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10.11.1897 Erstes Blatt
 
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Nr. 264

Der

<te|tner Anjeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de-

Montags.

Die Gießener

A««irieuV5älter Verden dem Anzeiger Vdchentlich dreimal beigelegt.

Erstes Blatt_______Mittwoch den 10 November_________________

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

1897

BiertelsLhrigir AvonnementspreiAi 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchukslratze Ar.?.

Fernsprecher 51c.

Amts- und Anzergeblutt für den Mreis Giefzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.

] Hratisöeikage: Gießener KamitienökäLter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und LuSlandeL nehv« Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgeg«.

Englischer Unternehmungsgeist.

Man muß es den Engländern lassen, waS sie beginnen, hat Hand und Fuß, sie knickern auch nicht mit dem Gelde, wenn sie etwas durchsetzen wollen, und verlassen sich nicht allein auf den Staat, wenn es gilt, ein Werk ins Leben zu rufen, welches der Ctvilifatton und dem Nationalreichihum zu dienen geeignet ist. Wenn man erwägt, wie weit ausgedehnt der britische Colonialbefitz ist, und wie vielseitig sich die Unter­nehmungslust der Engländer betätigen kann, so muß man wirklich staunen, daß immer wieder Männer sich zusammen- rhun, um neue Gründungen inS Leben zu rufen, die vielleicht vorerst einen Gewinn überhaupt nicht abwerfen. So ist in letzter Woche in Südafrika eine neue Eisenbahnlinie eröffnet worden, welche das Betfchuanaland und Rhodefia verbindet, nämlich die Bahn MasektngBuluwayo. Die Fertigstellung diese- Werke- ist um so beachtenSwerther, al- der Bau unter besonders schwierigen Umständen stattfand. Buluwayo war noch vor mehreren Jahren die Residenz deS MatabelekönigS Lobengulo, den die Engländer bekanntlich abgesetzt haben; noch vor einem Jahre brachen von Neuem Unruhen au-, und auch jetzt noch ist die Situation keine allzu sichere. Nur der Mangel an den nothwendigsten Lebensmitteln und an Munition bewog die Matabeler, die Waffen zu strecken. Trotz dieser -unsicheren Zustände ist jene Bahn zu Stande gekommen, trotz der Rinderpest und trotz der Wirren, welche zwischen der Südafrikanischen Gesellschaft und Transvaal au-gebrochen waren. Im Uebtigen hat genannte Eisenbahn, wenn sie auch vielleicht kaum einmal einen Gewinn abwirfr, ihre große Be­deutung, da sie von Capftadt au- einen Weg bahnt, bis in das Herz de- Gebietes der Chartered Company, und viel dazu beitragen wird, die Relchthümer des Landes zu er­schließen. Andererseits aber find die Engländer auch im Stande, die Eingeborenen de- MatabelelandeS besser im Zaume zu halten und binnen kurzer Zeit größere Truppen- massen dorthin zu werfen. Bon Capftadt ging bisher nur ein Schirmnweg bi» Mafekiug, von da bis Bnluwoyo waren t6 fast noch 1000 Kilometer, welche in nicht ganz 2 Jahren auSgedaut wurden. Die Fahrtdaurr von Capftadt bisBulu« wayo betragt jetzt 90 Stunden, doch hofft man diese Zeit noch ganz erheblich verkürzen zu können.

Das für die Bahn MafekingBuluwayo gezeichnete Capital von zwei Millionen Pfund ist nicht aufgebraucht worden, da der Bau nur etwas über 37 Millionen Mark gekostet hat. Die Chartered Company, welche wie bereits oben erwähnt den meisten Nutzen von der Bahn haben wird, bietet ZinSgewähr, außerdem gewähren die englische und die Kapregierung einen bestimmten jährlichen Zuschuß, und nur 70000 Pfd. sollen vom Verkehr jährlich aufgebracht werden. Man darf der sicheren Urberzeugung sein, daß die Bahn auf die Entwickelung deS von ihr berührten Landes einen ganz gewaltigen Einfluß auSübcn toirb; Handel, In­dustrie und Bergbau, welche bereits jetzt im Aufblühen be­griffen find, dürften sich weiter kräftig entfalten, auch die Landwirthschaft und Viehzucht werden an den Vortheilen partic-piren. Noch größere Bedeutung erhält der neue Ver- kehr-weg aber, wenn der Plan, den Schienenstrang bi- zum Sambefi fortzusetzen, auSgesührt sein wird, woran kaum noch gezweifelt werden darf. Und die Engländer werden nicht lange zögern, ihr Vorhaben in- Werk zu setzen, da sich zwischen Buluwayo und Sambesi mächtige Kohlenfelver befinden sollen, deren Ausbeutung reichen Gewinn verspricht, jetzt aber Mangels eine» guten Verkehrsweges nicht durchgeführt werden kann.

