, wie vor zwanzig Jahren, nach unserer Scheidestunde? Lauge, sehr lange habe ich kaum an sie gedacht, und nun verfolgt mich ihr Bild schon den ganzen Abend! Ich war damals ein blutjunger Secondlieutenant, unb^ sie, Martan Chatterton je nun, sie war etliche Jahre älter als ich. Sah sie gut aus? Entschieden. Mit ihrem majestätischen Wuchs, dem reinen, bleichen Teint, bei schwarzem Haar und etnewjPaar dunkler Augen, die in dem sanften Glanz schwarzer Perlen schimmerten, war sie schöner als irgend ein Mädchen, daS ich je zuvor erblickt hatte.

Ich erinnere mich noch deutlich des Eindrucks, den sie bei dem OffizterSball in Blankhampton, wo ich seit Kurzem in Garnison stand, auf mich machte- ES war mein erster Ball seit meiner Beförderung, und nicht wenig stolz, als Mitglied des Corps zu den Festgebern zu gehören, hatte ich in der SaalthÜr Posto gefaßt, obgleich ich leidenschaftlich gern tanzte. Verliebt war ich noch nie gewesen, und als ein sehr unerfahrener junger Bursche, der eine strenge Er­ziehung genoffrn hatte, fing ich gleich daS erste Mal gründ­lich Feuer.

Sie kam in ziemlich großer Gesellschaft und das schneeige Weiß ihres Ballkleides thürmte sich nach damaliger Mode in luftigen Wolken um fie her.

Kennen Sie die Leute?" fragte ich einen neben mir stehenden Kameraden Namens Owen.

Ach, das ist ja die alte Lady Longueville mit einem

ganzen Schwarm von Logirgästen! Sie meinen doch die behäbige Matrone in schwarzem Sammt mit den vielen Brillanten? Wenn fie nur nicht einen so langweiligen Bücherwurm zum Gemahl hätte! Hab mich neulich beim Diner eine Stunde lang mit den alten Thebanern und ähnlichen interessanten Dingen von ihm peinigen lassen müssen."

Aber das junge Mädchen in Weiß, die mit dem schwarzen Haar?"

O, die?" antwortete Owen leichthin.DaS ist ein Fräulein Chatterton."

Sind Sie mit ihr bekannt?"

Jawohl- ich traf sie schon mehrmals draußen bei LonguevilleS auf Longpark."

Bitte, mich ihr vorzuftellen. Aber gleich, lieber Junge."

Ich soll Sie vorstellen?" sagte er gedehnt.Da müßte ich fie ja engagiren, und ich tanze grundsätzlich nicht mit Damen, die größer sind als ich."

Unbesorgt! Wenn Sie mich vorgestellt haben, können Sie unbemerkt verschwinden, während ich mir gleich mehrere Tanze sichere."

Damit ergriff ich seinen Arm und im nächsten Augen- blick stand ich schon vor Marian. Ich bat um die Ehre des nächsten Walzers, welche sie mir huldvoll gewährte, und die mich beseligenden zwei WorteMit Vergnügen" waren von einem Blick begleitet, der den in meinem Herzen glimmenden Funken zur lichterlohen Flamme anfachte.

Ich habe noch viel mit ihr getanzt- in der Zwischenzeit auch bei Lady de Longueville den Angenehmen gespielt und am Tage darauf natürlich den Damen in Longpark meine Aufwartung gemacht, um mich zu erkundigen, wie ihnen will heißen Marian, der Ball bekommen sei.

DaS dauerte sechs Wochen, nicht etwa, daß ich gleich so lange geblieben wäre, aber ganze sechs Wochen hindurch kam ich wieder und wieder, bis ich, durch Marians sanfte

Blicke und ihr strahlende- Lächeln ermuthigt, allen Ernste- um sie anhielt.

Ich thörichter Knabe! Wie oft habe ich mir später gesagt, daß ich dies war. Damals aber hielt ich mich keines­wegs dafür. Und ich hatte die bedeutungsvolle Frage mit dem Unverstand der vertrauensseligen Jugend gestellt, die noch nie eine Enttäuschung erlebt hat.

Marian wurde roth bis an die Schläfen. Sie habe nicht entfernt an so etwas gedacht, mich nur al- einen Freund betrachtet, und mehr als eine Freundin könne auch sie mir nicht fein. Etwas anderes sei nicht möglich. Und auf meine Frage, warum fie mich verschmähe, erfuhr ich den Grund sie war Braut. Bor drei Jahren hatte fie sich mit einem Offizier versprochen, dessen Rückkehr von Indien jetzt nahe bevorstand.

So aus meinem erträumten Himmel gestürzt zu werden, man bedenke, ich zählte noch nicht ganz neunzehn Jahre ich glaube, ich habe geweint. Während ich, das Antlitz in meinem Rockärmel bergend, fassungslos dastand, bat Marian inständigst, daß ich wich mit Ergebung in daS Un- abänderliche finden möge um ihretwillen und, wenn ich so darunter litte, wie viel mehr fie. Hierbei hatte ihre Stimme ein wenig gezittert.

Ich weiß mich noch zu entsinnen, wie ich blitzschnell den Kopf hob und ihr hoffnungsvoll forschend inS Gesicht sah. Ich armer Narr! Sie legte ihre Wange an meine Schulter und flüsterte, daß es nun einmal nicht anders sein könne und auch für mich so am besten wäre, weil sie ia viel zu alt für mich sei und wahrscheinlich auch meine Familie Einspruch erhoben hätte- überdies wäre es vielleicht gar nicht mein Ernst gewesen Und daS mir, der la, mich mit Freuden vor ihr in den Staub geworfen hatte, wenn ihr da- ein wohlgefälliger Anblick gewesen wäre.

(Fortsetzung folgt.)