Ausgabe 
9.5.1897 Viertes Blatt
 
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Rr. 108 Viertes Blatt. Sonntag den 9 Mai 189V

Gießener Anzeiger

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Der Meistertitel.

Die Handwerkervorlage will auchben alten Meister­titel wieder zu Ehren bringen"/ freilich nicht zu den Ehren, die der Meistertitel zur Zeit der Zunftverfaffung genoß, denn taS Ansehen, ia weichem damals der Meistertitel stand, war nicht ein Ausfluß der Befugniß zur Ausübung des Gewerbes, sondern eine Folge der politischen Verhältnisse und der Stellung, die damals die Meister, als Mitglieder der Zünfte, ia der Verfassung und der Verwaltung der Städte ein« nahmen. DieseEhre" ist unwiederbringlich dahin. Aber es soll das Ansehen des Meistertitels im Handwerk insofern gehoben werden, als nur Derjenige sichMeister" nennen soll, der fein Handwerk gründlich erlernt hat. Die hierauf abzielenden Vorschläge gehen kurz dahin, daß Handwerker nur dann den Meistertitel führen dürfen, wenn sie daS vier- undzwanzigfte Lebensjahr vollendet, in dem betreffenden Ge­werbe nach Zurücklegung der vorgefchrtebenen Lehrzeit die Gesellenprüfung bestanden und vor einer staatlichen Prüfung-- commisfion die Meisterprüfung abgelegt haben. Wer unbefugt den Meistertitel führt, wirb mit Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder Haft bis zu 6 Wochen bestraft. In der öffentlichen Kritik find diese Vorschriften, die auS dem preußischen Ent« wurf wörtlich übernommen find, wenig beachtet worden. Die organifirten Handwerker haben den Schutz deS Meistertitels als selbstverständlich hingenommen, allerdings mit dem weiteren Verlangen, daß von dem Besitz der Befugniß zur Führung deS Meistertitels auch das Recht zur Anleitung von Lehr« ltngea abhängig gemacht werde. Von der anderen Sette hat man in dieser Neuerung etwas Ungefährliches und mehr eive harmlose Decoration des Entwurfes gesehen.

Zieht mau in Betracht, daß für die Durchführung der Meisterprüfung zahllose PrüfungS Commissionen errichtet werden müssen und somit auch ein großer Aufwand an organt- satorischer Arbeit verlangt wird, so liegt doch die Frage nahe, ob denn wirklich die Absicht deS Gesetzes erreicht werden wird und von diesen Bestimmungen ein Erfolg zu erwarten ist, der in einem angemessenen Verhältnisse zu dem noth- wendigen Apparate steht. Bei unserer Erwägung ergibt sich nun zunächst, daß der Meistertitel dem Handwerker irgend welche Vortheile nicht bringen wird/ eine Förderung seiner Existenz wird ihm in keiner Weise geboten. DaS Publikum legt keinen Werth darauf, ob der Handwerker Meister ist oder nicht, eS sieht auf geschmackvolle Arbeit, angemessene Preise und reelle Bedienung. Handwerker, welche diesen Ansprüchen gerecht werden, werden, auch wenn sie nicht den Meistertitel führen, immer im Vortheil sein. Wenn dem nicht so wäre, so würden die Handwerker von der bereits j.'tzr geschützten BezeichnungJnnungsmeister" erheblichen Gebrauch gemacht haben, denn auch durch diesen Titel wird der Handwerker, da Innungen die Aufnahme in die Innung