Da- ist eines der Zeugnisse, welche für die Beweise englischer Thatkraft in den letzten Jahren abgelegt werden kann. England trifft anscheinend alle Anstalten, um wenigstens feinen afrikanischen Besitz für alle Zeiten zu sichern- Denn ein großer Theil seines überseeischen Besitzes dürste ihm über kurz oder lang einmal streitig gemacht werden. Auch Rußland baut eine Bahn, welche das russische Reich mit China ver­binden soll und dem Czaren einen großen Einfluß auf die asiatischen Angelegenheiten einräumen wird. Es ist eine be­kannte Thatsache, daß daS Bestreben Rußlands dahin geht, die Hegemonie in Oftafien zu erlangen und sich einen Weg nach Indien freizumachen.Langsam, aber sicher" ist der Wahlspruch der russischen Diplomatie- der Weg, den sie sich gesteckt hat, ist schwieriges Terrain, aber die Hindernisse werden ohne Frage einmal hinweggeräumt werden. Die russischen Bemühungen in Persien haben denselben Zweck, nämlich den Seeweg nach Indien für Rußland freizumachen- und die Fürsorge der Petersburger Regierung für die hungernden Indier entsprang auch nicht reiner Menschlichkeit, vielmehr wollte man damit unter den Indiern Stimmung machen für Rußland. England hat demnach alle Ursache, sich innerhalb seines ausgedehnten Colonialgebietes einzelne

besonders feste Sitze zu schaffen, und dazu bietet das neueste Unternehmen, der vollendete Bahnbau von Mafeking nach Buluwayo und die geplante Fortführung bis Sambesi eine gute Handhabe. (xx)

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 8. November. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin empfingen gestern Seine Exccllenz den Kaiserlichen Staatssecrecär im ReichSmarineamt, Contreadmiral Tirpitz. Der Staat«* fecretär und der in seiner Begleitung befindliche Sorbetten« capitän Pohl hatten darauf die Ehre, zur Großherzoglichen Tafel gezogen zu werden. Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin statteten gestern Vormittag der Groß­herzoglichen Hofbibliothek einen Besuch ab, um die von Herrn Director Dr. Nick veranstaltete Ausstellung der bedeutenden und werthvollen Sammlungen von Ex-libris zu besichtigen. Herr Hofbibliothekar Dr. Schmidt gab in eingehendem Vor­trag die erforderlichen Erläuterungen zu der Ausstellung und lenkte die Aufmerksamkeit Ihrer Königlichen Hoheit auf ein­zelne Unica der Sammlung. Hierauf ließen sich Ihre König­liche Hoheit noch einzelne Prachleinbände, auS dem 15. und 16. und Ende drS vorigen Jahrhunderts stammend, vorlegen und erklären. Ihre Königliche Hoheit haben der Bibliothek die Höchsteigenen Ex-libris zum Geschenk gemacht, ebenso Herrn Dr. Schmidt und Herrn Dtrector Dr. Nick besten Dank für die interessante Ausstellung aussprechen lassen. D. Z.

Berlin, 8. November. Bet den Stad iv er ordne ten« w ah len der dritten Klasse ergab sich folgendes Resultat: Die Socialdemokraten verloren 1 Sitz, behaupteten 4 und kommen in 4 Stichwahlen- der Freisinn gewann 1 Sitz, be« haup'ete 5 und kommt in 5 Stichwahlen, darunter in eine Stichwahl mit einem Antisemiten. F. Z.

Wolff» telegraphische« Correspondertz-Bareau.

