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-rr. 263 Zweites Blatt. Dirnstag den 9. November 1897
Der ^Ufevet JUq tiger erscheint täglich, eit Au-nahmc bei Montags.
Die Gießener Axmiriexßtällee werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Kichmer Anzeiger
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“1897.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden tag erscheinen den Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Hratisöeitage: Hießener Kamilienölätter
Alle Annoncen.vxreaux de» In- und Auslandes nehme» I Anzeigen für den „Gießener Anzeißer" entgefw.
Deutsches Reich.
Betlie, 6. November. Für die Fortführung de» An- ftedelungSwerke» in Pofen und Westpreußen sollen, der ENattonalztg.- zufolge, 1OO Millionen Mark gefordert werden.
verli». 6. November, dl bestätigt sich, daß derRetchS- tag zu« 30. November einberufen wird.
verli», 6. November. Der Kaiser ist gestern Abend IP/i Uhr von PteSdorf nach dem Neuen Palat» zurückgekehrt. Heute vormittag hörte er den Borttag des Minister» de» Innern, Frhrn. v. d. Recke und empfing um 12 Uhr den Landeshauptmann der Marschall-Inseln, Dr. Jrmer. Heute Abend wird der Kaiser an einem Diner beim Offizter- TorpS des Garde Grenadier-Regiment» Nr. 4 theilnehmen.
verli», 6. November. Die Absicht, eine Versammlung behufs einer Shmpathte-Kundgebung für die Deutschen in Oesterreich hier zu veranstalten, ist aufgegeben worden.
Auslaud.
Loabö», 6. November. Nach englischen Blattermeldungen sollen acht Walfischfänger-Tchtffe im nördlichen Eismeer vom Eise etugeschloffen sein. Au Bord sollen fich 300 Personen btfinden, denen eS an Nahrungsmitteln fehlt. Gin au» Alaska kommendes Schiff hat diese Nachricht nach Europa gebracht.
Madrid, 6. November. General Blaoco telegraphiere an die Regierung, die Partei der Autonomisten auf Tuba sei in einer Umwandlung begriffen. Mehrere Familien, welche auSgewandert waren, kehrten nach Tuba zurück.
Konstantinopel, 6. November. Infolge der Intervention des russischen Botschafter» ist auf Befehl deS Großvezir» das verbot der Ausladung von Maaren aus griechischen Schiffen zurückgezogen worden.
Zum Beamtengesetz.
Der Vorstand des Vereins akademisch gebildeter Lehrer im Großherzogthum Hessen begründet in einer an Regierung und Stände gerichteten Eingabe den Wunsch der Gleichstellung der akademisch gebildeten Lehrer mit den Richtern in Rang und Gehalt folgendermaßen:
Die Herstellung der Rechtsordnung war die erste und lange Zeit die einzige Aufgabe des Staates. Daraus erklärt sich die angesehene Stellung der Gerichtsobrigkeit. Erst später hat sich der Staat auch anderen Aufgaben unterzogen, die anfänglich gegenüber dieser Hauptaufgabe als nebensächlich erschienen und erst allmählig sich als ebenbürtig erwiesen. Es ist daher die Frage der Gleichstellung nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart zu beurteilen. Die Gestaltung unserer socialen Verhältniffe drängt mit aller Macht zu dieser Gleichstellung, sie ist eine allgemein anerkannte Forderung unserer heutigen Zeit, und wenn man historische
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Feuilleton.
Tyres, der Renommirhund.
Eine Fuchsenertnnerung von P. Grabein.
(Schluß.)
Nach den üblichen gegenseitigen Fragen holte fie denn auch richtig ein in rosafarbenem Seidenpapier finnig eta- geschlagenes Etwa- hervor. Schnell öffnete ich die Hülle und — ein reizendes Halsband glänzte mir entgegen. In Perlenstickerei in meinen Farben ans hellgelbem Leder aus- gesührt, mit blitzenden Nickelschnallen — kurz, ein entzückendes HalSbändchen.
Und daS sollte diese kümmerliche Treatur tragen?! Ja, woher wußte fie denn überhaupt von der Existenz dieses UnglücksvteheS? Dieser Räthsel löste fich sehr einfach. Einige meiner Eouleurbrüder, die auch in diesem Haase verkehrten, hatten ihr so viel von meinem Renommirhuud erzählt, das ja ein wahres Pcachtexemplar sein solle, löwen- gelb, eine ächte deutsche Dogge! Und nun müsse ich ihr auch eine Freude machen Heute Nachmittag würde fie mit Mama und mehreren Freundinnen einen Spaziergang nach Löbstedt machen, daS Wetter sei so mild und schön. Da müßte ich witkommen und meinen „Tyra»" in seinem neuen Schmuck vorstellen.