von der Zurücklegung der Meisterprüfung abhängig machen, nach außen hin als geprüfter Handwerker undMeister" gekennzeichnet. Wie aber die Begründung zu dem Gesetz­entwurf ausdrücklich hervorhebt, hat die Bestimmung der Gewerbeordnung über die Führung des TitelsInnung-« meister" eine practische Bedeutung nicht erlangt. Nun kommt aber noch hinzu, daß in einer Reihe von Gewerben die BezeichnungMeister" gar nicht gebräuchlich ist, so z. B. im Barbier» und Friseurgewerbe, im Conditorgewerbe, bei den Decorateuren u. s. w., und daß daS Streben der kleineren Gewerbetreibenden im Allgemeinen nach der Be« zeichnungFabrikant" undFabrik" geht, um dadurch nach außen ihr Geschäft bedeutender erscheinen zu lassen. Kann hiernach schon mit Sicherheit angenommen werden, daß die Meisterprüfung im gewerblichen Leben keine Rolle spielen wird, so muß weiterhin darauf hiugewtefen werden, daß durch die Ablegung der Prüfung eine Hebung des Handwerker­standes nicht zu erreichen sein wird. Eine solche würde nur eiutreten, wenn in der Prüfung an den Prüfling höhere Anforderungen gestellt werden könnten. Dies ist aber auS zwei Gründen nicht möglich. Erstens befindet fich in wetten Bezirken daS Handwerk auf einer so niedrigen technischen Stufe, daß kaum hinreichend Handwerker gefunden werden könnten, die zur Uebernahme deS Amtes eines Mitgliedes der PrüfungS-Comwisfion befähigt find, namentlich wenn von den Mitgliedern verlangt würde, daß fie hervorragend tüch­tige Handwerker wären. Dazu kommt zweitens, daß den Lehrlingen und Gesellen nur vereinzelt die Gelegenheit ge­boten sein wird, daS Handwerk in vollkommener Form zu erlernen. Hierfür fehlen sowohl die geeigneten Lehrmeister alS auch Fach« und Fortbildungsschulen. Soll also die Meisterprüfung thatsächlich zu einem Prüfstein der Tüchtigkeit im Gewerbe werden, so ist eS unbedingte Voraussetzung, daß die selbstständigen Handwerker in ihrem Gewerbe Wetter auS- gebildet und daß für Lehrlinge vnd Gesellen Fachschulen in genügendem Umfange errichtet werden.

In erster Beziehung würde vor Allem die Veranstaltung von Meistercursen und Wanderunterrtcht in Betracht zu ziehen fein, wie dies bereits in einzelnen süddeutschen Staaten und namentlich auch in Oesterreich mit großem Erfolge geschehen ist. Insbesondere wird auch dafür Sorge zu tragen sein, daß den Handwerkern im wetten Umfange Gelegenheit zur Erlernung der Buch« und Rechnungsführung und der sonstigen kaufmännischen Kenntnisse geboten wird, die unter den heutigen ErwerbSverhältniffeu mindestens ebenso wichtig find wie die technischen Fähigkeiten.

Die Meisterprüfung ist in der vorgeschlagenen Form ohne jeden Werth. Man sollte deshalb ernstlich in Erwägung ziehen, ob es fich überhaupt verlohnt, den weltschichttgen Prüfungsapparat ins Leben treten zu lassen. Die Einführung der Meisterprüfung erregt aber auch nach anderer Richtung

ernste Bedenken. In den Handwerkern wird dadurch der Glaube geweckt, daß die Meisterprüfung ihnen zu einer Hebung ihrer wirthfchaftlichen Lage helfen müsse, was aber, wie schon dargelegt, nicht der Fall sein wird. UeberdteS bildet der Schutz des Meistertitels und die damit in Zu« sammenhang stehende Einrichtung der PrüfungScommisfion geradezu die Grundlage für den Befähigungsnachweis. Ist erst einmal die Organisation der Prüfungen erfolgt, so bedarf eS zur Erlangung deS Befähigungsnachweises nur eines Federstriche-: an die Stelle deS Rechts zur Führung deS Meistertitels wird als Folge der Ablegung der Prüfung da- Recht zum selbstständigen Betriebe deS Gewerbes gesetzt. Je fester aber die Ueberzeugung von der Undurchführbarkeit und Nutzlofigkeit deS Befähigungsnachweises ist, desto mehr sollte man Maßregeln vermeiden, die den Weg für diese Forderung ebnen.

