Ausgabe 
9.9.1897 Zweites Blatt
 
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Nr. 211 Zweites Blatt. DormerSL^ tz« 9 September

1897

Der «Mitte« ertchemt täglich, mt< Sntoo!)»' bd SBentoe*.

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Gießener Anzeiger

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Die landw. Winterschule zu Alsfeld betr.

Die landw. Wtnterschule za Alsfeld beginnt ihren 26. WintercursuS Montag deu 1. November d. I., Vormittags 11 Uhr.

Ilidem wir zum Besuche der Schule einladen, bemerken wir, bah die Schule das Ziel verfolgt, jungen Landwirthen diejenigen Fachkenntnisse, welche heute zur rationellen Be- wtrthschaftuug bäuerlicher Güter nothwendig find, in zwei fünfmonatlichen Wtntercursev zu vermitteln. Zur Erreichung dieses Zieles lehren an der Schule zwei LandwirthschaftSlehrer und vier Hilfslehrer. Die Schule ist m'r einer reichen Lehr- «ittelsammlung zweckentsprechend ausgerüstet.

Ausgenommen werden junge Leute im Alter von 14 bis 20 Jahren, welche das Unterrichtsziel der Volksschule erreicht haben- in den oberen CursuS nur solche, welche schon deu unteren EursuS mit Erfolg besucht haben, oder welche nach­weisen, daß fie die Kenntnisse, welche der untere CursuS ver­mitteln soll, bereits besitzen. Aeltere Landwtrthe können als Hospitanten ausgenommen werden.

Die jungen Leute stehen wahrend ihres Hierseins unter Aufsicht der Lehrer und müffen sich der Schulordnung un­bedingt unterwerfen. Sie nehmen Wohnung in bürgerlichen Familien und können Wohnungen zu 30 bis 40 Mark pro Monat von dem Vorsteher der Schule, Henn LandwirthschaftS- lehrer Leitbiger, nachgewtesen werden. Das Schulgeld beträgt für das Wintersemester 25 Mark.

Anmeldungen find an den AufsichtSrath oder an Herrn LandwirthschaftSlehrer Leithtger zu richten, welcher auch bereit ist, spectellere Aosragen zu beantworten.

Alsfeld, den 1. September 1897.

Der AufsichtSrath der landw. Wtnterschule AlSseld. ®r. Melior.

* Frankfurt a. SR., 6. September. Ein bedauerlicher Unglücks fall ereignete sich heute Nachmittag gegen 3 Uhr auf der Kaiserstraße. AlS der Wagen, welcher nach der Rosen-AuSftellung geht, an der Moselstraße, in der Nähe

des HauprdahuhosS vorbeifuhr, kam ein Ruffenfuhrwerk in voller Carrtere dahergerannt und kam mit der Deichsel gegen den rechten Hinteren Thetl deS Wagens, so daß das ganze Seitenstück zertrümmert wurde. Die Wagendeichsel draug bis tu daS Innere des TrambahnwageuS ein und stieß einer Dame derart an die Schläfe, daß der Schädel gespalten wurde. Blutüberströmt wurde die Unglückliche, welche sich in bewußtlosem Zustande befand, in einen Metzgerladen in der Moselstraße gebracht, von wo aus fie nach dem städtischen Krankenhause befördert wurde. Wie mitgetheilt wird, soll die Dame nach einigen Stunden gestorben sein. Die Ver­unglückte heißt Elise Conrad und ist aus Dillenburg. Sie befand sich gerade mit ihrem Bräutigam auf der Rück­reise und wollte nach dem Hauptbahuhof fahren. Der Bräu­tigam, welcher über diesen Vorfall in volle Verzweiflung ge- rieth, wollte sich vor Gram selbst das Leben nehmen. Die anwesenden Personen hinderten ihn jedoch, an diesem Ent­schluß. Der UnglückSfall ist lediglich der Fahrläsfigkett deS Fuhrmanns, der betrunken und schlafend auf dem Wagen saß und fich nicht einmal rührte, als seine Pferde zu Boden stürzten, zuzuschreiben. Die Verhaftung deS fahrlässigen Ge­sellen wurde sofort vorgenommen.

