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Der
Lietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener
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Zweites Blatt. Sonntag den 11» Juli
Gießener Anzeiger
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Bekanntmachung.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über -die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf- schlags von Fünf vom Hundert pro Monat Juni 1897 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen: Hafer Mk. 15,40, Heu Mk. 5,25, Stroh Mk. 5,25.
Gießen, 9. Juli 1897.
GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen.
v. Gag ern.
Coceks nnö protHnjicttw.
§§ Bermuthshain. 7. Juli. Heute Morgen gegen fieben Uhr bemerkte der Gemeinderechner Escheuröder, daß an» dem Fenster im oberen Stock des Wohnhauses seines Nachbars Karl Schultheis Rauch drang. Zwei Kinder des Letzteren, im Alter von etwa 4 und 7 Jahren, kamen gleichzeitig aus dem Hause und schrieen. Eschenröder, sofort die Gefahr merkend, eilte zu Hilfe. Auch einige Nachbars- Leute kamen herbei und nun fand man, daß in der Küche Feuer ausgebrochen war. ES konnte rasch gelöscht und somit weiteres Unglück verhütet werden. Das Feuer war dadurch entstanden, daß brennende Buchen-Reifig-Ueberreste aus dem Ofen gefallen waren und einige dabet liegende Reifig-Wellen entzündet hatten. Ein ähnlicher Brand fand vor etwa fünf Jahren an derselben Stelle statt. Ferner geriethen dieselben Ender deS Schultheis, das älteste vor etwa 2 Jahren, das jüngste in diesem Jahre, mit ihren Kleidern in Brand, fie wurden glücklicher Weise immer gerettet.
+ Zar Richtigstellung der Notiz von Ober-Schmitten muß hiermit erläutert werden, daß daS gestern überfahrene And nicht getödtet wurde, sondern nur Verletzungen davon trug, die voraussichtlich ohne erhebliche Nachtheile bleiben 'werden.
*ch. AnS dem Kreise Wetzlar, 9. Juli. Dem Hand« arbeitS-Unterrichte unserer Landschulen hat man seit trügen Jahren eine größere Aufmerksamkeit zugeweudet. Während man noch bis zum vorigen Jahre in einzelnen Schulen diesen Unterricht ganz planlos betrieb, indem z. B. das eine Kind nähte, ein zweites strickte, ein drittes wohl jäkelte, so wird nunmehr in allen Schulen unseres Kreises der Handarbeitsunterricht nach einer einheitlichen Methode betrieben. Der Kreisausschuß hat nämlich zur Ueberwachung dieses Unterrichts eine in Wiesbaden ausgebildete Handarbeits
lehrerin angestellt- dieselbe hat zunächst für die Handarbeitslehrerinnen der einzelnen Bürgermeistereien einen dreiwöchentlichen CursuS abgehalten. Sämmtltche Jnduftrielehreriunen der einzelnen Ortschaften waren verpflichtet, an einem solchen Cursus Theil zu nehmen und haben diese Curse für unseren Kreis annähernd zwei Jahre Zeit in Anspruch genommen. Nunmehr besucht jene geprüfte Handarbeitslehrerin sämmt- liche Landschulen, um sich zu überzeugen, ob der Unterricht auch in rechter Weise betrieben wird. — Für das bevorstehende Kaisermanöver find heute die ersten Einruszettel der Reserve und zwar für diejenigen der Cavallerie zu einer fiebenwöchentlichen Uebung ausgetheilt worden. Die genannten Mannschaften müffen bereits am 20. Juli eintreten und hat man durchweg in der Weise eine Aenderung getroffen, daß die Mannschaften der 13. Husaren (Bockenhetm) bet den 6. Ulanen (Hanau) üben und die 5. Dragoner (Hofgeismar) werden bei den 13. Husaren eingestellt. In den nächsten Tagen werden auch wohl die Einrufzettel der übrigen Truppen- theile ausgetheilt werden.
• Kaiferparade. Auf dem Hochplateau zwischen Homburg v. d. H. und Frankfurt a. M. wird am 4. September früh 10 Uhr vorSr. Maj. dem Kaiser die große Parade über 45,000 Mann des 11. Armee-EorpS, der Darmstädter (25sten) und einer Reserve-Division stattfinden. Die Truppen werden in zwei Treffen, von denen das erste 2800 Meter lang ist, Aufstellung nehmen. Der Kaiser mit seinen fürst- ltgen Gästen und feiner glänzenden Suite wird unmittelbar vor der Zuschauertribüne halten, welche auf Anordnung deS kgl. General-Commandos auf dem Paradefeld errichtet wird. Mit der Anlage und Leitung der Bauten ist vom kgl. General-Commando der Baumeister Heußner zu Hannover beauftragt. Die Ausführung ist der Bau-Firma Wilhelm Hancke zu Frankfurt a. M. übertragen. Wagenplatzkarren gelangen diesmal nicht zur Ausgabe, da die Wagen nur einen beschränkten Ueberblick gestatten und daS Paradefeld sehr beengen. DaS schaulustige Publikum hat fich daher mit Billers für die Tribüne zu versehen, auf welcher auch die Spitzen der Civtlbehörden und die Damen der in Parade stehenden Offiziere des ArmeecorpS ihre Plätze etunehmen. Da uns hier nur selten ein solch' großartiges militärisches Schauspiel geboten, wird daS Publikum gut thun, fich im Vorverkauf baldigst Plätze zu sichern. Derselbe findet ab heute beim Reisebureau Schottenfels u. Co. statt. Wir verweisen auf die Anzeige in unserer heutigen Ausgabe.