Berlin, 8. November. P. Blumenreich, der ehe­malige Director desTheater des WeftenS", wurde wegen Unterschlagung, verbunden mit Untreue, Urkundenfälschung und Vergehen gegen § 82 deS Grnossenschastsgesetzes, unter Annahme mildernder Umstände zu 9 Monaten Gesängniß und 50 Mk. Geldstrafe verurtheilt.

Celle, 9. November. General der Infanterie, v. Schacht« meyer, ist Abend- gestorben.

Hirschberg i. Schl., 8. November. Bei Besichtigung de- UeberschwemmungSgebler- in der Vorstadt Sechsstätten über« reichte der Oberprästdent dem Kaiser einen Plan de- gc« fammten UeberschwemwungS-GebietS. Um 8 Uhr 50 Min. setzte der Kaiser die Reise nach Warmbrnnn fort, wo die Ankunft um 9 Uhr eifolate. Hier bestieg der Kaiser mit dem Prinzen Heinrich XXVIII. von Reuß einen bereit­stehenden Vierspänner und fuhr nach GierSdorf. Der Kaiser besichtigte die durch da» GierSdorser Wasser angerichteten Verwüstungen, fuhr über Scidors, ArnSdors, Birkicht nach Qaerseiffen und setzte dann den Weg durch diesen Ort zu Fuß fort. Bon Querseiffen ging die Fahrt Über Stumm» Hübel nach Brückenberg, wo tm Waldhause ein Imbiß ein­genommen wurde. Hierauf begab sich der Kaiser über Brücken- berg zurück nach Station Zillerthal und bestieg gegen 1 Uhr nach Verabschiedung vom Prinzen Heinrich XXVIII. von Reuß den Extrazug, der kurz nach 1 Uhr über Hirschberg, Königsfeld und Bre-lau nach Oberfchlesten fuhr.

Falkenstein i. Vgtl., 8. November. Sonntag früh 5 Uhr erfolgten hier zwei heftige Erdstöße- der zweite dauerte 6 Secunden.

Paris, 8. November. Die Deputirtenkammer nahm heute die Vorlage, betreffend die Zweit Heilung de- 6. ArmeecorpS, ohne Debatte an.

Depeschen M BureauHerold.-

Berlin, 8. November. DerReichsanzeiger" bespricht die mit der Herbst Campagne auf den Linien der vormaligen Hessischen Ludwigsbahn eingetretenen Betrieb-- und Verkehrsstockungen und gibt dazu eine statistische Übersicht des Güterverkehrs auf dieser Bahn. In seinen Ausführungen betont der Reichsanzeiger, daß die Stockungen auf die unzureichenden Einrichtungen de- UnieruehmenS zurück- zuführen feien. Zwar habe die Eisenbahnverwaltung zu Mainz mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln auf die Hebung der Lcistung-fähigkeit der Hessischen LudwigSbahn hingewirkt, aber Vieles müffe noch gethan werden. Ueber diejenigen Maßnahmen, welche zur ferneren Vorbeugung großer Calami- täten alsbald durchzuführen sein würden, sei ein umfassender Plan in der Ausarbeitung begriffen. Insbesondere sei der

vollständige Ausbau de- zweiten Geleise- auf der Strecke Frankfurt-Mannheim bereits in Angriff genommen. Die Aufgabe der E senbahnverwaltung sei e-, so schließt der Reichsanzeiger", das hinsichtlich der Bahnanlage der Hessischen Ludwigsbahn sobald als möglich nachzuholen, was zur Be­wältigung des mächtigen Verkehr- erforderlich sei.

Berlin, 8. November. DiePost" meldet: Die Er­nennung deS Obersten Schäffer zum Gouverneur von Kreta ist immer noch nicht vollzogen und zwar scheint von Seiten der englischen Regierung noch immer keine Zustimmung erfolgt zu sein. Insofern dürfte die Angelegenheit ober doch in ein neues Stadium gerückt fein, als jetzt zwischen den Kabinetten die Frage erörtert wird, ob zunächst der von Frankreich vorgeschlagene Candidat für den Gouverneurposten die Geschäfte provisorisch leiten oder ob sogleich die endgültige Ernennung erfolgen solle.