Ich dachte, ich sollte vor Schreck in den Boden sinken. Diesen Trettu von Hund ihr vorstelleo, mich unsterblich bla- mtren? Nein, niemals! Doch fie bat so reizend, daß ich schließlich doch nachgab, wenn auch mit schwerem Herzen. O, diese boshaften Kerl», die mich so niederträchtig „rein- gelegt" hatten.
Eine halbe Stunde vor der verabredeten Zeit zog ich Nachmittag» hinaus nach Kamsdorf, wo der Pflegevater meines Tyros hauste. Endlich fand ich sein Hau» und trat ein mit der Frage nach meinem Hund. O, der sei schön groß und stark geworden, versetzte der Alte schmunzelnd,
Verhältniffe, die bereits überwunden und somit wirklich zu historischen Verhältnissen geworden sind, beibehalten wollte, so würde man Ungleichheiten verewigen. Unzuträglichkeiten, die keinen Grund in unserer ganzen Entwickelung mehr haben, bewahren, damit Unrecht thun und Verbitterung erregen.
Bei der wichtigen Frage der Gehaltsregelung auf Jahrzehnte hinaus muß der Gedanke ausgleichender Gerechtigkeit nicht nur anerkannt, sondern auch in allen Theilen durchgeführt sein. Die Motive zum Gesetzentwurf sagen Seite 3:
„In dem seitherigen Besoldungssystem, wie es sich mit der Zeit entwickelt hat, finden sich manche hergebrachte Verschiedenheiten in den Gehaltsverhältnissen, deren sachlicher Grund nicht immer erkennbar ist. Es ist wohl der schwierigste Punkt einer Besoldungsreform, ine rechte Mitte einzuhalten zwischen einer zu weit gehenden Ausgleichung und einer zu weit gehenden Erhaltung hergebrachter Gehaltsunterschiede. Das Bestreben nach völliger Beseitigung jedes Unterschieds im Gehalt zwischen Beamten von ähnlicher Stellung und Vorbildung kann nicht als berechtigt anerkannt werden. Für die Bemessung der Gehalle der einzelnen Dienstklassen können nur die staatlichen Interessen, insbesondere die Rücksicht auf die besondere Bedeutung des Amtes und die äußere Stellung des Beamten maßgebend sein; eine verschiedene innere Bewerthung der einzelnen Berufskreise ist hierin nicht enthalten."
Mit dieser Motivirung wird gerade der zu vermeidende Fehler begangen, die aus historischer Entwickelung zu erklärenden Verschiedenheiten dauernd festzulegen, obgleich sie unter veränderten Verhältnissen nicht mehr gerechtfertigt sind.
In den weitesten Kreisen deS Volkes werden die Beamten nun einmal in ihrer amtlichen Thätigkeit so gewürdigt, wie der Staat sie würdigt durch die Höhe des Gehaltes. Man wird auch in Zukunft trotz der Behauptung, daß „eine verschiedene innere Bewe thung der einzelnen Beamtenkreise darin nicht enthalten sei," Beamte von gleicher Stellung und Vorbildung nicht als gleichwetthig betrachten, wenn der Gehalt — d S ist die Gegenleistung deS Staates — ein verschiedener ist.
Das Bestreben nach völliger Beseitigung jedes Unterschiedes mag zu weit führen. Ungleichheiten, die im inneren Wesen deS Berufs liegen, oder Ungleichheiten, welche durch die „besondere Bedeutung des Amtes" bedingt werden, wie z. B. die Unabsetzbarkeit und Unversetzbarkeit der Richter, werden vielleicht niemals völlig zu beseitigen sein, ganz gewiß aber sind „Beseitigung jedes Unterschieds im Gehalt" zwischen gleichwerthigen Kategorien jederzeit zu erreichen und, weil berechtigt, auch zu erstreben.
Es liegt uns vollständig fern, die Bedeutung und Wichtigkeit irgend eines Amtes im Ltaatsleben zu unterschätzen. Ein harmonisches Zusammenwirken aller Theile ist nothwendig, um den Staatskörper gesund zu erhalten. Ganz entschieden glauben wir aber betonen zu sollen, daß die Thätigkeit des höhere. Lehrerstandes von außergewöhnlicher Wichtigkeit für die gedeihliche Entwickelung und den gesunden Fortschritt des Staatswesens ist.
Der höhere Lehrerstand ist verantwortlich für das edelste Gut, für das kostbarste Material, das der Staat zu verwalten hat, für seine Jugend. Er ist berufen, die begabten Södne des Volkes heranzubilden, vorzubereiten für die wichtige Aufgabe, dereinst in allen Zweigen des staatlichen und öffentlichen Lebens die führende Rolle zu übernehmen, und zwar so zu übernehmen, daß diese Führung der Gesammtheit zum Segen gereiche.