* Der Krampf im Wasser ist eine Erscheinung, die all- jährlich zur Badezeit ihre Opser fordert, und da- runter häufig genug die besten Schwimmer. Der vom Krampf Befallene macht plötzlich ungewöhnliche und ganz unzweck- mäßige Bewegungen mit den Armen, um im nächsten Augenblick lautlos in die Tiefe zu finken. Die Ursache ist kein eigentlicher Krampf, sondern dem Schwimmer find beim Athmen Waffertheilchen in die sogen, falsche Kehle geratheu,
und die Folge davon ist ein augenblickliches Versagen sämmt- licher Athmungswerkzeuge. ES ist daher unbedingt no h- wendig, daß Mitbadende, sobald fie bemerken, daß einer unter ihnen ungewöhnliche Bewegungen macht, demselben sofort Hilfe leisten, da er einen Hilferuf gar nicht außzu- stoßen vermag.
Citeratur rrnd Uamft
- Der Weg zum «tuiährig-KreiwMige« und zum Offizier des Beurlaubtenstandes in Armee und Marine von Moritz Exner. Zweite Auflage. In Original - Wnenband 2 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. - Ein ohne jede Frage überaus practischeS und nützliches Buch, das schlechterdings in der Hand keines VaterS, keines eine höhere Lehranstalt besuchenden Sohnes fehlen sollte. AuS der Heer- und Webrordnung, M Deutschen Reiches, auS der Marineordnung, dem ReichS-Miutür- gesetz u. s. f. hat der sachkundige Verfaffer (Oberstlieutenant z. D. und Vorstand des Köntgl- Sächsischen Kriegs-Archivs) alle hier einschlägigen Bestimmungen möglichst wortgetreu entnommen und so klar und übersichtlich gruppirt, daß sich der junge Mann bei Er, Werbung deS Berechtigungsscheines, während der Ableistung seiner Dienstpflicht, bei Erlangung deS Befähigungszeugnisses zum OM ter reiche Belehrung und erschöpfende Auskunft sofort endgültig per« schaffen kann. Im höchsten Grade dankenswerth find namentlich auch die Rathschläge über die Wahl deS Zeitpunktes zum Dienstantritt, der Garnison und des Truppentheiles, genaue Angaben über die Kosten, daS Verzeichniß derjenigen Lehranstalten, die zur Ausstellung von Zeugnissen über die wissenschaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Dienst berechtigt sind und vor allem die Prüfungsordnung zum einjährig-freiwilligen Dienst.
Aufruf zur Hilfe!
In der Nacht vom 30. Juni auf 1. Juli find die Bezirke Heilbronn, Neckarsulm. WeiuSberg, Brackenheim, Oehringru, Künzelsau, Gerabronn und Hall
von furchtbarem Hagelschlag und Wirbelsturm heimgesucht worden, Menschenleben find zum Opfer gefallen, die Ernte ist vernichtet, die Obstbäume zersplittert, die Reben zerfetzt, auf viele Jahre ertragsunfähig gemacht.
Die Noth ist groß, klagend, dem Nöthigsten beraubte sehen die schwer Betroffenen der Zukunft entgegen.
Wir wenden unS an Alle, welche diese SchreckenSnacht verschont hat, an alle Menschenfreunde, auch die kleinste Gabe ist willkommen.
Die erhaltenen Gaben, über welche wir seiner Zeit be- scheinigen werden, führen wir an die Centralleitung bei WohlthätigkeitSvereinS deS Landes ab.
Die Abgeordneten der betroffenen Bezirke:
Betz. Münzing. Lang. Hege. Balz. Gebert. Spieß. Fr.Haußmannt Hartmann. Berg, Prälat.
Die Zeitungen werden um rasche Verbreitung dieses Aufrufes ersucht.
Die Expedition dieses Blattes ist bereit, Beiträge ent- gegenzunehmen und dieselben an einen der Obengenannten abzuliefern.
Feuillcton.
Wochendriefe aus der Residenz.
(Originalbericht deS »Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 8. Juli.
Bo« Rennen des Bicyele ClnbS. — Rendanten. — Bom Sommer-Theater.