vahuhofSbauten. Einer kürzlich veröffentlichten Zu­sammenstellung über die in den letzten 20 Jahren vollzogenen Umbauten von Bahnhöfen in Deutschland ent­nehmen wir, daß hierfür ganz außerordentlich hohe Summen verausgabt wurden. So für den Umbau des CentralbahnhofS in Frankfurt a. M. 35 Millionen, deS Bahnhofs Köln 24,/2 Millionen, Hannover 20 Millionen, Maivz 18 Millionen, Düffeldorf 16Millionen, München Ceutralbahnhof 16Mtllionen, Halle 10 Millionen, Hof (GtmeiuschaftSbahvhof für Sachsen und Bayern) 6*/, Millionen, Erfurt 6 200000, Münster 3% Millionen, Hildesheim 2 600000, Metz 1100000, Hamm 1 Million, Dortmund 7OOOOO Mark. Für den Umbau des Bahnhofs Dresden, der unseres Wtffens auf 35 Millionen Mark veranschlagt war und der erst im nächsten Jahre voll­ständig fertiggestellt werden dürste, erwachsen 56 Millionen Kosten. Die meisten Personen-Geleise (18) hat der Personen- bahnhof Frankfurt a. M., nach ihm kommt München mit 16 Geleisen- hierzu kommen jedoch, seitdem der provisorische Starnberger Gommerbahnhof eingebaut ist, noch weitere 5 Geleise für den Starnberger Verkehr und den Vororts-

verkehr nach Pasing und Planegg- der Stuttgarter Bahnhof hat 8, der Düffeldorfer 10, der Kölner 8 Personengeleise. Im Bahnhof Mainz find 4, Hannover 9, Straßburg 5 Personengeleise. Die Länge der drei Frankfurter Bahnhof­hallen beträgt 186, die Breite 178 Meter- die vier Münchener Bahnhofhallen haben eine Brette von 150 Meter, die Länge jeder Halle ist 140 Meter. Die Mainzer Bahnhofhalle ist 300 Meter lang und 40 Meter breit. Der Düffeldorfer Bahnhof hat eine Breite von 80 Metern, die Länge der Halle in Düffeldorf beträgt 167 Meter.

Klein, aber reich. Obgleich die älteste Tochter bei ZareupaareS, die kleine Großfürstin, erst am 3. November dieses Jahres ihr zweites Lebensjahr vollendet, ist fie doch bereits eines der reichsten Persönchen der Welt und hat noch ungeheuer viel zu erwarten. Als fie noch nicht eine Woche alt war, deponirte man für fie schon eine Summe von 20,000,000 Mk., die in englischen, französischen und anderen Staatspapieren angelegt wurde. Das Kind empfing überdies von den meisten Herrschern und einer großen Anzahl reicher russischer Edelleute eine Menge kostbarer Geschenke, deren einzelne ein Verwögen repräsentiren. Dazu käme noch das, was die junge Fürstin einstmals ererben wird. Da der Zar absoluter Herrscher ist, so hat er nominell freies Ber- fügungsrecht über alle durch Steuern oder auf andere Art aus dem Lande gezogenen Gelder. Das nominelle Recht deckt sich nun allerdings auch in Rußland nicht völlig mit einemtatsächlichen Recht". Der Zar besitzt jedoch ein große- Privatverwögen, zu dem die Krondomänen mit über 1000 Quadratmeilen cultivirter Land- und Waldgebiete ge­hören, sowie Gold- und Silberminen in Sibirien. Diese Besitzungen werfen sehr reichliche Einkünfte ab, deren genaue Höhe allerdings nicht bekannt ist, da fie als Privatverwögen der kaiserlichen Familie nicht auf das Budget gefetzt werden. Auf den größten Theil dieser Reichthümer hat bislang die kleine Großfürstin als ältestes Kind, und solange kein männ­licher Thronerbe vorhanden ist, Erbansprüche.