Im Interesse des Staates wie der Schule ist es daher ent
schieden gelegen, daß alle zu dem Lehrerberuf wirklich beanlagten Persönlichkeiten sich ihm zuwenden, auch solche, deren Familien den höchsten und gebildetsten Kreisen der Gesellschaft angehören. Daß dies aber auf die Dauer der Fall sein werde, wenn der Beruf der Lehrer an höheren Schulen durch eine Bestimmung des Gesetzes als minderwerthig gegenüber anderen bezeichnet wird, muffen wir stark bezweifeln, und eine solche Bestimmung wäre die geringere Höhe der Besoldung, denn diese bleibt der Ausdruck für den Werth, den der Staat einer Beamtenklaffe beimißt.
In voller Würdigung dieser Verhältnisse erklärte der Abgeordnete Landesgerichtspräsident Korsch im preußischen Abgeordnetenhaus am 12. März 1892: „Das persönliche Interesse der Lehrer siebt weder allein noch hauptsächlich in Frage, sondern Erwägungen obzectiver Natur sind maßgebend. Es handelt sich darum, die höheren Schulen von der seit längerer Zeit drohenden Gefahr eines Niedergangs zu bewahren. Für die ersprießliche Wirksamkeit der höheren Lehranstalten, namentlich in erziehlicher Hinsicht, ist es durchaus nicht gleichgiltig, aus welchen Klaffen der Gesellschaft die Lehrer an den höheren Lehranstalten Herkommen. ES ist notorisch, daß in dieser Beziehung seit lange die Wahrnehmung gemacht worden ist, daß Söhne aus den besser fftuirten Familien des Landes sich scheuen, in die Lehrercarriöre einzutreten. Der Grund dieser Erscheinung liegt klar auf der Hand. Es ist die dem Ausbildungs- aang und der Stellung der höheren Lehrer Deutschlands nicht entsprechende pecuniäre und sociale Lage, welche von der jü ahl dieses Berufes abschreckt."
Denselben Gedanken drückte Herr Geh. Ober-Regierungsrath Dr. Hinzpeter in der durch die Initiative Sr. Majestät des Kaisers einberufenen December-Eonferenz aus. Er sagte: „Bei keinem Berufe wirkt die Persönlichkeit so unmittelbar, wie in dem Berufe deS Lehrers. Deshalb sind auch die Besten der Nation gerade gut genug zu Jugendbilbnem. Nun lassen sich leider solche ideale Menschen nicht beliebig und künstlich schaffen, wohl aber läßt sich verhüten, daß, wo sie vorhanden, sie nicht gerade von dem Stande, in dem sie am meisten nöihig wären, abgeschreckt werden." In der Denkschrift, die Gymnasialdirector Wallichs am 5. Juni 1896 dem preußischen Kultusministerium im Auftrage der gefammten höheren Lehrerschaft Preußens überreichte, wird die Thatsache mitgetheilt, daß von den Söhnen akademisch gebildeter Lehrer, welche das Abiturientenexamen bestanden haben, nur 7 pEt. den Beruf des Vaters wählen, bei den anderen akademisch gebildeten Beamten aber die Hälfte dem väterlichen Berufe treu bleibt, und daß nur roeniae Söhne der anderen akademisch gebildeten Berufsarten sich für den Lehrerstand entscheiden. Man mag es beklagen, daß nicht idealere Beweggründe die Jugend der Gegenwart zur Berufswahl bestimmen, aber die Thatsache ist einmal da und verdient ernste Beachtung. Aber auch absolut genommen wird die Zahl der Abiturienten, welche sich dem Lehrerberuf widmen, stets geringer. In Hessen haben von 147 Gymnasial- Abiturienten des Jahres 1897 sich 45 für die juristische und nur 16 für die Lehrerlaufbahn entschieden. Die Bedeutung des Amtes erfordert sicherlich eine ernste Beachtung dieser Thatsachen und Maßregeln, das sociale Niveau des Standes nicht sinken zu lassen.
Zu dieser Bedeutung des Amtes, welche die ersehnte Gleichstellung im Gehalt mit den Richtern unterster Instanz für die akademisch gebildeten Lehrer als Ehrensache erscheinen läßt, treten eine ganze Reihe anderer, gewichtiger Gründe hinzu, die dieses Streben als ein billiges und bescheidenes erkennen lassen müssen. Die akademisch gebildeten Lehrer haben die längste Studiendauer, sie haben, wie die erschreckenden Zahlen über die durchschnittliche
wie hätte er ihn aber auch herauSgefüttert! Und die Ohren hätte er ihm inzwischen auch verschnitten, das fei jrtzt ein StaatSkrrl.