Hervorragend paßte der erfrischende Umschlag in der Witterung dem Darmstädter Bichcle-Club bei seinem ! «rm vergangenen Sonntag veranstalteten Sommer-Meeting, öaS in mancher Hinsicht einen noch befriedigenderen Verlauf aahm, als daS im Frühjahr ausgefochtene. Vor Allem war Sie Zahl der Startenden nicht so groß wie bei dem ersten Kennen, sodaß die Entscheidung in den einzelnen Programm- aummern rascher erfolgte, nichtsdestoweniger zeigte die Liste der Fahrer doch die ersten Namen der deutschen Radfahrer. Die Festlichkeiten wurden eröffnet durch einen prächtig ge- sahrenen Corso durch die reich von Jntereffenten belebten Straßen der Stadt, an dem auch eine Anzahl Damen auf ü amenbekränzten Radern theilnahm. In den Rennen selbst beeinträchtigte zwar der ftark wehende Wind die erreichten Zeiten einigermaßen, indessen verliefen die einzelnen Wett- libmpfe spannend und ohne den geringsten Unfall. Bet den für Amateurfahrer offenen Fahren trug L. Opel-RüffelS- heim wiederum die meisten Lorbeeren nach Hause, auch die frisch ewporblühende Gießener Radfahrer-Gesellschaft ^Wanderer" hatte einen Vertreter in den Kampf gesandt, Ut steggekrönt daraus hervorging (K. 3)uiII). Unter den skr Berufsfahrer offenen Rennen nahm das meiste Jntereffe bei Kampf um die „Meisterschaft für Hessen über 5000 Meter"
in Anspruch, der in der Thctt zu einem außerordentlich aufregenden Ereigniß wurde. Sieger blieb hier der früher in dem gleichen Rennen schon einmal ausgezeichnete Mich. Herty-Klein-Steinheim, der damit Titel und Ehrenzeichen zum zweiten Male errang. Die Antheilnahme deS Publikums, namentlich der ersten Stände, an dem prächtigen Sponsfeste war außerordentlich lebhaft, ein Zeichen, wie sehr die hiesigen Radfahrer eß verstehen, in der Bevölkerung Jntereffe für ihre Darbietungen zu wecken.
Von den Forschritten, welche die Frage der Errichtung eines VolkSbadeS an hiesiger Stelle gemacht hat, habe ich Ihnen im letzten Briefe schon geschrieben. Mittlerweile hat die damals in Aussicht gestellte öffentliche Versammlung stattgefunden und den von Ihnen schon kurz gemeldeten erfreulichen Erfolg gehabt, daß in ihr die Errichtung der Anstalt durch eine Privatgesellschaft gesichert wurde. Herr Oberbürgermeister Morneweg stellte einen Zuschuß Seitens der Stadtverwaltung in Aussicht, baß Uebrige wird durch Antheilscheine aufgebracht. Der in Außficht genommene Platz ist daß Grundstück, auf dem daß sehr günstig gelegene sogen. „Hessische Hauß" steht, .in nächster Nähe der Post und des Grohh. Ministeriums. Die weiterhin zu unternehmenden Schritte wurden dem engeren Comits überlasten, daß die Sache jetzt eifrig betreiben wird.
Auch die Neuanlage deß Städtischen GaS- werkß au dem im letzten Briefe genannten Platze an der Frankfurter Straße ward von der Stadtverordneten-Versammlung beschlosten. Mittlerweile ist auch der Bau der neuen elektrischen Straßenbahn so weit vor- i geschritten, daß der Betrieb auf einzelnen Linien in nicht zu langer Zeit schon erfolgen kann. Daß Geleise ist fast durch •
die ganze Stadt gelegt und eingepflastert. Die zur Aufnahme deß Leitungßdrahteß bestimmten Säulen werden jetzt aufgestellt, in den engeren Straßen sollen entsprechende Wandhaken, die an den Häusern anzubringen sind, den gleichen Dienst thun. Der Betriebsbahnhof am sogenannten Böllenfallthor geht ebenfalls seiner Vollendung entgegen. Der Wagenschuppen hat eine Länge von ca. 50 Meter und eine Brette von 17 Meter. Er wird vollständig unterkellert, die Fahrgeleise in demselben werden auf mächtige schmiede- eiserne Böcke aufgelegt, wodurch die Betrtebsvorrichtungen unter den Wagen bequem zu erreichen sind. Eß sollen 26 Wagen in dem Etablissement, daß außerdem noch Werkstätten für Reparaturen, Räume für Materialien rc. enthält, Unterkunft finden können.
Das Sommertheater hat in der abgelausenen Be' richtßwoche wiederum mehrere Erfolge zu verzeichnen. Vor Allem gehört dahin die Aufführung von Joh. Strauß' neuester Operette „Waldmeister", die textlich betrachtet, zwar nicht bedeutend genannt zu werden verdient, in musikalischer Hinsicht indessen zu dem besten gehört, was der Meister je geschaffen hat. Die Wiedergabe war recht zufriedenstellend, indessen dürfte, wie von vielen Seiten gewünscht ward, die Aufnahme deß Werkeß in daß Repertoire der Hofbühne dem Theaterpublikum einen ganz erlesenen Genuß bereiten. Auch Suppvß „Boccaccio" sand ein zahlreiches und beifallfrendrgeS Publikum. Nunmehr gastiren Hedwig Lange und Hans Schreiner vom Hoftheater in Wiesbaden in SardouS Lustspiel „Cyprtenne" und in dem jetzt vielbesprochenen ©enfattonitoaufpiel „Trilby". Bon Ihren Leistungen im nächsten Briefe.