Darüber, daß das Handwerk zu seiner Stärkung und Erhaltung sorgsamer Pflege bedarf, besteht überall Ein» verständniß. Hierbei können aber selbstredend nur Maß' nahmen in Frage kommen, von denen eine baldige und durch­greifende Wirkung zu erwarten ist. Auch in dieser Beziehung muß der Schutz des Meistertitels, selbst wenn von ihm eine technische Hebung des Handwerks zu erwarten wäre, als untaugliches Mittel verworfen werden, da die Durchführung der Meisterprüfung in vollem Umfange erst nach Menschen­altern möglich ist. Personen, die beim Inkrafttreten de- Gesetzes daS 17. Lebensjahr vollendet haben, sollen nämlich als selbstständige Gewerbetreibende den Meistertitel ohne Ablegung der Prüfung führen dürfen, wenn sie eine zwei- jährige Lehrzeit und das 24. Lebensjahr zurückgelegt haben. Dadurch wird auf absehbare Zeit für den größten Theil der selbstständigen Gewerbetreibenden kein Anlaß zur Ablegung der Meisterprüfung vorhanden sein.

Zum Schluß mag noch hervorgehoben werden, daß die Durchführung der Meisterprüfung, auch wenn nur die Be- rechtigung zur Führung deS Meistertitels damit verbunden ist, ebenso eine genaue Abgrenzung der Gewerbe untereinandrr verlangt, als wenn die Berechtigung zur Ausübung des Handwerk-, also der Befähigungsnachweis von ihr abhängig aewacht würde.

£ itoratur unO Kattft,

Der bekannte Culturhlstoriker Geh.tmrath Professor Her­mann Weitz in Berlin ist am 21. v. MS. im Alter von 75 Jahren gestorben. In Hamburg geboren, wandte er sich frühzeitig der Malerei sowie kunstwissenschastlicben Studien zu, wurde tut der Akademie in Düsseldorf unter Theodor Hildebrand auSgebildet, wurde 1854 Lehrer an der Kunstakademie in Berlin und Verwalter des Kupferstlchcabinets der königlichen Museen, bis er 1877 Tirector des Berliner Zeughauses wurde. AlS solcher trat er 1895 in den Ruhestand. Auf dem Gebiete der Trachlenkunde war er eine be­sondere Autorität. Sein dreibändiges Werk über die Costümkunde ist in der ganzen Welt bekannt.

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Feuilleton.

Wochrndriesr ans der Residenz

(Originaibericht deSGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 7. Mai.

AuS dem VereiuSlebe». Sportliches. Billeneolouie. Bom Theater.

In der Dieburgerstraße hat fich die Turugesellschaft Darmstadt im Laufe des letzten Jahres ein schmucke- VeretnShauS erbaut und diese-wurde nun am vergangenen Sonntag zum ersten Male zu turnerischen Zwecken benutzt. Der Verein hatte sein erstes An- und Schauturnen ange- kündigt und hierzu waren die Mitglieder und Freunde der Corporation in großer Zahl erschienen. DaS Programm wies die verschiedenartigsten Frei- und Geräthübungen auf, die alle mit größter Exactheit und sportlicher Gewandtheit au-geführt wurden. Die neuen Räume erwiesen sich als durchaus zweckentsprechend und practisch.

Zwei sportliche Veranstaltungen, die noch bevorstehen, erregen augenblicklich großes Interesse. ES sind die schon neulich erwähnten Frühjahrs renn en deS BtchcleclubS und des Radfahrervereins. Die Rennbahn der erstgenannten Corporation ist nunmehr nach den Anforderungen der neuesten Zett umgebaut und hat Curven bis zu 3 Meter Höhe erhalten, die nur im schnellsten Tempo pasfirt werden können, wenn der Fahrer nicht in Gefahr kommen will, abzustürzrn. Darmstadt ist somit um einen erstklassigen SportSplatz reicher, und allabendlich wird auf der neuen Bahn eifrigtrainirt", um mit der scharfen auswärtigen Concurrenz erfolgreich kämpfen zu können. Auch der Radfahrerveretn rüstet fich mit Macht und wird seine besten Spurter tu- Treffen schicken.