M Seidensfoffe

Iry. E.&KBfln verlange Muster mil Angabe o. Gewünschten.

von Elten & Keussen, Crefeld.

Feuilleton.

Ein moderner Goldmscher.

Skizze auS dem Leben von Fr. Wagner.

< Nachdruck verboten.)

An einem stürmischen Novemberadend vereinigten wir ual bei einem befreundeten Bankirr zu einer Taffe Thee. Die Conversatton erstreckte fich baid auf dieses, bald auf jenes Gebiet- bald war von einer nächsthtn stattfindenden Premiöre die Rede, bald von einer Ausstellung neuer Ge­mälde einiger einheimischer Künstler. Bald waren eS politische Streitfragen, die erörtert wurden, bald gaben geschäftliche Angelegenheiten Anlaß zu eifriger DiScusfion, kurz, eS war eine Plauderstunde, wie sie wohl ein Thee- abend mit sich bringt. Zufällig wurden die Romane Walter Scotts erwähnt, was mich veranlaßte, zu bemerken, ich hätte erst kürzlich einen derselben, denAlterthümler", gelesen. Bekanntlich enthalt dieser Roman eine episodeuartige Er­zählung von einem deutschen Schwindler, welcher fich einem schottischen Baronet alfl Goldmacher vorstellt und dem eS auf ziemlich plumpe Weise gelingt, dem Edelmann nach und nach größere und kleinere Summen abzulocken, bis dem letzteren, als der Ruin an ihn herantritt, die Augen auf­gehen.Hören Sie die Geschichte eines modernen Adepten, die mir selbst vor wenigen Jahren begegnet ist," warf unser Wirth ein, und für die zu erwartende intereffante Mit- ideilung dankbar, folgten wir der Erzählung unseres Freundes mit wachsendem Interesse. Lassen wir den liebenswürdigen Erzähler selbst dal Wort führen.

ES war in der Zeit meiner Thätigkeit als Director der . . . .Bank in Basel, als mir eines Abends der Besuch eines Geschäftsfreundes aus der Ostschweiz angemeldet wurde. Nach bin gegenseitigen Begrüßungen nahm mein Gewährs­mann eine wichtige Miene an und erzählte mir unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, er habe auf seiner Reise die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der ihm von einer wichtigen Entdeckung gesprochen und ihn um die Mittheilung der Adresse eines mit großen Mitteln zur Ausbeutung ver- I lehenen Bankinstituts gebeten habe. Rachl einigem Zögern I

s fei ber Fremde endlich so wett gegangen, von seinem werth- vollen Geheimniß so viel zu verrathen, daß rS fich um die Gewinnung von Kupfer im dreifachen Werthe eines gegebenen Quantums handle. Mein Freund theilte mir zugleich mit, daß der Fremde die Absicht habe, mich selbst aufzusuchen. Ich muß gestehen, daß. obschon ich an der Unmöglichkeit eines solchen Verfahrens keinen Augenblick zweifelte, meine Neu­gierde keine geringe war und daß ich mit Spannung dem in Aussicht gestellten Besuche entgegensah. Am folgenden Morgen stellte fich bet interessante Frembe in ber That ein, und ber erste Eindruck, ben derselbe auf mich hervorbrachte, war ein durchaus günstiger, so daß ich keine Mühe hatte, daS Gefühl, einen Schwindler vor mir zu haben, nieder­zudämpfen. Eine angenehme Erscheinung, hohe Gestalt,