Berlin, 8. November. Ein Aufsehen erregender Vorfall spielte sich heute Vormittag an der Kasse de« hiefigen Bankhauses vou Julin» Bleichröder L Co. ab. Dort lieferte der Bote der Firma F. Meißner & Co. Wechsel im Betrage von rund 110000 Mark ein und setzte sich, während der Kasfirer mit der Durchsicht beschäftigt war, im Borraum der Kasse nieder. Nach einiger Zeit De« Wartens fragte er, ob er nicht bald abgefertigt werden könnte und erhielt die ihn verblüffende Antwort, er hätte doch schon sein Geld in einem ReichSbank-Check erhalten. Em Fremder hatte die Gelegenheit benutzt und den durch das Kassenfenster gereichten Check in Empfang genommen. Infolge sofortiger telephonischer Benachrichtigung der Reichsbank gelang e-, die Auszahlung der Summe an den Dieb tm letzten Augenblick zu verhindern und diesen zu verhaften.

Berlin, 8. November. DerNat.-Ztg." wird bestätigt, daß in der Sitzung des BundeSrathS vom Donnerstag der Entwurf der Militärstrafproceßordnung endgültig angenommen worden ist, sodaß auch seine Vorlage an Den Reichstag festfteht. Aus welchen Gründen der amtliche Bericht über die Sitzung diese Verhandlung völlig unerwähnt gelassen hat, sei nicht erkennbar.

Berlin, 8. November. Pfarrer Naumann stand heute wegen Beleidigung deS BezirkS-Lommandeurs Major Schönbeck in Göttingen vor der 3. Strafkammer des Landgericht- I. Es handelt sich um einen in der eingegangenenZeit" ent­haltenen Artikel:Erlebnisse eines Reserveoffizier-". Der Gerichtshof verunheilte den Angeklagten entsprechend dem Anträge de- Staat-anwalts zu 300 Mark Geldstrafe. Der Gerichtshof hat dem Angeklagten an sich den Schutz de« § 193 zugebilligt, die Schutzgrenzen aber für Übertreten erachtet, da er sich zu gröblichen persönlichen Kundgebungen der Nichtachtung gegenüber dem Major Schönbeck habe hin- reißen lassen.

Berlin, 8. November. Der Oberpräfideut der Provinz Sachsen, v. Pommer-Esche, hat, wie dieNationalzeitung" hört, feine Entlassung nachgesucht und erhalten. Der Rücktritt dürfte zum 1. Januar erfolgen. AiS Nachfolger deS Herrn v. Pommer-Esche gilt Herr v. Bötticher.

Köln, 8. November. Zur Absicht des Berliner Stadt- verordneten-Collegiumö und Magistrat«, für die März­gefallenen ein Denkmal zu errichten, schreibt dieKöln. Ztg.":Wir müssen unser lebhaftes Bedauern über den Beschluß aussprechen, der einen ausgeprägt politischen Character hat und in den weitesten Kreisen der Berliner Bürgerschaft heftigen Widerspruch und tiefe Verstimmung Hervorrufen muß. Der Beschluß muß als ein btrecier Angriff gegen das Herrscher- thum bezeichnet werden- auf jeden Fall ist der Beschluß ehe Unternehmen, für daS die paffenden Worte fehlen."

Olin, 8. November. Die Generalverfommlung deS Bauern-Vereins Nordoft, welche gestern stattsand und gut beschickt war, wurde nach dreistündiger Dauer infolge eine- von conservativer Seite hervorgerufenen Tumults auf­gelöst.

Leipzig, 8. November. Einer der berühmtesten Touristen Deutschlands, der Senatspräfident beim Reichsgericht, Heinrich Wiener ist in der Nacht zum Sonntag im Alter von 63 Jahren gestorben.

Karlsruhe, 8. November. Am 6. und 7. November tagte hier die 2 8. Versammlung der füdwestdeutschen Irrenärzte. Bezüglich deS weiteren Au-baueS der Irren- sürsorge außerhalb der Irrenanstalten war man darin einig, durch die Kreispflegeanstalten könnten die Staatsirrenanstalten entlastet werden durch Aufnahme von in Staat-anstalten genesenen Geisteskranken. Bezüglich der Errichtung von Sanatorien als UebergangSstationen gingen die Ansichten auseinander. Die nächstjährige Versammlung findet in Heidelberg statt. Als Berathung-thema wurde u. A. die Frage einer Jrrengesetzgebung für Deutschland bestimmt.