Er ging, während er diese Lobrede hielt, zur Kammer- thür, öffnete fie und — herein kam bedächtigen Schrittes mein Tyra». Heilige» Kanonenrohr! Vor Schreck fiel ich fast von dem Stuhl, auf den ich mich vorfichtShalber fchou gesetzt hatte. Das übertraf ja noch alle meine Befürchtungen. Das Thier war inzwischen allerdings mächtig gewachsen, aber nur, wa» seinen Kopf und LetbeSumfang anbetraf; der letztere schien auf Rechnung einer reichlichen Kartoffelmaft zu setzen zu sein. Die Beine waren noch genau so niedrig wie früher, nut der Kopf! Ach, du lieber Gott, der hatte durch die spitzig cupirtrn, steif nach oben stehenden Ohren etwas Nilpferdartiges bekommen.
Na, so viel stand fest, dieses mißrathene Geschöpf sollte Mieze nie an meiner Seite sehen. Kurz erledigte ich die geschästltchen Angelegenheiten mit dem Alten, that dem ThraS da» prächtige neue Halsband um, band eine Schnur daran und zog mit dem Rabenvteh ab. Ich wollte eS zunächst zum Touleurdiener bringen, der sollte eS mir irgendwie vom Halse schaffen, dann wollte ich zu dem RendezvouS eilen und Mieze erzählen, daS Thier sei krank geworden, werde wohl e ngehrn oder dergleichen etwas Glaubhaftes. Doch eS kam anders.
Ich schritt auf Umwegen but» die ParadieSanlagen dahin, da ich mich schämte, mich in der Stadt mit der Bestie zu zeigen. Plötzlich höre ich vor mir Helle Stimmen, um da» Buschwerk biegen in fröhlicher Unterhaltung drei junge Damen, dahinter zwei ältere — wahrhaftig, eS find Gericht»- rath», die offenbar schon etwas früher von Han» weggegangen, um auf einem Umweg zu unserem RendeSvou» zu gelangen.
Während ich noch vor Schrecken wie angewurzelt stehe, löst fich eine der jungen Damen in reizendem perlgrauen LoftÜm mit Pelzbesatz — ich erkannte Fräulein Mieze —
au» der Gruppe loS und lockte, mir den Fingern schnippend, meinen Hund: „ThraS, ThraS l- Der hört eS kaum, da springt er auch schon, laut aufjaulend vor Freude, vorwärt», reißt mir die Schnur aus der schreckgelähmten Hand und rast schnurstracks auf die freundliche Ruferin loS. Ehe ich e» hindern kann, ist er bet ihr und im nächsten Augenblick tappt er, aufrecht stehend, mit feinen knotigen Vorderpfoten auf da» funkelnagelneue Kleid, ein Weihnachtsgeschenk!
Ein Schrei dringt an mein Ohr- ich sehe Mieze da» unselige Thier entsetzt zurückftogen, in ihren Blicken spiegelt fich Zorn und Abscheu gegen Hund und Herrn. Ich bin zwar im nächsten Moment bet thr und reiße daS eiende Geschöpf mit so gewaltigem Ruck von thr, daß e» fast dabei erstickt wäre. Aber eS war doch schon zu spät! DaS neue EostÜm war hin und meine Chancen bet Fräuletn Mteze auch. DaS sagte mir der kalte Blick und da» frostige: „O, bitte sehr, da» thut ja nichts!" womit fie meine stammelnd hervorgebrachten Entschuldigungen erwiderte. Daun wandte ich mich eilends mit meinem Hunde nach recht» und fie fich mit ihren Begleiterinnen nach link». Und al» ich einige Schritte gegangen war, noch immer ganz zerschmettert, da drang an mein Ohr ein Helle», dreistimmiges Auflachen. DaS war noch schlimmer al» der Blick. Ich hatte mich zu« Gegenstand ihres Spottes gemacht. Nun war alles aus.
Tyra» wurde am selben Abend an einen Gemüsehändler verkauft, desien Wagen er in späteren Jahren gezogen haben soll, wo er dann noch oft den Füchsen von alten Semestern al» wein „penfionirter Renommirhund" spöttelnd gezeigt wurde. Da» Hau» von Gerichtsrath» betrat ich nie wieder und habe auch nie wieder mtt Fräulein Mieze Theater gespielt. Da» Halsband aber hängt in meinem Zimmer noch jetzt an der Wand unter Mützen und Schlägern zwischen langstieligen Pfeifen und Tabaksbeuteln, ein verblaßte» Zeichen der seligen Fuchsenzett.