ziemlich regelmäßige Züge, eine freie, offene Stirn, daS alles war dazu angethan, in mir ein Gefühl der Sicherheit wach- zurufen. Die mir Überreichte Karte nannte einen Herrn Simpson, Elektrotechniker, aus Nordamerika gebürtig. Im Laufe der Unterhaltung zeichnete fich Simpson durch eine nicht gewöhnliche Bildung aus. DaS Gebiet der Kunst und Literatur war ihm ebenso geläufig, wie dasjenige der Natur- Wissenschaften, und selbst tm Banksach bekundete Simpson große Erfahrungen und nannte mir einige praktische Rath­schlage, für die ich ihm zu Dank verpflichtet war. AlS dal Eis einigermaßen geschmolzen war, eröffnete mir Herr Simpson, daß e« sich bei der erwähnten Entdeckung nicht um die Gewinnung von Kupfer, sondern um diejenige von Silber handle, und daß er im Stande sei, eine Quantität Silber unter Zuhilfenahme eines Pulvers, dessen Eifiadungs- geheimniß er besitze, zu verdreifachen. Da während dieser Unterhaltung eine Menge Personen in meinem Cabinet ein- und ausgingen, machte mir Herr Simpson ben Vorschlag, ich möchte ihn in seiner Wohnung im Hotel G. besuchen.Dort," bemerkte er,können wir die näheren Umstände meiner Ent­deckung genau besprechen." So begab ich mich denn am folgenden Tage in daS bezeichneie Hotel, wo mich der in­teressante Fremde in einem der elegantesten Zimmer bereits erwartete.Lassen wir nun den Schleier ganz fallen, da wir allein find," begann Herr Simpson.Verschiedene Be­denken haben mich bewogen, Ihnen meine Erfindung in ihrem ganzen Umfange erst an einem Orte mitzutheilen, wo wir

I durchaus ungestört find, denn ich habe durch Zufall ein Ver­fahren entdeckt, das mich in die Lage setzt, Gold herzustellen < und zwar in dreifachem Werthe einer Quantität desselben Metalls. Von meinem Vater, der Chemiker war, erwarb ich mannigfache Kenntnisse in dieser Wissenschaft. Unter zahl- reichen Experimenten, die ich machte, führte mich eines der­selben zu einer merkwürdigen Entdeckung. Es gelang mir nämlich, ein Pulver herzustellen, welches die Eigenschaft be­sitzt, sich im Schmelzprozeß mit einem Quantum reinen Goldes, das aber vorher präparirt werden muß, in der Weise zu vereinigen, daß das zurückbleibende Gold dem dreifachen Werthe bei präparirten Metalls entspricht. Machen nur gleich einen Versuch, der Ihnen bte Wahrheit meiner Be­hauptung beweisen soll."

Mit biefen Worten öffnete er ein mit gelblich-grüner Flüssigkeit gefülltes Fläschchen unb entnahm demselben eine Goldmünze tm Werthe von fünf Franken.Dieses Fünf­frankenstück," fuhr er fort,ist ungefähr achtzehn Tage in einer eigen! dazu präparirten Säure gelegen. Wenn ich nun dieses Goldstück mit einer gewiffen Menge meines braunen Pulvers in einem Tiegel zusarnmenschmelze, so wird nach der Abkühlung ungefähr dreimal so viel Gold, als daS Ge- wicht des FünsfraukenstÜckes beträgt, zurückbleiben."

Gesagt, gethan! Wir begaben nnS zu einem in der Nähe meines Bureaus etablirteu Schlosser, wo un! das nöthige Material sofort zur Verfügung gestellt wurde. Zu meinem r^cht geringen Erstaunen war daS Resultat ein überraschendes, denn nach der Abkühlung der geschmolzenen Masse blieb ein Klümpchen Gold übrig, an dessen Echtheit keinen Augenblick zu zweifeln war, waS mir verschiedene Goldschmiede bestä­tigten, indem fie erklärten, baß Klümpchen repräsentire einen Werth von FrcS. 14.45.

Nach diesem ersten günstigen Versuch erbot fich der Fremde, daS gleiche Experiment mit einer Summe von dreihundert Franken zu wiederholen.Zu diesem Zweck," bemerk-e Simpson,habe ich fünfzehn Zwanzigfrankengoldstücke während achtzehn Tage in die bereits erwähnte Säure gelegt, und wir wollen nun genau in derselben Weise vorgehen, wie beim ersten Versuch."

(Schluß folgt.)