Leider ist zwischen den beiden Vereinigungen eine unerquick- ltche Zeitung-fehde ausgebrochen wegen der Ansetzung der beiden Rennen auf ein und denselben Tag. ES ist dies um | so bedauerlicher, als bet derartigen Conflicten der gemein« samen Sportsache niemals gedient wird, so muß fich jetzt daS interesfirte Publikum am künftigen Sonntag in den Besuch der beiden Rennen theilen, ähnlich wie eS neulich mit zwei intereffanten großen BereinSconcerteu ging. UebrigenS nimmt der Radfahrsport in diesem Frühjahr in der Residenz einen riesigen Aufschwung. Nahe au 3000 Nummern sind ange­meldet und auf den Straßen wimmelt eS von zahllosen Srahlroßrittern. Auch die Damenwelt betheiligt sich immer mehr, namentlich die aristokratischen Kreise zeigen reges Jntereffe. Ebenso geht eS mit dem Modesptel Lawn- Tennis. Eine MengeClubs" zur Pflege dieses Sportes find entstanden, und die Miethe für die Spielplätze, nach denen große Nachfrage herrscht, ist gar nicht so gering. Man fieht, daß die Darmstädter nach wie vor sehr sportSliebend find und in keiner Beziehung hinter anderen Städten zurück- bleiben wollen.

Von dem im letzten Briefe erwähnten Project einer Dillencolonie am Bölleufallthor, unmittelbar am Walde und dem Endpunkte der elektrischen Straßenbahn, ist heute schon ein erfreulicher Fortschritt zu melden. Wie dieHeff. Volksblätter" erfahren, haben bereits sechs Herren, darunter einige Professoren der Technischen Hochschule, Bauplätze erworben, um fich eigene Landhäuser zu errichten. Man sieht daraus, wie die vielbegehrte Straßenbahn schon jetzt, wo sie erst in ihren ersten Anfängen existirt, ihren Einfluß geltend macht. Die Hauptsache wird nun sein, daß die neue Dillencolonie auch wirklich geschmackvolle Bauten bekommt, denn gerade in dieser Hinsicht bestehen in der hessischen

Residenz, wo so viel Neubauten errichtet werden, keine idealen Zustände. Eine Zierde der Stadt verspricht allerdings die große Villa de- Fabrikanten Merk in der Wilhelminenstroße zu werden, die nach den Plänen eines auswärtigen Archttccten mit großem Luxus gebaut wird. Ueberhaupt regt fich nun die Bauthätigkeit mehr in den südlichen, als in den nörd­lichen Stadttheilen, wo der Bahndamm der Odenwaldbahn eine noch nicht überschrittene Grenze bilder.

Das H o f t h e a t e r brachte seinen Besuchern am Mittwoch eine interessante Vorstellung mit zwei Gästen auf einmal. Frl. Egli, die jetzt am Berliner Opernhause thätig ist, sang zum Besten des Wittwen- und Waisenfonds der Hof- mufik die Santuzza und Frl. Schacko von der Frankfurter Oper die Anna in Adams reizender OperDie Nürnberger Puppe". Erfreulicherweise hatten die Gastspiele außerordent- liche Zugkraft auSgeübt, fodaß daS HauS dicht gefüllt war. Frl. Egli hat fich in ihrer Kunst feit ihrem Scheiden von Darmstadt noch vervollkommnet, und da fie hier in gutem Andenken steht, zollte das Publikum ihr für ihre temperament­volle Leistung reichen Beifall. Frl. Schacko ist ein stets gern gesehener Gast auf der Darmstädter Bühne und wurde auch diesmal für ihre Musterleistung in AdamS graziösem Werke gebührend gefeiert. Nun folgen nur noch wenige Vorstellungen, unter denen fich das Chorbenefiz wohl besonderer Zugkraft erfreuen wird, dann schließt das Hoftheater seine Pforten und die Sommerbühne im städtischen Saalbau beginnt ihre Thätigkeit. Diesmal will der Director des Stadttheaters zu Sr. Gallen sein Glück versuchen und leichte Operetten und Schwänke aufführen. Hoffentlich zeigt da- Publikum in diesem Jahre mehr Interesse wie im vorigen, denn damals blieb der materielle Erfolg hinter dem künft- lertschen zurück.